Sydney und Melbourne, aufgepasst: Queenslands Hauptstadt Brisbane schickt sich gerade an, zur gefragtesten Stadt Australiens aufzusteigen. Das liegt an Olympia 2032, aber auch an viel Street-Art und neuen Attraktionen wie Sky Deck, Brückenklettern – und einem „senkrechten Restaurant“.
Nein, wir haben nicht zu viel vom Australian Pale Ale erwischt. Und auch nicht vom, wenn auch omnipräsenten, Bundaberg-Rum. Denn es gab sie wirklich: Dutzende Läuferinnen und Läufer mit Stirnlampen, die uns trotz mitternächtlicher Stunde auf dem Heimweg ins Hotel überholten. Ein ähnliches Bild beim Early-Check-out Richtung Flughafen: Wieder ziehen Sprinter mit vielen Muskeln und wenig Bekleidung – etliche gar mit freiem Oberkörper – durch die subtropische Dunkelheit. Vor-, nach- und mittags sowieso. Gefühlt wird in Queenslands Hauptstadt rund um die Uhr gejoggt, zumindest am Fluss. Die kilometerlange Promenade lädt ja auch dazu ein. Autofrei, gute Luft, immer am Wasser entlang, teilweise auf Stegen darüber. Bleibt die Frage, ob die Sportaktivität deshalb so anzieht, weil immer mehr (junge) Leute in die Boom-Stadt im australischen Osten ziehen? Und/oder weil hier 2032 die Olympischen Sommerspiele stattfinden und man sich für das größte Event der Stadtgeschichte seit der Expo 1988 in Form bringen will? Brisbane selbst tut das auf jeden Fall, mit Milliardeninvestitionen in Verkehr, Wohnraum, Nachhaltigkeit (Olympia soll CO2-neutral werden!) – wobei alle mehr als froh sind, dass der im März 2025 wütende XXL-Zyklon Alfred zwar Überschwemmungen und Stromausfälle verursachte, nicht aber Schlimmeres.
Investitionen in Milliardenhöhe
So kann in Brisbane, die als eine der grünsten und am besten geplanten Städte des Landes gilt, weiter fleißig geplant, begrünt und gebaut werden. In Wooloongabba entstehen neben Wohnungen auch etliche Entertainment-Einrichtungen, in Victoria Park nun doch eine Mega-Arena samt Infrastruktur. Am allermeisten jedoch tut sich in der Innenstadt, dem „Central business district“ (CBD), der gerade mächtig in die Höhe schießt. Und das an immer mehr Stellen. Doch kein Vergleich mit den quirligen Häuserschluchten von New York, Hongkong oder Singapur. Denn hier geht es nicht eng und trubelig zu, eher entspannt. Hey, wir sind in Australien! Wir haben Platz. Und nicht zufällig das sprichwörtliche „Brisbane Feeling“: good Vibes, no Worries. Für dieses positive Grundgefühl, von internationalen Studien bestätigt, sorgen die starke Outdoorverbundenheit der Locals – im Umkreis liegen Strände, Regenwald, Berge – ebenso wie überdurchschnittlich viele Cafés (die gern schon vor Sonnenaufgang öffnen, aber meist auch früh schließen) und ein Faible fürs Radfahren, E-Rollern und Zu-Fuß-Gehen, auch ohne Laufdress. Nicht umsonst lautet das Motto der Metropole: „a City built for People and Nature“.
Infinity-Pool im 23. Stock
Für sie, also die rund 2,6 Millionen Einwohner, entstehen neue Brücken (wie die erst im vorigen Südsommer eingeweihte Kangaroo Point Bridge), neue Riverwalks, neue E-Mobilitätsangebote und, ja, auch neue Hotels. Die finden sich insbesondere in Queen’s Wharf, dem gewaltigen Flussufer-Revitalisierungsprojekt im Herzen der Stadt. Kaum waren die Lobeshymnen auf das Top-Hotel „W Brisbane“ verklungen, eröffnete im August 2024 mit dem luxuriösen „The Star Grand Hotel“ schon der nächste Hochkaräter – kein Hotel, sondern ein architektonisch beeindruckender Hotelkomplex. Dessen Highlight ist neben dem für Gäste reservierten „Isoletto Pool Club“ samt Infinity-Pool das Sky Deck im 23. Stock. Für jeden gratis erreichbar und mit viel Platz für Bars und Freiflächen. Das begrünte Oberdeck können Hunderte Besucher bevölkern, ohne sich auf die Füße zu treten. Auf den herausragenden Glasboden passen jedoch nur wenige. Und die müssen Mut haben, wenn sie dort stehen und hinüber zum üppig bewachsenen Ex-Expo-Gelände am South-Bank-Ufer gucken – und mehr noch hinunter auf den (Verkehrs-)Fluss.
