Nach der erfolgreichen Kurzeinlage von Superstar Fan Zhendong steht „Triple“-Gewinner 1. FC Saarbrücken TT schon wieder vor dem Beginn einer neuen Zeitrechnung.
Durch eine fast vollständige Runderneuerung mit voraussichtlich weniger Qualitätsverlust als auf den ersten Blick zu vermuten dürfen Patrick Franziska und Co. mindestens in der Champions League auf den nächsten historischen Coup hoffen.
Kneifen lassen musste sich beim 1. FC Saarbrücken-Tischtennis nach seinem beispiellosen Erfolgsrausch niemand. Viel zu sehr glänzten alle drei möglichen Trophäen des zuvor für die Blau-Schwarzen undenkbar scheinenden „Triples“, als dass Patrick Franziska und Co. sich beim Anblick der Pokale in einem Wunschtraum wähnen mussten.
Gleichwohl ist die Realität seit dem Gewinn der Deutschen Meisterschaft als drittem Titel nach den vorangegangenen Triumphen im Pokal und in der Champions League eine andere geworden. Eine Wirklichkeit, aus der Olympiasieger Fan Zhendong als Erfolgsgarant beinahe ebenso schnell wieder verschwunden ist, wie der Superstar vor Jahresfrist geradezu märchenhaft hineintransferiert worden war.
Fan hinterlässt ein Gefühl von viel Leere
Die Lücke, die der Abschied von Darko Jorgic sowie vor allem Fan durch seinen ernüchternden Wechsel zum FCS-Erzrivalen Borussia Düsseldorf hinterlassen haben, löste bei Saarbrückens Teammanager Nicolas Barrois nach eigenen Aussagen im Fachmagazin „tischtennis“ ein Gefühl von „viel Leere“ aus. Tatsächlich ließ das „für den Verein extrem fordernde Jahr“ (Barrois), das angesichts von Fans globaler Popularität mitunter als fortwährender Ausnahmezustand erschien, zunächst für das legendäre Sport-Motto „Weiter, immer weiter“ kaum Raum. Zu prägend war die „Ära Fan Zhendong“ trotz ihrer unerwartet schnellen Vergänglichkeit für den Wechsel in den „Business as usual“-Modus.
Inzwischen sind Fan Zhendongs Spuren im Saarbrücker Selbstverständnis deutlich erkennbar. „Als Verein waren wir in Deutschland und Europa schon lange bekannt. Aber jetzt haben wir uns auch in China und weltweit auf die Tischtennis-Landkarte gesetzt“, sagt Barrois.
Dabei hat der süße Geschmack des Erfolgs den Saarbrückern Appetit auf mehr gemacht. Franziska jedenfalls hätte gegen eine Fortsetzung der Serie von Titeln und Triumphen seiner Mannschaft natürlich nichts einzuwenden, wie der 34-Jährige auf Anfrage von FORUM durchblicken lässt: „Das ‚Triple‘ hat sich schon sehr, sehr cool angefühlt. Darauf sind wir alle auch sehr stolz.“ Oder wie Barrois es ausdrückt: „Wir haben Bock auf die Zukunft.“
Auch Ambitionen hat das Team von FCS-Trainer Wang Zhi, das am 16. August (Sonntag) die Bundesliga-Saison bei Borussia Dortmund eröffnet, genug. Durch Fans Wechsel nach Düsseldorf gilt Saarbrücken hinter den Rheinländern in allen drei Wettbewerben trotz seiner Rolle als Titelverteidiger zwar nicht erneut als erster Anwärter auf Sieg und Ruhm, doch Ehrgeiz und Ansprüche mag niemand verhehlen. „Wir sind zwar der ‚Triple‘-Sieger, gehen aber nicht als die Gejagten in die Saison, sondern als Jäger“, stellt Barrois tatsächlich ohne Understatement klar, signalisiert allerdings im nächsten Atemzug Titelhunger: „Wir haben Blut geleckt.“ Franziska will sein Team denn auch keineswegs kleiner als nötig gemacht sehen: „Die Favoritenrolle schiebe ich gerne Düsseldorf zu, wir sind das auf jeden Fall nicht, auch wenn wir wieder eine sehr starke, ja, eine super und sehr interessante Mannschaft haben.“
Franziska bleibt die Konstante
Für jedes dieser drei Prädikate bürgt außer Top-20-Spieler Franziska selbst vor allem Neuzugang Hugo Calderano. Der brasilianische Bundesliga-Rückkehrer, der als Weltcup-Gewinner von 2025 und Einzel-Vizeweltmeister zu den spannendsten Profis der zurückliegenden 18 Monate gehört, könnte rein sportlich zu einem nahezu gleichwertigen Ersatz für Fan Zhendong avancieren. Wichtiger noch: Top-Ten-Star Calderano kann zweimalige Weltmeister aus China in allen wettbewerbsübergreifend zu erwartenden Duellen mit Düsseldorf durchaus ernsthaft in Bedrängnis bringen und damit den womöglich entscheidenden Unterschied zu Saarbrückens Gunsten machen.
