Deutschlands Gasspeicher sind in diesem Jahr leerer als im vergangenen Jahr. Dennoch gibt es keinen Grund zur Beunruhigung, sagen Experten, weil das Land Teil eines europäischen Liefernetzes ist. Doch gesetzliche Füllvorgaben haben einen Preis.
Der Winter naht – und damit, seit der russischen Invasion der Ukraine und dem Ende billigen russischen Gases für Deutschland, die alljährliche Diskussion, ob Deutschland in diesem Winter aus Gasmangel erfriert. Die gute Nachricht ist, wie in jedem Jahr, dass die Lage erneut deutlich weniger dramatisch ist, als sie hin und wieder dargestellt wird. Wahr ist aber auch: Zum ersten Mal seit dem Angriff Russlands auf die Ukraine weisen die Gasspeicher in Deutschland einen etwas niedrigeren Füllstand als in den Jahren zuvor auf – das zeigen derzeit Zahlen der Bundesnetzagentur, die die Füllstände tagesaktuell veröffentlicht. Demnach liegen diese bei circa 76 Prozent, 22 Prozentpunkte unterhalb der Marke von Ende Oktober 2024. Der aktuelle Füllstand liegt sogar unter dem zu Beginn des Jahres – das kam seit 2011 nur zweimal vor: 2020 auf einem viel höheren Niveau und 2021 vor dem Angriff Russlands auf die Ukraine. Dies meldet das Science Media Center. Die Speicher werden zwar seit dem Ende der Heizperiode im März konstant befüllt, aber insbesondere im Sommer langsamer als in den Jahren, in denen die Gasspeicher am Ende der Heizperiode vergleichbar oder sogar tiefer geleert waren als 2025. Nur 2021, kurz vor dem Ukrainekrieg, waren die Gasspeicher Anfang Oktober leerer als dieses Jahr.
Klar ist: Der Gasbedarf schwankt von Jahr zu Jahr, so auch in diesem, je nach winterlicher Wetterlage und industriellem Verbrauch. Pro Jahr braucht das Land über den Daumen gepeilt etwa 900 Terawattstunden Gas. In diesem Jahr lag die Füllung der Speicher im September noch auf einem niedrigen Niveau und lässt seitdem bis Anfang Oktober nach. Derzeit weist der gesamtdeutsche Füllstand den zweitniedrigsten Stand seit 2011 auf. Die gesetzlichen Vorgaben müssen bis November erfüllt sein. Das heißt, dass schnell füllbare Speicher zu 80 Prozent, langsamer befüllbare Speicher bis 45 Prozent gefüllt sein müssen. Sollte der Winter härter werden, können zudem über die bereits gebauten Flüssiggasterminals weitere Gasmengen geliefert werden.
Franziska Holz, stellvertretende Leiterin der Abteilung Energie, Verkehr und Umwelt am Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung in Berlin, macht sich derzeit keine Sorgen. „Ich halte Speicherfüllstände von 70 bis 80 Prozent Anfang Oktober erstmal nicht für beunruhigend, da wir in Europa – und auch in Deutschland – einen Großteil unserer Nachfrage jederzeit und auch im Winter aus Importen aus verschiedenen Quellen bedienen und nur zum Teil aus den Speichern. Bei den Importen, insbesondere aus Norwegen und in Form von Flüssigerdgas (LNG), kann ich für die nächsten Monate keine Einschränkungen absehen, die die Erdgasversorgung gefährden würden.“
In diesem Sommer wurden die europäischen und deutschen Vorgaben flexibilisiert, sodass eine Unterschreitung der Mindestfüllmenge in einzelnen Fällen erlaubt ist. Dies und die Tatsache, dass Bundeswirtschaftsministerin Katherina Reiche (CDU) die von ihrem Vorgänger Robert Habeck ausgerufene Alarmstufe in Sachen Gasversorgung beendet hatte, lassen die Energieexpertin vermuten, dass es in diesem Jahr keine massiven Einkaufsaktionen des gemeinsamen Einkaufsnetzwerkes THE (Trading Hub Europe) geben könnte. Zuvor sprang der THE ein, falls die Speicher ihre gesetzlichen Mindestfüllmengen nicht erreichten und Deutschland, ohne auf den Preis zu achten, einkaufen musste – genau darauf spekulierte in den vergangenen Jahren der Markt. Mit anderen Worten: Die Gaseinkäufer warten ab, was bis November am Markt passiert.
Die derzeitigen Kapazitäten aber reichen aus, so Holz. Im Winter würde das Land erfahrungsgemäß im Schnitt 125 Terawattstunden Gas pro Monat verbrauchen. Die derzeitig eingelagerte Menge könnte damit mehr als einen ganzen Monat abdecken, ohne dass mehr angeliefert werden müsste.
