Die BR Volleys holen wieder den Titel, mit dem Saisonverlauf sind sie aber nicht wirklich glücklich. Das hat personelle Konsequenzen. Der Clubchef hat klare Vorstellungen.
Über die Favoritenrolle war im Vorfeld des Play-off-Finals zwischen den BR Volleys und der SVG Lüneburg reichlich diskutiert worden. Auf der einen Seite der Serienmeister mit dem Siegergen, auf der anderen Seite der Gewinner der Hauptrunde und des Pokalwettbewerbs. „Ich schiebe den Ball gern zu ihnen – sie sind als Tabellenführer in die Playoffs gegangen. Von daher sind sie in einer kleinen Favoritenrolle“, hatte der Berliner Kapitän Ruben Schott vor dem ersten Aufschlag gesagt. Lüneburgs Trainer Stefan Hübner konnte mit dieser Aussage gar nichts anfangen. „Weder das Wort Favorit noch das Wort Außenseiter kommen bei uns vor“, sagte der Coach: „Das sind Fragen, die kann man einer KI stellen. Da kriegt man dann eine schöne Antwort.“
Herausforderer war chancenlos
Was auch immer die Künstliche Intelligenz auf die Frage, wer Favorit im entscheidenden Duell um die deutsche Volleyball-Meisterschaft ist, als Antwort ausspuckte, die Realität war eindeutig: Die BR Volleys ließen dem Herausforderer keine Chance und holten ihren 16. Meistertitel, es war der 10. in Serie. Dabei war Lüneburg auch von Experten zugetraut worden, die für die Liga fast schon lähmende Dominanz der Berliner zu brechen. Doch stattdessen wurde das Finale erneut zu einer Machtdemonstration des Branchenprimus.
„Lüneburg hat eine gute Serie gespielt. Ich denke, das 3:0 spiegelt am Ende nicht unbedingt die Leistungen wider“, sagte Berlins Trainer Markus Steuerwald mit großem Respekt vor dem Gegner, der die Hauptrunde knapp vor den Volleys abgeschlossen hatte. Dass die Lüneburger in der Finalserie kein einziges Spiel gewannen, enttäuschte dann aber doch. Das lag aber auch an den Berlinern, die pünktlich zur Crunchtime ihre besten Saisonleistungen zeigten. „Wir hatten eine schwere Saison und jetzt am Ende doch so überzeugend das Ding zu gewinnen, ist schon sehr gut für die Seele“, sagte Mittelblocker Florian Krage-Brewitz nach dem 3:1-Sieg im letzten Finalspiel. Der Konfettiregen bei der Siegerehrung überdeckte ein wenig die Makel der Saison, die aus Sicht des deutschen Rekordmeisters alles andere als berauschend war. Im nationalen Pokal kam das Aus im Halbfinale, in der Champions League war nach der Gruppenphase Schluss und anschließend kam das internationale Ende im Viertelfinale des CEV-Pokals. Und in der Liga fand das Team nie wirklich zu seiner gewohnten Dominanz, Niederlagen gegen Lüneburg und auch Erzrivale VfB Friedrichshafen schmerzten.
„Der Weg war dieses Jahr unwahrscheinlich schwer für uns“, sagte daher Kapitän Schott. Der Meistertitel war deshalb umso willkommener und wurde frenetischer gefeiert als viele andere Erfolge zuvor. „Es gab Karaoke und 63 Bier vom Nachtschalter an der Tanke – einzeln durchgegeben“, berichtete ein Volleys-Sprecher über die Party-Tour im Mannschaftsbus nach dem entscheidenden dritten Sieg in Lüneburg. Am vergangenen Samstag feierten die Spieler dann gemeinsam mit den Fans – doch es gab auch traurige Gesichter. Auf der Party wurde der Abschied von gleich mehreren Topspielern verkündet. Dass Ausnahmekönner Jake Hanes den Club verlässt, stand schon vorher fest. Doch darüber hinaus lassen die BR Volleys sechs weitere Spieler ziehen, darunter Publikumsliebling Nehemiah Mote und Nationalspieler Moritz Reichert. Die Grundpfeiler der neuen Mannschaft sollen Kapitän Schott und Nationalspieler Krage-Brewitz bilden. Bereits verkündet ist der Wechsel von Mittelblocker Louis Kunstmann aus Friedrichshafen, zudem kehrt Libero Erik Shoji zurück nach Berlin.
