Wenn internationale Konzerne im Meer nach Öl und Gas bohren, muss sich auch die Gegenseite besser vernetzen. Ein niederländischer und ein deutscher Umweltverband erklären, was sie vorhaben.
Noch ist die Nordsee nicht verloren – doch ihr aktueller Zustand ist desaströs. Davon sind Emilie Reuchlin, Vorsitzende des niederländischen Meeresschutzverbandes Doggerland, und Sascha Müller-Kraenner, Geschäftsführer der Deutschen Umwelthilfe, überzeugt. Im Interview erklären sie, warum die Erdgasförderung vor Borkum eine Gefahr für den Nationalpark Wattenmeer darstellt, welche Lösungswege sie sehen und warum die Umweltbewegung nur grenzüberschreitend erfolgreich sein kann.
Auf einer Skala von eins (sehr schlecht) bis zehn (sehr gut): Wie geht es der Nordsee aktuell?
Emilie Reuchlin: Wenn eine Eins eine toxische Brühe ist, in der es keinen Sauerstoff und kein Leben mehr gibt, dann würde ich sagen: eine Drei. Der ökologische Zustand der Nordsee ist sehr schlecht, wenngleich der komplette Kollaps bisher ausgeblieben ist. Die Probleme sind aber massiv: Unterwasserlärm, Verschmutzung, Versauerung, Korallensterben. Außerdem sorgt der Klimawandel dafür, dass sich das Wasser erwärmt, wodurch es immer mehr sauerstoffarme Zonen gibt.
Sascha Müller-Kraenner: So sehe ich das auch. Das Problem ist, dass sich die Werte nicht Richtung vier oder fünf entwickeln, sondern in die schlechtere Richtung. Aktuell ist es nur deshalb noch eine Drei, weil die Nordsee mit dem Atlantik verbunden ist. Die Ostsee steht noch schlechter da. Durch den Verlust der Biodiversität, durch den Klimawandel und die zunehmende indus-trielle Nutzung könnte der Wert schnell Richtung Zwei oder Eins gehen, wenn wir dagegen nichts tun.
Welches Problem ist derzeit das gravierendste?
Müller-Kraenner: Auf lange Sicht auf jeden Fall der Klimawandel. Der Anstieg des Meeresspiegels und höhere Temperaturen belasten besonders die küstennahen Ökosysteme. Gebiete wie das Wattenmeer werden sich dadurch dramatisch verändern. Kurzfristig verursacht der massive Ausbau der Energie-Infrastruktur die größten Probleme.
Reuchlin: Ob Fischfang, Gasbohrungen oder Klimawandel: Es kommt derzeit einfach alles zusammen, und das ist das größte Problem. Wir tun so, als wären wir Menschen kein Teil des Ökosystems. Wir beuten das Meer ungehemmt aus und erwarten, dass uns dies nicht irgendwann auf die Füße fällt. Deshalb liegt die größte Herausforderung darin, unser Verhältnis zum Meer zu ändern.
Dazu passt die Kritik der Unesco, die Deutschland, Dänemark und die Niederlande schon 2024 für die Förderung von Öl, Gas und Salz gerügt hat. Wie groß ist die Gefahr, dass das Wattenmeer den Weltnaturerbe-Titel verliert?
Müller-Kraenner: Wir können den Verlust des Titels nur verhindern, indem wir fortwährend die Probleme benennen – und das tun wir auch. In Deutschland bereitet uns eine Gasbohrplattform vor der Insel Borkum (des niederländischen Konzerns One-Dyas, Anm. d. Red.) große Sorgen. Der Verlust des Weltnaturerbe-Status wäre ein Riesenproblem für den Tourismus. Das ist kein Titel, den man für immer behält, nachdem man ihn einmal bekommen hat. Es gibt durchaus Beispiele dafür, dass er wieder entzogen werden kann.
Reuchlin: Es ist traurig, wie wenig sich unsere Regierungen darum kümmern. Wir vergessen viel zu oft, dass die Verschmutzung nicht nur die Meereswelt schädigt, sondern auch uns als Menschen. Ich lebe in Zandvoort. Dort werden die Kinder dazu angehalten, nicht im Schaum des Wassers zu schwimmen, weil er so viele PFAS (Ewigkeitschemikalien, Anm. d. Red.) enthält. Und wir nehmen das einfach so hin, als wäre es normal – das ist doch Wahnsinn!
