Der 1. FC Union Berlin verstärkt die Offensive: Emmanuel Latte Lath soll vorne für mehr Torgefahr sorgen. Aber was kann der Mann, der in der nordamerikanischen MLS einen Karriere-Knick erlebte?
Der 1. FC Union Berlin verpflichtet seinen ersten offensiven Neuzugang – und die Bewertung in den Medien fiel zunächst sehr unterschiedlich aus. „Wahnsinns-Transfer in Köpenick: Union Berlin holt 20-Millionen-Stürmer“, titelte der „Berliner Kurier“ euphorisch. Das Portal „Spox“ schrieb dagegen deutlich reservierter: „Union Berlin holt MLS-Flop per Leihe“. Auch in den Kommentaren auf den Social-Medial-Kanälen des Fußball-Bundesligisten waren sich die User uneins, ob die Leihe von Emmanuel Latte Lath nun ein Coup ist oder nicht. Kann einer, der zuletzt in der Major League Soccer in den USA für Atlanta United auflief, der schwächelnden Union-Offensive tatsächlich neuen Schwung verleihen? Die Club-Verantwortlichen sind davon überzeugt. „Mit seinem Tempo, seiner Mentalität und seinem Torinstinkt passt er sehr gut zu dem Profil, das wir für unsere Offensive gesucht haben“, sagte Sport-Geschäftsführer Horst Heldt über den 27-Jährigen: „Er bringt Eigenschaften mit, die unserem Spiel zusätzliche Möglichkeiten geben werden und wir sind daher überzeugt, dass er sich mit seiner Art schnell in unsere Mannschaft einfügen wird.“
Vor anderthalb Jahren war ein Transfer des Stürmers zu Union noch utopisch gewesen. Im Februar 2025 wechselte Lath, auf dem bisherigen Höhepunkt seiner Karriere, für 21,5 Millionen Euro vom FC Middlesbrough, wo er Leistungsträger und bester Torjäger war, zu Atlanta United. Ein ungewöhnlicher Schritt für einen Profi im besten Fußballalter und mit immerhin vier Länderspielen für die Elfenbeinküste. „Wir glauben, dass seine Verpflichtung unseren globalen Ehrgeiz widerspiegelt, einer der größten Clubs der Welt zu werden“, sagte Atlanta-Boss Garth Lagerwey damals. Doch weder die Ziele der MLS-Franchise noch die des Spielers erfüllten sich: Nur neun Tore erzielte der Mittelstürmer in 44 Ligaspielen. Es wurde Zeit für Veränderungen – und so kam Union ins Spiel. Für mindestens eine Saison will Lath nun versuchen, in Berlin-Köpenick zurück zu alter Stärke zu finden. Sollte ihm das gelingen, dürfte seine Zukunft auch langfristig bei den Eisernen und in der Bundesliga sein: Union besitzt übereinstimmenden Medienberichten zufolge eine Kaufoption.
Auch wenn es auf den ersten Blick kein wirklicher Transfer-Kracher ist: Die meisten Fans waren schon froh, dass für den Angriff endlich Verstärkung da ist. Denn der mutigere und offensivere Spielstil unter dem neuen Trainer Mauro Lus-trinelli dürfte nur dann funktionieren, wenn die Angreifer entsprechend gefährlich und abschlussstark sind. Und hier haperte es in der Vergangenheit, in der Vorsaison gelangen Union nur 44 Treffer. Ohne das 4:0 zum Saisonabschluss gegen den FC Augsburg wäre die Bilanz noch mauer gewesen. Der Schotte Oliver Burke, der im vergangenen Sommer als Heilsbringer für den Sturm verpflichtet wurde, gewann mit sechs Toren zwar die interne Torjäger-Krone. Doch zwischendurch hatte der frühere Bremer große Probleme. Burke muss nach der Verpflichtung von Lath mehr denn je um seinen Stammplatz zittern, zumal er in der Vorbereitung mit Achillessehnen-Problemen zu kämpfen hat. Er reiste auch nicht mit ins Trainingslager nach Österreich, was sich als großer Nachteil herausstellen könnte. Denn Lustrinelli wollte die Zeit dort vor allem dafür nutzen, um mit den Spielern Automatismen für das neue Spielsystem zu erarbeiten.
