Paul Robeson wurde in den USA als schwarzer Künstler gefeiert, als Afroamerikaner dort noch als Menschen zweiter Klasse angesehen wurden. Bis er in der McCarthy-Ära wegen seiner Sympathie für die Sowjetunion und sein Engagement gegen Rassismus entrechtet wurde.
Es ist ein grauer Morgen im Mai 1957, als Paul Robeson in einem nüchternen New Yorker Tonstudio auf einen einsamen Telefonhörer starrt – seine einzige Verbindung zu seinen Fans in Europa. Sein Reisepass ist beschlagnahmt worden, all seine Konzerte sind abgesagt und sein Name wird in den Schlagzeilen der Medien durch den Dreck gezogen. Seine britischen Unterstützer hatten ihn eigentlich eingeladen, in England zu singen, aber die Regierung der Vereinigten Staaten weigert sich, ihn ausreisen zu lassen. Also greift Robeson zum Telefon.
Die Techniker auf beiden Seiten des Atlantiks halten den Atem an, als Robesons tiefes „Hello“ live über das brandneu verlegte Telefonkabel TAT-1 erklingt. Tausend Zuhörer spenden frenetisch Applaus, dicht gedrängt in der ausverkauften Londoner St. Pancras Town Hall, und warten auf die Stimme, die die US-Regierung zum Schweigen bringen will. Durch 3.600 Kilometer Untersee-Kupferkabel schwillt der unverkennbare, tiefvibrierende Bariton über den Ozean – kraftvoll und trotzig. Robesons Welthit „Ol’ Man River“ erklingt – ein Lied, das der Sänger längst mit eigenem Text versehen hat und es damit in eine Hymne des Widerstands gegen Rassismus verwandelt.
Abgeschlossenes Jurastudium
Zu seinen Hochzeiten in den 1930er-Jahren als Sänger und Schauspieler ist Paul Robeson einer der berühmtesten Amerikaner seiner Zeit. Rassismus, Verleumdungen und Widerstände zu überwinden, sind Konstanten in Robesons Biografie. Schon als Student durchbricht er Barrieren: Der am 9. April 1898 als Sohn eines entlaufenen Sklaven geborene Paul Leroy Robeson schafft den Sprung an die Universität. Er wird der erste schwarze Footballstar an einer von Weißen dominierten Hochschule. Als Student brilliert er auch in musischen und akademischen Fächern und räumt mit dem Vorurteil auf, dass es Schwarzen dafür an Intelligenz und Disziplin fehle.
1923 schließt er sein Jurastudium erfolgreich ab. Jurist wird er nie, obwohl er gleich nach dem Studium eine Stelle in einer angesehenen New Yorker Anwaltskanzlei findet. Als sich dort eine weiße Sekretärin weigert, ein Gutachten von Robeson – einem „Nigger“ – in die Maschine zu tippen, lässt er den so hart erkämpften Beruf hinter sich und widmet sich fortan der Kunst. Im März 1930 gibt Paul Robeson zum ersten Mal den Othello am Savoy Theatre in London – als einziger Schwarzer in einem ansonsten weißen Ensemble. Othello gilt als schauspielerische Paraderolle, weil sie die innere Zerrissenheit zwischen Ehre, Liebe, Eifersucht und Zerstörung darstellt und von Schauspielern eine enorme Bandbreite abverlangt.
Zu Hause Mensch zweiter Klasse
Mit Erfolgen in Hollywoodfilmen wie „The Emperor Jones“ (1933) und „Show Boat“ (1936) räumt er auf mit Stereotypen von angeblich fehlender emotionaler Tiefe Schwarzer. Paul Robesons Gesang ist es auch zu verdanken, dass die spirituelle Musik der Schwarzen weltweit zu einer respektierten Kunstform wird. Während des Spanischen Bürgerkriegs ab 1936 spendet er Teile seiner Auftrittsgagen für die Zweite Spanische Republik. Im Januar 1938 reist er mit seiner Frau Eslanda in die Nähe der Front und gibt ein Konzert, um die Moral der Internationalen Brigaden zu stärken. Seine Erfahrung in Spanien markiert einen Wendepunkt hin zum entschlossenen politischen Aktivismus. Die antifaschistischen Soldaten stehen zusammen mit ihren Kameraden aus den USA, Großbritannien, Irland, Deutschland und Polen mitten auf dem Schlachtfeld, sitzen auf Panzern und Artilleriegeschützen, um Robesons Gesang zu lauschen. Robeson begreift den Bürgerkrieg als Generalprobe für den Zweiten Weltkrieg und den Kampf gegen den sich ausbreitenden Faschismus: „Jeder Künstler muss jetzt Position beziehen. Entweder er kämpft für die Freiheit oder für die Sklaverei“, wird er zitiert.
