Hertha BSC lässt die Aufstiegsträume beim 2:5 in Paderborn implodieren. Trainer Stefan Leitl gerät mehr und mehr in die Kritik. Es droht eine Saison, die im Niemandsland ausläuft.
Als wären die Eindrücke des vergangenen Sonntagnachmittags nicht schon irritierend genug gewesen, steuerte Herthas – verständlicherweise bedienter – Trainer noch seinen Teil durch einen Wortbeitrag hinzu. „Wir brauchen nicht mehr über den Aufstieg zu sprechen“, urteilte Stefan Leitl jedenfalls nach der 2:5-Pleite beim SC Paderborn. Aber: War das nicht derselbe Mann, der nur wenige Tage zuvor voller Überzeugung gesagt hatte, dass die Begegnung beim Tabellenfünften kein „Endspiel“ sei? Dass man immer noch genug Partien habe, um „eine Serie zu starten“? Sicherlich mochte man Leitl vor dem Spiel dahingehend folgen, dass bei der Ausgeglichenheit in der 2. Liga noch vieles möglich sei. Doch der Samstag änderte die Ausgangslage noch einmal deutlich, denn alle Topteams von Darmstadt 98 (2:1 gegen Düsseldorf) über die SV Elversberg (3:1 gegen Braunschweig) bis hin zu Schalke 04 im Abendspiel (5:3 gegen Magdeburg) gewannen – und erhöhten damit den Druck auf Hertha BSC gewaltig. Auch die vom Trainerteam immer wieder in den vorangegangenen Wochen unterstrichene spielerische Entwicklung, die zu entsprechenden Resultaten führen würde, war dabei nicht komplett von der Hand zu weisen. Allein: Fünf Punkte in diesem Jahr aus zuvor vier Spielen gegen Mannschaften aus den Top Five der Hinrunde (plus ein 2:2 gegen den KSC) waren auch nicht der Beginn einer seinerzeit postulierten Aufholjagd. Eine erfolgversprechende „Serie“ hätte die aus der Hinrunde (fünf Dreier hintereinander) noch einmal deutlich übertreffen müssen. Doch die Art und Weise, wie Hertha BSC nun vor allem das Spiel in Paderborn verlor, legte all diese Rechnungen und Hoffnungen in Trümmer.
Der Trainer hatte dazu auch eine Änderung des Systems beschlossen und eine Dreierkette in der Verteidigung gewählt. Die Anwendung dieser Taktik war im DFB-Pokal gegen den SC Freiburg trotz des unglücklichen Ausscheidens im Elfmeterschießen durchaus aufgegangen. Die Idee dahinter war auch nachvollziehbar, da der Systematik des SCP mit drei Stürmern stabil begegnet werden sollte. Leitl hatte einst nach längeren Misserfolgen die von ihm präferierte Lösung mit drei Spielern auf der letzten Linie zu den Akten gelegt – und war damit durchaus gut gefahren. Nun also die Rückkehr zur Dreierkette, die – nimmt man das schlichte Endresultat – krachend scheiterte. „Bei den Berlinern sah das 3-4-3 zeitweise eher wie ein 5-2-3 aus, bei dem die Abstände zwischen der Defensivreihe und den drei Offensiven viel zu groß waren“, analysierte der „Kicker“ im Anschluss schonungslos.
