Erneut kann man sich in den gefährlichen Sog des obsessiven Psychothrillers „Kap der Angst“ hineinziehen lassen – diesmal auf dem Sofa. Über zehn Episoden rächt sich ein entlassener Sträfling an der Anwältin, die verantwortlich dafür ist, dass er für 17 Jahre ins Gefängnis musste. Zu sehen bei Apple+.
Das Juristen-Ehepaar Anna (Amy Adams) und Tom Bowden (Patrick Wilson) lebt mit Sohn Zack (Joe Anders) und Tochter Natalie (Lily Collias) friedlich in der Küstenstadt Savannah, Georgia. Anna engagiert sich mit ganzem Herzen beim Savannah-Justice-League-Projekt, das es sich zur Aufgabe gemacht hat, Menschen wieder auf freien Fuß zu setzen, die durch ein falsches Urteil im Gefängnis gelandet sind. Da erfahren Anna und Tom, dass ein gewisser Max Cady (Javier Bardem) nach 17 Jahren völlig überraschend aus dem Gefängnis entlassen wurde. Angeblich gab es neue Beweise für seine Unschuld.
Man findet tote Stinktiere
Anna verteidigte damals vor Gericht Cady, der des Mordes an seiner schwangeren Frau angeklagt war. Und sie hatte ihm geraten, sich schuldig zu bekennen, um eine Strafverkürzung zu erreichen. Allerdings ging dieser Plan nicht auf: Cady bekam lebenslänglich. Tom, der bei diesem Verfahren der Staatsanwalt war, hat Anna kurz nach dem Prozess geheiratet. Was Cady schon damals misstrauisch machte. Hatte man ihn etwa falsch beraten? Waren Anna und Tom in ein Komplott gegen ihn verwickelt? Und jetzt – was wird er tun? Wird er sich an Anna und ihrer Familie rächen?
Anna, die nach wie vor davon überzeugt ist, dass Cady ein Mörder ist, macht sich jedenfalls große Sorgen um die Sicherheit ihrer Familie. Bei einer Benefizveranstaltung des Justice-League-Projekts taucht Max Cady wie aus dem Nichts auf. Anna ist geschockt. Doch Cady ist ganz der sympathische, ja charmante Ex-Häftling, der mit sanfter Stimme die Ungerechtigkeit im Justizwesen anprangert. Es scheint sogar so, dass er fast alle Anwesenden im Saal von seiner Unschuld überzeugen kann. Scheinheilig signalisiert er auch noch seine Hilfsbereitschaft.
Kurz darauf findet man eine Familie toter Stinktiere, sauber aufgereiht am Rand des Swimmingpools der Bowdens. Anscheinend zufällig ertrunken, wie man sich gegenseitig versichert, um sich zu beruhigen. Dann geht aus unerfindlichen Gründen die Alarmanlage los. Und dann verschwindet auch noch Zack, der an Angstzuständen leidet, über Nacht spurlos. Als er nach Hause zurückkehrt, ist er vollgepumpt mit Drogen – und an seinem linken Fuß fehlt ein Zeh. Tom ist fassungslos und kümmert sich sofort um seinen traumatisierten Sohn.
Da taucht überraschend Max Cady auf und deutet an, Zack sei vielleicht gekidnappt und gefoltert worden. Doch damit habe er nichts zu tun. Psycho-Terror in Reinkultur. Wenig später werden ein Klient von Anna und dessen Mutter ermordet aufgefunden. Und als wäre das noch nicht verstörend genug, freundet sich Natalie auf einer Party ausgerechnet mit der Herumtreiberin Nevaeh (Malia Pyles) an, die sowohl Zack als auch Natalie zu Dingen verführen wird, die alles andere als gut sind. Die teuflische Dekonstruktion eines scheinbar so heilen Familienlebens hat begonnen.
Verantwortlich für die zehnteilige Terror-Serie „Kap der Angst“ ist Nick Antosca, der sich in den vergangenen Jahren einen sehr guten Namen im Horror-Genre gemacht hat. Er produzierte unter anderem TV-Serien wie „Hannibal“, „Into The Dark“ und „Chucky“. Bei „Kap der Angst“ lässt er sich viel Zeit, die komplexe Story in all ihren Facetten zu entfalten. Doch jede scheinbar noch so unwichtige Nebensächlichkeit ist kalkuliert und fügt sich im Laufe der Zeit zu einem bedrohlichen Puzzle des Schreckens und der Todesangst. Inmitten dieses Albtraums lässt Antosca seine beiden Protagonisten Anna und Cady immer wieder aufeinandertreffen. Während Anna versucht, ihre anschwellende Panik in den Griff zu bekommen, wird die Teufelsfratze von Cady immer sichtbarer. Amy Adams und Javier Bardem machen aus diesen Begegnungen Psycho-Duelle der Extraklasse. Man sollte sich als Zuschauer von Annas honigsüßer Stimme jedoch nicht täuschen lassen. Darunter wabern gefährliche unterdrückte Aggressionen. Und Cady wird bei seinem Rachefeldzug immer brutaler, perverser, furchteinflößender. Javier Bardem hatte offenkundig den Spaß seines Lebens daran, das Böse zu verkörpern.
Juliette Lewis spielt Nebenrolle
Produziert haben „Kap der Angst“ Martin Scorsese und Steven Spielberg. Scorsese verfilmte als Regisseur den Kult-Schocker 1991 mit Robert De Niro als Max Cady. Basierend auf John D. MacDonalds Kriminalroman „The Executioners“ gab es 1962 eine erste Adaption, die als „Ein Köder für die Bestie“ im Kino gezeigt wurde. Damals verbreitete Hollywood-Legende Robert Mitchum Angst und Schrecken. Javier Bardem steht diesen beiden Leinwand-Koryphäen in nichts nach. Auf Scorseses Anregung hin hat auch Juliette Lewis – die in Scorseses „Kap der Angst“ die Tochter des Anwalts spielte – hier eine kleinere Rolle als Stalkerin von Cady.
Die Serie ist eine Mischung aus raffiniertem Psychospiel und fesselndem Adrenalin-TV, das den Zuschauer immer mehr auf die Folter spannt. Die Macher scheuen sich auch nicht davor, die Dinge manchmal auf die Spitze zu treiben – und vielleicht sogar darüber hinaus. Horror-Fans werden sich an den abrupten Schreckmomenten delektieren, die – in bester „Scream“-Manier – scheinbar aus dem Nichts auftauchen. Und wenn das Unheil einmal in die Bürgerwelt des amerikanischen, weißen Establishments einbricht, ist das viel mehr als nur eine Schlacht „Gut gegen Böse“ – hier gilt eher: das vermeintlich Gute gegen das sehr, sehr Böse.