Steve Röder, Anna-Lena Haben und Christof Olbrich sind seit ihren Erfolgen bei den Weltspielen 2023 in Berlin so etwas wie die saarländischen Special-Olympic-Stars. Auch dieses Jahr mischen sie „zuhause“ wieder mit.
Steve Röder weiß genau, was er will. Und das schreibt er gern auch so auf: „Ich möchte wieder Gold holen.“ Nicht mehr, nicht weniger. Was nach einem lapidaren Satz klingt, ist für den Saarländer das Ergebnis von mehr als einem Jahrzehnt Ehrgeiz, Fleiß und Begeisterung. Wenn vom 15. bis 20. Juni 2026 die Special Olympics Nationale Spiele im Saarland stattfinden, dann tritt einer der erfahrensten deutschen Special-Olympics-Schwimmer in seiner eigenen Heimat an – und das mit einer Vita, die ihresgleichen sucht. Über 4.000 Athletinnen und Athleten werden bei dem größten inklusiven Multisport-Event Deutschlands für Menschen mit geistiger Beeinträchtigung erwartet. Veranstaltet wird das Großereignis von Special Olympics Deutschland e. V. und Special Olympics im Saarland e. V. gemeinsam mit dem Land als Gastgeber. Für das Saarland ist es die erste Ausrichtung der Spiele – und für Steve zudem ein Heimspiel.
Der 25-Jährige aus dem Raum Saarbrücken wird im Schwimmen über 100, 200 und 400 Meter Freistil starten. Erstmals dabei war er 2015 bei Landesspielen in Speyer. Es folgten Nationale Spiele in Hannover (2016), Kiel (2018), die Winterspiele in Berchtesgaden (2020) – und dann Berlin. Gleich zweimal. Bei den Nationalen Spielen 2022 in Berlin schwamm er über 400 Meter Freistil zu Gold – in persönlicher Bestzeit. Ein Jahr später, bei den Special Olympics Weltspielen 2023 in Berlin, dem bis dahin größten internationalen Sportereignis in Deutschland seit den Olympischen Spielen 1972 in München, holte er Bronze. Mit seiner Zeit von 8:35,77 Minuten hatte er wieder eine neue persönliche Bestzeit im Gepäck. „Ich habe mich im Wasser sehr wohlgefühlt, habe echt gekämpft und alles rausgeholt“, sagte Steve danach – und ergänzte stolz: „Ich bin heute dritter Sieger geworden, bin super geschwommen und habe eine gute Bestzeit herausgeholt. Damit bin ich sehr glücklich.“ Vor dem Finale in Berlin hatte er vor den Kameras von ARD und ZDF seine Ziele etwas hochgesteckt: „Ich werde die Goldmedaille schaffen. Ich fühle die Stärke im Kopf, in den Beinen und im Herz.“ Dass es am Ende Bronze wurde, trübte seine Freude kein bisschen. Solche Sätze lassen sich schwer mit Prognosen verbinden – aber mit Persönlichkeit.
Wenn alles zu viel wird, sortiert er Bohnen zur Entspannung
Diese Persönlichkeit ist es, die Steve Röder über den Sport hinaus bekannt gemacht hat. Jahrelang war er Athletensprecher bei Special Olympics Saarland – ein Amt, das er nach eigenen Angaben drei Jahre lang bekleidete, bevor er es an seine Nachfolgerin weitergab. Bei den Weltspielen in Berlin übergab der saarländische Sportminister Reinhold Jost ihm und seiner Schwimmkollegin Anna-Lena Haben sogar offizielle Autogrammkarten. Eine erste Autogrammstunde folgte gleich auf dem Sommerfest InkluSaar in Dillingen.