Eine künftige Rückkehr von Diagonalangreifer Hanes würden die Volleys mit Sicherheit auch nicht ablehnen. Den 28-Jährigen zieht es aber erst einmal zu einem anderen Club, wo er einen vermutlich deutlich lukrativeren Vertrag erhalten wird. Hanes habe „natürlich tolle Angebote aus dem Ausland und wird uns leider verlassen“, sagte Geschäftsführer Kaweh Niroomand, der Hanes mal als „Lebensversicherung“ für den Club bezeichnet hatte. Er weiß, wie schwer es sein wird, Hanes zu ersetzen. Der US-Amerikaner, der im Sommer 2024 an die Spree gewechselt war, entpuppte sich von Beginn an als absoluter Glücksgriff. In vielen Spielen war er der Topscorer seines Teams. Auch in den drei Finalspielen gegen Lüneburg erzielte Hanes die mit weitem Abstand meisten Punkte für die BR Volleys. Wohin genau Hanes wechselt, war zunächst offen. Und die Volleys? Sie müssen sich nach einem neuen Diagonalangreifer umschauen – aber nicht nur auf dieser Position. „Ob man Hanes ersetzen kann, wage ich zu bezweifeln“, sagte Niroomand: „Wir müssen die Stellschrauben erst mal an anderen Stellen besser machen, dann wird es auch für den einen Angreifer einfacher.“
Lüneburg will weiter angreifen
Mit welchem Trainer die Volleys in die neue Saison gehen, stand bei Redaktionsschluss nicht fest. Klar war aber, dass Meistercoach Steuerwald dann nicht für die Berliner an der Seitenlinie steht. Er hatte schon einen Vertrag beim Ligarivalen Helios Grizzlys Giesen unterschrieben, ehe er im April als Interimstrainer bei den BR Volleys einsprang. Er trat die Nachfolge von Alexandre Leal an, der aus familiären Gründen sein Amt zur Verfügung stellte – und das drei Tage vor dem entscheidenden dritten Halbfinal-Spiel gegen den VfB Friedrichshafen. Der eigentliche Assistenztrainer und Scout war im Januar eingesprungen, als sich der Club von Cheftrainer Joel Banks trennte. Zwei Trainerwechsel innerhalb einer Saison sind für die BR Volleys höchst ungewöhnlich und kein Zeichen der Stärke. Deshalb will Niroomand auf dieser Position ab der kommenden Saison wieder Beständigkeit sehen. Das Vertragsverhältnis mit Leal besteht weiterhin. Nach seiner Rückkehr aus Südamerika könnte der Brasilianer wieder für den Club arbeiten – in welcher Position auch immer.
Steuerwald freute sich, dass er sich in seinen zwei Wochen als hauptverantwortlicher Trainer mit dem Meistertitel Richtung Giesen verabschieden konnte: „Ich freue mich auf nächstes Jahr. Ich bin auch superglücklich, dieses Kapitel Berlin so schließen zu können.“ In der kommenden Saison wird er dann als Gegner versuchen, die BR Volleys auf ihrem Weg zum elften Meistertitel in Serie aufzuhalten. Die tatsächlichen Titelrivalen sind aber andere, Friedrichshafen zum Beispiel und natürlich Lüneburg. Die SVG konnte Leistungsträger wie den finnischen Zuspieler Santeri Välimaa und den Diagonalangreifer Axel Enlund aus Schweden halten und will auf dem Transfermarkt diesmal noch stärker angreifen. „Wir haben wieder eine interessante, attraktive Mannschaft zusammenstellen können“, sagte Lüneburgs Trainer Stefan Hübner. Und dank des auf geschätzt 2,4 Millionen Euro gestiegenen Etats könne der Club „bei den Verpflichtungen diesmal in ein Regal höher greifen“. Volleys-Geschäftsführer Niroomand betont daher: „Diese Liga zu gewinnen, bleibt eine Herausforderung.“ Dass er seine Mannschaft dafür personell bestens gerüstet aufstellen will, sei aber auch klar. Niroomands Forderung an den neuen Cheftrainer ist eindeutig: „Eine solche Wackelsaison darf es nicht mehr geben.“ Die BR Volleys wollen zurück zu ihrer alten Dominanz.