Die frei zugängliche Ausstellung „Zeitreise ins alte Tiergartenviertel“ in der Kunstbibliothek erinnert an die kunstbegeisterte Bewohnerschaft des Matthäikirchplatzes vor 100 Jahren. Sie erzählt eindrucksvoll von einer glanzvollen Epoche, die 1933 vom NS-Regime jäh beendet wurde.
Wer heute über das Kulturforum schlendert, bewegt sich über eine Bühne der Moderne: Philharmonie, Staatsbibliothek, Gemäldegalerie, Museen bilden ein weltweit einzigartiges Architekturensemble. Genau hier, im Herzen Berlins, blühte schon vor 100 Jahren ein anderes Kulturforum – glamourös, mondän, voller künstlerischer Leidenschaft. Als das „untergegangene Atlantis der Moderne“ bezeichnet Moritz Wullen, Direktor der Kunstbibliothek, das alte Tiergartenviertel, einst einer der elegantesten Schauplätze der Hauptstadt.
Das Viertel galt als eines der besten in Berlin
Die Matthäikirche war das Zentrum. Rundherum standen herrschaftliche Häuser mit hohen Fassaden und üppigen Salons. Hier lebten Unternehmer, Künstlerinnen, Intellektuelle und Mäzene – Menschen, die ihre Welt mit Kunst, Musik, Mode und Literatur verzauberten. Sie ruft die Kunstbibliothek in ihrer Langzeit-Sonderausstellung „Zeitreise ins alte Tiergartenviertel“ wieder ins Gedächtnis. Bis Ende 2028 ist die Präsentation im ersten Obergeschoss kostenlos zu besichtigen.
Das Tiergartenviertel galt seit den 1860er-Jahren als eine der schönsten Adressen Berlins. Aus Sommerhäusern inmitten weiter Gärten war ein begehrtes Wohnquartier geworden. In den 1910er- und 1920er-Jahren schließlich war es der „place to be“: Kunsthändler, Maler, Bildhauer, Modejournalisten, Innenarchitekten, Schauspieler – sie alle fanden hier ihre Bühne. Das Viertel war nicht nur Wohnort, es war ein Netzwerk, ein Ideenlabor. Hier traf man sich zu Dinners, Mode-Tees, Atelierbesuchen, Konzerten und Ausstellungen. Man diskutierte über Impressionismus und Avantgarde, entwarf Kollektionen, probte Skulpturen, schrieb Essays. Der Alltag war durchdrungen von Kunst – so sehr, dass viele der Wohnungen selbst wie Museen wirkten.
Die Ausstellung erzählt von Persönlichkeiten, die dieses Viertel prägten. Eine zentrale Figur ist dabei Julie Elias, Modejournalistin und Gastgeberin von legendären Abendgesellschaften. Gemeinsam mit ihrem Mann Julius verwandelte sie ihr Eckhaus am Matthäikirchplatz in eine Bühne für die Berliner Kulturelite. Der Maler Max Liebermann gehörte zu den regelmäßigen Gästen. Ebenso Schriftsteller, Schauspielerinnen, Musiker. Julie Elias verstand es, Mode in Worte zu fassen wie kaum eine andere. Sie schrieb in farbenfrohen Bildern über die Berliner Mode, schwärmte von Pastelltönen und funkelnden Abendkleidern. Ihre mit reichlich Kunst ausgestattete Wohnung war Treffpunkt der Kulturelite, „Mittelpunkt eines Freundeskreises von hervorragenden Vertretern des Schrifttums, des Theaters und der bildenden Künste“, wie es der Kunstkritiker Max Osborn nannte.
Die Familie Elias umgab sich mit Meisterwerken von Liebermann, Slevogt, Monet, Manet, Cézanne, van Gogh, Munch und vielen anderen.
Gleich um die Ecke lebte Paul Cassirer, einer der bedeutendsten Kunsthändler seiner Zeit. Von 1906 bis 1916 wohnte er in der Margarethenstraße 1, mit Blick auf den Matthäikirchplatz – genau dort, wo heute das neue Museum „Berlin Modern“ entsteht.
Cassirer war es, der den französischen und deutschen Impressionismus in Berlin groß machte. Von den 120 in Deutschland verkauften Van-Gogh-Werken gingen ganze 80 über seine Galerie. Zwischen 1901 und 1914 richtete er in seiner Galerie in der Victoriastraße nicht weniger als zehn Einzelausstellungen des damals noch umstrittenen Malers aus.