Wir haben die Gasbohrungen vor Borkum schon angesprochen. In Deutschland gab es massive Proteste dagegen. Wie war das Medienecho in den Niederlanden?
Reuchlin: Unsere Regierung unterstützt dieses Projekt und erteilt die Genehmigungen. Sie stellen es so dar, als bräuchten wir es für unsere Energieunabhängigkeit – aber das ist, pardon, absoluter Bullshit. Es gibt kaum kritische Berichte in den Medien, außer auf der Investigativ-Plattform „Follow the Money“. Die meisten Medien aber bedienen das Narrativ, das die Regierung verbreitet.
Im Januar 2026 hat das Oberverwaltungsgericht Lüneburg entschieden, dass One-Dyas ab sofort auch auf deutscher Seite bohren darf. Laufende Klagen haben keine aufschiebende Wirkung. Wie realistisch ist es, dass das Projekt noch gestoppt werden kann?
Müller-Kraenner: Es ist durchaus möglich, dieses Projekt auf juristischem Weg noch zu stoppen. Bis jetzt hat die Firma nur vorläufige Genehmigungen. Die Gasbohrungen laufen, und das Stromkabel, das die Bohrinsel mit einem Windpark verbindet, wird auch gebaut. Diese Kämpfe haben wir verloren, aber nicht die ganze Schlacht. Die endgültigen Urteile stehen noch aus, sowohl auf deutscher als auch auf niederländischer Seite.
Woher nehmen Sie diese Zuversicht?
Müller-Kraenner: Da es sich um ein grenzüberschreitendes Projekt handelt, müssen wir nur auf einer Seite gewinnen. Insofern bin ich durchaus optimistisch. Vor allem auf niederländischer Seite gab es in der Vergangenheit viele Urteile im Sinne des Naturschutzes. Was die Stromverbindung (der Plattform) angeht, bin ich weniger optimistisch. Die vorherigen Instanzen haben es so gesehen, dass das Stromkabel nur einen geringen Eingriff ins Riff darstellt, durch das es verläuft. Was aber viel wichtiger ist: Diese Bohrinsel ist nur der erste Schritt eines viel größeren Projekts.
Noch mehr Gas im Wattenmeer?
Müller-Kraenner: Genau. Von der Plattform aus sollen in Zukunft noch viele weitere Gasfelder erschlossen werden. Auch dagegen werden wir vorgehen. In Deutschland will die Bundesregierung das Bundesnaturschutzgesetz verändern, wodurch es künftig schwerer werden könnte, in Meeresschutzgebieten zu bohren. Das stimmt mich optimistisch. Selbst wenn wir vor Borkum verlieren – was ich nicht glaube –, werden wir zumindest künftige Entwicklungen verhindern können.
Arbeiten Ihre beiden Verbände zusammen, um das Gasprojekt zu stoppen?
Reuchlin: Doggerland ist an mehreren Verfahren gegen One-Dyas beteiligt. Außerdem arbeiten wir mit der Deutschen Umwelthilfe zusammen, um das Gebiet Borkum Riffgrund als Natura-2000-Gebiet klassifizieren zu lassen. Wir tauschen uns auch intensiv zu den Habitaten aus, zum Beispiel darüber, wo sich einzelne Riffe oder die Futterstellen der Meeressäuger befinden. Da helfen wir uns gegenseitig, und das müssen wir auch, denn die Umwelt kennt keine Grenzen.
Und das klappt?
Reuchlin: (lacht) Wir versuchen es. One-Dyas ist ein Konzern, der viel Geld in den Taschen hat. Sascha hat es vorhin schon angedeutet: Was vor Borkum passiert, ist nur der Anfang. Der Konzern fährt eine regelrechte Salamitaktik. Immer wieder kommen neue Anträge und Aktivitäten hinzu, die einzeln betrachtet nur klein sind, aber insgesamt einen großen Einfluss auf das Ökosystem in der Nordsee haben. Das ist wie ein Tod durch tausend Nadelstiche. Wir als kleine NGO kommen da kaum hinterher. Allein deshalb müssen wir uns mit unseren deutschen Partnern austauschen, um nichts zu übersehen.
