Mit ihrem Netzwerk the.so.close bringt Sandra Bayer Frauen zusammen – unabhängig von Beruf, Alter oder Lebenssituation. Im Gespräch erzählt die 39-Jährige aus Weselberg, warum sie diesen Raum geschaffen hat, weshalb Social Media echte Begegnungen nicht ersetzen kann und warum Mut oft nur einen kleinen Schritt entfernt ist.
Frau Bayer, wie entstand die Idee zu the.so.close?
Eigentlich ist sie aus meinem eigenen Leben heraus entstanden. Ich bin Mama von zwei kleinen Kindern und habe nebenberuflich den Schritt in die Selbstständigkeit gewagt. Irgendwann habe ich gemerkt, dass ich zwar für meine Familie und meinen Beruf da bin, aber etwas fehlt – etwas nur für mich. Gleichzeitig habe ich mich gefragt: Geht es anderen Frauen eigentlich genauso? Mir fiel auf, dass viele Frauen sehr stark in ihrem Alltag eingebunden sind. Ob Familie, Beruf oder Haushalt – oft bleibt kaum Raum für sich selbst. Gleichzeitig ist unser soziales Miteinander ein anderes geworden. Man schreibt sich eine Nachricht, scrollt durch Social Media, aber echte Begegnungen werden seltener. Daraus entstand die Idee, Frauen wieder persönlich zusammenzubringen.
Gab es dafür einen konkreten Auslöser?
Ich glaube schon. Die Corona-Zeit hat vieles verändert. Damals arbeitete ich noch im Einzelhandel. Ich erinnere mich gut daran, wie plötzlich alles schließen musste. Später stand ich wochenlang allein im Geschäft. In dieser Zeit hatte ich oft das Gefühl, nur eine Nummer zu sein – wichtig, solange die Zahlen stimmen. Parallel wurde unser Leben immer digitaler. Man ersetzt das Telefonat mit einer Freundin durch ein paar Minuten auf Instagram. Das ist bequem, aber es ersetzt keine echten Gespräche.
Wie haben Sie die ersten Teilnehmerinnen gefunden?
Ganz unkompliziert. Ich habe Freundinnen eingeladen, Frauen aus meinem Umfeld angeschrieben und auf Instagram einfach Menschen kontaktiert, die ich spannend fand. Ich dachte mir: Was habe ich zu verlieren? Im schlimmsten Fall bekomme ich keine Antwort. Im besten Fall entsteht etwas Neues. Dass daraus einmal eine so große Gemeinschaft werden würde, hätte ich damals nie gedacht.
Ihr eigener beruflicher Weg verlief alles andere als geradlinig.
Das stimmt. Ursprünglich komme ich aus Contwig, habe Wirtschaftsfranzösisch und Wirtschaftsenglisch gemacht und anschließend eine Ausbildung zur Kauffrau im Groß- und Außenhandel absolviert. Ich habe aber schnell gemerkt, dass ich mich im klassischen Bürojob nicht sehe. Deshalb bin ich in den Einzelhandel gewechselt. Dort war ich fast 15 Jahre tätig, habe mich Schritt für Schritt weiterentwickelt und schließlich zwei Filialen geleitet. Personalführung und die Arbeit mit Menschen haben mir immer viel Freude gemacht. Später habe ich meinen damaligen Partner in seiner Werbeagentur unterstützt. Dort ging es viel um Kundenkontakt, Akquise und Mitarbeiterführung. Auch das hat mir gezeigt, wie gerne ich mit Menschen arbeite.
Woher stammt eigentlich der ungewöhnliche Name the.so.close?
Er hat tatsächlich mit meiner beruflichen Tätigkeit zu tun. „Closing“ bedeutet zwar, einen Abschluss herbeizuführen. Aber für mich steckt darin viel mehr. Jeder Abschluss ist gleichzeitig ein Neuanfang. Wie oft stehen wir im Leben an einer Weggabelung und überlegen, ob wir den nächsten Schritt wagen sollen? Genau dieses Gefühl wollte ich mit dem Namen ausdrücken. Manchmal sind wir unserem nächsten Kapitel näher, als wir denken – eben so close. Und wenn wir nichts verändern, treffen wir übrigens auch eine Entscheidung. Nämlich die, genau dort stehenzubleiben, wo wir gerade sind. Dieser Gedanke begleitet mich selbst schon lange – beruflich genauso wie privat.
Sie sind also nebenberuflich als sogenannte „Closerin“ tätig. Was genau bedeutet das?
Der Begriff sorgt tatsächlich oft für Verwirrung. Im Grunde begleite ich Interessenten auf ihrem Weg zu einer Entscheidung. Ich führe Beratungsgespräche, lerne ihre Situation kennen und begleite sie bis zu dem Punkt, an dem sie sagen: „Ja, das ist der richtige Schritt für mich.“ Ich arbeite dabei mit einer Firma zusammen, die Menschen im Bereich Copywriting ausbildet. Es geht also nicht nur ums Schreiben, sondern auch darum, wie man sich beruflich positioniert und langfristig ein eigenes Business aufbauen kann. Wichtig ist mir dabei, dass ich hinter dem stehe, was ich empfehle. Ich könnte niemandem etwas verkaufen, von dem ich selbst nicht überzeugt bin.
Viele Menschen verbinden Selbstständigkeit mit Wachstum und möglichst hohen Umsätzen. Sie sprechen dagegen häufig von Freude und Sinn.
