Mit der Popularität seiner Kollegen Jim Clark oder Graham Hill konnte sich „The quiet Australian“ nicht messen. Doch dem vor 100 Jahren geborenen Jack Brabham gelang das einmalige Kunststück, einen seiner drei WM-Titel in der Formel 1 mit einem von ihm selbst konstruierten Boliden zu gewinnen.
Am 12. Dezember 1959 stand beim ersten Rennen der noch relativ jungen Formel 1 in den USA erstmals ein großer Showdown an. Vor dem letzten von insgesamt neun Speed-Events der Saison hatten noch drei Fahrer die realistische Chance, die Krone des Formel-1-Champions zu erringen. Weil es damals die Regelung von Streichresultaten gab und daher nur die jeweils fünf besten Saison-Platzierungen in die WM-Gesamtwertung einflossen (galt bis in die späten 1960er-Jahre), wurde der US-Grand-Prix auf dem Sebring International Raceway in Florida schon vor dem Start zu einem komplizierten Rechenspiel. Bei einem Sieg wäre der australische WM-Führende Jack Brabham in seinem Cooper T51 uneinholbar. Seine beiden britischen Konkurrenten – Stirling Moss ebenfalls in einem Cooper und Tony Brooks in einem Ferrari Dino 246 – mussten also auf jeden Fall gewinnen.
Da der von der Pole-Position gestartete Moss in der fünften Runde wegen eines Getriebeschadens ausgefallen war und Brooks schon nach der ersten Kurve infolge einer Karambolage mit seinem deutschen Teamkollegen Wolfgang Graf Berghe von Trips für einen zweiminütigen Kontrollstopp in die Box eingebogen war, schien Brabham einem ungefährdeten Triumph entgegenzusteuern. Zumal er von seinem direkt hinter ihm auf dem zweiten Platz fahrenden neuseeländischen Teamkollegen Bruce McLaren vor etwaigen Attacken bestens abgeschirmt war.
Kurz vor dem Einbiegen in die leicht bergauf führende Zielgerade begann der Motor des Coopers plötzlich zu stottern, Brabhams Auto kam schließlich etwa 365 Meter vor der Ziellinie zum Stillstand. Ein Déjà-vu für Brabham, der Ähnliches schon am 19. Mai 1957 beim Großen Preis von Monaco erlebt hatte. Damals hatte eine defekte Benzinpumpe wenige Meter vor der Flagge die erste Podiumsplatzierung für einen Cooper verhindert. Immerhin konnte Brabham damals noch den sechsten Platz retten, indem er seinen Boliden eigenhändig über die Ziellinie schob. Zu jener Zeit galt in der Formel 1 nur die Reglement-Vorgabe, dass der Pilot ohne fremde Hilfe das Ziel erreichen musste.
Fahrer- und Konstrukteurstitel
Da das mit dem Schieben schon einmal geklappt hatte, stieg Brabham nach gut 350 zurückgelegten Kilometern aus dem Fahrzeug, legte Helm und Schutzbrille ab und bugsierte das 435 Kilogramm schwere Gefährt Meter um Meter in Richtung Ziellinie. „Mein Herz raste. Es war heiß und schwül. Ich nahm die Ordner um mich herum wahr, die mich anfeuerten. Ich konnte die Menge schreien, jubeln und klatschen hören“, schrieb Brabham später in seiner 2004 veröffentlichten Autobiografie „The Jack Brabham Story“. Brabham trug die alleinige Schuld für das Desaster, weil er sich dem Anraten der Teammanager, den Tank randvoll zu machen, widersetzt hatte. Brabham setzte auf eine Gewichtseinsparung, indem er mit weniger Benzin gestartet war. Nun musste er hilflos zusehen, wie er von drei Boliden überholt wurde. Zu seinem Glück kam sein Hauptkonkurrent Brooks trotz einer furiosen Aufholjagd aber nicht über den dritten Platz hinaus – am Ende zu wenig für den WM-Titel. Im Grunde war Jack Brabhams Schinderei, die immerhin zum vierten Platz reichte, im Nachhinein völlig überflüssig. Er gewann seinen ersten WM-Titel als Formel-1-Fahrer, 1960 und 1966 konnte er diesen Triumph jeweils wiederholen.
1966 gelang ihm das einzigartige Kunststück, den WM-Titel in einem von seiner eigenen Firma namens Brabham Racing Organisation konstruierten Boliden für sich zu entscheiden. Er sicherte sich also nicht nur den Fahrertitel der Königsklasse, sondern auch die Konstrukteurs-Weltmeisterschaft der Formel 1. 1967 wäre ihm dieser Clou sogar fast ein zweites Mal gelungen. Zwar hielt die Dominanz der Brabham-Fahrzeuge an und sicherte dem Team erneut den Konstrukteurstitel, als Fahrer musste er sich allerdings seinem neuseeländischen Teamkollegen Denis Hulme denkbar knapp geschlagen geben.
Während seiner Karriere brachte es Brabham, der wegen seines schwarzen Haarschopfes den Spitznamen „Black Jack“ erhielt und wegen seines meist bescheiden-schweigsamen Auftretens oft auch „The quiet Australian“ genannt wurde, zwischen 1955 und 1970 auf insgesamt 126 Rennen für die Teams Cooper, Maserati, Lotus und das eigene Unternehmen Brabham. 14-mal siegte er. Auch in der Formel 2 mischte Brabham kräftig mit und wurde 1958 und 1966 Britischer Meister. Brabham war auch der erste Formel-1-Pilot der Motorsportgeschichte, der von Queen Elizabeth II. 1979 in den Adelsstand erhoben wurde.