Wie genau koordinieren Sie die grenzüberschreitende Zusammenarbeit? Tauschen Sie sich bei Videocalls aus, oder treffen Sie sich persönlich?
Reuchlin: Die deutschen Kollegen und Kolleginnen waren vor ein paar Wochen erst zu einer Gerichtsverhandlung da. (auf Deutsch) Ich probiere dann Deutsch zu sprechen, aber es ist nicht so gut. (auf Englisch) Natürlich sind vor Gericht alle Dokumente auf Niederländisch. Da helfen wir dann beim Übersetzen. Und danach gehen wir noch was essen.
Von außen betrachtet hat man manchmal den Eindruck, dass auch in der Umweltbewegung noch sehr national gedacht wird. Also sind Grenzen für Sie keine Hürde?
Müller-Kraenner: Oft ist es spannend zu verfolgen, welche rechtlichen Argumente in welchem Land ziehen. Vor niederländischen Gerichten wird sehr viel mehr über die Nitratbelastung in der Nordsee gesprochen, während dies in Deutschland kaum eine Rolle spielt. Trotzdem ist die Distanz natürlich ein Thema. Die Sprache ist gar nicht so sehr das Problem, weil es gute Übersetzungstools gibt. Aber ich arbeite in Berlin. Bis Borkum ist es ein weiter Weg. Man sieht sich nicht jeden Tag, weshalb man die Zusammenarbeit aktiv angehen muss.
Reuchlin: Und das tun wir auch. Gerade erst vor diesem Interview habe ich an die DUH schnell eine SMS verschickt, weil ich eine Frage hatte. Die Antwort kam direkt. Ich denke wirklich, dass die grenzenlose Arbeit schon ziemlich gut funktioniert. Greenpeace ist auch dabei, genau wie die Stadt Borkum und mehrere Friesische Inseln.
Müller-Kraenner: Solche Strukturen aufzubauen und zu pflegen, ist sehr wichtig. Das passiert auch anderswo, zum Beispiel an der deutsch-polnischen Grenze. Da geht es um den Schutz der Oder sowie um Öl- und Gasvorhaben in der Ostsee. Die erste Herausforderung besteht immer darin, die richtige Partnerorganisation zu finden – die dann auch Interesse und Kapazitäten für eine Zusammenarbeit haben muss.
Und wie ist das beim Wattenmeer?
Müller-Kraenner: Gerade mit den Niederlanden funktioniert das sehr gut. Selbst wenn wir juristisch nicht erfolgreich sein sollten, haben wir das Problem in die Öffentlichkeit gerückt. Borkum ist eine kleine Insel, aber es ist auch ein Symbol dafür, dass wir unsere Natur opfern, um unsere Sucht nach fossilen Energien zu bedienen.
Die Deutsche Umwelthilfe hat kürzlich den niedersächsischen Ministerpräsidenten Olaf Lies (SPD) scharf für seine „engen Verflechtungen“ mit dem One-Dyas-Konzern kritisiert. Was genau hat es damit auf sich?
Müller-Kraenner: Herr Lies befürwortet das Projekt, was ja sein gutes Recht ist. Was ich aber nicht in Ordnung finde, ist die Tatsache, dass er aktiv Lobbyarbeit für einen fossilen Konzern betreibt. In diesem Fall: für den Konzern eines anderen Landes. Er hat sich persönlich an Bundesumweltminister Carsten Schneider gewandt und dort die Argumente des Konzerns vorgetragen. Das ist nicht seine Aufgabe. Er ist ein gewählter Volksvertreter, kein Lobbyist für die fossile Industrie.
Wo spüren Sie Hoffnung fürs Wattenmeer und für die Nordsee?
Müller-Kraenner: Ich bin begeistert von den massiven Protesten auf Borkum. Die Menschen haben verstanden, welchen Schatz das Wattenmeer birgt. Dorthin fährt niemand, um Gastanks und Bohrinseln zu sehen, sondern wegen der einzigartigen Natur. Genau dafür wächst das Bewusstsein.
Reuchlin: Ich habe auch Hoffnung. Selbst stark geschädigte Ökosysteme können sich erholen, wenn wir ihnen nur etwas Ruhe und Frieden gönnen. Das wird auch in der Nordsee funktionieren. Aber wir müssen es wollen.