Die Special Olympics Nationale Spiele Saarland 2026 sind als einzigartiges Event auch für die Wissenschaft von Interesse. Dabei geht es natürlich um sportwissenschaftliche Themen, aber beispielsweise auch das Ehrenamt, sagt Jenny Wolf, die als Bundestrainerin für das wissenschaftliche Begleitprogramm zuständig ist.
Frau Wolf, was verbirgt sich hinter dem wissenschaftlichen Begleitprogramm bei den Special Olympics?
Wir geben erfahrenen, aber neuen Forscherinnen und Forschern die Möglichkeit, im Rahmen der Spiele zu forschen.Das heißt, sie können Befragungen durchführen, Tests oder Beobachtungen machen und haben dafür dann Zugang zu den Athletinnen und Athleten, Trainerinnen und Trainern, je nach Zielgruppe ihrer Forschung. Dafür gibt es eine Akkreditierung, damit wir auch sicherstellen, dass Qualität dahintersteht, dass die Hochschulen für die Veranstaltung registriert sind und die Forschung korrekt abläuft.
Welche Themen sind dabei von Interesse?
Die Themenfelder sind sehr vielfältig. Bei Special Olympics geht es ja nicht nur um Sportwissenschaften, sondern auch um Inklusion und Teilhabe von Menschen mit geistiger Behinderung. Wir haben natürlich recht klassische sportwissenschaftliche Studien zum Bereich Motorik, Bewegungslernen. Wir haben aber auch Studien aus dem Bereich Ehrenamtsforschung. Es kommt eine große Forschungsgruppe, die die Helfenden befragen wird, und KI spielt bei einer Forschungsgruppe eine Rolle.
Was ist das spezifische Forschungsinteresse dabei?
Für uns als Special Olympics Deutschland ist erst einmal wichtig, dass wir Forschungslücken schließen. Menschen mit geistiger Behinderung werden oft nicht in der Forschung erfasst. Das hängt auch damit zusammen, dass man dort forschungsmethodisch anders herangehen muss. Wenn man zum Beispiel Befragungen macht, muss man barrierefreie Befragungen konzipieren, also etwa „leichte Sprache“ berücksichtigen. Das ist herausfordernd, und deswegen gibt es gar nicht so viel Forschung in diesem Bereich. Deshalb ist uns erst einmal ganz, ganz wichtig, dass die Zielgruppe Menschen mit geistiger Behinderung überhaupt in die Forschung einbezogen wird.
Eine Hürde dafür haben Sie schon genannt. Gibt es noch andere?
Es geht um eine, wie man sagt, vulnerable Gruppe. Das bedeutet, dass man ein Ethik-Votum beantragen muss, wenn man in diesem Bereich forschen möchte. Das ist für den ein oder anderen Jungforscher oder Studierenden noch eine Herausforderung. Aber das funktioniert eigentlich ganz gut, wenn man sich einmal mit dem Thema beschäftigt hat. Was uns auch wichtig ist: dass nicht nur an den Menschen, über die Menschen geforscht wird, sondern Menschen mit geistiger Behinderung einbezogen werden in die Forschung. Es gibt tolle Konzepte und Ansätze für partizipatives Forschen. Das ist natürlich auch herausfordernd: Man muss mehr Zeit einplanen, vielleicht eine zusätzliche Assistenz für Co-Forschende, um die Wünsche und Bedarfe der Zielgruppe mit zu berücksichtigen. Das macht ein solches Forschungsprojekt noch mal zusätzlich spannend, aber auch sehr bereichernd.
Es sind nun die Nationalen Spiele, ist das Forschungsinteresse auch national?
Wir freuen uns erst einmal sehr, dass die Universität des Saarlandes mit großen Gruppen vertreten ist aus verschiedenen Fachbereichen. Wir haben aber auch Forschungsgruppen aus München, aus Ludwigsburg, Stuttgart, also ein großes Interesse. Es kommen auch Studierendengruppen mit ihren Dozenten im Rahmen von Seminaren, um die Spiele zu erleben, aber auch, um wissenschaftliche Erhebungen zu machen. Und wir haben parallel noch einen kleinen Kongress, einen Fachtag, wo Studierende und andere Interessierte noch mal zusätzlich Impulse bekommen.
