Eine ereignisreiche Woche ist für Filmschaffende und Filmkunstfreunde zu Ende. Betrachtungen zum 47. Filmfestival Max Ophüls Preis.
Rückruf der Überschrift: Alle Filme, die von Jurys und Kuratoren ausgewählt wurden, sind Gewinner. Man stelle sich bitte einmal vor, dass in allen Wettbewerbsreihen und Nebenreihen 1.265 Filme gesichtet wurden. 57 Filme erreichten im Wettbewerb das Publikum beim 47. Filmfestival Max Ophüls Preis. Filmkunst ist eine Kunst, zu deren Entstehung viele Menschen beitragen. Jeder Film-Abspann ist ein Beweis. Bei dieser hohen Anzahl an Einreichungen wünsche ich mir das „Festival der Abgelehnten“, in Anlehnung an den „Salon des Refusés“ von 1863 als Reaktion darauf, dass Kunstwerke von der Jury des offiziellen Salons abgelehnt worden waren.
Zu den vermeintlichen Verlierern gehört „Hygge“. Ein Wettbewerbsspielfilm, der mich mit seinem detailreichen und präzisen Szenenbild sowie fabelhaftem Sound beeindruckt hat. Am Festland ist es nicht mehr sicher, pausenlos muss gearbeitet werden und abends schaut man das Realityformat „Hygge“. Jeder will auf die Insel. Wer dorthin kommt, kommt ins Glück. Das Paar Levi und Minu wird ausgewählt. Der Wunsch nach einem Kind soll wahr werden. Die Sicherheit, und das Publikum, verlangen einen Preis: Die allgegenwärtige Kameraüberwachung. Aber, es gibt eine Lücke: Bei den Mülltonnen! Ein spannender Film, der ins NDR-Fernsehen und in die ARD-Mediathek kommen wird, da der Film von Lena Fakler und Zarah Schrade von „MOIN Filmförderung Hamburg Schleswig-Holstein und nordmedia – Film- und Mediengesellschaft Niedersachsen/Bremen“ gefördert wurde.
Gern maule ich, wenn beim Filmfestival Max Ophüls Preis Filme, die von öffentlich-rechtlichen Sendeanstalten finanziert werden, gezeigt werden. Muss das sein? Diese Produktionen finden doch sowieso ihr Publikum im TV. Und ja, „Hygge“ mutet bereits glatt und perfektionistisch an – das ist der Story geschuldet. Man muss differenzieren.
Die weiteren vermeintlichen Verlierer heißen „Solo Show“, „Der tote Winkel der Wahrnehmung“, „Wir sind da“ und „Hätten wir doch die Aida genommen“. Alle standen auf meiner Wunschliste. Keiner ein Gewinner. Hatte die Journalistin Pech bei der Filmauswahl? Jede Wahl ist subjektiv. Erahne ich den ausgestreckten moralischen Zeigefinger, weiche ich aus, außerdem interessieren mich Produktionen, die mit geringem Budget entstanden sind, als auch Filme, die die Möglichkeiten des Mediums und neue Erzählweisen erkunden. „Low budget, high energy“, formulierte ein Filmemacher nach einer Vorführung bei „Frage-und-Antwort“ treffend.
Treffpunkt für Filmfreunde
Mit „Solo Show“ kam ein Schweizer Beitrag in den Wettbewerb, der dank Konstantin Schumann, der den Kunststudenten Roy spielte, interessant begann, aber zum Ärgernis mutierte. Filmemacher Michael Gülzow wurde für „Der tote Winkel der Wahrnehmung“ eine Förderung verweigert, mit der Begründung, er würde Verschwörungstheorien Vorschub leisten. Selbst wenn es so wäre: Was ich glaube, oder nicht, entscheide ich – nicht der Zensor! Die satirische Echsenjagd ist ein Spaß aus Österreich mit beeindruckender Machart: Der Film versetzt uns in das Jahr 1996 in eine Zeit von Röhrenmonitoren und beschert ein Wiedersehen mit Alf. „Wir sind da“ und „Hätten wir doch die Aida genommen“ sind nicht gelungen, zeugen aber von Mut und der Lust am Wagnis. Das genau erwarte ich von jungen Filmemachern. Das Unfertige regiert in „Hätten wir doch die AIDA genommen“, was man als Kinogänger aushalten können muss. Ich verstehe, den, der kapituliert. Meine Sitznachbarin fragte: „Was sollte das?“ Musa Kohlschmidt erklärte: „Wir sind am Produktionsprozess interessiert.“ Das DIN O4-Format ist ein Theater-Kollektiv, das freizügig angibt, keine Ahnung von Film zu haben. Nach dem Motto „Es gibt zwei Dinge, die keine Fehler verzeihen: Das Meer und das Theater!“ segelte die Crew los, denn: Geld kam durch Crowdfunding. Die Welt wollte den Film. Die Jury Wettbewerb Spielfilm auch. Keiner der genannten Vier wird zum Gewinner – das war mir nach den Vorführungen klar. Kunstpreise werden heutzutage ohnehin überwiegend politisch akzentuiert vergeben.