Seine langanhaltende und innige Beziehung zur Sowjetunion beginnt, als er auf Einladung des berühmten Regisseurs Sergei Eisenstein im Dezember 1934 erstmals dieses Land besucht. Robeson ist tief beeindruckt. „In Russland fühlte ich mich zum ersten Mal wie ein vollwertiger Mensch“, sagt er danach. „Keine Vorurteile aufgrund der Hautfarbe wie in Mississippi, keine Vorurteile aufgrund der Hautfarbe wie in Washington.“ Vielleicht ist es diese emotional tiefgehende und menschlich befreiende Erfahrung, die Robesons Blick auf die Sowjetunion färbt. Dass er glauben möchte, dass es doch ein Land auf diesem Planeten gibt, wo Menschen nicht nach Hautfarbe beurteilt werden. Den Terror des Stalin-Regimes zu erkennen, hätte diese Hoffnung untergraben.
Weltweit respektiert und gefeiert für seinen Kampf gegen den Faschismus und Rassismus, bleibt Robeson zu Hause ein Mensch zweiter Klasse. Im Juli 1940 macht er eine Konzertreise an der US-Westküste, mit einem geplanten Abschlusskonzert auf der berühmten Freilichtbühne „Hollywood Bowl“ in Los Angeles. Doch als Schwarzer kann Robeson keine Unterkunft finden, die ihn als Gast zu beherbergen bereit ist. Am Ende macht er ein Hotel ausfindig, das ihm für einen Wucherpreis ein Zimmer gibt – unter der Bedingung, dass er seine Mahlzeiten nicht im Hotelrestaurant einnimmt.
Robeson besucht die UdSSR oft – auch in einer Zeit, in der die USA Verbündete sind. Die US-Unterstützung der Sowjets beginnt mit Hitlers Überfall auf Russland. Mit dem Kriegseintritt der USA, ausgelöst durch den japanischen Überraschungsangriff auf Pearl Harbor am 7. Dezember 1941, wird die Frage der Rassentrennung beim US-Militär akut. Paul Robeson entlarvt die Heuchelei: Die USA bekämpften einerseits Nazi-Deutschland – ein Regime, das auf einer rassistischen Ideologie basiert –, während sie gleichzeitig Rassentrennung und Diskriminierung gegenüber ihren schwarzen Bürgern aufrechterhielten. Robeson unterstützt die sogenannte „Double V Campaign“ – das V steht für „Victory“. Die Kampagne kämpft für den „Sieg im Ausland“ gegen den Faschismus und den „Sieg zu Hause“ gegen den Rassismus. Er nutzt seine internationale Plattform, um volle Bürgerrechte für schwarze Amerikaner zu fordern.
Mindestens zwei Selbstmordversuche
Im April 1949 nimmt Paul Robeson an dem von der Sowjetunion unterstützten Weltfriedenskongress in Paris teil, wo er für den Frieden spricht und singt. Er verlangt von der US-Regierung, dass sie Schwarze in Bundesstaaten mit Rassentrennung besser vor Übergriffen schützt, anstatt für einen neuen Krieg zu rüsten. Was die schwarzen Amerikaner und diesen Krieg betrifft, sagt er: „Wir sind entschlossen, für den Frieden zu kämpfen. Wir wollen nicht gegen die Sowjetunion kämpfen.“
Die US-Presse allerdings zitiert ihn falsch. Die Nachrichtenagentur „Associated Press“ verbreitet, Robeson habe Folgendes gesagt: „Es ist undenkbar, dass amerikanische Schwarze für diejenigen in den Krieg ziehen, die uns seit Generationen unterdrücken [...].“ In der Folge wurde Robesons Verweigerungshaltung zunehmend als Verrat dargestellt und sogar als krankhaft. In seiner FBI-Akte wird er als „mental labil“ und als „psychisch instabil“ gebrandmarkt.
