Die Wasserqualität eines Gewässers sagt nicht unbedingt sehr viel aus über den Grad der Verschmutzung. So auch im Rhein. Doch woher kommt der Müll und was kann man dagegen tun?
Trotz einer kontinuierlichen Verbesserung seiner Wasserqualität leidet der Rhein an starker Verschmutzung. Laut einer aktuellen Studie sind vor allem Privatpersonen verantwortlich und die Lage ist dramatischer als angenommen. Rund 53.000 größere Müllpartikel passieren täglich Köln, um sich in der Nordsee auf jährlich bis zu 4.700 Tonnen Abfall zu summieren.
Die rasant zunehmende Vermüllung der Meere, Flüsse und Seen stellt ein riesiges ökologisches Problem dar. Nicht nur Ölverschmutzungen richten unübersehbare Umweltschäden an, sondern vor allem Plastikmüll. Der größte Teil des Kunststoffabfalls zerfällt im Laufe der Zeit zu Mikroplastik. Alarmierende Prognosen der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) warnen vor dem dramatischen Anstieg der Ansammlung von Kunststoffen in aquatischen Lebensräumen: von im Jahr 2019 taxierten 140 Millionen Tonnen auf 493 Millionen Tonnen im Jahr 2060. Obwohl der meiste Abfall in den Meeren über die Flüsse dorthin gelangt, wird deren Schlüsselrolle noch viel zu wenig beachtet. Meist wird sich auf visuelle und punktuelle Zählungen von sogenanntem Makromüll – Abfallteilchen, die wenigstens eine Größe von einem Zentimeter Länge haben – beschränkt.
Ermittlung per Langzeitprojekt
Für den Rhein liegen nun erstmals verwertbare Zahlen vor, die in einem ungemein aufwendigen bürgerwissenschaftlichen Langzeitprojekt gewonnen werden konnten, das im September 2022 gestartet wurde. Doch bevor Forscher unter Federführung von Dr. Leandra Hamann vom Institut für Organismische Biologie und Katharina Höreth vom Institut für Geographie, beide Universität Bonn, und Nina Gnann vom Fachbereich für Geowissenschaften der Universität Tübingen in das Projekt eingestiegen waren, das auch von der Bundesanstalt für Gewässerkunde unterstützt wird, hatte ein im Jahr 2016 aus einer Facebook-Gruppe hervorgegangener Kölner Verein namens „K.R.A.K.E. e. V.“ die nötige Vorarbeit geleistet. Zunächst hatten sich die Mitglieder als fleißige Müllsammler im Kölner Stadtgebiet hervorgetan.
Doch dann brachte einer der engagiertesten Helfer namens Nico Schweigert die Idee ins Spiel, den Müll auch direkt aus dem Rhein zu fischen. Und zwar mithilfe einer Müllfalle, wie er sie bereits an der Themse in London angetroffen hatte: die „Rheinkrake“. Wobei die Müllfalle, bei der es sich um einen zehn mal fünf Meter großen Ponton aus Stahl handelt, so konstruiert wurde, dass sie weder Fische, Vögel oder den Schiffsverkehr gefährden kann. Auf der linken Flussuferseite fängt sie seitdem 24 Stunden am Tag den vorbeifließenden Müll ab. Der Fangkorb ist drei Meter breit und 80 Zentimeter tief, womit etwa ein Prozent der Flussbreite des Rheins abgedeckt werden kann.
Da sich die „Kraklinge“ nicht mit dem regelmäßigen Leeren des Fangkorbs begnügen, sondern auch das Müllaufkommen wissenschaftlich dokumentiert haben wollten, nahmen sie Kontakt mit der Universität Bonn auf. „Die eigentliche harte Arbeit machen die Freiwilligen“, so Dr. Leandra Hamann. „Das sind Personen, die das in ihrer Freizeit machen. Manche bringen ihre Kinder mit, andere sind Rentner, das ist eine ganz gemischte Truppe, die da jeden zweiten Samstag bei jedem Wetter entweder den Müll aus dem Wasser holt oder zwei bis drei Stunden den Müll sortiert und vermisst, alles wiegt und fotografiert. Diese Handarbeit könnte sonst niemand finanzieren.“ Die freiwilligen Ehrenamtlichen hatten als sogenannte Citizen Scientists daher einen großen Anteil am Entstehen einer im Fachmagazin „Communications Sustainability“ veröffentlichten Studie, bei der die Forscher erstmals über einen Zeitraum von 16 Monaten die Menge und die Herkunft des Müllaufkommens im Kölner Rhein analysiert hatten.
