Francesco Friedrich will sich bei Olympia in Italien endgültig zum größten Bobpiloten der Geschichte küren. Doch vor dem Höhepunkt wackelt seine Dominanz. Der große Gegner kommt aus dem eigenen Lager.
Die erste Niederlage der Olympiasaison setzte es für Bobpilot Francesco Friedrich nicht im Eiskanal. Mitte Oktober, also einen Monat vor den ersten Rennen dieses Winters, verlor der 35-Jährige durch eine Entscheidung der Sportgerichte seinen Gesamtweltcupsieg 2024/25 im Zweierbob sowie die Kristallkugel aus der Kombination von Zweier- und Viererbob. Ihm wurde eine nachträgliche Disqualifikation beim Rennen im kleinen Schlitten in Altenberg zum Verhängnis. Der Grund dafür ist pikant – und formal nicht einmal Friedrichs Verschulden: Sein Anschieber Simon Wulff war positiv auf die Substanz Methylhexanamin getestet worden. Dieses Mittel, das in vielen Nahrungsergänzungsmitteln zu finden ist und zu den sogenannten Schlankmachern gehört, ist zwar im Training erlaubt, im Wettkampf allerdings verboten. Der Ex-Leichtathlet bestritt zwar vehement, das Mittel wissentlich eingenommen zu haben. Doch er wurde rückwirkend für 21 Monate bis September 2026 wegen Dopings gesperrt.
Ein Schock für Friedrich – zumal ausgerechnet sein größter Rivale Johannes Lochner davon profitierte. Der Bayer kletterte an Friedrich vorbei auf Platz eins im Zweier- und im Gesamtweltcup und holte sich zusätzliche Motivation für den Olympiawinter. Und Friedrich? Für den Sachsen war es neben dem sportlichen auch ein finanzieller Rückschlag. Er büßte durch die Zurückstufung nach eigenen Angaben „einen nahezu fünfstelligen Betrag“ ein. Geld, das bei der Materialschlacht im Eiskanal für seine große Olympia-Mission womöglich fehlen könnte.
Friedrich will bei den Olympischen Winterspielen im Februar in Italien endgültig zum erfolgreichsten Bobpiloten der Geschichte aufsteigen. Er peilt auf der neu gebauten Olympia-Bahn im Eugenio Monti Sliding Centre sein drittes Gold-Double im kleinen und großen Schlitten an. Das ist vor ihm noch keinem Bobfahrer der Welt gelungen, auch nicht Bob-Ikone André Lange.
„André Lange war schon wahnsinnig gut, aber Francesco Friedrich ist noch mal eine Nummer obendrauf“, sagte Bundestrainer René Spies. In fast allen wichtigen Statistiken hat sich Friedrich die Top-Position bereits gesichert – nur bei der Olympia-Bilanz liegt der viermalige Olympiasieger Lange aufgrund seiner zusätzlichen Silbermedaille 2010 in Vancouver noch vorne. Das soll sich in Italien ändern. „Start, Material und Sponsoren – wir sind gut aufgestellt“, sagte Friedrich. Von der Goldschmiede FES in Berlin habe es Anfang Herbst „eine komplett neue Flotte fabrikneuer Schlitten“ gegeben.
Für den emsigen Tüftler, der in den Medien auch gern als „Kufen-Versteher“ bezeichnet wird, gibt es fast nichts Schöneres, als am perfekten Setting für seinen Bob und die Insassen zu arbeiten. Wie kein Zweiter versteht er es, das Material mit den Menschen und den Bedingungen abzugleichen. Der Mann aus Pirna ist Perfektionist – und umso mehr nerven ihn die kleineren und größeren Rückschläge ausgerechnet in den wichtigen Monaten vor Olympia.
Lochner mit einer Siegesserie zum Saisonstart
Denn der Dopingfall Wulff war nicht die einzige schlechte Nachricht. Als die Saisonvorbereitung gerade so richtig losgehen sollte, brach sich der Pilot die linke Hand.
Der kuriose Grund: Er war beim Putzen des Vordachs an seinem Haus von der Leiter gefallen. Eine Operation war die Folge, außerdem musste Friedrich im Kraftraum etwas kürzertreten. „An den Lenkseilen stört es überhaupt nicht, auch beim Bob-Einstieg und Anschieben gibt es kein Problem“, versicherte er. Dennoch verlief der Start in die Saison nicht wie gewünscht. Erst im dritten Rennen feierte der erfolgsverwöhnte Athlet im österreichischen Innsbruck seinen ersten Sieg. Der Bahnrekord auf seiner Lieblingsbahn am Fuße des Patscherkofels half aber nicht wirklich, seinen Dauerrivalen Lochner weiterhin auf Distanz zu halten.
Lochner gewann fünf der ersten sechs Rennen im Zweier- und Viererbob. Besonders die Weltcupsiege auf der Olympia-Bahn in Cortina d’Ampezzo gaben dem 32-Jährigen einen gehörigen Schub.
„Das gibt uns definitiv sehr viel Selbstvertrauen. Für uns ist das hier ein großes Test-Event, wir testen unsere Schlitten, unsere Starts, unsere Fahrlinien“, sagte Lochner. „Jetzt wissen wir, dass unser Set-up funktioniert. Wenn wir für die Olympischen Spiele zurückkehren, haben wir nur ein paar Trainings, dann können wir das alles optimieren.“
Und Friedrich? Der viermalige Olympiasieger war auf der Olympiastrecke auch im Training deutlich langsamer unterwegs als Lochner. Die verpassten Siege im Rennen waren daher keine große Überraschung mehr. „Hansi ist momentan drei Zehntel schneller, wir haben Arbeit vor uns, um bis zu den Olympischen Spielen besser zu werden“, sagte Friedrich. Die Rolle des Jägers ist der Sachse kaum gewohnt. Seit er sich 2013 im Alter von 22 Jahren in St. Moritz zum jüngsten Zweierbob-Weltmeister der Geschichte gekürt hatte, stand Friedrich bei wichtigen Wettkämpfen fast immer ganz oben auf dem Treppchen. Zwischendurch war seine Dauerdominanz gar besorgniserregend für die Sportart. „Vielleicht kann es auch mal langweilig sein“, sagte Friedrich einmal. „Aber soll ich nur Halbgas fahren?“ Aktuell ist Halbgas ganz sicher zu wenig – und auch Vollgas könnte ihm im Duell mit Lochner vielleicht nicht reichen.