Seinen Schwimmstil hat Steve mit Trainer Michael Volz bei der DLRG-Ortsgruppe St. Johann verfeinert. Volz sagt über ihn: „Er ist unheimlich ausdauernd, hat extrem viel Kraft und lässt sich nicht unterkriegen.“ Das Training ist intensiv: zweimal pro Woche im Hallenbad Dudweiler und an der Sportschule Saarbrücken, dazu ein bis zwei weitere Einheiten mit dem SOD Saar Sportverein. Seit mehreren Jahren trainiert Steve zudem in einer Gruppe mit Schwimmerinnen und Schwimmern ohne Beeinträchtigungen. Sein erklärtes Vorbild ist der mehrfache Freiwasser-Weltmeister Thomas Lurz. An vier Trainingslagern der Special-Olympics-Nationalmannschaft hat er bereits teilgenommen.
Nach dem Training geht es für Steve Röder mit dem Bus von Saarlouis zurück in den Raum Saarbrücken. Tagsüber arbeitet er bei der Reha GmbH in den Saarwiesen, wo er in der Schreinerei tätig ist. „Schleifen, Bohren, und er darf mit Maschinen arbeiten“, berichtet sein Vater Ralf und ergänzt: „Das macht ihm sehr viel Spaß.“ Wenn Steve der Alltag zu viel wird, setzt er sich an seinen Schreibtisch und sortiert Bohnen. Ja, richtig gelesen: Für ihn ist das eine fast meditative Beschäftigung, die ihn beruhigt, wie er erzählt. Außerdem greift er auch gerne mal zur Gitarre. Sie zu spielen hat er sich zum Erstaunen seiner Eltern mit Hilfe von Internetvideos selbst beigebracht. Mehrmals pro Woche übt er und wird immer besser. Dazu kommt Singen und Tanzen, am liebsten zu deutschem Schlager, sowohl privat als auch in einer Band.
Sein Vater hat die richtige Perspektive auf all das: „Man muss sehen und glücklich sein mit dem, was er erreicht hat. Und sich nicht auf das konzentrieren, was er nicht erreichen kann.“ Und das Erreichte ist viel: Lesen, schreiben, Gelesenes verstehen, im Beruf arbeiten, Medaillen bei Weltspielen erschwimmen, Gitarre spielen, Autogrammstunden geben – für einen Menschen mit geistiger Beeinträchtigung ist das nicht selbstverständlich. Für Steve Röder inzwischen schon.
Gemeinsam mit Steve ziert auch die Dillinger Schwimmerin Anna-Lena Haben eines der offiziellen Werbeplakate des Saarlandes für die Spiele. Die 22-Jährige holte bei den Weltspielen 2023 in Berlin Silber über 50 Meter Freistil und Bronze mit der Staffel. Seither hat sie die Schule abgeschlossen und arbeitet in einer AWO-Werkstatt. Ihr Motto, das unverändert gilt: „Trainieren und kämpfen.“ In Forbach, wo die Schwimmwettbewerbe der Nationalen Spiele 2026 grenzüberschreitend auf französischer Seite ausgetragen werden, will sie an ihre Berliner Leistungen anknüpfen. Sie tritt im Freistil an, im Einzel über 25 und 50 Meter sowie in einer Unified-Staffel (zwei Menschen mit und zwei ohne Beeinträchtigung) über 4 x 25 Meter und 4 x 50 Meter.
Der Dritte im Bunde der Werbeträger aus dem Saarland ist Christof Olbrich. Er hatte bei den Weltspielen 2023 im Tennis Silber im Doppel und den vierten Platz im Einzel geholt. Der 22-jährige Tennisspieler vom Tenniszentrum DJK Sulzbachtal arbeitet beim Landessportverband für das Saarland und gilt als Musterbeispiel für gelungene berufliche Inklusion. Dreimal pro Woche steht er auf dem Tennisplatz – und weiß ganz genau: „Verlieren ist nicht so schön. Aber auch nicht so schlimm.“ Diese Einstellung ist die beste Voraussetzung für eine erfolgreiche Teilnahme an den Special Olympics Nationale Spielen 2026, dem Mega-Sportevent für Menschen mit und ohne Beeinträchtigungen.