Auch Jochen Linßen, Leiter der Abteilung Integrierte Infrastruktur am Institute of Climate and Energy Systems des Forschungszentrums Jülich sieht die Gasspeicherlage in Deutschland derzeit stabil. „Die neuen Flüssiggas (LNG)-Terminals in Deutschland ermöglichen eine stabile Versorgung mit LNG auf hohem Niveau von 350 bis 450 Gigawattstunden (GWh) pro Tag im Jahr 2025. Dies geht einher mit stabilen, hohen Pipeline-Importen aus Norwegen, den Niederlanden und Belgien. Die Mittelwerte dafür liegen im Jahr 2025 für Norwegen bei 1100 GWh pro Tag, für die Niederlande bei 650 GWh pro Tag und für Belgien bei 610 GWh pro Tag. Weiterhin ist über den Winter mit einer reduzierten Nachfrage in Industrie und Haushalten im Vergleich zu den Jahren 2018 bis 2021 zu rechnen.“
Derzeit werde in Deutschland versucht, eine Balance zwischen wirtschaftlicher Befüllung und Versorgungssicherheit herzustellen, so Linßen. Aber: Es könne dennoch zu einer schwierigeren Lage kommen. „Die derzeit stabile Gasversorgungssituation kann durch eine Verschärfung der Sicherheitslage in LNG-exportierenden Ländern negativ beeinflusst werden. Treten mehrere Effekte zusammen auf, beispielsweise ein sehr kalter Winter, gepaart mit einer belebten konjunkturellen Lage, kann dies die derzeit schwache Nachfrage deutlich erhöhen.“
Das Bundeswirtschaftsministerium beobachtet auf Nachfrage von FORUM jedenfalls laufend die Lage. „Der europäische Binnenmarkt und unsere Importinfrastruktur mit Gaslieferungen aus Norwegen, insbesondere die deutschen LNG-Terminals, tragen zur Gewährleistung der Versorgungssicherheit bei. Der Anteil der Gaslieferungen aus Norwegen liegt bei knapp 50 Prozent. Dass Terminals für den Import von LNG verfügbar sind, hat bereits spürbar zur Marktberuhigung beigetragen“, so eine Ministeriumssprecherin.
Probleme des Gasmarktes
Doch ein weiterer Umstand kommt hinzu: Das Betreiben von Gasspeichern wird weniger rentabel. Dies war bis zum Ende der russischen Gaslieferungen anders, weil die Preisunterschiede im Sommer und im Winter relativ hoch waren, das Gas also im Sommer gekauft und eingespeichert werden konnte. Dann kam der Ukrainekrieg und die Gasspeicherumlage, die die Versorgungssicherheit erhöhen sollte. Die Umlage wurde zwar für den Verbraucher abgeschafft, bezahlt wird sie dennoch, und zwar aus dem Klima- und Transformationsfonds der Bundesregierung; der Markt könnte somit darauf warten, dass der Gaskauf aus Deutschland „auf den letzten Drücker“ erfolgt, um die gesetzlichen Vorgaben zu erfüllen. Es gibt laut Papieren von Standard&Poors Global und dem Leibniz-Informationszentrum Wirtschaft derzeit wenig Marktanreize, die Speicher rechtzeitig zu befüllen.
Eine solche veränderte Marktlage macht manchen Speicher offenbar unrentabel. Ein Gasspeicher des Betreibers Wesernetz nahe Bremen wurde bereits geflutet, dieser wies jedoch nur ein vergleichsweise geringes Volumen auf. Größer allerdings ist der Gasspeicher Breitbrunn des Betreibers Uniper – immerhin der drittgrößte Deutschlands mit einer Arbeitskapazität von 11,5 Terawattstunden. Uniper hat nun laut Handelsblatt die Stilllegung beim Bundeswirtschaftsministerium beantragt. Dabei muss es nachweisen, dass von der Stilllegung kein nachteiliger Effekt für die Versorgungslage Deutschlands oder der Europäischen Union ausgeht. Dies habe man getan, sagt Uniper. Eine endgültige Entscheidung des Bundeswirtschaftsministeriums steht noch aus. Derzeit prüft man offenbar dort, wie die Versorgungslage stabil und der Speicherbetrieb trotzdem rentabel bleibt. Einfluss auf die deutsche Gaslage in diesem Winter wird eine ministerielle Entscheidung, die noch in diesem Jahr fallen soll, jedoch nicht mehr haben. Auch hier gibt das Bundeswirtschaftsministerium auf Nachfrage Entwarnung – unter Hinweis auf europäische Netzverbünde. „Für die Beurteilung der Versorgungssicherheit sind neben den Erdgasspeichern in Deutschland und Bayern auch die Erdgasspeicher unserer Nachbarstaaten von Bedeutung“, so das Ministerium. „Die österreichischen Speicher Haidach und 7Fields mit einem Gesamtvolumen von 57,7 TWh können herangezogen werden, da sie unmittelbar an das bayrische Fernleitungsnetz angeschlossen sind. Diese Speicher sind zu 100 Prozent vermarktet und zu etwa 88 Prozent gefüllt (zum Stichtag 17. Oktober).“ Das Ministerium habe bereits ein Gutachten allgemein zu Speicherthemen beauftragt.
Klar ist, die Lage ist derzeit nicht angespannt. Dennoch gibt es Schwachstellen, die zu schließen die Bundesnetzagentur sowie das Wirtschaftsministerium vor große Aufgaben stellen wird.