Es ist ein langer Abschied von sich selbst, den die Vereinigten Staaten mit der Wiederwahl Donald Trumps eingeläutet haben. Die Wurzeln dieses Phänomens liegen in einem kollektiven Narzissmus hinter einer aggressiven Fassade von Verunsicherung.
Die Vereinigten Staaten feiern ihr 250-jähriges Bestehen in einer paradoxen Lage: Noch immer sind sie die mächtigste Nation der Welt – militärisch, technologisch, kulturell. Und doch wirken sie zunehmend wie ein Land, das sich selbst fremd geworden ist. Der einstige „wohlwollende Hegemon“, der internationale Ordnung schuf und stabilisierte, erscheint heute oft als getriebener Akteur, der mehr mit sich selbst beschäftigt ist als mit der Welt.
Dieser Wandel ist kein rein geopolitisches Phänomen. Er wurzelt tiefer – im Inneren der amerikanischen Gesellschaft. In meinem demnächst erscheinenden Buch Die narzisstische Nation argumentiere ich, dass der gegenwärtige Machtverlust der USA weniger aus äußeren Zwängen resultiert als aus einer inneren Transformation: dem Aufstieg eines kollektiven Narzissmus, der politische Polarisierung verschärft, institutionelle Stabilität untergräbt und strategische Weitsicht ersetzt.
Die inneren Ursachen: Eine Gesellschaft im Spiegelkabinett
Der entscheidende Treiber dieses Abschiedsprozesses ist die zunehmende Selbstbespiegelung einer Gesellschaft, die sich nicht mehr auf gemeinsame Realitäten verständigen kann. Politische Lager leben in getrennten Informationswelten, verstärkt durch soziale Medien, die Empörung belohnen und Differenzierung bestrafen. Wahrheit wird zur Verhandlungsmasse, Kompromiss zur Schwäche.
Dieser kulturelle Wandel hat politische Konsequenzen. Institutionen, die einst als stabile Pfeiler galten – vom Kongress über die Gerichte bis hin zu den Medien –, verlieren Vertrauen. Parteien radikalisieren sich, weil sie in polarisierten Wählermilieus überleben wollen. Führung wird durch Inszenierung ersetzt, Aufmerksamkeit verdrängt Verantwortung.
Hinzu kommt eine zunehmende soziale Fragmentierung. Ökonomische Ungleichheit, regionale Disparitäten und kulturelle Gegensätze haben das Gefühl eines gemeinsamen nationalen Projekts erodieren lassen. Die USA haben es immer schwerer, sich als kohärente politische Gemeinschaft zu begreifen. Was bleibt, ist ein Wettbewerb partikularer Identitäten – ein weiterer Nährboden für narzisstische Selbstüberhöhung und gleichzeitige Kränkbarkeit.
Die äußeren Ursachen: Vom Ordnungsstifter zum Reagierenden
Diese inneren Dynamiken wirken nach außen. Eine Gesellschaft, die mit sich selbst ringt, verliert die Fähigkeit zur strategischen Führung. Außenpolitik wird zur Verlängerung innenpolitischer Konflikte.
Der Rückzug aus multilateralen Abkommen, die wechselhafte Haltung gegenüber Verbündeten und die Instrumentalisierung wirtschaftlicher Macht – etwa durch Sanktionen oder Zollpolitik – sind Ausdruck eines kurzfristigen, oft transaktionalen Ansatzes. Die USA handeln nicht mehr primär als Hüter einer Ordnung, sondern zunehmend als Akteur, der situativ auf Druck reagiert.
Gleichzeitig ist die internationale Umwelt komplexer geworden. Revisionistische Mächte testen die Grenzen der bestehenden Ordnung. In dieser Situation wäre strategische Kohärenz gefragt. Stattdessen spiegelt sich die innenpolitische Zerrissenheit im außenpolitischen Agieren wider. Die Folge ist ein Verlust an Glaubwürdigkeit: Partner zweifeln, Gegner kalkulieren.
Neue Dimension: China als Spiegel und Herausforderung
Der vielleicht wichtigste externe Faktor, der diesen inneren Wandel sichtbar und folgenschwer macht, ist der Aufstieg Chinas. Anders als frühere Rivalen bietet China nicht nur militärische oder geopolitische Konkurrenz, sondern eine alternative Vorstellung von Ordnung, Staat und Entwicklung.
Für die USA wirkt China dabei wie ein Spiegel: Während Peking langfristig plant, staatliche Steuerungsfähigkeit demonstriert und wirtschaftliche Macht strategisch bündelt, erscheint Washington zunehmend als innenpolitisch blockiert, kurzfristig orientiert und institutionell gelähmt. Die Rivalität mit China legt damit nicht nur geopolitische Schwächen offen, sondern verstärkt den Eindruck eines relativen Machtverlusts.
Zugleich verschärft China den inneren Druck auf die USA. Die Konkurrenz um technologische Dominanz, indus-trielle Wertschöpfung und globale Einflusszonen erhöht die Anforderungen an strategische Kohärenz – genau jene Fähigkeit, die im Zustand innenpolitischer Polarisierung untergraben wird. Der Konflikt mit China ist daher nicht nur ein externer Wettbewerb, sondern ein Katalysator für Amerikas innere Krise.
