Der US-Präsident hat sich im Iran in eine Sackgasse geritten. Ihm bleiben nur schlechte Optionen.
US-Präsident Donald Trump betreibt Politik nach dem Pippi-Langstrumpf-Prinzip: „Ich mach’ mir die Welt, wie sie mir gefällt.“ Zu Beginn der amerikanisch-israelischen Angriffe auf Iran Ende Februar sagte Trump, der Krieg sei in „vier bis fünf Wochen“ zu Ende. Es handele sich um einen „kurzen Ausflug“. Der Amerikaner saß der Illusion auf, dass sich die von ihm formulierten Kriegsziele quasi im Schnelldurchgang herbeibomben ließen: Tötung des Obersten Führers Ali Chamenei und Sturz des Mullah-Regimes, drastische Beschränkung des iranischen Raketen-Arsenals, Kappung der Finanzierung und Aufrüstung regionaler Verbündeter wie Hisbollah, Hamas oder Houthis sowie die Stilllegung des Atomprogramms.
Nichts davon hat der US-Präsident erreicht. Trumps Welt ist an der Realität zerschellt. Der Krieg dauert nun bereits mehr als viereinhalb Monate und wurde nur durch löchrige Feuerpausen unterbrochen. Das Mitte Juni unterzeichnete Rahmenabkommen scheiterte, weil Teheran den Hebel der absoluten Kontrolle über die für den weltweiten Ölhandel wichtige Straße von Hormus nicht aus der Hand geben wollte. Auch Trumps apokalyptische Drohungen von der „Auslöschung einer ganzen Zivilisation“ brachten das Regime nicht an den Verhandlungstisch.
Trump hat sich im Labyrinth eines asymmetrischen Krieges verrannt. Ein Blick in die Vergangenheit hätte ihn davor bewahren können. Amerikas früherer Außenminister und Nationaler Sicherheitsberater Henry Kissinger hatte die Fehldeutung seiner Regierung im Vietnamkrieg messerscharf analysiert: „Der Guerillakämpfer gewinnt, wenn er nicht verliert. Die konventionelle Armee verliert, wenn sie nicht gewinnt.“ Trump hat sich durch einen Mangel an Plan und Strategie in eine Sackgasse geritten. In seiner Logik bleiben ihm nur schlechte Optionen.
Option 1: Ausweitung der Angriffe
Nach den amerikanisch-israelischen Luftschlägen gegen Iran mündete der Konflikt im April in einen Stop-and-go-Krieg: Auf gegenseitige Attacken folgten diplomatische Gespräche über Vermittler, bevor es zu neuen Angriffen kam. Seit vergangener Woche drehen Washington und Teheran die Eskalationsspirale immer höher. Die US-Streitkräfte bombardieren in Iran nicht nur Radaranlagen, Waffenlager oder Flughäfen, sondern auch Brücken und Eisenbahnlinien. Alles mit dem erklärten Ziel, die Kapazität des iranischen Militärs entlang der Straße von Hormus zu schwächen und Teheran zur Öffnung der Meerenge zu zwingen. Auch verlegt Washington weitere Kampf- und Tankflugzeuge in den Nahen Osten.
Doch das Regime knickt nicht ein. Es intensiviert seine Vergeltungsaktionen. So geraten noch mehr amerikanische Militärbasen in der Region ins Visier. Am Freitag und Samstag vergangener Woche wurden drei US-Soldaten in Jordanien und im Nordirak getötet. Zudem verstärkt Iran seine Attacken auf die zivile Infrastruktur in den Golfstaaten. So setzten die Revolutionsgarden am vergangenen Sonntag in Kuwait eine Anlage zur Stromerzeugung und Meerwasserentsalzung in Brand, nachdem sie zuvor ein Ölfeld beschossen hatten. Die Wahrscheinlichkeit, dass Trump Iran durch mehr militärischen Druck in die Kapitulation treibt, ist gering. Um das Überleben des Regimes zu sichern, sind die Revolutionsgarden finster entschlossen, die Schäden in den öl- und gasreichen Golfstaaten massiv zu vergrößern. Die Weltwirtschaft wird in Geiselhaft genommen. „Diese Eskalation verschärft sich rapide und gerät außer Kontrolle“, sagt der Iran-Experte Saeid Golkar von der University of Tennessee. Es bestehe die Gefahr, „dass wir in einen totalen Krieg zurückfallen, auch wenn keine der beiden Seiten dies will“.