Weil das für mich tatsächlich wichtiger ist. Ich bin alleinerziehende Mutter von zwei kleinen Kindern. Natürlich muss ich wirtschaftlich denken. Aber mein Ziel ist nicht, jeden Monat eine bestimmte Summe zu verdienen. Ich möchte ein gutes Leben führen und dabei etwas machen, das sich richtig anfühlt. Diese Haltung versuche ich auch im Netzwerk weiterzugeben. Es geht nicht darum, ständig höher, schneller oder erfolgreicher zu werden. Es geht darum, seinen eigenen Weg zu finden.
Wie laufen Ihre Netzwerktreffen ab?
Das Schöne ist, dass sie sich immer weiterentwickeln. Es gibt keinen starren Ablauf und keine Pflicht, irgendetwas Bestimmtes zu tun. Natürlich bereiten wir Themen vor, aber wir lassen auch Raum für das, was an diesem Abend entsteht. Bei unserem letzten Treffen waren über 50 Frauen dabei. Wir haben Interviews geführt, persönliche Geschichten gehört und über Themen gesprochen, die viele bewegen: Selbstwert, Sichtbarkeit, finanzielle Unabhängigkeit oder die Frage, wie man Beruf, Familie und eigene Träume miteinander vereinbaren kann. Mich berührt dabei immer wieder, wie offen die Frauen miteinander umgehen. Viele erzählen Dinge, die sie sonst kaum jemandem anvertrauen würden. Daraus entstehen Gespräche, die weit über klassisches Networking hinausgehen.
Sie sprechen bewusst nicht nur Unternehmerinnen an.
Nein, ganz im Gegenteil. Das war mir von Anfang an wichtig. Natürlich kommen viele Frauen, die sich selbstständig machen möchten oder bereits ein eigenes Unternehmen führen. Gleichzeitig sitzen neben ihnen Angestellte, Beamtinnen, Rentnerinnen oder junge Mütter. Manche möchten beruflich etwas verändern, andere suchen einfach neue Kontakte oder jemanden, mit dem sie Sport machen oder einen Kaffee trinken können. Gerade diese Mischung macht das Netzwerk so wertvoll.
Haben Sie erlebt, dass Frauen zunächst Hemmungen hatten zu kommen?
Sehr oft sogar. Viele schreiben mir zuerst: „Ich bin doch gar nicht selbstständig. Ich habe doch gar nichts beizutragen.“ Dann antworte ich immer: Doch, natürlich hast du etwas beizutragen. Deine Erfahrungen, deine Gedanken und deine Persönlichkeit sind bereits ein Beitrag. Ich glaube, viele Frauen unterschätzen sich selbst. Sie denken, sie müssten erst etwas Besonderes leisten, bevor sie dazugehören dürfen.
Welche Themen bewegen die Teilnehmerinnen besonders?
Ein großes Thema ist Selbstwert. Viele Frauen stellen sich jahrelang hinten an – für die Familie, für den Beruf oder für andere Menschen. Irgendwann merken sie, dass sie selbst kaum noch vorkommen. Ein weiteres Thema ist finanzielle Unabhängigkeit. Ich finde, darüber wird viel zu selten offen gesprochen. Es gibt Frauen, die ihren Mann fragen müssen, wenn sie zum Friseur gehen möchten oder sich etwas Größeres kaufen wollen. Das ist oft mit Scham verbunden, obwohl es viele betrifft. Mir geht es dabei überhaupt nicht darum zu sagen, jede Frau müsse Unternehmerin werden. Aber jede Frau sollte die Möglichkeit haben, eigene Entscheidungen treffen zu können und finanziell ein Stück Eigenständigkeit zu besitzen.
Gleichzeitig kritisieren Sie die Welt der sozialen Medien.
Ich würde eher sagen: Ich wünsche mir einen bewussteren Umgang damit. Natürlich nutze ich selbst Social Media. Ohne Instagram wäre unser Netzwerk wahrscheinlich nie so schnell gewachsen. Aber wir dürfen nicht vergessen, dass wir dort fast ausschließlich die schönen Seiten des Lebens sehen. Viele vergleichen sich permanent mit diesem perfekten Bild und glauben, sie selbst seien nicht gut genug. Dabei wissen wir alle, wie wenig diese Hochglanzwelt mit dem echten Leben zu tun hat. Deshalb sind unsere Treffen für viele wie ein Gegenpol. Hier muss niemand perfekt sein. Hier darf man auch sagen, dass gerade etwas schwierig ist oder dass man nicht weiß, wie es weitergeht.
Haben Sie eine Vision für die Zukunft von the.so.close?
Ich wünsche mir, dass das Netzwerk weiterwächst, ohne seinen ursprünglichen Charakter zu verlieren. Mir geht es nicht darum, möglichst groß zu werden oder möglichst viele Veranstaltungen anzubieten. Viel wichtiger ist mir, dass jede Frau, die kommt, das Gefühl hat, gesehen und wertgeschätzt zu werden. Vielleicht entstehen irgendwann regionale Gruppen, vielleicht gibt es Workshops oder gemeinsame soziale Projekte. Ich könnte mir auch vorstellen, Frauen stärker miteinander zu vernetzen, die sich gegenseitig beruflich oder persönlich unterstützen können. Aber all das soll organisch wachsen.