In der Wissenswerkstatt Saarbrücken können Kinder und Jugendliche technische Werkstücke bauen, spannende Versuche durchführen und Phänomene aus Naturwissenschaft und Technik live erleben.
Technik verstehen durch Selbermachen kommt an. Die Nachfrage in der Wissenswerkstatt in Saarbrücken ist groß, im Jahr werden etwa 5.000 Teilnehmerinnen und Teilnehmer betreut. Morgens kommen Schulklassen, nachmittags werden privat buchbare Kurse angeboten. Die schmucken Räume in dem historischen Bau hinter dem Saarbrücker Hauptbahnhof sind perfekt eingerichtet. Sägen, Bohrmaschinen, Schleifpapier und Schutzbrillen gehören ebenso zur Ausstattung wie 3D-Drucker und ein Laserschneidegerät. Getragen wird die Werkstatt von einem gemeinnützigen Verein. Er möchte bei jungen Leuten das Interesse für Mathematik, Naturwissenschaften, Technik und Umwelt wecken. Mitglieder sind saarländische Unternehmen, Organisationen und Stiftungen wie Hager, Festo und ZF, ME-Saar, Stahlverband Saar, IHK, GIU und die Juchem Stiftung. Während unseres Besuchs steht für den Nachwuchs ein Ausflug in die Welt von Adam Riese (1492–1559) auf dem Programm. Der deutsche Mathematiker brachte das Rechnen einer breiten Bevölkerungsschicht näher. Noch um das Jahr 1500 konnten viele Bürger nicht mit Zahlen umgehen. Als Hilfsmittel diente damals ein Rechenbrett mit Linien. Von Dr. Nicole Maas, der Leiterin der Wissenswerkstatt, lernen die Kinder nicht nur, wie man es benutzt. Jeder Workshop-Teilnehmer baut sich sein eigenes Exemplar. Nach einer kurzen Einführung über römische und arabische Zahlen startet der praktische Teil. „Sucht euch zwei schöne Bretter“, sagt die Kursleiterin. „Und die schleift ihr dann.“
Sicherheit wird großgeschrieben
Nachdem die Hölzer in den Schraubstöcken fixiert sind, machen sich die Kinder ans Werk. Schnell haben sie den Dreh raus. Immer wieder schrammen die Schleifklötze übers Holz. Vor und zurück, vor und zurück. Während eines kleinen Rundgangs hat die Kursleiterin nichts zu beanstanden. „Wunderbar“, freut sich Nicole Maas. Ihre Schützlinge – fünf Jungen und ein Mädchen – sind konzentriert bei der Sache. Sie hören aufmerksam zu, fragen nach. Und nach dem Schleifen kehren sie die Holzfasern mit Feger und Handschaufel zusammen. Neben der Sauberkeit wird die Sicherheit großgeschrieben: Die Schüler tragen eine Schutzbrille, feste Schuhe und lange Hosen. Im nächsten Arbeitsschritt werden die Scharniere befestigt. „Wie macht man das?“, fragt Nicole Maas. „Die Schrauben mit dem Hammer reinhauen“, vermutet ein Junge. Knapp daneben. Schrauben haben ein Gewinde, erklärt Maas. Sie werden eingedreht. Nägel hingegen bearbeitet man mit dem Hammer. Dabei wichtig: „Gerade reinschlagen.“ Jetzt wird fleißig gehämmert. Schon nach wenigen Minuten präsentiert der erste Teilnehmer sein Werk. Ganz zufrieden scheint er allerdings nicht. „Zu schief?“, fragt der Junge. „Nein, alles gut“, antwortet Nicole Maas. Während des zweistündigen Workshops schlägt sich niemand mit dem Hammer auf den Finger. Am Ende werden die Linien eingezeichnet und mit den Zahlen versehen. Schließlich darf sich jeder noch Perlen aussuchen, denn die braucht man zum Rechnen auf den Linien. Das wird auch einige Male auf dem eigenen Brett eingeübt.
Während in der Werkstatt für Metall- und Holzverarbeitung kräftig gehämmert wird, ist eine Etage höher bohren und löten angesagt. Im Elektroraum zeigt Werkstattleiter Sascha Cattarius einer Gruppe, wie man eine motorisierte Putzmaus baut. Auch hier hat jeder seinen eigenen Arbeitsplatz und kann mit seiner persönlichen Ausstattung im eigenen Tempo arbeiten. Der dritte Werkstattbereich – der Computerraum – ist an diesem Nachmittag nicht belegt. Hier können die jungen Leute zum Beispiel lernen, wie man Lego-Roboter programmiert – und zwar so, dass die Maschine kleine Aufgaben bewältigt.
