Schauspielerin Amanda Seyfried spricht über ihren Film „The Testament of Ann Lee“, über ihre Ängste, ihr Lampenfieber und warum sie keine gefährlichen Stunts mehr machen will.
Ms. Seyfried, in Ihrem neuen Film spielen Sie die religiöse Anführerin Ann Lee, Gründerin der Shaker-Bewegung, die von ihren Anhängern als „weiblicher Christus“ verehrt wurde. Warum wollten Sie diese Hauptrolle unbedingt spielen?
Ich hatte das Gefühl, dass mich mein ganzes künstlerisches Leben zu dieser Rolle geführt hat. Ann Lee war eine schwer traumatisierte, aber auch sehr leidenschaftliche Frau. Sie hatte ihre vier Kinder verloren und dadurch zu Gott gefunden. 1774 wanderte sie von England nach Upstate New York aus und gründete dort die Shaker-Bewegung.
Es war eine christliche Freikirche, die aus dem Quäkertum hervorgegangen ist. In dieser utopischen Gemeinde waren alle – Männer wie Frauen – gleich. Alle Mitglieder legten ein Keuschheitsgelübde ab, da sie keine Kinder bekommen sollten. Der Name der Sekte leitet sich von dem rituellen Schütteltanz ab, mit dem sie Gott verehrten. Das hat mich wahnsinnig interessiert. Ich habe mir sehr viel Mühe gegeben, Ann Lee, die ich sehr verehre, so gut wie möglich darzustellen. Mein oberstes Ziel ist, immer absolut glaubhaft zu sein.
Wie bereiten Sie sich denn auf einen neuen Film vor?
Ich nehme die Vorbereitung auf jeden Film sehr ernst. Für „The Testament of Ann Lee“ habe ich mir drei Monate Zeit genommen. Da musste ich nicht nur die Rolle der Ann Lee verinnerlichen, sondern mich auch mit den Gegebenheiten der Zeit befassen – denn der Film spielt in den 1770er-Jahren. Es ist ja auch ein Musical, also musste ich mich zudem aufs Singen und Tanzen vorbereiten. Und da ich nicht gerne tanze, hat es sehr lange gedauert, bis ich die komplizierten Tanz-bewegungen gelernt hatte. Außerdem musste ich auch die verschiedenen Songs lernen. Das war extrem stressig. Aber dieser Stress hat mir dann sehr geholfen, als ich dann schließlich am Set war. Da war ich dann absolut auf dem Punkt.
Sie haben noch in einem weiteren Film, der Horror-Komödie „The Housemaid – Wenn sie wüsste“, mitgespielt, der erst vor Kurzem in die Kinos kam. Da sind Sie Nina, eine verheiratete, psychisch angeschlagene Frau, die ihrem Hausmädchen das Leben zur Hölle macht. Hat es Ihnen besonderen Spaß gemacht, mal so richtig vom Leder ziehen zu können?
Unbedingt. Es gab Szenen, da konnte ich total ausflippen, was ich allerdings vorher mit dem Regisseur abgestimmt hatte. Es ist etwas sehr Befreiendes, wenn ich mich – innerhalb eines geschützten Rahmens – mal so richtig gehen lassen kann. Außerdem konnte ich diesmal auch wieder mein komisches Talent unter Beweis stellen. Das war mit ein Grund, weshalb ich die Arbeit an diesem Film so inte-ressant fand. Ich suche ja bei jedem Projekt immer nach einer neuen Herausforderung, in der ich voll und ganz aufgehen kann.
Macht Ihnen solch eine neue Herausforderung manchmal auch Angst?
Oh ja ... Aber wenn ich den Mut habe, mich trotzdem Hals über Kopf in diese neue Aufgabe hineinzustürzen, ist es meistens eine sehr befriedigende Erfahrung. Mir hat die Schauspielerei eigentlich immer geholfen, mich selbst besser kennenzulernen. Und auch mit meinen psychischen Problemen umzugehen. Es ist ja kein Geheimnis, dass ich täglich ein Antidepressivum nehme – schon seit ich 19 bin. Da wurde bei mir OCD (Obsessive Compulsive Disorder, eine Zwangsstörung; Anm. d. Red.) diagnostiziert. Ich bin mittlerweile sehr niedrig eingestellt. Und für mich ist das okay, da es mir hilft, meine Ängste unter Kontrolle zu halten. Aber ich habe vor Auftritten immer noch großes Lampenfieber.
Sie haben schon sehr früh mit der Schauspielerei angefangen ...
... was für mich damals ein großer Sprung ins kalte Wasser war. Ich war gerade erst 16 geworden. Aber ich wusste schon damals ganz genau, dass ich einmal Schauspielerin werden wollte. Und ich hatte großes Glück, dass mich meine Eltern bei diesem Wunsch unterstützt haben, als sie sahen, dass das keine Flause von mir war, sondern wahre Leidenschaft. Ich habe dann während meiner Highschool-Zeit Theater gespielt und hatte auch schon eine Rolle in einer TV-Show. Das hat mein Selbstvertrauen, dass ich es als Schauspielerin tatsächlich schaffen könnte, enorm beflügelt. Ich ging dann nach New York City, hatte meinen ersten Freund und bekam auch bald meine erste Rolle in einem Kinofilm. Ich war auf Wolke sieben.