Konsequenzen: Multipolarität ohne Ordnung
Kommt es damit zu der von Wladimir Putin propagierten multipolaren Weltordnung? In gewisser Weise ist diese Entwicklung bereits Realität. Die unangefochtene Vormachtstellung der USA gehört der Vergangenheit an. Macht verteilt sich auf mehrere Zentren – wirtschaftlich, technologisch, militärisch.
Doch diese Multipolarität ist weniger Ausdruck einer stabilen Neuordnung als Symptom eines Machtvakuums. Wo Führung erodiert, entsteht kein Gleichgewicht, sondern Unsicherheit. Regionale Konflikte nehmen zu, internationale Institutionen verlieren an Durchsetzungskraft, globale Probleme bleiben ungelöst.
Für Russland mag diese Entwicklung kurzfristig attraktiv erscheinen. Eine fragmentierte westliche Welt schafft Handlungsspielraum. Doch auch Moskau operiert in einer zunehmend unberechenbaren Umgebung. Die vermeintliche multipolare Stabilität entpuppt sich als strategische Instabilität.
Die aggressive Fassade der Verunsicherung
Die Hybris der Großmächte USA, China und Russland ist Ausdruck eines psychologischen Mechanismus: keine bloße Selbstüberschätzung, sondern ein Abwehrmechanismus gegen Kontrollverlust. Je größer das innere Unbehagen, desto ausgeprägter das Streben nach Macht und Kontrolle.
Die Unsicherheit über die eigene Position in einer sich wandelnden Weltordnung führt zu Überkompensation – sichtbar in aggressiver Rhetorik, protektionistischen Maßnahmen und militärischer Machtdemonstration. Diese Signale sollen in erster Linie Sicherheit vermitteln – sowohl gegenüber anderen als auch für sich selbst – und sind weniger Ausdruck strategischer Überlegenheit. Sie sollen Ordnung behaupten, wo Orientierung fehlt. Insofern ist der gegenwärtige Machtstil vieler Akteure weniger offensiv als defensiv: eine performative Selbstvergewisserung in einer unübersichtlichen Welt.
Der aktuelle globale Ordnungswandel ist weniger ein geordneter Übergang als eine Phase schwebender Ungewissheit. Die alte, westlich geprägte Ordnung verliert an normativer und institutioneller Bindekraft, ohne dass eine neue Struktur ihre Stelle einnimmt. Macht verteilt sich diffuser, Regeln werden selektiv angewandt, ihre Anerkennung wird prekär. So entsteht nicht nur geopolitische Konkurrenz und mit ihr ein psychologisches Problem: die Verunsicherung über die eigene Stellung in einer Welt, die keine klaren Hierarchien mehr kennt. Das eigentliche Risiko des globalen Ordnungswandels liegt daher nicht in der Multipolarität als solcher, sondern in den psychologischen Reaktionen, die sie bei Staaten und ihren Eliten auslöst.
Systeme, die Unsicherheit durch Überhöhung kompensieren, verlieren Anpassungsfähigkeit. Sie verwechseln Lautstärke mit Stärke und Eskalation mit Kontrolle. Was kurzfristig Stabilität suggeriert, kann langfristig zur Quelle strategischer Fehlkalkulationen werden – für das eigene Regime ebenso wie für die internationale Ordnung insgesamt. Multipolarität wird so nicht zum Problem, weil mehrere Mächte existieren, sondern weil sie psychologische Gewissheiten zerstört: über Rang, Bedeutung und Kontrolle. Der globale Ordnungswandel ist deshalb weniger ein rein strukturelles als ein zutiefst psychologisches Problem der internationalen Politik.
Europas Moment der Entscheidung
Für Europa ist dieser Wandel von existenzieller Bedeutung. Jahrzehntelang konnte der Kontinent auf die sicherheitspolitische und wirtschaftliche Flankierung durch die USA bauen. Diese Gewissheit schwindet.
Europa steht damit vor einer strategischen Bewährungsprobe. Es muss lernen, eigenständiger zu agieren – militärisch, wirtschaftlich und politisch. Gleichzeitig bleibt die transatlantische Partnerschaft unverzichtbar. Europa muss also doppelt denken: mehr Autonomie entwickeln, ohne den Anker USA preiszugeben.
Der größte Fehler wäre es, auf eine Rückkehr zur alten amerikanischen Rolle zu hoffen. Die strukturellen Ursachen – Polarisierung, institutionelle Erosion und narzisstische Selbstbezogenheit – sind tief verankert und werden die USA noch über Jahre prägen.
Fazit: Der schleichende Abschied
Der „lange Abschied Amerikas von sich selbst“ ist kein Bruch, sondern ein Prozess. Die USA verlieren ihre Führungsrolle nicht abrupt, sondern unterminieren sie schrittweise – durch innenpolitische Selbstfixierung und strategische Inkonsistenz.
Die entscheidende Frage ist nicht, ob die USA noch mächtig sind. Sie sind es – und bleiben es. Entscheidend ist, ob sie diese Macht kohärent einsetzen können. Solange die Dynamik der narzisstischen Selbstbespiegelung anhält, wird die Fähigkeit zur verantwortungsvollen Führung begrenzt bleiben.
Für Europa und die Welt bedeutet dies eine neue Phase der Unsicherheit. Die alte Ordnung ist erodiert, eine neue ist noch nicht entstanden. Ob sie stabiler sein wird, hängt nicht zuletzt davon ab, ob die USA den Weg aus ihrer inneren Krise finden – oder weiter im Spiegel ihrer eigenen Projektionen gefangen bleiben.