Mittelmotor wurde zu Revolution
Auch wenn der am 2. April 1926 in Hurstville, einem Vorort von Sydney, geborene John Arthur „Jack“ Brabham bereits im Alter von gerade einmal zwölf Jahren die Lastwagen des familiären Lebensmittelgeschäfts fahren gelernt hatte, sprach zunächst rein gar nichts dafür, dass er sich später mal am Steuer eines Formel-1-Boliden, noch dazu im fernen Europa, unsterblich machen würde. Zunächst konzentrierte sich sein Interesse an Automobilen vor allem aufs Erkunden von deren Technik. Bis zu seinem 15. Lebensjahr besuchte er eine technisch ausgerichtete Schule, an der er sich erste Kenntnisse in Metallbearbeitung und technischem Zeichnen aneignete. Danach kombinierte er einen Job in einer örtlichen Autowerkstatt mit einem College-Abendkurs in Maschinenbau. Es folgte eine kurze Episode, in der er auf eigene Rechnung gebrauchte Motorräder zum lukrativen Wiederverkauf aufpolierte.
Im Jahr 1944 schloss er sich kurz nach seinem 18. Geburtstag der Königlichen Australischen Luftwaffe an. Obwohl er eigentlich vorhatte, Pilot zu werden, wurde er wegen seines technischen Geschicks als Flugzeugmechaniker eingesetzt. Nach seiner Ausmusterung im Frühjahr 1946 gründete er mit familiärer Unterstützung als begeisterter Schrauber eine kleine Reparaturwerkstatt für Motorräder und Autos. Mit Autorennen hatte er bis zu seiner schicksalhaften Bekanntschaft mit dem US-Amerikaner Johnny Schonberg absolut nichts am Hut. Doch dieser neue Freund nahm regelmäßig an in Australien überaus beliebten Rennen in sogenannten Midget Cars teil – kompakt-offenen, leistungsstarken Kleinwagen, die auf unbefestigten Ovalkursen fuhren. Brabham ließ sich zunächst nur zum Bau eines neuen Flitzers für seinen Freund überreden. Nachdem Schonberg 1948 auf Wunsch seiner Ehefrau das gefährliche Hobby aufgab, nahm Brabham regelmäßig und durchaus erfolgreich an Speedcar-Events teil. Schließlich sattelte er auf Straßenrennen um, wofür er sich dank eines Sponsors einen Cooper-Bristol zugelegt hatte, der in Europa vor allem in der Formel 2 eingesetzt wurde.
Sein Entschluss zur Übersiedlung 1955 nach Großbritannien war mit der Hoffnung verbunden, als Fahrer für die Cooper Car Company den Einstieg in die Formel 1 zu schaffen. Doch da die beiden Coopers schnell das technische Talent von Brabham erkannt hatten, machten sie ihm den Vorschlag, bei der Verbesserung ihres revolutionären Mittelmotor-Rennwagens mitzuarbeiten, bei dem der Motor nicht wie bislang in der Formel 1 üblich in der Front des Fahrzeugs, sondern direkt hinter dem Sitz des Fahrers im Heck installiert wurde. Als Köder wurden Brabham gelegentliche Einsätze in der Formel 1 versprochen. Bis zum Durchbruch der neuen Mittelmotor-Cooper, die deutlich wendiger waren und eine bessere Straßenlage aufwiesen als die schnelleren Boliden mit Frontmotoren, sollte es aber noch einige Jahre dauern. Einen ersten Achtungserfolg verbuchte Brabham im Cooper T45 beim Großen Preis von Monaco 1958 mit dem vierten Platz und damit seinen ersten WM-Punkten. Nach Brabhams WM-Titeln 1959 und 1960 mit fünf siegreichen Rennen in Folge schwenkte das gesamte Formel-1-Feld auf die Mittelmotor-Anordnung um.
Letzter Sieg im Alter von 44 Jahren
Infolge einer Neuregelung 1961, mit der die Geschwindigkeit der Boliden durch Begrenzung des Hubraums auf 1.500 Kubikzentimeter gedrosselt werden sollte, gerieten die Cooper ins Hintertreffen. Da die Cooper-Inhaber Brabhams Forderung nach einer kompletten Neukonstruktion ihres Rennwagens ablehnten, ging er ab 1962 mit eigenen Autos seiner Brabham-Racing-Organisation an den Start. Es folgte eine lange Durststrecke, die erst 1966 durch eine erneute Regeländerung mit einer Verdoppelung des Hubraums auf Drei-Liter-Motoren beendet wurde. Während die Konkurrenz mit der überraschenden Neuerung überfordert war, konnte der Tüftler Brabham in Windeseile einen siegfähigen Boliden auf Basis eines von einem australischen Unternehmen gelieferten und rundum zuverlässigen V8-Motors entwickeln.
Seinen letzten Formel-1-Sieg holte er im Alter von 44 Jahren in Südafrika, um nach Saisonende den Rennfahrerhelm an den Nagel zu hängen und seine Anteile am Rennstall an seinen bisherigen Geschäftspartner Ron Tauranac zu verkaufen. Seinen Ruhestand genoss er auf einem australischen Bauernhof in der Nähe der Stadt Gold Coast. Eine ganze Reihe eigener Unternehmen wie eine kleine Flugzeugfirma, Kfz-Werkstätten oder Autohäuser spielten ihm dafür das nötige Kleingeld ein. In seinen letzten Lebensjahren verschlechterte sich sein Gesundheitszustand zunehmend infolge von Nierenleiden. Jack Brabham starb schließlich am 18. Mai 2014 im Alter von 88 Jahren in seinem Haus an einer Lebererkrankung.