Iran-Krieg und hohe Preise: Gut vier Monate vor den Zwischenwahlen zum US-Kongress wenden sich weiße Arbeiter von der Partei des Präsidenten ab.
Bei diesen Zahlen müssen im Weißen Haus die Alarmglocken läuten. Wenige Monate vor den wichtigen Zwischenwahlen zum US-Kongress Anfang November geht Präsident Donald Trump eine seiner treuesten Wählergruppen von der Fahne. Nach einer Meinungsumfrage des Fernsehsenders CNN sind 57 Prozent der weißen Arbeiter ohne Universitätsabschluss unzufrieden mit der Lage der Wirtschaft im Land. Noch schlimmer sehen die Werte mit Blick auf die gestiegenen Preise aus. Laut dem TV-Kanal Fox News billigen nur 25 Prozent der weißen Arbeiter Trumps Umgang mit der Inflation. Würden die Republikaner sowohl das Repräsentantenhaus als auch den Senat an die oppositionellen Demokraten verlieren, könnte der Präsident wichtige Gesetze praktisch nicht mehr durch die Parlamentskammern bringen. Er wäre gut zweieinhalb Jahre vor Ende seiner zweiten Amtszeit eine „Lame Duck“.
Unpopulärer Krieg gegen den Iran
In der Vergangenheit stand das Wählersegment der weißen Arbeiter ohne Hochschuldiplom stets loyal zu Trump. Vor den Zwischenwahlen in Trumps erster Amtsperiode 2018 stimmten laut CNN 66 Prozent der Wirtschaftspolitik des Präsidenten zu. Zwar büßten die Republikaner mehr als drei Dutzend Sitze im Repräsentantenhaus ein, gewannen dafür aber Mandate im Senat dazu. Dass die Amerikaner Zwischenwahlen nutzen, um gegenüber der Partei des Präsidenten Dampf abzulassen, ist durchaus üblich. Ohne die Unterstützung durch die weiße Arbeiterschaft hätten die Republikaner deutlich schlechter abgeschnitten. Doch die politische Dynamik hat sich verändert. „Es sind die Wähler aus der Arbeiterklasse, die mit der Republikanischen Partei unzufrieden sind, und sie werden möglicherweise nicht zur Wahl gehen“, warnt der Meinungsforscher John McLaughlin, der seit Jahren für Trump arbeitet. Die Mobilisierung der weißen Arbeiter sei „entscheidend“, betont McLaughlin. „Wenn sie das nicht tun, verlieren wir das Repräsentantenhaus und den Senat.“ Zudem sei die Zustimmung der Farbigen und der Latinos zurückgegangen, die bei der Präsidentschaftswahl 2024 in großer Zahl ihr Kreuz bei Trump gemacht hatten.
Heute durchkreuzen der Iran-Krieg und seine Folgen die Konzepte der PR-Strategen im Weißen Haus. Ursprünglich wollten die Republikaner mit Trumps gigantischem Steuersenkungsprogramm („Big Beautiful Bill“) vom Sommer 2025 in den Wahlkampf ziehen. Dieses schützt Einkünfte aus Überstunden und Trinkgeldern vor dem Zugriff des Fiskus. Doch der von Trump angezettelte Waffengang im Nahen Osten ist bei der großen Mehrheit der US-Bürger unpopulär. Was vielen auf den Nägeln brennt, sind die stark gestiegenen Preise an der Tankstelle und im Supermarkt. Hinzu kommt Trumps gegen Freund und Feind verhängte Zollkeule, die Importe für amerikanische Unternehmen teurer macht. Die Zeche zahlen die US-Verbraucher.
Im Mai kletterte die Inflationsrate in den Vereinigten Staaten auf 4,2 Prozent – das ist der schnellste Anstieg seit drei Jahren. Nach dem Bureau of Labor Statistics wurden die durchschnittlichen Lohnerhöhungen eines amerikanischen Arbeiters aus den vergangenen eineinhalb Jahren durch den Anstieg der Energie- und Lebensmittelpreise aufgefressen.
