Zahlreiche Studien zeigen: Social-Media-Nutzung kann bei Kindern und Jugendlichen problematische Folgen haben, seelisch, gesundheitlich und sozial. Ist ein Verbot die richtige Antwort? Eine Diskussion mit vielen Facetten und Vorschlägen.
Die SPD hat vorgelegt, die CDU auf ihrem Bundesparteitag nachgelegt. Aber eigentlich ist Australien Vorreiter. Dass auch in Deutschland ein Social-Media-Verbot für Kinder und Einschränkungen für Jugendliche kommen werden, ist einigermaßen wahrscheinlich. Nach letztem Stand der Dinge dürfte das aber nicht mehr vor dem Sommer entschieden werden. Denn noch ist keine Einigung unter den Koalitionspartnern in Sicht.
Zunächst hatte die SPD in einem Positionspapier vorgeschlagen, Kinder unter 14 Jahren ein vollständiges Social-Media-Verbot einzuführen, für Jugendliche bis 16 Jahren eine eingeschränkte Nutzung zu erlauben. Die CDU hat nun einen Antrag beschlossen, der ein Verbot für unter 14-Jährige vorsieht und von den Plattformbetreibern ein effektives und technisch belastbares Altersverifikationssystem fordert. Die CSU, dritter Partner in der schwarz-roten Koalition, hat sich bislang ablehnend geäußert. Parteichef Markus Söder hält Altersbegrenzungen für realitätsfern und insofern für „Quatsch“.
Den Hintergrund für diese Debatten, die auch in anderen Ländern geführt werden, sind zahlreiche Untersuchungen über die Auswirkungen. Dabei steht unter anderem Suchtverhalten mit allen dazugehörigen Folgen im Mittelpunkt.
So hatte beispielsweise die Krankenkasse DAK im vergangenen Jahr das Verhalten von Kindern und Jugendlichen untersuchen lassen. Ergebnis: Bei knapp sieben Prozent der Zehn bis 17-Jährigen wurde eine krankhafte Nutzung festgestellt, bei 21,5 Prozent ein riskantes Verhalten.
Jugendschutz durch Regulierung
Als krankhaft wird dabei eine Nutzung eingestuft, wenn es zu Folgewirkungen kommt wie Schlafstörungen oder Symptome, die auf Kontrollverlust auch in anderen Lebensbereichen hinweisen. Als riskant gilt eine übermäßige Nutzung, die sich aber noch nicht so verstetigt hat, dass entsprechende Folgewirkungen dauerhaft festzustellen sind.
Viele Untersuchungen haben sich auch mit Depressionen und Angst in Zusammenhang mit intensiver Social-Media-Nutzung beschäftigt, relativ gut untersucht sind auch körperliche Reaktionen wie beispielsweise Essstörungen. Eine Vielzahl von Studien – weltweit – haben psychische Belastungen bei intensiver Nutzung untersucht, mit ziemlich eindeutigen Ergebnissen.
Bereits im vergangenen Jahr hatte die Nationale Akademie der Wissenschaften Leopoldina ein Diskussionspapier veröffentlicht, das eindringlich für mehr Jugendschutz durch eine stärkere Regulierung wirbt. Unter anderem wird gefordert: Kein Social-Media-Account für Kinder unter 13 Jahren. Sie seien in diesem Alter überfordert, „psychisch und sozial“, so der Informatikexperte Johannes Buchmann.
Ab 13 Jahren hält er die Nutzung unter elterlicher Aufsicht für okay. Aber der Staat müsse für klare Schutzregeln sorgen. Damit meint er altersgerechte Gestaltung der Angebote, keine personalisierte Werbung und keine Erstellung von Profilen. Suchterzeugende Funktionen wie etwa Push-Nachrichten oder Endlos-Scrollen müssten verboten werden.
Wie die Nutzung digitaler Medien insgesamt das Beziehungsverhalten – speziell auch junger Menschen – verändert, ist ebenfalls Gegenstand zahlreicher Studien.
Experten fassen die Phänomene unter dem Begriff „Parasozialität“ zusammen. Die Sozialpsychologin Johanna Lisa Degen (Uni Flensburg) hat ermittelt, dass „fast die Hälfte aller Beziehungen, die sich in den vergangenen fünf Jahren formiert haben“, über Messenger-Dienste oder Dating-Apps zustande kamen. Und dass sich das Verhalten im realen Leben immer stärker an die Spielregeln anpasst, die im Netz gelten. Das reale Leben wird „performance-orientiert“ (Johanna L. Degen: „Swipe, like love“). Solche Phänomene haben Auswirkungen auf die Selbstwahrnehmung, vor allem bei jungen Menschen in Entwicklungsphasen.
