Beim 1. FC Saarbrücken herrscht Gedränge in der Zentrale. Trainer Alois Schwartz muss viel moderieren, aber darin sieht er kein Problem. Am Ende werde jeder Spieler gebraucht.
Die Mittagssonne fällt an diesem Herbstnachmittag auf den Rasen des Saarbrücker Trainingsgeländes, wo sich auffallend viele Akteure im Mittelkreis tummeln. Mittendrin im Gewusel verteilt Richard Neudecker, frisch zurückgekehrt nach langer Pause, mit feinem linken Fuß die Bälle. Daneben zeigt Kaan Caliskaner, der neu zur Mannschaft gestoßene 1,94-Meter-Mann, sein technisches Können in den Zwischenräumen. Und im defensiven Teil der Übung geht Abdoulaye Kamara, ein erst 20-jähriges Talent mit prominenter Ausbildung, aggressiv in die Zweikämpfe. Was vor Kurzem noch nach Personalsorgen aussah, wirkt nun wie ein Luxusproblem: Plötzlich hat Trainer Alois Schwartz im Mittelfeld des 1. FC Saarbrücken die sprichwörtliche Qual der Wahl.
Das Herzstück der Vorsaison fehlt
Noch vor wenigen Wochen herrschte in Saarbrücken Alarmstimmung: Gleich beide etatmäßigen Mittelfeldmotoren des Vorjahres fielen mit schweren Verletzungen aus. Patrick Sontheimer und Sebastian Vasiliadis standen plötzlich nicht mehr zur Verfügung. „Vom letzten Jahr ist so ein bisschen das Herzstück im Mittelfeld rausgerissen worden“, klagte Trainer Schwartz über den doppelten Ausfall seiner Schlüsselspieler. Sontheimer, ein laufstarker Vize-Kapitän und Aggressivleader im Zentrum, zog sich Anfang September im Training eine schwere Muskel-Sehnen-Verletzung zu und wird monatelang fehlen. Vasiliadis, der vielseitige Stratege mit Zweitliga-Erfahrung, laboriert an einer hartnäckigen Wadenblessur und wird wohl erst im Winter zurückkehren können. Für den FCS bedeutete das zunächst einmal: Alarmstufe Rot im zentralen Mittelfeld.
Tatsächlich merkte man der Mannschaft die Lücke im Zentrum zu Saisonbeginn an. In der Vorbereitung und den ersten Spielen experimentierte Schwartz mit verschiedenen Interimslösungen. Doch sowohl der Ausfall von „Vasi“ als kreativer Ballverteiler als auch das Fehlen von „Sonti“ als zweikampfstarkem Abräumer rissen ein Loch in Struktur und Hierarchie der Mannschaft. Zuletzt spielten sich Routinier Kasim Rabihic auf der vorgezogenen Position und Elijah Krahn auf der defensiveren fest. „Sie machen es gut, gerade Elijah hat einen Schritt nach vorne gemacht“, lobt Schwartz, fügt aber an: „Wir sind froh, dass wir mehr Optionen haben.“
Bevor wir zu den Neuverpflichtungen kommen, lohnt der Blick auf einen „internen Neuzugang“: Richard Neudecker. Der 28-Jährige galt bereits in der Saison 2022/23 als spielmachender Taktgeber beim FCS. Mit sechs Toren und zwölf Vorlagen war der technisch versierte Linksfuß einer der effizientesten Offensivspieler der Liga und trug maßgeblich zum Beinahe-Aufstieg bei. Doch die vergangene Spielzeit verlief für Neudecker unglücklich: Eine hartnäckige Adduktorenverletzung ließ ihn fast die gesamte Rückrunde verpassen. Nur elf Partien konnte er bestreiten, ehe er für Monate zur Reha musste. Umso größer war die Erleichterung, als Neudecker im Sommer seinen Vertrag dennoch verlängerte und nach auskuriertem Verletzungsleiden im August ins Mannschaftstraining zurückkehrte. Inzwischen ist „Richy“ Neudecker wieder fester Bestandteil des Teams. Trainer Schwartz baut den Mittelfeldstrategen behutsam auf, sagt aber: „Immer wenn Richy gespielt hat, hat die Quote gestimmt. Da wollen wir ihn hinbekommen. Er ist ein Unterschiedsspieler in dieser Liga.“
Trotz Neudeckers Rückkehr blieb die Personaldecke im Mittelfeld durch die Langzeitausfälle dünn. Insbesondere die Vakanz auf der „Acht“ oder „Zehn“ bereitete Sorgen. Hier schlägt die Stunde von Kaan Caliskaner. Am 15. September, gut zwei Wochen nach Ende der Transferperiode, bestätigte der FCS die Verpflichtung des 25-jährigen Deutsch-Türken. Caliskaner war zu diesem Zeitpunkt vereinslos, nachdem sein Vertrag beim polnischen Erstligisten Motor Lublin im Sommer nicht verlängert worden war. In Polen hatte er in zwei Jahren 39 Erstligaspiele absolviert, zuvor spielte er in der 2. Bundesliga für Jahn Regensburg und Eintracht Braunschweig, insgesamt 89-mal. Seine Wurzeln liegen in Köln, wo er in der Jugend des 1. FC ausgebildet wurde.
