Sechseinhalb Jahre war Christian Eichner Trainer beim Fußball-Zweitligisten Karlsruher SC. Durchgängig recht erfolgreich und bei den Fans und Spielern sehr beliebt. Nun erfolgt dennoch die Trennung.
Als Christian Eichner im Februar 2020 erstmals auf der Trainerbank des Karlsruher SC saß, war die Fußball-Welt noch eine andere. Der Erzrivale VfB Stuttgart war mit Stürmer Mario Gomez ein Zweitliga-Konkurrent des KSC, der Bundestrainer hieß Joachim Löw, der heutige Nationalspieler Lennart Karl war elf Jahre alt, und Borussia Dortmund jagte mit Torjäger Erling Haaland den von Hansi Flick trainierten FC Bayern.
Über sechs Jahre ist Eichner nun Coach der KSC-Profis, mit dem Bielefelder Mitch Kniat ist nur ein anderer Kollege aus der 2. Bundesliga länger als zwei Jahre bei seinem Club im Amt. Und auch in der Bundesliga übertrifft nur der seit 18 Jahren in Heidenheim arbeitende Frank Schmidt Eichners Amtszeit. Karlsruhes Rekordtrainer ist Winfried Schäfer mit knapp zwölf Jahren. Seit dessen Beurlaubung 1998 versuchten sich bis zu Eichners Amtsantritt im Februar 2020 nicht weniger als 20 Trainer bei den Badenern. Große Namen wie Jogi Löw oder Stefan Kuntz waren dabei. Letzterer stieg mit den Karlsruhern immerhin sogar in die 2. Liga auf. Edmund Becker führte sie 2007 sogar noch mal in die Bundesliga und hielt sie auch dort.
Gerangel hinter den Kulissen
Doch so nachhaltig wie Eichner arbeitete seit Schäfer kein Trainer mehr in Karlsruhe. Dabei schien die endgültige Beförderung zunächst eine Überraschung. Nach einer 0:2-Heimniederlage entließ der KSC auf Abstiegsplatz 17 stehend seinen Aufstiegs-Trainer Alois Schwartz, der seitdem mit Preußen Münster übrigens schon den vierten Club betreut. In seinem ersten Spiel als Interimscoach schied der damals 37 Jahre alte Eichner dann direkt im Achtelfinale des DFB-Pokals beim Viertligisten 1. Saarbrücken mit seinem Schwager Marcus Mann als Sportdirektor aus. In der Liga folgten ein 0:2 beim Hamburger SV und ein 1:1 gegen den VfL Osnabrück, bei dem die Badener den Ausgleich in der Nachspielzeit kassierten. Dennoch wurde Eichner danach erst einmal das Vertrauen bis Saisonende ausgesprochen. Es folgten je vier Siege, vier Unentschieden und vier Niederlagen und durch das 2:1 am letzten Spieltag in Fürth verdrängten die Karlsruher den 1. FC Nürnberg noch auf Rang 16 und hielten die Klasse sogar ohne den Umweg der Relegation. Es folgte die endgültige Ernennung zum Chefcoach. „Christian Eichner hat das Team in einer schwierigen Situation übernommen und wieder zurück in die Spur geführt“, sagte Sportchef Oliver Kreuzer. Gemeinsam wolle man den KSC „sportlich stabilisieren, weiterentwickeln und der Mannschaft eine neue Identität geben. Mit seiner frischen Art ist Christian dafür genau der richtige Mann.“ Und dann erklärte Kreuzer, er hätte sich sogar vorstellen können, mit Eichner in die 3. Liga zu gehen. Das klang alles schon sehr überzeugt und vertraut. Doch selbst der frühere Bayern-Profi Kreuzer, der seit seinem Ende in Karlsruhe im April 2023 ohne Verein ist, hätte sich damals wohl nicht vorstellen können, welch besondere und prägende Trainer-Ära da gerade begonnen hat.
Verkauf des Top-Stürmers
Dafür gibt es gleich mehrere Faktoren. Zum einen die emotionale Verbundenheit, Eichner ist in Sinsheim im Regierungsbezirk Karlsruhe geboren. Er wechselte mit 13 in der C-Jugend zum KSC, blieb 13 Jahre, wurde zum Profi, gehörte zum Aufstiegs-Team unter Becker und zog 2009 nach dem Abstieg aus der Bundesliga nach Hoffenheim weiter. 2016 begann er als Co-Trainer der U17 auch seine zweite Karriere im Wildpark und ist nun auch schon wieder zehn Jahre dort. 23 seiner 43 Lebensjahre hat er nun also in diesem Verein verbracht. Und ihn auch sportlich stabil gemacht. In seiner nun sechsten vollen Saison ist er dabei, den KSC zum fünften Mal auf einen einstelligen Tabellenplatz zu führen. In mehreren Spielzeiten schnupperten die Badener zwischenzeitlich am Aufstieg. Am realistischsten schien dieser wohl in der Vorsaison, als die Karlsruher die Hinrunde als Zweiter abschlossen, dann aber ihren bis dahin zwölfmal erfolgreichen Torjäger Budu Zivzivadse für zwei Millionen nach Heidenheim abgaben.