Von Beginn an jedenfalls taumelte Hertha BSC defensiv von einer Verlegenheit in die andere, sodass der SC Paderborn nach zwanzig Minuten bereits 2:0 führte. Der an den Gegentoren schuldlose Torhüter Tjark Ernst hielt seine blau-weißen Farben dabei noch in der Partie – und als die Hauptstädter fünf Minuten vor der Pause durch Luca Schuler zum Anschlusstreffer kamen, konnte die Hoffnung wieder keimen. Die Realität gestaltete sich jedoch anders: Die Paderborner ließen sich nicht beirren und stellten mit ihrer dritten hochkarätigen Chance allein nach dem 2:1 noch in der Nachspielzeit den alten Abstand wieder her. Die Kabinenansprache Leitls soll lautstark ausgefallen sein – dazu nahm Herthas Trainer zur zweiten Halbzeit gleich drei Wechsel vor. Die Grundordnung blieb allerdings erhalten, lediglich personell wurde rochiert: So rückte etwa Fabian Reese anstelle des ausgewechselten Schuler in die Sturmzentrale, während für den Torschützen Josip Brekalo ins Spiel kam. Dem Winterzugang unterlief allerdings sogleich ein böses Missgeschick, als er infolge eines Ausrutschers von Paderborns Schlussmann in Ballbesitz kam, mit der Kugel dann aber über die Torauslinie dribbelte. Der ebenfalls zur Pause eingewechselte Pascal Klemens, der den zuletzt immer wieder blassen Michael Cuisance ersetzte, fabrizierte dazu ein Eigentor, das zu seinem und Herthas Glück aberkannt wurde. Diese Fortune besaß Reese bei seinem Pfostentreffer wiederum nicht – und dann sorgte ausgerechnet Ernst für die Vorentscheidung.
Die Frage nach den neuen Zielen
Nach einem Lapsus von Linus Gechter versuchte der Torwart, die Situation zu bereinigen, und foulte dabei den SC-Angreifer, sodass der Unparteiische auf den Punkt zeigte. Beim Strafstoß war der Keeper dann machtlos – und musste schon drei Minuten später infolge des nächsten Fehlers in der Defensive den fünften Gegentreffer schlucken. Es war die endgültige Entscheidung, auch wenn Hertha BSC nur 120 Sekunden darauf zum 5:2 kam – Reese jagte einem Widersacher den Ball ab und flankte maßgerecht zu Brekalo, der die Chance zu seinem ersten Treffer für Hertha BSC nutzen konnte. Das Tor sollte allerdings keine zwingende Aufholjagd mehr auslösen, obwohl es die Hausherren in der Schlussphase ruhiger angehen ließen.
Und so zeigte auch das Stimmungsbild im blau-weißen Lager nach Abpfiff ähnliche Auflösungserscheinungen wie die Defensive während der 90 Minuten auf dem Platz. „Wenn man so spielt, hat man mit dem Aufstiegsrennen nichts zu tun“, schlug etwa Toni Leistner in dieselbe Kerbe wie sein Trainer. „Deshalb können wir uns jetzt neue Ziele setzen.“ Doch welche sollten das sein? Die Relegationsplätze sind aktuell zehn beziehungsweise elf Punkte entfernt, ein Auf- oder Abstieg also gleichermaßen unwahrscheinlich. Noch am Sonntagnachmittag wurden jedoch bereits in Hauptstadtmedien Maßnahmen gefordert, die über diese Saison hinausgehen und einen (weiteren) Neuanfang bei der „Alten Dame“ einleiten sollen. Da findet sich Stefan Leitl in der Kritik, aber auch Sportdirektor Benjamin Weber und sogar Geschäftsführer Peter Görlich. In diesem Klima schüren Gerüchte um einen Abgang des „Supertalents“ Kennet Eichhorn im Sommer oder auch der Beraterwechsel von Pascal Klemens die Unruhe. Denn natürlich setzt das Verfehlen des Aufstiegs Fragezeichen hinter die Zukunft mancher Spieler bei Hertha BSC – nicht nur, weil diese eine bessere sportliche Perspektive suchen, sondern auch, weil der Verein sich so manchen nicht mehr leisten können wird.
Die brandaktuelle Frage aber lautet zunächst: Wie will man diese Saison ohne verbleibendes Ziel noch geordnet zu Ende bringen? Das Heimspiel gegen den 1. FC Nürnberg am Sonntag dürfte einen ersten Hinweis geben – fest steht jedoch: Die Lunte am blau-weißen Pulverfass glimmt.