Der Naturpark Schwarzwald Mitte/Nord feiert dieses Jahr sein 25. Jubiläum. Durch nachhaltigen Tourismus und viele andere Projekte soll das wertvolle Kulturgut bewahrt werden.
Auf der Terrasse des Klimahotels „Bergfriedel“ warten drei Experten für ein Interview: Karl-Heinz Dunker, Leiter des Naturparks Schwarzwald Mitte/Nord, Matthias Seebacher, ortsansässiger Pachtjäger, und Andreas Schäuble, Naturpark-Wirt und Inhaber eines der ersten zertifizierten Klimahotels in Deutschland. Sie teilen das große Engagement vieler Menschen, die sich in verschiedenen Projekten rund um den Naturpark zusammengeschlossen haben, um das Kulturgut zu bewahren, das über Jahrhunderte von den Menschen geprägt wurde. Durch seine Lage zwischen dem Oberrheinischen Tiefland und den Höhenzügen des Schwarzwaldes wird das Naturparkareal beim Bühlertal als „Tor des Schwarzwaldes“ bezeichnet.
Bei ihrem Blick übers Tal sehen die drei die typische Topografie des nördlichen Schwarzwaldes mit Weinbergen, Streuobstwiesen, Weiden, plätschernden Bächen und zahlreichen Habitaten – vom kleinen Häuschen bis zum Schwarzwaldhof. Früher waren viele dieser Parzellen landwirtschaftlich genutzt. Diese Kulturlandschaft zu schützen, beinhaltete viele Herausforderungen: Neben der Pflege von Reben und Streuobstwiesen regiert auch hier der Klimawandel, Trockenheit und Borkenkäfer bedrohen die flachwurzeligen Fichtenwälder, die zugleich im Zaum gehalten werden müssen, um das „Verwalden“ der Freiflächen zu verhindern.
Steilste Terrasse in Europa
Von oben drückt der gezähmte Wald wie eine dunkle Bordüre auf die hellgrünen Flächen des Weinbergs Engelsfelsen, dessen bis zu 75 Grad ansteigende Terrassen zu den steilsten Europas gehören. Vielleicht wachsen hier ja bald Feigen statt Trauben? „Leider wandern viele junge Menschen ab, da die Arbeit im Weinberg körperlich zu anstrengend ist. Nicht nur klimatisch kühle Rebsorten wie Riesling sind bedroht, es gibt auch kaum Nachfolger für ihre Kultivierung“, erklärt Andreas Schäuble. Er ist als „Klimakoch“ und badische Wein-Koryphäe im Schwarzwald bekannt und gründete zusammen mit anderen Gastronomen die Vereinigung „Naturpark-Wirte“. Unter dem Motto „Landschaftspflege mit Messer und Gabel“ bieten fast 100 Mitglieder regionale Produkte wie Wild, Weiderind, Schwarzwald-Forellen, Schnäpse, Wein und vieles mehr auf ihren Speisekarten an. Der Verein unterstützt umliegende Höfe und lokale Erzeuger und organisiert Naturpark-Märkte, auf denen Produkte direkt angeboten werden. „Wer Wein vom Engelsberg statt französischen trinkt, fördert die regionale Wertschöpfung und unterstützt gleichzeitig die Landschaftspflege“, so Schäuble, der heute Abend Reh-Carpaccio mit Waldpilzen à la carte anbietet. Das verdankt er der doppelbödigen Vorgehensweise der Jäger. „Wildbret ist hochwertiges, regionales Fleisch, das nachhaltig und direkt aus dem Tal kommt. Durch das gezielte Jagen von Reh- und Schwarzwild helfen wir, das ökologische Gleichgewicht zu erhalten, auf Überpopulation zu achten und den Wald zu schützen“, erklärt Jäger Matthias Seebacher, während er seine Rauhaardackeldame Dörte krault. „Die Trockenheit schwächt das System, daher jagen wir maßgeblich auf Kalamitätsflächen, um junge Bäume zu schützen.“ Seiner Familie gehört seit Generationen Land im Bühlertal, das früher noch von seinen Großvätern landwirtschaftlich genutzt wurde. Im vergangenen Jahr entstand das Projekt „Wilde Sau“, um auch Wildschweinfleisch als regionale Delikatesse stärker ins Bewusstsein zu rücken. Wildschwein „vor der Tür“ lässt sich genauso verarbeiten wie Hausschwein.
Erhalt der Wanderwege
Etwas nachdenklich, aber mit stillem Strahlen blickt Karl-Heinz Dunker über „sein grünes Reich“ und denkt an die vielen Projekte und Förderanträge, die entstanden sind. Vor 25 Jahren startete der ausgebildete Förster und heutige Naturpark-Geschäftsführer hier quasi als Einzelkämpfer mit kleinem Budget. Schließlich schlossen sich alle Kommunen, Land- und Stadtkreise sowie Verbände an. Heute beschäftigt der Naturpark Schwarzwald Mitte/Nord fast 30 Mitarbeiter – eine bunte Mischung aus Experten für Tourismus, Forstwirtschaft, Kommunikation und Naturpädagogik. Die Geschäftsstelle befindet sich im „Haus des Gastes“ unten im Ort. „Unsere Hauptziele sind, die Region nachhaltig zu stärken, die Natur erlebbar zu machen und Impulse zu setzen, um die Kulturlandschaft zu bewahren“, fasst Dunker die Naturparkarbeit zusammen.