In der Pause stärkt sich Teilnehmerin Aura mit Mineralwasser und einem Snack aus getrockneten Bananen. „Mir macht es Spaß“, versichert die Neunjährige. Ihre berufliche Zukunft sieht sie allerdings nicht im Handwerk. „Ich möchte Lehrerin werden“, sagt das Mädchen. So wie die Mama und die Patentante. Während ihr das filigrane Löten liegt, mag es Leopold eher rustikal. „Am meisten Spaß macht das Draufhämmern“, verrät der Achtjährige. Sein Kollege Noah ist bereits das zehnte Mal in der Werkstatt. Den Wissenswerkstatt-Rucksack, den er sich damit erarbeitet hat, hat er stolz entgegengenommen. Der Junge tritt in seiner Freizeit auch gerne in die Pedale. Mit seinem Hobby will er später sein Taschengeld aufbessern – indem er mit dem Fahrrad Zeitungen ausfährt.
Neben den Kindern ist auch Nicole Maas mit Freude bei der Sache. Die 58-Jährige ist seit dem Start der Wissenswerkstatt dabei. 2013 wurde die Leitungsstelle ausgeschrieben. Maas bewarb sich und bekam den Zuschlag. „Ich war vom ersten Tag an glücklich“, versichert die Biologin. Sie liebt es, zu unterrichten und zu organisieren. Mit dem Handwerk hat die Akademikerin keinerlei Berührungsängste, seit Langem restauriert sie alte Möbel. Begonnen hat sie ihre berufliche Laufbahn in der Wissenschaft: Sie studierte Biologie in Saarbrücken und Paris, promovierte am Heidelberger Krebsforschungszentrum und habilitierte sich 2003 in molekularer Zellbiologie. Nicole Maas arbeitete als Wissenschaftlerin, Dozentin und Lektorin, später für eine Laborberatungsfirma und ein Pharmaunternehmen. Ihre naturwissenschaftlichen und didaktischen Fähigkeiten setzt sie heute in der Wissenswerkstatt ein, wenn sie junge Menschen für Technik begeistert. Ihrem Hund Pepper gefällt es ebenfalls. Er begleitet sein Frauchen jeden Morgen. Aus Sicherheitsgründen darf er nicht zu den Kindern im Werkstattbereich. Deshalb macht es sich Pepper im Lagerraum gemütlich. Ab und zu streckt er den Kopf raus und schaut nach dem Rechten.
Von Robotik bis Metallverarbeitung
Die Kursinhalte der Wissenswerkstatt sind sehr vielfältig, sie reichen von der Robotik über die Grundlagen der Metallverarbeitung bis hin zu den Einsatzmöglichkeiten von Strom. Für die Basis- und die Aufbaukurse gibt es teilweise Wartelisten. „Wir bieten mehr als 60 verschiedene Themen für Jungs und Mädchen zwischen acht und 18 Jahren an“, erklärt Nicole Maas. Die Mädchenquote beträgt etwa 40 Prozent. Auf Praxisbezug wird in allen Workshops großer Wert gelegt. „Wie heißen die beiden Pole des Magneten? Welche Materialien werden von ihm angezogen? Was ist ein Kompass und wie hilft er den Seefahrern?“, lauten die Fragen beim Thema Magnetismus. Die Magnetwippe, die die Schüler bauen, dürfen sie ebenso mit nach Hause nehmen wie alle anderen selbst produzierten Werkstücke – vom Bonbonspender über die Alarmanlage bis zum windschnittigen Propellerfahrzeug.
Frühere Schüler werden Betreuer
Die Workshops sind kostenfrei. Das ermöglicht es allen Kindern, sich auszuprobieren – unabhängig vom Einkommen der Eltern. Beim Tüfteln und Experimentieren erkennen die Teilnehmer schnell, wo ihr Talent liegt. Einige lieben das Programmieren, andere bevorzugen das klassische Handwerk. Wer in der Wissenswerkstatt seine Stärken und Schwächen kennenlernt, dem fällt es später leichter, eine Ausbildung zu finden, die seinen Fähigkeiten entspricht. Nicole Maas würde sich über die finanzielle Unterstützung weiterer Mitgliedsunternehmen und Sponsoren freuen: „Als Investition in die Zukunft des eigenen Unternehmens und des Landes.“ Manche Werkstattbesucher halten Nicole Maas und Sascha Cattarius sogar über die Schulzeit hinaus die Treue. Sie wechseln die Seite, vom Teilnehmer zum Betreuer. Im Rahmen eines Freiwilligendienstes oder als studentische Hilfskraft engagieren sie sich in der Wissenswerkstatt.
Immer wieder trifft Maas aktuelle Teilnehmer oder ehemalige Schützlinge außerhalb der Werkstatt. Etwa während Messen, auf denen sie ihre Einrichtung mit einem Stand präsentiert. Und manchmal sogar im Supermarkt. Als sie dort an der Kasse anstand, erzählt Maas lächelnd, wurde sie von einem Kind erkannt. Es wartete mit seiner Mutter an einer anderen Kasse. „Mama, Mama, guck mal, da ist die Nicole aus der Wissenswerkstatt!“, rief das Mädchen so laut, dass es im ganzen Geschäft zu hören war. „Eine sehr schöne Wertschätzung“, sagt Nicole Maas.