1946, mitten in der antikommunistischen Hysterie der sogenannten McCarthy-Ära, muss Robeson vor dem „California Tenney Committee“, einem Unterausschuss des „Unamerican Activities Committee“ (HUAC), dem „Komitee für unamerikanische Umtriebe“, aussagen. 1956 lässt er HUAC-Fragen nach seiner Mitgliedschaft in der Kommunistischen Partei unbeantwortet, mit dem Hinweis, dass die US-Verfassung ihm das Recht gäbe, die Antwort zu verweigern. Belege für eine Mitgliedschaft in einer kommunistischen Partei gibt es bis heute nicht. Für die Komiteemitglieder aber ist die Sache klar: Der Schauspieler Adolphe Menjou wird von der HUAC gefragt, wie man herausfinden könne, wer Kommunist sei. Seine Antwort: Kommunisten sind alle, die Paul Robeson Beifall klatschen.
Paul Robesons Reisepass wird im August 1950 vom State Department eingezogen. Seine große nationale und internationale Popularität macht ihn in den Augen des Außenministeriums zu einer Gefahr. 85 bereits geplante Konzerte werden abgesagt. Keine Erlaubnis für Konzertreisen ins Ausland, ein De-facto-Auftrittsverbot zu Hause und ein Boykott gegen ihn durch alle großen Radiostationen und Plattenfirmen vernichten Robesons finanzielle Lebensgrundlage. Die Rufschädigung in den USA ist politisch beabsichtigt. Seine Fans im Ausland aber bleiben ihm treu. Das Reiseverbot, das auch für Kanada gilt, verwandelt er mit Einfallsreichtum in einen Triumph. Am 18. Mai 1952 steht Paul Robeson auf der Ladefläche eines Lastwagens und singt vor 35.000 Menschen, die auf beiden Seiten der Grenze versammelt sind. Konzertort ist der Peace Arch Park, unmittelbar am westlichen Ende der transkontinentalen Festlandsgrenze zwischen den USA und Kanada, der als symbolisches neutrales Territorium fungiert.
Als er schließlich 1958 seinen Reisepass zurückbekommt, geht er mit viel Elan auf eine Welttournee. Während seines letzten Aufenthalts in der Sowjetunion im März 1961 schließt sich Robeson nach einem Konzert in seinem Moskauer Hotelzimmer ein und begeht einen Selbstmordversuch. Ob die Gründe für diesen Suizidversuch in einer Verzweiflung über die politische Situation in der Sowjetunion lagen, bleibt unklar. Wahrscheinlicher als Ursache ist eine schwere Depression, die er zunächst in London und später, ab 1963, in Ostberlin behandeln lässt. Schon zuvor hat er die DDR offiziell besucht, dort kennt ihn jedes Kind. 1954 spielt er im DEFA-Film „Lied der Ströme“ mit, 1960 verleiht ihm die Humboldt-Universität die Ehrendoktorwürde. In Leipzig und Berlin-Köpenick werden Schulen nach ihm benannt. Paul Robeson wird damals in der DDR für seinen Einsatz als Menschenrechtler und Friedensaktivist gefeiert – als Aktivist in einem fremden Land. Der Alltagsrassismus in der DDR gegen Vertragsarbeiter aus Kuba, Angola oder Vietnam bleibt dabei außen vor. 1965 wird das Paul-und-Eslanda-Robeson-Archiv in der damaligen Deutschen Akademie der Künste in der DDR gegründet und ist seitdem in Berlin beheimatet. Es enthält eine große Anzahl filmischer Aufzeichnungen, Transkriptionen von Interviews, Fotos, Briefe, Reden, Schriften, Bücher und Schallplatten.
Im Juni 1965 unternimmt Paul Robeson während eines Aufenthalts in San Francisco einen zweiten Selbstmordversuch, danach ist seine Gesundheit irreparabel geschädigt. Nach dem Tod seiner Frau Eslanda im Dezember 1965 zieht Robeson sich völlig zurück. Am 15. April 1973 versammeln sich fast 3.000 Menschen in der New Yorker Carnegie Hall, um seinen 75. Geburtstag in Abwesenheit zu feiern. Am 23. Januar 1976, vor 50 Jahren, stirbt Paul Robeson schließlich mit 77 an den Folgen eines Schlaganfalls.