Mit der Aberkennung des Buchhandlungspreises 2025 für drei linke Buchläden hat Kulturstaatsminister Wolfram Weimer für viel Wirbel gesorgt. Stippvisite in Berlins ältestem stationären Buchladen.
Erinnern Sie sich noch? Vor 15, 20 Jahren setzte mit der Einführung des E-Books ein vielstimmiger Kanon auf das Ende der vielen Seiten Papier zwischen zwei festen Buchdeckeln ein. Auch die entsprechenden Geschäfte würde es in 20 Jahren nicht mehr geben, unkten selbst wohlmeinende Kulturkritiker. Sicherlich viele, vor allem kleine Buchläden in Stadt und Land mussten seitdem aufgeben. Wobei das nicht an dem schwindenden Interesse am haptischen Buch lag, ganz im Gegenteil. Natürlich verloren die stationären Händler Kundschaft an den Onlinehandel, wie in vielen anderen Verkaufsbranchen auch. Doch gerade in den urbanen Zentren sind gerade in den vergangenen zehn Jahren die Mieten für die Geschäfte exorbitant gestiegen, was mit den Umsätzen überhaupt nicht mehr zu erwirtschaften ist, wie auch der Deutsche Börsenverein des Buchhandels bestätigt. Das Buch selbst erfreut sich weiterhin großer Beliebtheit, und auch die Buchhandlungen gibt es immer noch.
Kundenschwund in stationären Läden
Ortstermin in Berlin-Schöneberg, kurz vor 10 Uhr, Samstagvormittag. Die ersten Kunden stehen schon vor „ihrem“ Buchladen am Breslauer Platz im Ortsteil Friedenau und warten auf Einlass. Gegenüber auf dem Platz ist der Wochenmarkt in vollem Gange. Erst früh auf dem Wochenmarkt und dann noch mal in der Nicolaischen Buchhandlung vorbeischauen. Einige wollen nur ihr bestelltes Buch abholen, andere ein bisschen stöbern oder schnell schauen, was an Neuerscheinungen reingekommen ist. Die „Nicolaische“, wie sie von den Stammkunden genannt wird, gehört zu Friedenau, wie sein neobarockes Rathaus, auf der anderen Seite des Platzes, rechts des Buchladens. Wobei das Rathaus tatsächlich neun Jahre älter ist. Die „Nicolaische“ feiert erst in diesen Tagen ihren 100. Geburtstag. Damit ist sie die älteste Buchhandlung Berlins, immer am selben Ort in denselben Geschäftsräumen.
Dreimal wurde diese in den vergangenen zehn Jahren mit dem Deutschen Buchhandlungspreis ausgezeichnet! Ein Preis, den bis eine Woche vor der Leipziger Buchmesse außer Buchhändlern eigentlich kaum jemand kannte. Der parteilose Kulturstaatsminister im Kanzleramt, Wolfram Weimer, katapultierte ihn ins Rampenlicht der Öffentlichkeit. Drei nominierte „linke“ Buchläden, einer davon in Berlin, strich Weimer kurzerhand wegen Extremismus-Verdacht von der Liste. Es gab viel Kritik an dieser Entscheidung. Schließlich sagte der Kulturstaatsminister die feierliche, öffentliche Auszeichnung in Leipzig kurzerhand ab.
Viel Kritik an der Entscheidung
Die Kundschaft der Nicolaischen Buchhandlung, mehrheitlich wohlsituiertes Friedenauer Bürgertum, kann mit diesem Eingriff in die Kulturfreiheit wenig anfangen. „Was mich endgültig stutzig gemacht hat, der Weimer beruft sich auf Erkenntnisse des Verfassungsschutzes und will dann aber nicht sagen, was das denn bitte für welche sind“, ist eine ältere Dame erbost. Eine junge Frau, garantiert nicht aus dem linksautonomen Spektrum, ist beinahe schon entsetzt. „Das ist doch Gesinnungsschnüffelei. Vor allem, was soll das dann mit der unabhängigen Jury, die Buchläden vorschlägt, und der Kulturminister kann diese dann nach Gutdünken wieder von der Liste streichen, wenn ihm die politische Richtung nicht passt?“
Die Chefin des Buchladens, Martina Tittel, bestätigt im FORUM-Gespräch, die ausgetauschten Argumente in dieser Buchhandlungspreis-Debatte seien fast deckungsgleich mit denen in ihrem Geschäft. Die 67-jährige Ur-Berlinerin empfiehlt dem Kulturstaatsminister, „dann soll er doch gleich selber über den Buchhändlerpreis entscheiden, dann spart er sich die Farce mit der Jury“. Doch diese Debatte in ihrem Geschäft ist für Martina Tittel fast schon ein Kompliment. Genau das macht eine heutige Buchhandlung aus, Diskurs zwischen Personal und Kunden und Kunden untereinander, auch darum gibt es diesen Laden noch.
Allerdings räumt sie ein, auch sie muss an diesem gut situierten Standpunkt in Friedenau ganz schön strampeln, um ihr Geschäft in den schwarzen Zahlen zu halten. Zum Erfolgskonzept gehören vor allem Lesungen, ohne diese oder ähnliche Formate geht es gar nicht mehr. Auch ist sie selbst Verlegerin, ein weiteres Standbein rund um das Produkt Buch. Doch wie steht es um die Zukunft der gedruckten Worte auf Papier zwischen zwei Pappdeckeln? Vermutlich wird es in einem Vierteljahrhundert das Buch und auch Buchläden immer noch geben – Tittel ist sich da sicher (siehe Interview im Kasten). Wie heißt es so schön, Totgesagte leben länger.