Wem bereits beim Schritt auf das transparente Panzerglas mulmig wird, sollte von der anderen großen Adrenalin-Novität absehen. Das „Vertigo“ ist Australiens erstes „senkrechtes Restaurant“. Beim Elektrizitätswerk, dem Brisbane Powerhouse, werden Gäste in
17 Metern Höhe an exponierte Tische gesetzt und mit Gurten gesichert. Die Devise lautet: Nicht nur die Seele baumeln lassen, sondern auch die Beine – und dabei ein Gourmetmenü in drei Gängen genießen, das Kellner vom Hausdach aus servieren. (Action-)Nachschlag gefällig? Aber ja, per Dropline kann man sich von der Fassade abseilen.
Der nächste Leckerbissen für Schwindelfreie wartet flussaufwärts mit dem Bridge Climb. Moment, wird der nicht in Sydney angeboten? Doch, aber eben auch in Brisbane. Dabei ähneln sich neben der Brückenarchitektur (kein Wunder, sie stammen vom selben Architekten: John Bradfield) auch der Thrillfaktor und die, mal von der fehlenden Oper abgesehen, Erhabenheit der Ausblicke. Also buchen wir zeitig einen Kletterslot auf die Story Bridge, auf Empfehlung den ersten am Tag. Kurze Skepsis, aber gut, schlüpfen wir eben um fünf Uhr, als es noch dunkel ist (und Dutzende Jogger mit und ohne Leiberl am Fluss entlangflitzen), in Kletteranzüge samt Gurten, lassen unser Handy – etwas übertrieben – doppelt sichern und folgen dann Paris, unserem Guide. Sie ist zwar keine Französin, kennt sich aber mit der Liebe aus. „Ich mache den Job schon echt lange, mittags, nachmittags, abends, aber die Sonnenaufgangstouren liebe ich am meisten!“ Na dann, auf! Erst in den Aufzug eine Etage hoch zur Straße und dann via Spezialschlüssel auf die Arbeitertreppe, die bis zur Pylonspitze führt. Alles nicht so schwierig wie befürchtet (und definitiv keine Kletter-, eher eine Schlendertour in großer Höhe), aber berauschender als erwartet, vor allem in dem Moment, als die aufgehende Sonne auf die Glasfassaden der nahen Wolkenkratzer strahlt. So wie wir!
Auch kulinarisch ist einiges los
Justin Steele, 34-jähriger Gründer der preisgekrönten Local Sauce Tours, stellt lieber die kleinen Dinge in den Vordergrund: die Straßenkunst, die in „Brissie“, wie die Brisbanites ihre Stadt liebevoll nennen, so prägend ist. „Der Blue Art Ninja etwa hat an vielen Fassaden blaue Tier-Silhouetten hinterlassen“, erklärt er und zeigt dorthin, wohin man sonst nicht schauen würde. Auch nach unten. Denn es gibt da einen Künstler, der immer wieder kleine Türen an Hauswände aufklebt. „Sehr zur Freude der Kinder, die nicht selten überzeugt sind, dass dort Elfen und Kobolde ein und aus gehen.“ Richtig voll in puncto Murals präsentiert sich Brisbanes älteste Gasse, die Burnett Lane. Eine andere Straße, genauer gesagt die Ecke Albert-/Adelaide Street, ist mit Poesie verknüpft. Saß hier doch wochenlang der in Brisbane lebende Trent Dalton, der durch den Bestseller „Der Junge, der das Universum verschluckte“ weltberühmt wurde, und sammelte Geschichten. Genauer: rund 200 Liebesgeschichten, die ihm Passanten in seine Schreibmaschine diktierten. Das Ergebnis lässt sich in „Lessons and Love Stories“ nachlesen. In Brisbane scheint es jedenfalls viel Liebe zu geben.
