Dauerbaustelle: Die Stadtautobahn wird noch mindestens fünf Jahre nicht wirklich funktionieren. Ein neu eröffnetes Teilstück der A100 entpuppt sich zudem als Staufalle wegen einer kaputten Brücke. Weitere 120 Tragbauwerke der Hauptstadt müssen ebenfalls erneuert werden.
Wenn Berlin was richtig gut kann, dann ist es Brücken abreißen, entweder mit Sprengstoff oder mit monströsen Knabber-Baggern. Doch oftmals bleiben anschließend über Jahre die beräumten Flächen als Brachen liegen. Die Neubau-Planungen werden von Gerichten durchkreuzt, Investoren gehen pleite oder es ist schlichtweg erst mal sowieso kein Geld da. In diesem Frühjahr zeigte Berlin im Fall der beiden einsturzgefährdeten Autobahnbrücken erstmals echte Nehmer-, oder besser Abrissqualitäten: In nur drei Wochen waren zwei über 60 Jahre alte Autobahnbrücken wegen akuter Einsturzgefahr innerhalb von nicht mal drei Wochen komplett abgeräumt. Zu dieser Eile mahnte auch der Umstand, dass die darunter führende Ringbahnstrecke nicht mehr durchgängig befahren werden konnte.
Abriss in weniger als drei Wochen
Der S-Bahnverkehr läuft zumindest in diesem Bereich wieder. In der Stadtautobahn Richtung Norden klafft nun eine über einen Kilometer lange Lücke. Ausgerechnet auf dem deutschlandweit meistbefahrenen Autobahnteilstück am Berliner Funkturm. Berlins Regierender Bürgermeister Kai Wegner (CDU) lässt sich seitdem als echter Macher in den Medien feiern. Doch das soll nicht nur fürs Abreißen gelten, sondern auch für den Neubau. Die beiden weggebaggerten Brücken sollen in Rekordzeit neu gebaut werden. Lückenschluss der A 100 am Kreuz Funkturm in nicht mal zwei Jahren! Wer Berlin kennt, hat da berechtigte Zweifel. Doch an dieser Stelle nicht wieder Berlin-Bashing, Stichwort Flughafen.
Gerade beim Straßenbau ist Deutschland generell nicht gerade für außerordentliche Geschwindigkeit berühmt. Erinnert sei hier nur an die zahlreichen Baustellen der A 43 und A 44 gerade im Nordrhein-Westfälischen, ganz zu schweigen vom kläglichen Ende der A 1 in Rheinland-Pfalz. Doch Berlins Regierender Bürgermeister Wegner wittert mit dem schnellen Lückenschluss der Stadtautobahn seine große Chance. Die Bundeshauptstadt will nun dem Rest der Republik zeigen, was neue Berliner Geschwindigkeit heißt. Im Sommer 2027 soll der Verkehr dort wieder auf drei Spuren Richtung Nord rollen.
Allerdings hat die Berliner Politik beim Neubau nur wenig mitzureden, die bundeseigene Autobahngesellschaft Nord, beziehungsweise die zuständige Projektgesellschaft Deges sind die Hauptverantwortlichen. Wobei die Planungen für die kleinere, die Westend-Brücke, schon abgeschlossen sind. Nun wurde der Neubau der Ringbahnbrücke in Rekordzeit im europäischen Vergabeverfahren ausgeschrieben und in nicht mal in vier Monaten entschieden. Die österreichische Arbeitsgemeinschaft Habau/MCE erhielt den Auftrag. Baubeginn spätestens Mitte Oktober, die Bauvorbereitungsmaßnahmen liefen bereits Mitte August an, noch vor der endgültigen Vergabe.
Auch wenn dort zukünftig keine Stahlbeton-, sondern eine reine Stahlkonstruktion entstehen wird, gilt die anvisierte Bauzeit auch in Fachkreisen als äußerst ambitioniert. Vor allem, weil die Ringbahnbrücke nun auch mit Lärmschutzwänden ausgestattet werden soll, die es bislang nicht gibt. Erste Anwohner und auch Vermieter drohen derweil schon mit Klagen, weil sie ihren Blick nicht durch eine monströse Lärmschutzwand verbaut haben wollen. Offenbar lieber Autobahnlärm, und zwar mit Ausblick! Man will ja auch sehen, woher der Krach kommt.
