Sechs Meisterschaften, vier Pokalsiege, ein Europapokalfinale und große Namen wie Zinédine Zidane oder Alain Giresse: Girondins Bordeaux gehörte über Jahrzehnte zum Inventar des französischen Spitzenfußballs. Nun kämpft der Traditionsverein um die nackte Existenz.
Es gibt Abstiege, die sich über Monate ankündigen und am letzten Spieltag dennoch wie ein plötzliches Unglück anfühlen. Und es gibt Abstürze, die mit sportlichen Ergebnissen kaum noch etwas zu tun haben. Was aus Girondins Bordeaux geworden ist, gehört zur zweiten Kategorie. Die Berufungskommission der französischen Finanzaufsicht DNCG, der Kontrollbehörde des französischen Profifußballs, bestätigte Mitte Juli den Ausschluss des sechsmaligen Meisters aus allen nationalen Wettbewerben. Damit wurde Bordeaux nicht einfach um zwei Spielklassen zurückversetzt. Der Club fiel aus dem landesweiten Ligensystem heraus. Allenfalls der Fußballverband der Region Nouvelle-Aquitaine kann Girondins noch begnadigen. Selbst dieser Neuanfang ist nicht gesichert. Ein Handelsgericht könnte schon bald die Liquidation anordnen.
An der Mannschaft lag es nicht
Damit steht ein Verein vor dem Verschwinden, dessen Geschichte eng mit den großen Zeiten des französischen Fußballs verbunden ist. Girondins wurde sechsmal Landesmeister und gewann viermal den nationalen Pokal. In den 80er-Jahren trugen neben Alain Giresse auch deutsche Nationalspieler wie Dieter Müller, Klaus Allofs, Manfred Kaltz und Uwe Reinders das dunkelblaue Trikot mit dem weißen Skapulier. Später liefen Weltmeister wie Zidane, Didier Deschamps und Lizarazu für Bordeaux auf. Auch Aurélien Tchouaméni wurde dort ausgebildet. Girondins war eine feste sportliche Größe und eine Talentschmiede mit internationalem Ruf.
1996 erreichte Bordeaux das Finale des Uefa-Pokals. Erst der FC Bayern München stoppte die Mannschaft mit Siegen von 2:0 und 3:1. 13 Jahre später holte Girondins unter Trainer Laurent Blanc noch einmal die Meisterschaft. Wo einst gegen Bayern, Paris Saint-Germain oder Olympique Marseille gespielt wurde, warten nun bestenfalls regionale Amateurmannschaften. Das Stade Atlantique ist zur Kulisse eines außergewöhnlichen Niedergangs geworden.
Der Beschluss der DNCG kam dennoch nicht plötzlich. Die 1984 geschaffene Behörde kontrolliert die wirtschaftliche Leistungsfähigkeit der französischen Proficlubs und hatte Bordeaux bereits mehrfach gestoppt. 2022 erreichte Girondins über eine Schlichtung beim Nationalen Olympischen Komitee CNOSF noch den Verbleib in der Ligue 2. Zwei Jahre später wurde der Club von der 2. in die 4. Liga versetzt. Nun fehlt das Geld selbst für die Zulassung zu einem nationalen Wettbewerb.
Im Zentrum steht ein Finanzierungsbedarf von rund zehn Millionen Euro, darunter ein Haushaltsloch von neun Millionen Euro sowie ausstehende Transferzahlungen und Ausbildungsentschädigungen. Besitzer und Präsident Gérard Lopez konnte die verlangten Garantien für die Spielzeiten 2025/26 und 2026/27 nicht rechtzeitig vorlegen. Im Frühjahr hatte die Fifa bereits eine Transfersperre verhängt. Es geht nicht um eine kurzfristige Liquiditätsdelle, sondern um einen Verein, der seinen Verpflichtungen wiederholt nicht nachkommen kann.
Besonders bitter ist, dass sich die Mannschaft dem Verfall hinter den Kulissen zeitweise widersetzte. Nach der Zwangsversetzung in die National 2 fing sich Bordeaux sportlich. Unter Interimscoach Rio Mavuba erreichte Girondins in der Saison 2025/26 den zweiten Platz der Gruppe A und bewegte sich zumindest phasenweise in Richtung Wiederaufstieg. Doch während das Team um sportliche Rehabilitation kämpfte, fehlte der Führung erneut eine belastbare Finanzierung. Der Erfolg auf dem Rasen konnte den Club nicht retten, weil die entscheidende Niederlage längst in den Geschäftsbüchern feststand.