Dabei waren 20.339 Makromüllteile gesichert worden, die neun verschiedenen Materialarten zugeordnet und gemäß internationalem Standard in 183 Müllarten klassifiziert werden konnten. „Auf das Gesamtvolumen hochgerechnet sind das im linearen Szenario etwas 53.000 Müllteile pro Tag, die Köln passieren. Jährlich entspricht das einem Gesamtgewicht von 2.169 Tonnen. Gewichtete Szenarien erreichen bei der Hochrechnung Werte von bis zu 3.391,8 Tonnen Müll pro Jahr im Rhein in Köln“, so das Team. Bezogen auf die gesamte Länge des Rheins gehen die Wissenschaftler daher davon aus, dass jährlich bis zu 42,2 Millionen Makro-Müllteile mit einem Gesamtgewicht bis 4.705,5 Tonnen mit dem Strom zur Nordsee gelangen. „Auf den gesamten Rhein hochgerechnet, liegen wir damit um das 22- bis 286-fache höher als bisherige Schätzungen aus anderen Studien“, so die Forscher.
Bei der Analyse eines zwölfmonatigen Untersuchungszeitraums zwischen November 2022 und November 2023 konnten die Wissenschaftler 17.523 gesammelte Abfallstücke mit einer geschätzten Gesamtmasse von 1.955 Kilogramm registrieren. „Die Menge der Abfälle schwankte um den Faktor 41 und war in Zeiten steigender Abflussmengen höher“, so das Team. Sprich, in Zeiten von Hochwasser konnte die Müllfalle deutlich mehr Schmutzteile einsammeln.
Ein zweite Müllfalle ist in Planung
Der Befund, dass Kunststoffe mit fast 70 Prozent den Mega-Anteil des gesammelten Makromülls ausmachten, dürfte kaum überraschen, wohl aber, dass auf Plastik gerade mal 15 Prozent des Gewichtsvolumens entfielen. „Was zeigt, dass auch andere menschengemachte Materialien wie Textilien, Glas oder Keramik die Gewässer belasten“, so die Forscher. Nach den Kunststoffen folgen daher auf den Rängen der Verschmutzung: bearbeitetes Holz, Glas und Keramik, Papier und Karton, Metall, Kautschuk, Chemikalien, Lebensmittelabfälle sowie Baumwolle und Textilien. Eine Überraschung stellte zudem der aus der Zwölf-Monate-Analyse ermittelte hohe Wert – stolze zehn Prozent! – von Feuerwerks-Relikten dar. „Wenn man sich klarmacht, dass das nur an einem einzigen Tag abgefeuert wird, dann ist das schon der Wahnsinn“, so Dr. Leandra Hamann.
„Wir haben gesehen, dass Einwegprodukte einen Anteil von 40 Prozent am gesamten Müll ausmachen, mehr als die Hälfte davon ist aus Kunststoff“, so Katharina Höreth, „Mehrwegprodukte hingegen hatten einen Anteil von weniger als acht Prozent, der Rest konnte nicht eindeutig zugeordnet werden.“ Von daher regte das Forschungsteam eine Ausweitung des Pfandsystems auf Flaschen und Verpackungen als sinnvollen Weg zu einer nachhaltigen Verringerung der Müllmenge in Flüssen an. Auch gezielte Reinigungsaktionen und Leerung von ufernahen Mülleimern vor einem Pegelanstieg könnten das Problem eindämmen. Laut einer auf der Studie basierenden „K.R.A.K.E.“-Pressemitteilung schwimmen jährlich 548.000 kleine Plastikflaschen, 222.000 große Plastikflaschen, 1.400.000 Glasflaschen, 1.170.000 Süßigkeiten-Verpackungen, 428.000 Feuerzeuge und 63.000 Schuhe auf dem Rhein vorbei. Hauptverursacher des Makromülls waren laut den Forschern nicht etwa Handel oder Industrie, sondern mehrheitlich Privatpersonen. „Wir haben festgestellt, dass private Verbraucher mit 56,4 Prozent die größte Quelle für Makroabfälle sind“, so das Team. Der Industrie konnten hingegen nur 5,9 Prozent des Mülls zugewiesen werden.
Laut dem Verein „K.R.A.K.E. e. V.“ wird die Sammelarbeit weiter fortgesetzt, um die Basis für eine weitere, einen noch größeren Zeitraum abdeckende Studie legen zu können. Geplant ist zudem die Aufstellung einer zweiten Müllfalle in Köln. Außerdem kooperieren die Kölner mit dem Verein „Initiativgruppe Ideen für Biebrich“ in Wiesbaden, um auch dort eine „Rheinkrake“ im Strom installieren zu lassen.