Da könnte dann die neue Berliner Geschwindigkeit schneller als gedacht ins Stocken geraten, da auch diverse Umweltgruppen nach juristischen Finten suchen, wie sie den Wiederaufbau ebenfalls noch per Gerichtsbeschlüssen verschleppen können. Zum Beispiel wollen sie auf dem Neubau-Teilstück nicht drei, sondern nur zwei Fahrspuren und dazu eine Fahrradstraße durchsetzen.
Dann ist da noch die Ringbahn, die wieder überbaut werden muss, doch der S-Bahn-Verkehr soll auf diesem Teil auf keinen Fall, wie im Frühjahr, total gesperrt werden, sondern wenn, dann nur nachts oder an Wochenenden. Das erfordert erhebliche Absprachen zwischen Bahn AG und Autobahngesellschaft, auch so was kostet Zeit.
Immer wieder neue Baustellen auf der A 100
Doch selbst wenn die zu erwartenden Klagen erfolglos bleiben und die logistisch mehr als herausfordernden Baumaßnahmen funktionieren, wird der pünktliche Lückenschluss im Sommer in zwei Jahren den Berliner Straßenverkehr in diesem A 100-Bereich nur für einige Wochen entlasten. Der komplette Umbau des Autobahnkreuzes Funkturm ist seit Jahren geplant, wurde aber immer wieder aus politischen oder finanziellen Gründen verschoben. Im Sommer 2027 soll es nun endgültig an dem Verkehrsknoten losgehen. Im selben Jahr, vier Kilometer vom Funkturm entfernt auf der A 100, soll auch mit dem Neubau der längsten Autobahnbrücke Berlins angefangen werden. Parallel zur alten Rudolf-Wissell-Brücke wird erst eine neue Brücke Richtung Nord gebaut. Ist die fertig, soll der gesamte Verkehr über den Neubau in beide Richtungen fließen, die alte wird abgerissen und neu erstellt. Die nächste Staufalle in zwei Jahren, direkt hinter dem Kreuz Funkturm auf der A 100. Kritiker sprechen vom „organisierten Verkehrskollaps“.
Es scheint ein Fluch über der Berliner Stadtautobahn zu liegen. Erst Ende August wurde am Ende der A 100 im Osten das Teilstück Neukölln-Treptower Park eröffnet. Baukosten sage und schreibe 720 Millionen Euro für 3,2 Kilometer, Deutschlands bislang teuerstes Autobahn-Teilstück. Raffiniert, am nordöstlichen Ende landet die A 100 mitten im Berliner Straßenverkehr und soll sich dort „einfädeln“. Wofür die Planer nichts können: Die für den Verkehrsfluss an dieser Stelle entscheidende Elsenbrücke über die Spree, sechsspurig, ist ebenfalls ein totaler Sanierungsfall und wird nun unter fließendem Verkehr erneuert. Nur noch eine Spur in jede Richtung. Der örtliche Kiezverkehr am Treptower Park bricht nach der Eröffnung des 16. Bauabschnitts der A 100 erwartungsgemäß regelmäßig zusammen, die BVG stellt immer wieder zu Spitzenzeiten ihren Busverkehr dort ein, weil die großen Gelben weder vor noch zurückkommen. In der Folge wird nun Deutschlands teuerstes Autobahnteilstück regelmäßig gesperrt. Eine Entzerrung des Verkehrs-chaos am Treptower Park ist voraussichtlich bis 2028 nicht zu erwarten, dann soll die Elsenbrücke fertig saniert sein, wenn alles gut läuft. Was Straßenbrücken in Berlin angeht, legt da niemand mehr für irgendwas seine Hand ins Feuer.
Der Gesamtsanierungs- oder sehr viel wahrscheinlicher, Neubaubedarf der Berliner Straßenbrücken wird mit 120 Stück taxiert. Ist eine Brücke zumindest repariert, kann im gleichen Straßenverlauf schon zwei Kilometer weiter die folgende gesperrt sein. Einen neuen Weg ging man da, ebenfalls im Frühsommer, im Bezirk Treptow-Köpenick, als eine Schnellstraßenbrücke über eine viel befahrende Kreuzung im Ortsteil Oberschöneweide vor dem Zusammenbruch stand. Die Brücke wurde kurzerhand abgerissen und der zuständige Baustadtrat kündigte an, diese werde auch nicht wieder neu gebaut, sondern man suche jetzt nach einer „anderen, intelligenten Verkehrslösung“. Da kann man als Verkehrspolitiker in Berlin zumindest nicht viel falsch machen.