Liebevolle Gesten auch. Etwa die, als Justin uns plötzlich in Mangoschokolade gehüllte Macadamianüsse reicht: „Queensland in a
Nutshell“, grinst er nur. Weil: beides endemische Ikonen aus Queensland, perfekt vereint. Schöne Symbolik, köstlicher Geschmack. Und versüßt seine zweistündige Walking Tour, die ohnehin alles andere als langweilig ist. Was auch an der launigen Kulisse liegt. Hier ausladende Feigenbäume auf Verkehrsinseln, dort upgecycelte Riesenmurmeln auf dem Brisbane Square und ums Eck die Reste der Art-déco-Halle des einst 2.500 Plätze umfassenden Regent Theatres, das vor 100 Jahren plötzlich weltmännisches Flair in die einstige Strafkolonie brachte. Gut, der denkmalgeschützte Anzac Square erinnert an die Weltkriegsbeteiligung der Australier und macht betroffen, doch spätestens in der coolen Untergrundbar „Brew Café & Wine Bar“ wird es wieder heiter. Dafür sorgt auch das Plakat, dass dienstags immer „Schnitty Day“ sei, also Schnitzeltag. Nicht unbedingt typisch für hier, aber ein weiterer Beleg der Weltoffenheit. Was es auf heimischen Tellern sonst gibt, zeigt indessen eine Ausstellung im „W“, wo Aussie-Essen in Keramik präsentiert wird – von Meat Pies bis zum Vegemite Sandwich.
Viele Strände auch zum Surfen
Zeit zur Eigenerkundung. Über die großartige Fußgängerbrücke – gewidmet Neville Bonner, dem ersten Aborigine im australischen Parlament – geht es hinüber ins Ex-Expo-Gelände samt Kulturinstitutionen wie der renommierten Gallery of Modern Art. Beim künstlichen Strand wird flussnah gebadet. Besser jedenfalls als jenseits der Absperrung, werden im Brisbane River doch regelmäßig neben Delfinen auch Bullenhaie gesichtet. Und das immerhin rund 15 Kilometer vom Pazifik entfernt. Den Fluss selbst, dessen Sanierung ebenfalls auf der aktuellen Agenda steht, befährt man also besser mit einer Fähre. Die „City Cat“-Katamarane verkehren wie auf dem venezianischen Canal Grande im engen Takt, nur dass sie wie alle öffentlichen Verkehrsmittel in Queensland unschlagbar günstig sind. 50 Aussie-Cents pro Fahrt, etwa ein Viertel Euro. Bleibt mehr Geld zum Ausgehen, sei es im bewährten Fortitude Valley oder dem recht neuen Bar-Restaurant-Club-Konglomerat namens Howard Smith Wharves unter der nachts bläulich beleuchteten Story Bridge.
Wer nach einer langen Nacht Erholung sucht, macht es am besten wie die Brisbanites und fährt an einen der vielen Strände, zum Angeln, zum (Sonnen-)Baden und vor allem zum Surfen. Einsteiger zieht es zum Woorim Beach auf Bribie Island und Checker zur Gold Coast, wo Spots wie Surfers Paradise, Superbank und Kirra Kultstatus genießen. Lieber bodenständiger unterwegs? Der Mount Coot-tha, schon länger beliebter Aussichtspunkt und Naturrefugium, bekommt gerade ein Facelift, auch das ein Olympia-Booster. Dazu gehören das Aufpäppeln des 170 Kilometer langen Wilderness Trails samt neuer Picknickbereiche sowie die Erweiterung und Neugestaltung des futuristischen Tropical Dome in den Botanischen Gärten. Von deren spiralförmiger Innenpromenade lässt sich der Blick auf Brisbanes Skyline herrlich genießen. Wobei es auch hier nicht lange dauert, bis irgendwer wieder durchs Bild läuft.