Die wissenschaftliche Begleitforschung gibt es nicht erst seit diesen Spielen. Wie hat es sich entwickelt?
Special Olympics hat damit angefangen, im Rahmen der Weltspiele Berlin 2023 ein großes Wissenschaftsprogramm aufzusetzen. Dort wurde sogar eine eigene Stelle geschaffen, um diese Themen international zu bearbeiten. Es gab schon bei den Nationalen Spielen Berlin 2022 Möglichkeiten zu Forschungsprojekten. Grundsätzlich gab es, seitdem es die Nationalen Spiele gibt, immer schon Interesse von Hochschulen, dabei zu sein. Wir versuchen, das immer mehr in eine Struktur zu bringen, also das Programm wächst.
Welche Erkenntnisse bringt diese Forschung?
Da gibt es einiges. Wir haben beispielsweise Projekte im Bereich Unified Sports, wo Menschen mit und ohne geistige Behinderung gemeinsam in einem Team Sport machen, und das auf Augenhöhe, also ohne Dominanz einzelner, einer gleichberechtigten Teilhabe am Sport. Da gibt es tolle Erkenntnisse, wie die Partner im Team kommunizieren, wie die Trainer die Ansprache machen müssen, damit das im Team gut funktioniert. Das können wir dann auch sehr gut für die Praxis und die Qualifikation von Trainern nutzen. Ich habe bei Special Olympics Deutschland die Funktion als Wissenschaftskoordinatorin. Ich sammle alle begleitenden Forschungsprojekte – immer mit dem Ziel, einen Praxistransfer zu haben, etwa in die Trainerqualifikation oder die Verbesserung unserer Angebote. Es kann aber darum gehen, gegebenenfalls ein Regelwerk anzupassen, oder auch, politisch zu wirken, wenn wir merken, dass es Defizite gibt, die strukturelle Hintergründe haben.
Welche können das sein?
Aktuell sind wir sehr am Thema Schulsport im Förderschwerpunkt geistige Entwicklung dran. Da gibt es gar keine oder kaum Daten. Deshalb wollen wir, dass in den großen Schulsport-Studien auch Förderschulen berücksichtigt werden, Schülerinnen, Schüler mit geistiger Beeinträchtigung gefragt werden, um ein Gesamtbild von der Schulsportqualität zu haben.
Es geht also auch um Wirkung in die Gesellschaft?
Wir wollen zunächst ganz klar darauf hinweisen, dass die Zielgruppe in der Forschung überhaupt berücksichtigt werden muss. Das kann man in der Politik nicht oft genug sagen, wenn es um die Förderung von Forschungsprojekten oder großen Studien geht. Und wir wollen darauf hinweisen, dass die Vorteile von Sporttreiben für Menschen mit geistiger Behinderung sehr groß sind, nicht nur im Bereich physiologischer Entwicklung, Fitness, Gesundheit, sondern vor allem auch im Bereich der Teilhabe: Sie werden selbstbewusster, können ganz anders auftreten, sie haben eine andere Selbstwahrnehmung. Deshalb ist es wichtig zu zeigen, dass Sport ein ganz wesentlicher Baustein ist, um eine inklusive Gesellschaft zu schaffen mit Teilhabemöglichkeiten für alle Menschen. Und um mehr Teilhabe von Menschen mit geistiger Behinderung zu erreichen, wollen wir auch Daten und Fakten liefern, um wichtige Schritte zu machen.
Und das langfristige Ziel?
Dass wir in Zukunft eigentlich gar nicht mehr über Forschung im Bereich Menschen mit geistiger Behinderung reden, sondern dass alle Zielgruppen, alle Menschen in ihrer Verschiedenheit einbezogen werden, in große Studien, in Befragungen, das wäre ein großer Wunsch von mir.