Option 2: US-Militär als „Schutzengel“ am Golf
Trotz ihrer haushohen militärischen Überlegenheit ist es den Amerikanern bisher nicht gelungen, die Straße von Hormus zu öffnen. Immer wieder bringt Trump die Idee ins Spiel, dass die USA die Meerenge als „Schutzengel“ kontrollieren könnten – gegen Gebühr. Auch wenn er kürzlich seinen Vorstoß eines saftigen Aufschlags von 20 Prozent pro Fracht schnell wieder abräumte, dürfte die Option irgendwann wieder auftauchen. Eine dauerhafte Wächtermission am Golf wäre allerdings für die US-Steuerzahler ein teurer Spaß. Kriegsschiffe müssten Tanker eskortieren, Aufklärungsflugzeuge und Minenjäger wären rund um die Uhr im Einsatz. Die Abwehr iranischer Schnellboote sowie Raketen und Drohnen, die aus dem schwer kontrollierbaren Bergland abgeschossen werden, wäre ein enormer Aufwand. Nach Einschätzung von Militärexperten müssten US-Truppen an der iranischen Südküste stationiert werden. Die große Mehrheit der US-Bürger lehnt dies ab.
Option 3: Besetzung von strategisch wichtigen Inseln wie Kharg
Die Besetzung der Insel Kharg in den nördlichen Gewässern des Persischen Golfs wäre für das iranische Regime eine enorme Schwächung: 90 Prozent der Ölexporte des Landes werden hier verladen. Nach der amerikanischen Kriegslogik soll der Islamischen Republik damit wirtschaftlich das Wasser abgegraben und Teheran zur Aufgabe gedrängt werden. US-Marineinfanteristen könnten die Insel zwar relativ einfach einnehmen. Die Herausforderung bestünde jedoch darin, sie zu halten. Die Soldaten würden zur permanenten Zielscheibe für iranische Drohnen und Raketen. Die Gefahr von Verlusten wäre sehr hoch – was Trump zu Hause angreifbar machen würde. Der Iran-Krieg ist in den Vereinigten Staaten äußerst unpopulär.
Option 4: Bodenoffensive
Laut US-Medien hat das Pentagon Pläne für eine Bodenoffensive in Iran ausgearbeitet – als eine von mehreren Optionen. Die „Washington Post“ berichtete von einer Variante, die kombinierte Einsätze von Truppen der regulären Infanterie und Spezialeinheiten vorsieht. Eine vollständige Invasion mit mehr als 170.000 US-Soldaten wie etwa während des Irak-Krieges 2007 sei jedoch nicht vorgeschlagen worden. Doch auch eine gezielte Mission mit „boots on the ground“ wäre hochriskant. Iran verfügt trotz schwerer Luftschläge noch immer über Raketen, Marschflugkörper, Drohnen und mobile Abschussrampen, die in Waffenlagern tief in den Bergen versteckt sind.
Für den Fall einer drastischen Ausweitung der US-Angriffe hat Irans Oberster Führer Modschtaba Chamenei mit maximaler Vergeltung gedroht. „Da der amerikanische Feind nun auf Kriegstreiberei, die Übernahme noch schwererer Kosten und eine noch größere Schande aus ist, soll er wissen, dass das geliebte iranische Volk und die Achse des Widerstandes unvergessliche Lektionen für ihn bereithalten“, erklärte er in einer im Staatsfernsehen verlesenen Botschaft. Dahinter steckt nicht nur der Wink mit verschärften Attacken auf US-Stützpunkte und die zivile Infrastruktur der Golfstaaten. Zudem könnten die mit Iran verbündeten Houthi-Milizen in Jemen die Meerenge Bab al-Mandab blockieren, heißt es in Teheran. Durch das Nadelöhr zwischen Rotem Meer und Indischem Ozean führen rund 30 Prozent der globalen Container-Schifffahrt. Die Weltwirtschaft würde dann von zwei Seiten in die Zange genommen.
Warum Trump der große Wurf nicht gelingt
Wer im Nahen Osten etwas erreichen will, braucht Kenntnisse der komplizierten Region und unendlich viel Geduld. Eigenschaften, die Trump nicht hat. Der Chef des Weißen Hauses will einen schnellen Erfolg erzwingen. Show-Auftritte im Fernsehen oder in den sozialen Medien gehen ihm über Substanz. Er hat sich mit seiner Strategie des höchstmöglichen Drucks in eine Falle manövriert. Nötig wäre eine diplomatische Offensive für eine regionale Sicherheitsarchitektur, die Iran und die Golfstaaten mit einbezieht. Der Anfang bestünde darin, einen Verwaltungsmechanismus für die Straße von Hormus zu finden, an dem die Islamische Republik ebenso beteiligt ist wie die Nachbarländer. Von diesem Punkt an müsste man sich vorarbeiten bis zum iranischen Atomprogramm. Der Iran-Konflikt lässt sich jedoch nicht lösen, wenn die Palästina-Frage ausgeklammert wird. Weil Trump der strategische Weitblick ebenso fehlt wie die Energie für einen politischen Kraftakt, kann er nur auf schlechte Optionen zurückgreifen.