Ein großer Schwerpunkt ist der nachhaltige Tourismus. Seit Beginn liegt der Fokus auf dem Ausbau und Erhalt von Wanderwegen, Radstrecken und Aussichtspunkten wie die 31 „AugenBlick-Stationen“ mit Panorama-Infotafeln. Auch Fernwanderwege durchziehen die beiden Schwarzwälder Naturparks, darunter der Westweg, einer der ältesten und bekanntesten Weitwanderwege Deutschlands, der 2025 sein 125-jähriges Bestehen feiert. Er führt von Pforzheim nach Basel und durchquert sämtliche Landschaftsformen des Schwarzwaldes. Über ihn gelangt man sogar bis zum Feldberg. Mit 1.493 Metern ist er der höchste Gipfel Deutschlands jenseits der Alpen. Dieser liegt im topografisch offeneren und sanfteren Naturpark Südschwarzwald, der aufgrund von Höhenlage und milderem Klima eine beinahe alpine Flora und deutlich mehr Mischwälder aufweist.
Der Naturpark unterstützt zahlreiche Naturschutzprojekte, wie die Pflege traditioneller Streuobstwiesen und die Renaturierung von Mooren. Das „Humusprojekt“ hilft Landwirten, durch schonende Bodenbearbeitung Humus aufzubauen, was CO₂ bindet, die Böden resilienter macht und ihre Wasserhaltefähigkeit verbessert. Beim „Agroforst-Projekt“ werden Gehölze wie Hecken und Pappeln sowie andere Schattenbäume auf Acker- und Weideflächen gepflanzt, die den Boden schützen, als Windschutz dienen und die Biodiversität fördern. Derzeit werden 15 Modellbetriebe beraten, wobei die Pflanzkosten bis zu 7.500 Euro pro Hof übernommen werden.
Auch wenn im Naturpark des nördlichen Schwarzwaldes alles schön grün aussieht, ist es auch hier viel zu trocken; der Grundwasserspiegel deutlich zu niedrig. Der zukunftskompatible Waldumbau muss schnell gehen – eine Herkulesaufgabe, die Förster und Waldbesitzer gemeinsam schultern müssen. Nach Dürresommern und Stürmen stehen Berghänge voller abgestorbener, vom Borkenkäfer befallener Fichten. Das Gute: Kahle Flächen werden zu Laboren für einen zukunftsfähigen Wald und die Fichten-Monokulturen weichen Bannwäldern aber vor allem langfristig artenreichen Mischwäldern mit klimaresistenteren Baumarten wie beispielsweise Douglasien. Auch südlichere Gewächse wie Flaumeichen und Maulbeeren könnten eine Rolle spielen. In Schauparzellen ist bereits zu erkennen, wie das Waldbild der Zukunft aussehen könnte. „Wir können den Klimawandel nicht aufhalten, aber wir können ihn steuern und Impulse setzen“, sagt Dunker und blickt vom Bühlertal bis in den wie ein schwarzgrüner Scherenschnitt konturierten Horizont. Nicht umsonst ist das „Naturpark-Logo“ ein Auge, das den „wachsamen Blick zwischen Mensch und Natur“ symbolisiert.
Dem Naturpark-Team liegt besonders die Umweltbildung für Kinder und Jugendliche am Herzen. Im Rahmen des Programms „Naturpark-Schule“ erforschen Kinder ihre Umgebung, untersuchen Bäche, pflegen Streuobstwiesen, bauen Fledermauskästen oder kochen Heidelbeermarmelade. Durch die Begeisterung der Kinder entdecken viele Eltern, was vor ihrer Haustür alles zu finden ist. Neben den Schulen gibt es die „Naturpark-Detektive“, ein Multimedia-Angebot, das Umweltwissen spielerisch vermittelt. Als Jugendliche können sie Junior-Ranger im Nationalpark werden oder sich als Klimabotschafter schulen lassen.
„Heimat ist auch Verantwortung“
Einige der 80 speziell geschulten Schwarzwald-Guides haben eine solche Ausbildung durchlaufen, um auf ihren Führungen das Thema Klimawandel gezielt anzusprechen. Einer von ihnen ist Nicolai Stotz. Der frisch zertifizierte Moor-Guide aus Calw legt großen Wert darauf, die Natur mit allen Sinnen zu erleben. Er baut Brücken zwischen Erlebnis und Erkenntnis, indem er von der geologischen Geschichte der Region bis zur Zukunft der Wälder erzählt. Eines seiner Spezialgebiete sind Karseen wie der Mummelsee, die während der jüngsten Eiszeit durch Gletscherbewegungen entstanden sind. „Natur für alle erlebbar machen“ beinhaltet für ihn auch die Inklusion. Einige Touren, wie „Schatzsuchen ohne Stufen“, konzipiert Stotz barrierefrei. Zu seinen Empfehlungen gehört eine Übernachtung in einem der 21 Trekking-Camps im Wald, wo man auf Holzpodesten ohne Komfort, aber unter dem Sternenhimmel zelten kann – ein echtes Mikroabenteuer.
„Heimat, das spürt man hier oben, ist nicht nur Herkunft, sondern auch Verantwortung. Unsere Aufgabe als Naturpark ist es, die Menschen dafür zu sensibilisieren. Die Stärke aller vereinsorganisierten Naturparks ist nun mal ein gut zusammengewachsenes Netzwerk.“ Da spricht Karl-Heinz Dunker dem Wirt, dem Jäger und all den Menschen, die hier mit viel Einsatz die gewachsene Kulturlandschaft erhalten, nachhaltigen Tourismus fördern und gleichzeitig die regionale Wirtschaft –
vom Landwirt bis zum Handwerker – einbinden, tief aus dem Herzen.