Fünf Herzen habe ich dem vermeintlichen Verlierer „Im Licht der Sandbank“ aus der Sparte Dokumentarfilm gegeben. Wir beobachten wie Kilian Helmbrecht auf der Düneninsel Scharhörn die Landschaft und die Vögel beobachtet. Das hört sich nicht spektakulär an – ist es aber. Von „turnerhaften Bildern“ sprach ein Kinobesucher nach der Vorführung, und dankte „dafür, dass du dir die Zeit genommen hast“. Was er meinte, war, dass Kilian Helmbrecht sieben Monate alleine auf der Insel als Vogelwart ausharrte, und – man kann es kaum glauben – auf sich gestellt die Kamera- und Tonarbeit bewältigte. Ich meine, der Film ist weit mehr als ein Naturfilm – es ist ein Film über das Phänomen Zeit.
Der Gewinner Dokumentarfilm heißt „Die noch unbekannten Tage“. Die Dokumentarfilmregisseurin Jola Wieczorek drehte, vom Österreichischen Filminstitut gefördert, ihren zweiten Langfilm, die Geschichte der Auswanderung ihrer Eltern von Polen nach Österreich im Jahr 1989, als sie und ihr Bruder Kinder waren. Der Filmtitel bezieht sich auf das zeitliche Zusammenfallen der Demenz-Diagnose der Mutter und der Schwangerschaft der Tochter. Das Erinnern ist, wenn absichtsvoll in Gang gesetzt, bisweilen schmerzhaft und keineswegs zwangsläufig heilsam oder sinnvoll, wie oftmals behauptet wird, im Gegenteil, sogar Retraumatisierung kann eine Folge sein – das war mir allerdings schon bewusst, bevor ich diesen Film gesehen habe. Davon handelt der Film auch nicht. Ich bin diejenige, die bisweilen Bauchschmerzen beim Zuschauen bekam, ich bin diejenige, die Wieslawa und Romuald Wieczorek das Erinnern gern erspart hätte.
Die Juryentscheidungen sind mit den Geld-Preisen für die Filmemacher sehr wichtig. Weichen Juryentscheidungen stark von den Meinungen der Besucher ab, oder liegen sie nahe beieinander? Das interessiert und wird diskutiert. Ich traf eine Besucherin, die bis heute von der Juryentscheidung „Das melancholische Mädchen“ von 2019 traumatisiert war. Ich spreche mit vielen Kinobesuchern: Ich lasse mich gern beeinflussen, und justiere meine Auswahl ihren Empfehlungen nach.
Schon am ersten Festivaltag und dem Screening von „Noah“ ahnte ich: Ein Preisanwärter! Am Donnerstag hatte sich der Eindruck verdichtet, wobei „Gropiusstadt Supernova“, „Wolves“ und „Wovon sollen wir träumen“ mir ebenso oft genannt wurden. In diesem Jahr habe ich die Publikumsempfehlungen ignoriert. Das habe ich nun davon: Keinen der genannten Gewinner habe ich gesehen. Nacharbeiten und Streamen? Was jetzt? Ich frage bei Familie Zapp nach. Judith Zapp und Sohn Alexander lernte ich im Vorjahr beim Filmfestival kennen, und habe sie beim bedeutendsten Kulturereignis unserer Stadt wiedergetroffen. Ihr Sohn Mathias reiste aus Stuttgart an: Das Filmfestival ist auch für Familienzusammenführung zuständig. Gemeinsam mit Vater Joachim besuchten die Vier sonntags die Vorführung des Gewinners Publikumspreis Spielfilm bei Thalia in Bous und im Filmhaus Saarbrücken den Gewinner des Besten Spielfilms. Obgleich beide Filme, „Gropiusstadt Supernova“ und „Wovon sollen wir träumen“ berührten, ergab sich ein gemischtes Bild, diskutiert wurde bei „Gropiusstadt Supernova“ über „unruhige Kameraführung“ und bei „Wovon sollen wir träumen“ über „Langatmigkeit“.
Ich träume vom 48. Filmfestival Max Ophüls Preis, und zwar davon, dass die drei in diesem Jahr gestrichenen Langfilm-Slots zurückkehren. Träume können wahr werden – das weiß ich.