Franziska macht aus den Erwartungen seines Vereins, der sich außer von Calderano auch vom spanischen Routinier und Doppel-Spezialisten Alvaro Robles Verstärkung erhofft, an den Olympia-Vierten von Paris 2024 auch keinen Hehl: „Es war eine Grundsatzentscheidung des Vereins, weiter Vollgas zu geben. Wenn man einen Hugo Calderano holt, ist alleine dadurch auch klar, dass man wieder um alle Titel mitspielen will.“
Dabei dürfte Calderanos größtes Interesse Europas Krone in der Champions League gelten. Nachdem der Südamerikaner 2019 und 2025 mit den TTF Ochsenhausen schon zweimal das „Double“ mit Meisterschaft und Pokal gewinnen konnte, fehlt dem 30-Jährigen nur noch ein Triumph in der kontinentalen Königsklasse zur Vervollständigung seiner Sammlung von bedeutenden Vereinstiteln.
Düsseldorf meldet Ansprüche an
Calderanos wichtigste Ziele und Saarbrückens Interessen wirken überaus deckungsgleich. Durch die Fortführung der 2024 übernommenen Ausrichter-Rolle für das Final-4-Endturnier der Königsklasse in der Saarlandhalle für die kommenden beiden Jahre unterstrich der Club sowohl seine Wertschätzung für den wichtigsten Vereinswettbewerb auf dem Kontinent als auch zugleich seine Ambitionen in der Elitekonkurrenz.
Die Vorliebe für die prestigeträchtige Champions League wuchs in Saarbrücken mit den Erfolgen. Nachdem Franziskas Team im vergangenen Mai durch ein dramatisches 3:2 im Endspiel gegen Alliance Nimes/Montpellier den 22 Jahre alten Rekord der Belgier von RV Charleroi mit vier Champions-League-Triumphen in Serie eingestellt hat, winkt dem FCS in dem seit 1999 bestehenden Top-Wettbewerb nun die alleinige Bestmarke.
„Das Final 4 in der Champions League ist das große Ziel des Vereins und auch von mir. Wir haben jetzt viermal nacheinander gewonnen. Warum sollen wir es zuhause mit unseren Fans nicht ein fünftes Mal schaffen?“, erläutert Franziska.
Für den ganz großen Wurf setzt Saarbrücken noch konsequenter als bisher auf die bemerkenswerte Möglichkeit der Verpflichtung von hochklassigen „Teilzeit-Jobbern“ ausschließlich für Einsätze in der Königsklasse statt hochpreisigen Angestellten für eine ganze Saison. Zusätzlich zum schwedischen Olympia-Zweiten Truls Möregardh, der in seinen zwei bisherigen Champions-League-Jahren im FCS-Trikot ungeschlagen blieb, verpflichteten Barrois und seine Mitstreiter für den Kampf um Europas Thron auch den südkoreanischen Top-30-Spieler Oh Junsung. Calderano, Möregardh, Franziska und Oh – dieses Quartett muss sich in der Champions League voraussichtlich in keinster Weise vor Fan Zhendong und dessen neuem Arbeitgeber Düsseldorf verstecken. Schließlich kann auch ein Fan höchstens zwei von drei benötigten Punkten machen.
Aus Franziskas Sicht ziehen die Blau-Schwarzen durch ihre Personalpolitik die richtigen Schlüsse aus der weiter fortschreitenden Konzentration auf internationale Einzelturniere. „Es gibt dieses Modell ja schon länger wegen der vielen Wettbewerbe, die wir ja alle spielen und teilweise auch spielen müssen. Ich war zwar nie der größte Anhänger dieser Strategie, aber ich kann das gut nachvollziehen und glaube auch, dass dies die Zukunft sein wird.“
Saarbrückens Zukunft liegt jedoch inzwischen auch – eine der wichtigsten Erkenntnisse der „Ära Fan“ – abseits der Tische in einer intensiveren Vermarktung. Alleine die fünf chinesischen TV-Sender und Streamingkanäle, die den jüngsten FCS-Triumph in der Champions League ins Reich der Mitte übertrugen, verdeutlichen die entsprechenden Potenziale im Ausland nachdrücklich. Vor diesem Hintergrund, verbunden mit der hohen Popularität des Tischtennis in Asien auch außerhalb Chinas, erscheint der Oh-Transfer nicht nur sportlich sinnvoll, sondern ist auch ein Signal für das Saarbrücker Interesse an einem Standbein auf dem asiatischen Markt. Wie sagte Nicolas Barrois doch? „Wir haben Blut geleckt.“