Unter seinen Kunden ragte der Großkaufmann Eduard Arnhold heraus, ein bedeutender Sammler, Mäzen der Staatlichen Museen und Stifter der „Villa Massimo“ in Rom.
Sein Haus in der Regentenstraße 19, seit 1899 mit einem eigenen Oberlichtsaal ausgestattet, war eine private Galerie von Weltrang. An den Wänden hingen Gemälde von Monet, Manet, Pissarro, Sisley, Degas, Renoir, aber auch von Liebermann, Leistikow und Uhde – viele davon zuvor bei Cassirer erworben. Heute liegt das Grundstück unter den Mauern der Gemäldegalerie.
Entstehung der „Berliner Haute Couture“
Auch die Künstlerinnen und Künstler zog es ins Tiergartenviertel. Der Maler Adolph von Menzel hatte bereits seit 1875 seinen Wohn- und Arbeitsort in der Sigismundstraße, dort, wo heute der Treppenaufgang zur Gemäldegalerie liegt. Wenige Jahrzehnte später richtete sich der Bildhauer Georg Kolbe, enger Freund des Kunsthändlers Paul Cassirer, in der Regentenstraße ein. Ganz in der Nähe, in der Magdeburger Straße, lebte ab 1915 die gefeierte Bildhauerin Renée Sintenis mit ihrem Mann, dem Maler und Kunstprofessor Emil Rudolf Weiß. Sie wurde von Cassirer gefördert, von Rudolf Flechtheim vertreten und schrieb Kunstgeschichte: 1931 als erste Bildhauerin in die Berliner Akademie der Künste aufgenommen, schuf sie im Jahr darauf den „Goldenen Bären“, das Wahrzeichen der Berlinale, das bis heute an ihre große Strahlkraft erinnert.
Das Tiergartenviertel war in dieser Epoche zudem ein Zentrum der Mode. Hier entstand handgefertigte „Berliner Haute Couture“, die bald über die Stadt hinaus strahlte. Eine der renommiertesten Couturières war Erna Becker vom Modellhaus Max Becker, die in der Tiergartenstraße ein eigenes Mode-Palais betrieb. Ihre Kundinnen reichten von der Autopionierin Clärenore Stinnes bis zur jungen Schauspielerin Marlene Dietrich, die sich vor ihrer Abreise nach Hollywood für 23.000 Reichsmark neue Kleider, Mäntel und Kostüme von Erna Becker anfertigen ließ.
Kunstvolle Antiquitäten- und Inneneinrichtungsateliers durften in dieser Zeit ebenso nicht fehlen. Leni Michels-Fougner galt als Meisterin der Inneneinrichtung und schuf Räume, die so kunstvoll gestaltet waren, dass Zeitschriften von musealer Anmut sprachen. Innenarchitekt Paul Huldschinsky, Spross einer kunstsammelnden Familie aus der Matthäikirchstraße, setzte ihre Tradition fort. In der Emigration in Hollywood richtete er das Haus Thomas Manns in Pacific Palisades ein und erhielt 1945 einen Oscar für die Filmausstattung von „Gaslight“.
„Ich habe den Set nur so eingerichtet, wie wir zu Hause gelebt haben“, sagte er einst in seiner nonchalanten Art. Nach ihm gab es zwei weitere Oscars für einen im Tiergartenviertel geborenen Kreativen: Ken Adam schrieb als Szenenbildner Filmgeschichte. Er schuf den legendären silbernen Aston Martin und zahllose futuristische Raumgestaltungen. Wie schon Huldschinsky stattete auch er – noch Jahrzehnte später – Filmsets nach dem Vorbild der elterlichen Wohnungen im Tiergartenviertel aus.
Doch mit der Machtübernahme der Nationalsozialisten begann die Zerstörung. Jüdische Bewohnerinnen und Bewohner wurden entrechtet, ihrer Häuser und Sammlungen beraubt, vertrieben oder ermordet. Von mehr als 500 Häuserensembles des Tiergartenviertels haben lediglich 17 überdauert.
Zurück blieb ein Mythos, der in der Ausstellung lebendig wird und die Glanzzeit des Tiergartenviertels eindrucksvoll erlebbar macht.
Joachim Brand, Bibliotheksdirektor und Projektleiter, und Gesa Kessemeier, wissenschaftliche Mitarbeiterin, haben in akribischen Recherchen durch Adressbücher, Entschädigungsakten und Museumssammlungen das einstige Netzwerk freigelegt. Sie haben daraus eine Erzählung gewebt, die nicht nur von Häusern und Straßen berichtet, sondern von Menschen und ihrem Lebensgefühl.