Die Weltgesundheitsorganisation hatte in ihrem Bericht festgestellt, dass elf Prozent der Jugendlichen ein Suchtverhalten zeigen, also ihre Social-Media-Nutzung nicht mehr kontrollieren können und die bereits beschriebenen Symptome zeigen. Zudem weisen zwölf Prozent ein problematisches Spielverhalten auf. Nutzerinnen und Nutzer mit problematischem Verhalten zeigen zudem ein deutlich geringeres seelisches und soziales Wohlbefinden. „Wenn sich dieser Trend fortsetzt, könnte dies weitreichende Folgen für die Entwicklung von Jugendlichen und ihre langfristige Gesundheit haben“, folgert die Studie.
Sie zeige aber „sowohl die Chancen als auch die Gefahren des digitalen Engagements für unsere jungen Menschen auf“, sagte Dr. Natasha Azzopardi-Muscat, Direktorin der Abteilung Gesundheitspolitik und Gesundheitssysteme der Länder im WHO-Regionalbüro für Europa. Deshalb sei es „von entscheidender Bedeutung, dass wir Maßnahmen zum Schutz der Jugend ergreifen, um ihnen zu ermöglichen, sich sicher durch die digitale Landschaft zu bewegen, und sie in die Lage zu versetzen, fundierte Entscheidungen über ihre Online-Aktivitäten zu treffen, die Vorteile zu maximieren und gleichzeitig die Risiken für ihr seelisches und soziales Wohlbefinden zu minimieren. Kurz gesagt: Sie sollten die sozialen Medien beherrschen und sich nicht von den sozialen Medien beherrschen lassen.“
Ob dabei Verbote und technisch eingeschränkte Nutzungen helfen, darüber wird nicht nur in Deutschland intensiv diskutiert. Das Europäische Parlament hat bereits Ende 2025 eine Entschließung verabschiedet, die ein Mindestalter von 16 Jahren für Soziale Medien fordert. Zudem wird eine harmonisierte EU-Altersgrenze von 13 Jahren für den Zugang sowie für Video-Sharing-Dienste angestrebt. Die Entschließung ist aber nicht rechtlich bindend.
Nicht nur junge Menschen gefährdet
Dänemark hat ein Verbot für junge Menschen unter 15 angekündigt, allerdings sollen Eltern Kindern ab 13 den Zugang zu bestimmten Angeboten erlauben dürfen.
In Spanien hat Regierungschef Pedro Sánchez ein Verbot für Jugendliche unter 16 nach dem Vorbild von Australien angekündigt. Anbieter sollen verpflichtet werden, ein System der Altersüberprüfung einzuführen. Manager sozialer Plattformen sollen in die Verantwortung genommen werden, auch wenn sie der Pflicht zur Löschung von Hatespeech nicht oder unzureichend nachkommen.
In Frankreich hat ein Nutzungsverbot für Kinder und Jugendliche unter 15 die erste gesetzliche Hürde genommen. Ausgenommen sein von dem Verbot sollen Online-Angebote wie Bildungs- und Wissenschaftsverzeichnisse oder Enzyklopädien.
Auch in Italien wird über ein Verbot diskutiert. Dort warnt die Social Warning Association, ein Netzwerk für digitale Ethik, vor einer verbreiteten Abhängigkeit: 77 Prozent der italienischen Jugendlichen bezeichneten sich selbst als süchtig nach digitalen Geräten. Viele wüssten zwar um das Problem, fänden aber kaum Wege, ihre Nutzung zu begrenzen.
Gegner einer Verbotsregelung bezweifeln deren Sinnhaftigkeit, technische Machbarkeit oder warnen vor Zensur.
Und die davon Betroffenen? Die Generalsekretärin der Bundesschülerkonferenz, Amy Kirchhoff, betonte, es gebe Desinformation, eine kaum zu bewältigende Informationsflut und „Algorithmen, die ja auch dazu verleiten, immer weiter auf der Plattform zu bleiben, immer weiter zu liken und immer weiter zu scrollen“. Gleichzeitig wies sie im „Spiegel“ darauf hin, dass dieses Suchtpotenzial nicht nur Minderjährige, sondern alle Nutzerinnen und Nutzer betreffe.
Die EU-Kommission und ihre Digitalkommissarin Henna Virkkunen streben eine EU-einheitliche Regelung an. Dazu würden Daten gesammelt, Studien ausgewertet und mit Experten beraten. Man müsse aber berücksichtigen, dass Soziale Medien für Jugendliche wichtige Informationsquellen seien. Außerdem sei es schwierig, das richtige Alter zu finden, ab dem die Nutzung nicht mehr problematisch wäre: „Ist es 13, 14 oder sogar 16?“