Die Zapfsäulen sind eines der wichtigsten politischen Stimmungsbarometer im Land. Derzeit kostet eine Gallone Benzin (knapp 3,8 Liter) im Schnitt knapp unter vier Dollar, meldet die American Automobile Association (AAA). Das liegt zwar unter der nationalen Höchstmarke von rund 4,60 Dollar während des Krieges im Mai. Doch vor einem Jahr mussten weniger als drei Dollar für eine Gallone hingelegt werden.
Der Preisschub ist zum großen Teil Folge der durch den Iran monatelang blockierten Straße von Hormus, durch die rund 20 Prozent des weltweiten Handels mit Öl und Flüssiggas transportiert wird. Darüber hinaus kam bislang rund ein Drittel der Düngemittel vom Persischen Golf. Die Schließung der Meerenge führte zu Ernteausfällen, was die Lebensmittelpreise rund um den Globus nach oben trieb. Diese Knappheit verschwindet nicht über Nacht. Sie wird nach Einschätzung von Analysten noch etliche Monate anhalten.
Israels Premier unter Druck
Dass Trump die neuen Zahlen mit dem Satz „Ich liebe Inflation“ quittierte, fanden viele US-Bürger alles andere als witzig. Die Opposition schäumte. „Was denkt sich Trump dabei? Hat er etwa eine Wette verloren, bei der er im nationalen Fernsehen die absurdeste und taktloseste Äußerung machen musste, die man sich vorstellen kann?“, polterte Chuck Schumer, Fraktionschef der Demokraten im Senat.
Trump hat das Problem offensichtlich massiv unterschätzt. Sobald der Krieg mit Iran vorbei sei, „fallen die Preise für Benzin und Öl wie ein Stein“, hatte der Präsident noch im Mai angekündigt. Die Prognose erfüllte sich nicht. Nach der Unterzeichnung des Rahmenabkommens zwischen Amerika und Iran in der vergangenen Woche sackte der Preis für ein Barrel Rohöl der gängigen Sorte Brent zwar auf gut 80 Dollar ab –
das ist beträchtlich weniger als in der Kriegsphase Anfang Mai, als die Marke von 110 Dollar pro Barrel überschritten wurde – doch das Vorkriegsniveau von weniger als 70 Dollar scheint derzeit außer Reichweite.
Experten sehen Trumps Steinfall-Logik skeptisch. Nach Ansicht von James Knightley, Leiter der Abteilung Weltwirtschaft bei der ING-Bank in New York, bestehen an den Märkten große Zweifel, ob die Absichtserklärung zwischen den USA und dem Iran tatsächlich „dauerhaften Frieden“ in Nahost bringt.
Vor allem die immer wieder aufflammenden Kämpfe im Libanon, der Teil der Übereinkunft ist, sorgen für Nervosität. Bei einem Raketenangriff der mit dem Iran verbündeten Hisbollah-Miliz in der Nacht zum vergangenen Freitag wurden vier israelische Soldaten im Südlibanon getötet. Daraufhin attackierte Israels Armee mehr als 150 Stellungen der Hisbollah – mindestens 47 Menschen starben. Als Reaktion sagte der Iran den ersten für Freitag in der Schweiz geplanten Verhandlungstag mit den Amerikanern ab. Am Samstag ließ Teheran die Muskeln so richtig spielen: Die Revolutionsgarden schlossen die Straße von Hormus erneut. Das iranische Regime betrachtet die Hisbollah als wichtigsten Verbündeten und Abschreckungsstreitmacht in der Region. Es wird ein endgültiges Abkommen mit den USA nur unterschreiben, wenn sich Israel aus dem Libanon zurückzieht.
Das ist jedoch nicht abzusehen. Israels Premier Benjamin Netanjahu steht vor den Parlamentswahlen im Herbst extrem unter Druck: Er kämpft mit einem ultraharten Kurs um sein politisches Überleben. Für Trump und seine Republikaner bedeutet das nichts Gutes. Je unsicherer die Lage am Persischen Golf, desto weniger Entlastung gibt es an der Preisfront. Bei den Zwischenwahlen zum Kongress könnte es die Quittung geben.