Caliskaner sorgt für Flexibilität
Caliskaner füllt beim FCS die Lücke, die Vasiliadis’ Ausfall hinterlassen hat. „Kaan ist ein sehr beweglicher Spieler, der uns im offensiven Mittelfeld mehr Flexibilität geben wird“, sagt Sportdirektor Luginger. Tatsächlich gilt Caliskaner als spielstarker Akteur, der sich gern in den Zwischenräumen bewegt und als Verbindungsspieler zwischen Zentrum und Sturm agiert. Seine Körpergröße und Technik prädestinieren ihn für die Rolle als offensiver Mittelfeldmann: Bälle festmachen, weiterleiten, selbst torgefährlich werden – all das hat er in der Vergangenheit bewiesen. Kein Wunder, dass Caliskaner selbstbewusst auftritt: „Ich freue mich sehr auf die neue Herausforderung beim FCS. Der Verein hat ambitionierte Ziele, und ich möchte mit meiner Erfahrung einen Beitrag leisten, damit wir als Team erfolgreich sind.“ Sportlich soll Caliskaner vor allem die Kreativabteilung beleben und die Offensivpower erhöhen – etwas, das dem FCS in einigen Partien fehlte.
Während Caliskaner als Reaktion auf Vasiliadis’ Ausfall kam, hatte der Verein bereits Anfang September auf die Verletzung von Patrick Sontheimer reagiert. Abdoulaye Kamara stieß am Deadline-Day zum Team. Der 20-Jährige stammt aus der Talentschmiede von Paris St. Germain, wechselte als 16-Jähriger zu Borussia Dortmund und wurde dort in höchsten Tönen gelobt. Den Sprung zum Bundesliga-Profi schaffte der junge Guineer jedoch nicht und suchte sein Glück auf der Insel: 2024 heuerte Kamara beim englischen Traditionsclub Portsmouth an. Dort kam der zentrale Mittelfeldspieler jedoch nur zu wenigen Einsätzen. Auf der Suche nach Spielpraxis und Entwicklungsmöglichkeiten landete das „Mittelfeld-Juwel“ schließlich an der Saar – ein Transfer, der in der 3. Liga für Aufhorchen sorgte.
„Abdoulaye ist ein sehr interessanter Spieler, der schon früh auf hohem Niveau ausgebildet wurde. Wir sind überzeugt, dass er unser Team bereichern wird und freuen uns, dass er sich für den FCS entschieden hat“, erklärte Sportdirektor Luginger bei der Verpflichtung.
Durch die Rückkehr Neudeckers und die Zugänge von Caliskaner und Kamara hat sich die Ausgangslage im FCS-Mittelfeld komplett gewandelt. Aus einem personellen Engpass ist ein Überangebot entstanden. Plötzlich kann Alois Schwartz aus dem Vollen schöpfen. Für den Trainer bedeutet das harte Entscheidungen – aber eben auch vielfältige taktische Möglichkeiten. Doch was passiert, wenn Sontheimer und Vasiliadis wieder fit sind. „Ich führe viele Gespräche, sage den Spielern, woran sie sind. Es kann aber niemand abschätzen, wann und in welcher Form sie zurückkommen. Im Fußball zählt das Hier und Jetzt“, sagt Schwartz.