Der Kinofilm damals war die Komödie „Mean Girls“ – danach ging es mit Ihrer Karriere steil bergauf.
„Mean Girls“ war eine fabelhafte Erfahrung. Vor allem, weil mich die großartige Tina Fey („30 Rock“, Anm. d. Red.) unter ihre Fittiche genommen hat. Von ihr habe ich viel gelernt. „Mean Girls“ ist immer noch einer meiner Lieblingsfilme, schließlich hat er ja auch eine ganze Generation beeinflusst. Und gezeigt, wie junge Mädchen auf der Highschool auch ganz schön kompliziert sein können.
Wie gehen Sie denn beim Casting für einen Film mit Ihrem Lampenfieber um?
Das ist immer ein wahnsinniger Stress. Meist muss man in einem kleinen Raum, in dem nicht nur der Regisseur oder Casting-Director sitzt, sondern auch noch jede Menge fremde Menschen, etwas vorsprechen – oder vorspielen. Und dabei so tun, als wäre das völlig normal. Ich bin da immer sehr aufgeregt. Aber mit der Zeit habe ich Mittel und Wege gefunden, mich nicht mehr so hineinzusteigern. Und wenn ich ehrlich bin, muss ich inzwischen für die meisten Rollen nicht mehr vorsprechen, sondern werde einfach besetzt, wenn das Gespräch mit dem Regisseur gut verlaufen ist.
Das ist das Gute, wenn man ein Hollywoodstar ist. Gibt es auch Schattenseiten des Ruhms?
Wenn ich gemeinsam mit meinen Kollegen vor der Kamera stehe, sind wir doch alle gleich. Da spielt sich niemand als Star auf, ich ganz sicher nicht! Allerdings war der Hype, den ich nach „Mamma Mia!“ erlebt habe, doch sehr verwirrend für mich. Das war damals wie ein Sog, in den ich hineingerissen wurde. Eine Zeit lang hatte ich so gut wie kein Privatleben mehr. Gott sei Dank haben mich die Paparazzi jetzt nicht mehr so sehr auf dem Radar. Ich finde es nämlich gar nicht gut, wenn versucht wird, meine Privatsphäre in die Öffentlichkeit zu ziehen.
Was hat Ihnen am meisten dabei geholfen, in Hollywood eine so glänzende Karriere zu machen?
Mein Durchhaltevermögen. Mein Vermögen, meine Träume auch in die Tat umzusetzen. Meine Ambitionen. Meine Power. Und nicht klein beizugeben, und sich von Männern, die das Sagen haben, nicht abwürgen zu lassen (lacht).
In „Mama Mia!“ standen Sie gemeinsam mit der Schauspiellegende Meryl Streep vor der Kamera. Waren Sie vor der ersten Begegnung mit ihr nicht etwas befangen?
Ich war wahnsinnig nervös! Wir sind uns aber bei einer Kostümprobe zum ersten Mal begegnet und sie hat mir sofort jede Angst genommen. Sie spielt im Film ja meine Mutter und war, auch wenn die Kamera aus war, sehr mütterlich zu mir. Dafür war ich ihr sehr dankbar. Das Beste an diesem Film war aber, dass ich da endlich singen konnte. Singen ist nämlich meine andere große Leidenschaft. Auch deshalb habe ich mich riesig gefreut, dass wir zehn Jahre später alle auch noch die Fortsetzung „Mamma Mia! Here We Go Again“ drehten. Bei den Dreharbeiten hatte ich meine vier Monate alte Tochter dabei. (Ihre Tochter Nina kam 2017 zur Welt, im selben Jahr hat sie den Schauspieler Thomas Sadoski geheiratet. Sohn Thomas wurde 2020 geboren; Anm. d. Red.) Das war natürlich auch deshalb eine ganz besondere Zeit. In den Drehpausen gab ich meiner Tochter die Brust oder pumpte meine Milch ab (lacht). Aber mein Mann und meine Mutter waren auch am Set in Kroatien und haben mich sehr unterstützt.
Hat das Familienleben mit Mann und zwei Kindern Ihr Leben sehr verändert?
Ja, ich mache zum Beispiel keine gefährlichen Stunts mehr selbst (lacht). Ich würde sicher nie mehr von einem Kliff ins Meer springen, wie bei „Mamma Mia! Here We Go Again“. Das war total verrückt. Aber im Ernst: Natürlich ist das eine wesentliche Veränderung in meinem Leben, die ich sehr genieße. Es eröffnet mir immer auch immer wieder neue Perspektiven. Ich liebe es sehr, Mutter zu sein. Und ich bin jetzt, wenn ich nicht drehe, rund um die Uhr zu Hause. Da kümmere ich mich um meine Kids und meinen Mann. Mein Privatleben war mir schon immer sehr wichtig und ist es jetzt erst recht. Wir leben auf einem Anwesen in Upstate New York, mit vielen Tieren. Ich sorge auch sehr gerne dafür, dass sie jeden Tag gefüttert werden. Wenn ich bei meiner Familie und den Tieren bin, kann ich mich wunderbar erholen und neue Kräfte sammeln.
Welche Dinge sind für Sie die drei wichtigsten in Ihrem Leben?
Liebe, Respekt. Anziehung – physische und emotionale. Und die Sehnsucht, Zeit mit meinen Liebsten zu verbringen.