Körperliche Präsenz als Waffe
Von der Position her ist Lath aber eher ein interner Konkurrent für Andrej Ilic. Der Mittelstürmer war in der Vorsaison quasi gesetzt, ohne seine neun Torvorlagen wäre Union vermutlich deutlich stärker in Bedrängnis geraten. Doch auch der Serbe kam bislang nicht verletzungsfrei durch die Vorbereitung. Sollte Union wie vermutet mit zwei Außenstürmern spielen, hätte Ilyas Ansah gute Chancen auf die Startelf. Der 21-Jährige, der in der Vorsaison einen phänomenalen Start hatte und dann in ein Leistungsloch fiel, könnte sich als wendiger, schneller und dennoch körperlicher Angreifer gut mit Lath ergänzen. Beim neuen Trainer hat Ansah bislang einen hervorragenden Eindruck hinterlassen, so wie beim 2:2 im Testspiel gegen Cagliari. „Im Test hat er sich gezeigt und dann ist er natürlich mit seiner körperlichen Präsenz sicher eine Waffe“, sagte Lustrinelli über Ansah.
Für die jungen Sturm-Talente wird es nun aber natürlich noch schwerer, auf Einsatzzeiten in der Bundesliga zu kommen. Dmytro Bogdanov zum Beispiel könnte in eine tiefere Klasse verliehen werden, um Spielpraxis zu sammeln. Der 19-Jährige gilt intern als sehr talentiert, bei der U19-Europameisterschaft in diesem Sommer kam er mit der Ukra-ine immerhin bis ins Halbfinale. Den Vertrag mit Bogdanov verlängerte Union kürzlich, was nicht gegen eine Leihe spricht. Auch eine erneute Leihe von Julien Friedrich (19), der in der vergangenen Saison Spielpraxis für Altglienicke sammelte, dürfte von den Union-Bossen angestrebt werden. Und Tim Starke? Für den 29-Jährigen kommt dieser Schritt wohl nicht infrage, ein permanenter Wechsel dagegen schon. Intern werden die Qualitäten des schnellen Angreifers zwar geschätzt, doch seine Bilanz von nur einem Tor in 66 Pflichtspielen für die Eisernen ist mau. Dass Marin Ljubicic (27) bei einem ansprechenden Angebot gehen kann, ist kein Geheimnis mehr. Ljubicic zeigte sich in der Vorbereitung immerhin torfreudig, was womöglich neue Interessenten anlocken könnte.
Klar ist: Der Transfer von Lath hat die Sturmhierarchie etwas durcheinandergewirbelt, der Ivorer dürfte als Startspieler vorgesehen sein. Anpassungsprobleme sollte es keine geben, der Profi spricht fließend Französisch, Italienisch, Spanisch und Englisch. Auch seine spielerische Qualität hat er sich im Laufe der Jahre hart erarbeitet, ein Ausnahmetalent war er nicht. „Emmanuel hat sich seinen Weg auf hohem Niveau Schritt für Schritt erarbeitet und dabei in unterschiedlichen Ländern seine Qualität unter Beweis gestellt“, sagte Heldt. Der gebürtige Abidjaner wechselte früh in die Nachwuchsakademie von Atalanta Bergamo, wo er auch seine ersten Schritte als Profi ging. Durchsetzen konnte er sich beim italienischen Erstligisten aber nicht, er wurde mehrfach verliehen. Am glücklichsten wurde er beim Schweizer Erstligisten FC St. Gallen, für den er in der Saison 2022/23 insgesamt 14 Tore in 31 Ligaspielen erzielte. Danach schnappte sich der englische Traditionsverein FC Middlesbrough den Angreifer – und auch dieser Wechsel ging für den 1,76 Meter großen Spieler auf. Der Wechsel in die USA war dann aber ein Karriere-Knick. Bei Union will Lath wieder die Kurve bekommen.
„Ich möchte die Chance nutzen, mich auf diesem Niveau zu beweisen und der Mannschaft mit meinen Qualitäten zu helfen“, wurde der Neuzugang in der Pressemitteilung zum Transfer zitiert. Die Gespräche mit Union seien von Anfang an „sehr positiv“ gewesen, „zudem habe ich die Atmosphäre an der Alten Försterei bereits erleben dürfen“. Er sehe in der Bundesliga „eine große Herausforderung, auf die ich mich sehr freue“. Interessanter Fakt: Lath kommt wie der bislang größte Fußballer der Elfenbeinküste, Didier Drogba, aus Abidjan.