Und vielleicht gab es im Nachhinein auch da den ersten Bruch zwischen beiden Seiten. „Ein solcher Spieler wie Budu Zivzivadze ist für einen Verein wie den KSC nicht leicht zu ersetzen“, sagte Eichner damals: „Und jetzt gehen wir mal ganz detailliert rein: Für eine Mannschaft und ein Trainerteam ist das auch nicht immer einfach.“ In der Rückrunden-Tabelle belegte der KSC jedenfalls nur Rang zehn, im Abschluss-Klassement Platz acht. Auch Mannschafts-Kapitän Marvin Wanitzek sagte, in dem Wissen, dass der Verein „auf Einnahmen angewiesen“ sei: „Natürlich hätten wir uns alle erhofft, Budu mit aller Macht bei uns zu behalten.“ So habe man sich „ein Stück weit die Chance genommen“, an die starke Hinrunde anzuknüpfen. Eichner sagte nach der Saison: „Wenn wir uns an den Winter erinnern, wer uns da noch verlassen hat im Sturm, also wenn wir den berühmten Strich drunter machen, waren wir echt zufrieden mit dem letzten Jahr.“ Heißt: Mehr war ohne Zivzivadze nicht drin. Und doch blickte er ambitioniert nach vorne: „Vielleicht sind wir irgendwann mal dran – und das muss das Ziel bleiben.“
In dieser Saison konnten die Karlsruher aber nie so wirklich Kontakt zu den Aufstiegsplätzen aufnehmen, auch wenn es keinen totalen Absturz gab. Dennoch merkte man die ganze Saison über, dass es gärte im Club. Zwischendurch verlor der KSC mal fünf Spiele in Serie. Und hätte Eichner das sechste auch noch verloren – es wurde ein 2:2 im letzten Hinrunden-Spiel beim VfL Bochum – wäre er vielleicht da schon beurlaubt worden. Kurz vorher hatte sich der Club ohne offizielle Angabe von Gründen von Eichners langjährigem Assistenten Zlatan Bajramovic getrennt. „Zlatan Bajramovic und ich haben das beste Verhältnis, das man sich vorstellen kann. Es ist null Komma null vorgefallen“, sagte Eichner den „Badischen Neuesten Nachrichten“. Er habe „den wichtigsten Menschen“ in seinem direkten Umfeld verloren. Das Thema „Zurücktreten“ habe es aber „bei mir eigentlich nicht gegeben“. Eigentlich. Dabei sei aber genau das das Ziel gewesen, vermutete TV-Moderator Thomas Wagner in der „Glanzparade“ bei Sky. „Es gibt für mich nur eine schlüssige Erklärung: Man wollte mit dieser Entlassung Eichner zum Rücktritt zwingen, damit man ein bisschen Geld spart.“ Der Trainer habe schließlich „so ein Standing bei den Fans, den kannst du nicht entlassen. Der performt seit sechs Jahren über.“
Viele Optionen für Eichner
Karlsruhe und Eichner gingen zusammen in die Rückrunde, doch schon von außen schien allen da klar, dass diese Geschichte nun endlich ist. Anfang April gab der Verein schließlich die Trennung zum Saisonende bekannt. Verwies im zweiten Satz zwar auf eine „gemeinsame Entscheidung“, stellte aber schon im Teaser klar, von wem die Trennung ausging. „Nach sechseinhalb Jahren mit Christian Eichner als Cheftrainer vollzieht der Karlsruher SC zur Saison 2026/27 einen Trainerwechsel“, hieß es dort.
„Über die Bedeutung von Christian Eichner für den KSC gibt es keine zwei Meinungen“, sagte Sport-Geschäftsführer Mario Eggimann. Der Trainer habe sich „zu einem Aushängeschild unseres Clubs entwickelt. In unserer Verantwortung für den KSC ist es jedoch unsere Aufgabe, die Gesamtsituation zu jeder Zeit zu bewerten und zu hinterfragen. Über die Zeit ist der Eindruck gereift und hat sich immer weiter verfestigt, dass wir nach sechseinhalb Jahren gemeinsamer Arbeit einen Punkt in der Entwicklung erreicht haben, an dem wir für die Zukunft neue Impulse setzen wollen.“ Eichner betonte, dass er immer die Interessen des Vereins über alles gestellt habe: „Insofern habe ich stets versucht, auch solche Entscheidungen loyal mitzutragen, die ich persönlich womöglich anders getroffen hätte.“ Ihm sei die Arbeit aber „extrem ans Herz gewachsen“.
Von den Fans kamen die erwarteten Proteste. Aber in einem von der Vereinsführung vielleicht nicht erwarteten Ausmaß. In einer Petition, die schon am ersten Tag 5.000 Fans unterzeichneten, wurde der Verbleib Eichners und dafür die Trennung von den Geschäftsführern Eggimann und Michael Becker gefordert. Eine brisante Konstellation also, auch wenn der KSC mit dem Neubau des Stadions in anderer Hinsicht eine gute Grundlage geschaffen hat.
Bei Eichner kamen schnell wieder Gerüchte um Interesse von anderen Clubs. In den Vorjahren wurden vor allem seine anderen Ex-Clubs als Spieler, Hoffenheim und Köln, gehandelt. Nun auch Union Berlin. Auch einen Wechsel ins Ausland schloss er nicht aus. So oder so geht eine im Profi-Fußball ganz besondere Ära gefühlt unwürdig zu Ende.