Der Berchtesgadener distanzierte kürzlich Friedrich im Zweier-Rennen in Sigulda um eine halbe Sekunde – im Bobsport sind das Welten. „Wir sind mega happy, es ist das schönste Geburtstagsgeschenk für meinen Sohn, er wird bald ein Jahr alt. Die Startzeiten mit Georg sind geil und geben mir Sicherheit in der Bahn“, sagte Lochner.
Lochner gibt aktuell den Takt vor, vor allem bei den im Bobsport so wichtigen Startzeiten. „Das passt uns natürlich auch nicht“, sagte Friedrich. Für zusätzlichen Frust sorgte, dass Lochner den langjährigen Friedrich-Anschieber Thorsten Margis abwarb. Lochner wiederum argumentierte, dass Friedrich zuvor Selbiges mit seinem Top-Anschieber Georg Fleischhauer versucht habe.
Der „Bob-Beef“ wird in einigen Medien zwar größer gespielt, als er wirklich ist. Doch die Konkurrenzsituation zwischen den beiden aktuell besten Bobpiloten der Welt ist unbestreitbar riesig. Bundestrainer Spies drängt intern daher darauf, dass der Konflikt nicht ausufert und sich vor allem nicht negativ auf die Leistung auswirkt. Im schlimmsten Fall könnte sich darüber ein Dritter freuen.
„Wir sind beide schon lange genug dabei, um zu wissen, wann wir den Bogen überspannen – und wann nicht“, sagte Friedrich zur Rivalität mit Lochner. Dieser gibt offen zu, dass ihn die Situation zusätzlich anstachelt. „Ich glaube, wenn es den Francesco nicht geben würde, wäre ich irgendwo im Mittelfeld“, sagte der fünfmalige Weltmeister. „Denn ich würde nur so hoch springen, wie ich müsste. Ich sehe ja auch, wie er durchdreht, wenn ich vorn bin.“
Ammour im Schatten der Stars
Die große Konkurrenz der beiden sorgt zudem für Spannung, die durch das gestiegene Medieninteresse nur gut für die Sportart sein kann. „Davon profitiert sogar das gesamte deutsche Team inklusive der Frauen, weil wir die Materialentwicklung so pushen.“
Die deutsche Dominanz ist im Olympiawinter wieder eklatant. Auch bei den Frauen fährt die internationale Konkurrenz weit hinterher.
Bei den Männern wartet mit Adam Ammour ein Pilot, der schon jetzt im Alter von 24 Jahren Podestplätze im Weltcup einfährt und sich längst als Nachfolger für Friedrich und Lochner in Position gebracht hat. „Im Schatten der Giganten“ – so titelte die ARD kürzlich eine Personalie über den Frankfurter mit algerischen Wurzeln. „Er hat keinen Druck, und den bekommt er auch nicht von uns. Und wenn ein Weltcup mal nicht so funktioniert, wie letztes Jahr in Sigulda, als er da dreimal gestürzt ist, ist das überhaupt nicht schlimm“, sagte Bundestrainer Spies. „Natürlich auch, weil wir Friedrich und Lochner vorne haben.“ Diese beiden Athleten seien „absolute Ausnahmekönner“, so Spies, und dennoch schaffe es Ammour „manchmal, da ranzufahren. Und das zeigt auch schon, dass mit ihm in den nächsten Jahren ganz fest zu rechnen ist.“ Bei den kommenden Winterspielen dürfte aber kein Weg an Lochner oder Friedrich als Sieger vorbeiführen. „Wir haben uns immer auf Augenhöhe mit Francesco duelliert, er war ganz oft beim Höhepunkt vorn, nun wollen wir den Spieß mal umdrehen“, sagte Lochner, der nach der Olympiasaison seine Karriere definitiv beenden wird.
Friedrich hat sich zu seiner Zukunft noch nicht so klar geäußert. Sollte der 35-Jährige nach diesem Winter weitermachen, wäre auch ein weiterer Olympia-Zyklus möglich. Denn die Lust auf weitere Siege und Rekorde ist bei ihm weiter stark ausgeprägt.
Aber: „Die Familie hat da ein Wörtchen mitzureden“, sagte der zweimalige Familienvater. Dass Sponsorenverträge auslaufen, spielt bei den Planungen ebenfalls eine Rolle. Außerdem liebäugeln einige seiner Anschieber mit dem Karriereende. „Sie müssten ja auch noch Lust haben“, betonte der 18-malige Weltmeister.
Rein theoretisch könnte Friedrich in der kommenden Saison auch wieder auf den aktuell wegen Dopings gesperrten Anschieber Wulff zurückgreifen. An der Fitness dürfte ein solches Unterfangen nicht scheitern, meint Friedrich: „Er hat eine Möglichkeit gefunden, dass er in Ruhe trainieren kann, ohne dass es Ärger gibt. Wir dürfen keinesfalls gemeinsam trainieren, das ist strengstens verboten.“
Doch all das ist noch Zukunftsmusik. Friedrichs größte Sorge trägt aktuell den Namen Johannes Lochner.