Lopez setzte zuletzt auf einen Verkauf. Die Verhandlungen mit dem britischen Investmentfonds Sparta Capital wurden jedoch ohne Einigung beendet, auch andere Geldgeber fanden sich nicht. Im Vorjahr hatte Oliver Kahn über einen Einstieg gesprochen – ausgerechnet jener Kahn, der 1996 mit den Bayern beide Endspiele gegen Bordeaux gewann. Eine Lösung entstand auch daraus nicht. Girondins kann noch einmal das CNOSF anrufen. Doch ohne frisches Kapital wäre selbst eine sportrechtliche Rettung nur Aufschub, keine Sanierung. Die Hauptverantwortung für den jüngsten Abschnitt dieses Absturzes trägt Gérard Lopez. Der luxemburgische Unternehmer übernahm Girondins 2021 und schaffte es trotz wiederkehrender Warnungen, Sanktionen und Rettungsversuche nicht, den Club auf ein stabiles Fundament zu stellen. Lizarazu, als Weltmeister und ehemaliger Spieler eine der großen Figuren der Vereinsgeschichte, formulierte seine Abrechnung unmissverständlich: „Ich bin angewidert wie alle, die diesen Verein lieben. Aber was hier passiert, ist leider die Folge einer seit vielen Jahren katastrophalen sportlichen und finanziellen Führung.“ Seit Lopez’ Ankunft, ergänzte er, übersteige die Misswirtschaft seine „Vorstellungskraft“.
Dass die Kritik so scharf ausfällt, liegt auch an Lopez’ Vorgeschichte. Bordeaux ist nicht der erste Traditionsverein in seinem Einflussbereich, der in existenzielle Not geraten ist. Beim OSC Lille, den er von 2017 bis 2020 besaß, blieben nach seinem Ausstieg gewaltige finanzielle Sorgen zurück; der Club konnte jedoch gerettet werden. Royal Excel Mouscron hatte weniger Glück. Lopez kaufte den belgischen Verein 2020, zwei Jahre später folgte die Insolvenz, anschließend wurde der Club aufgelöst.
Nahezu gleichzeitig erreichte auch Boavista Porto das vorläufige Ende. Lopez hatte 2021 die Mehrheit an dem portugiesischen Traditionsclub übernommen. Der Meister von 2001 stieg 2025 ab, Transfererlöse wurden gepfändet, wegen unbezahlter Rechnungen zeitweise sogar der Strom abgestellt. Nachdem eine Gebühr von 55.000 Euro zur Fortführung des Insolvenzverfahrens nicht entrichtet worden war, kündigte die Verwaltung die Einstellung des Betriebs an. Innerhalb von 24 Stunden standen zwei Vereine desselben Eigentümers vor dem Aus.
Lopez erfüllte die Erwartungen nicht
Selbst im Motorsport zeigt sich das Muster. Lopez übernahm 2010 das frühere Renault-Team und führte es als Lotus weiter. 2015 kamen Reifenlieferungen erst in letzter Minute, Lastwagen wurden beschlagnahmt und die Kassen waren leer. Renault kaufte die Rechte zurück. Lopez galt lange als ideenreicher Unternehmer. Seine Bilanz erzählt inzwischen von großen Plänen, wachsenden Verbindlichkeiten und Organisationen, die um ihre Existenz kämpfen.
Die Krise ist nicht auf eine einzelne Entscheidung zu reduzieren. Lizarazu selbst spricht von einer seit vielen Jahren katastrophalen Führung. Doch Lopez hatte seit 2021 Zeit, die Entwicklung umzukehren. Stattdessen folgten auf Warnungen neue Löcher, auf Sanktionen neue Rettungsversprechen und auf Investorengespräche neue Enttäuschungen. Wer einen Club in einer solchen Lage führt, kann sich nicht auf ausgebliebene Geldgeber zurückziehen.
Nun entscheidet nicht mehr eine Mannschaft über die Zukunft des Vereins, sondern ein Handelsgericht. Ordnet es die Liquidation an, könnte der 1881 gegründete Traditions-Club in seiner bisherigen Form enden. Bleibt Girondins bestehen und erhält die Zustimmung des Regionalverbandes, beginnt der Weg in der Régional 1 – sechs Ebenen unter der Ligue 1 und fern jeder professionellen Normalität. Für die Anhänger wäre selbst das beinahe eine gute Nachricht, weil es wenigstens noch einen Verein gäbe, den sie begleiten könnten.
Der Fall Bordeaux zeigt, wie wenig Schutz selbst eine große Geschichte bietet. Meisterschaften, Europapokalnächte, ein modernes Stadion und berühmte Absolventen sind Erinnerungen, aber keine Sicherheiten. Innerhalb weniger Jahre wurde aus einem französischen Spitzenclub zunächst ein Zweitligist, dann ein administrativer Problemfall und schließlich ein Kandidat für die Auflösung. In den vergangenen Tagen gab es dann abermals zahlreiche Spekulationen und sogar wieder neue Hoffnung. Ein britische Investmentfonds habe zugesagt, die benötigten neun bis zehn Millionen Euro bereitzustellen, um die finanziellen Verpflichtungen des Clubs zu erfüllen und die Lopez-Anteile zu übernehmen. Spielen die Gerichte und der Verband mit, könnte man eventuell in Liga Vier starten.