Trainer Lukas Kwasniok hat im unruhigen Umfeld beim 1. FC Köln polarisiert. Auch für seine Beurlaubung und für die Wahl seines Nachfolgers fanden sich Befürworter und Gegner. Doch René Wagner legte einen guten Start als Cheftrainer hin.
Schaut man von oben drauf, war die Beurlaubung von Trainer Lukas Kwasniok beim 1. FC Köln nicht zu verstehen. Als Aufsteiger hatten die Kölner bis dahin nicht ein einziges Mal auf einem Abstiegsplatz gestanden. Und in den letzten beiden Spielen vor der Trennung von Kwasniok hatten sie ein 1:1 beim Hamburger SV mit deutlicher Überlegenheit erkämpft und im Derby gegen Borussia Mönchengladbach ein spektakuläres 3:3 geholt. Die Mannschaft trotzte dabei einem Rückstand nach 29 Sekunden, schaffte nach dem 2:3 in der 84. Minute den Ausgleich und verteidigte den Punkt trotz einer Roten Karte dann inklusive Nachspielzeit. Eine tote Mannschaft war das also keineswegs. Und sicher auch keine, die gegen den Trainer spielte. Denn das Derby war schon im Vorfeld zum „Schicksalsspiel“ für Kwasniok tituliert worden.
Nur zwei Siege aus 18 Spielen
Doch auf der Zahlen-Ebene gab es auch eine andere Seite. Von den jüngsten 18 Spielen hatten die Kölner nur zwei gewonnen. Sie waren in diesem Zeitraum vom 7. auf den 15. Platz abgerutscht, der Vorsprung auf den Relegationsplatz war von acht auf zwei Zähler geschmolzen. Das sind die harten Fakten, auf deren Grundlage Kölns Sport-Geschäftsführer Thomas Kessler den Punkt schon direkt nach dem Spiel öffentlich als „zu wenig“ bezeichnete und die bevorstehende Beurlaubung des Trainers quasi ankündigte. Obwohl dieser noch eine Brandrede in eigener Sache hielt. „Das Allerallerwichtigste, wenn du einen Trainer hast in einem Verein, ist die Überzeugung. Ich kann nur sagen: Du musst erst mal einen finden, der mehr Überzeugung in sich trägt. Wir sind ein Team, zu einhundert Prozent. Das spüre ich bei der Mannschaft. Ich werde um diesen verdammten Job hier kämpfen, mit allem, was ich habe. Weil ich absolut der Überzeugung bin: Ich bin der richtige Mann am richtigen Ort mit der richtigen Mannschaft im richtigen Verein.“ Er spüre die Rückendeckung der Verantwortlichen „zu einhundert Prozent“.
Nachhaltig in der Bundesliga
Trotzdem bekam Kwasniok am folgenden Tag die Papiere. Denn zu den Fakten kamen noch zwei weitere Ebenen. Zum einen sind die Kölner gebrannte Kinder. Seit 1998 ist der erste deutsche Bundesliga-Meister in rund 25 Jahren unglaubliche sieben Mal abgestiegen. Immer wieder musste es einen Neuaufbau geben, immer wieder gab es Rückschläge in der Planungssicherheit wie bei den Fernseh-Geldern. Das große Ziel seit Ende der 90er ist es, den FC nachhaltig in der Bundesliga zu etablieren. Das schien nach den letzten beiden Aufstiegen schon geschafft zu sein. Einmal vier und einmal fünf Jahre am Stück blieben die Kölner oben, schafften sogar je einmal die Qualifikation für den Europacup und gingen dann doch wieder runter. Nach der schmerzhaften Sanierung Anfang der 20er-Jahre, nachdem zwischenzeitlich die Insolvenz gedroht hatte, konnte der Verein in diesem Sommer endlich auch mal richtig investieren und war für viele „kein normaler Aufsteiger“. Rund 25 Millionen investierte der FC im Sommer in Neuzugänge, bei – inklusive der Weiterverkaufs-Beteiligung von Florian Wirtz – rund 15 Millionen Einnahmen. Ein achter Abstieg soll und darf also auf keinen Fall mehr passieren. Und als die Gefahr für ihn plötzlich wieder real schien, zog Kessler die Handbremse.
Zumal es schon in den zwei, drei Monaten vorher viele Diskussionen um Kwasniok gegeben hatte. Zu Beginn des neuen Jahres hatten die Kölner Ultras mit einem Plakat mit der Aufschrift „Kwasni Yok“ („Yok“ ist Türkisch für „Nein“) für Aufsehen gesorgt. Spätestens seitdem spaltete sich das Umfeld in Köln in klare Befürworter und klare Gegner des Trainers, der mit seiner sehr einnehmenden, manchmal aber auch raubeinigen Art ohnehin polarisiert.
„Der Wurm war spätestens schon im Winter drin. Darauf haben wir ja auch reagiert“, sagte Ultra-Vorsänger Stephan Schell direkt nach der Trennung im Talk „Dreierkette Köln“: „Ich bin restlos überzeugt, dass wir, wenn wir den Trainer behalten hätten, abgestiegen wären. Mit diesem Trainer wären wir ganz tief in die Scheiße reingekommen. Deswegen war die Entscheidung, den Trainer zu wechseln, die richtige.“ Und Lionel Souque, Aufsichtsrats-Chef des FC und CEO von Hauptsponsor Rewe, erklärte: „Wir diskutieren seit Dezember, wie es weitergeht. Die fehlenden Punkte sind das Wichtigste, aber auch die Kommunikation intern. Da kommt vieles zusammen.“
Das darf letztlich als der entscheidende Punkt für den Schritt gewertet werden: Dass die Kölner fürchteten, dass mit Kwasniok keine Ruhe einkehren wird. Völlig egal, inwiefern das sein eigenes Verschulden war oder nicht. Umso mehr überraschte es aber, dass sie zunächst eine Interimslösung präsentierten, die eine mögliche Trainer-Diskussion somit nicht final abband. Und es war auch kein großer Name, sondern Kwasnioks bisheriger Assistent René Wagner. Den habe Kessler im Sommer schon ein wenig mit dem Hintergedanken verpflichtet, einspringen zu können, wenn es mit Kwasniok nicht klappen würde, schrieben daraufhin die Kölner Medien. Eine solch explizite Absicherung würde jedoch ungewöhnlich. Zumal Kwasniok im Sommer nach seinem selbstgewählten Abgang aus Paderborn auch zahlreiche andere Anfragen hatte.
Dass Wagner langfristig Cheftrainer-Ambitionen hegt, war allerdings klar. Der 37-Jährige, der über ein Stipendiat auf Hawaii studierte, hatte in den USA auch seine ersten Jahre als Trainer verbracht. Von 2020 bis 2025 assistierte er Steffen Baumgart als Co-Trainer in Paderborn, Köln, beim HSV und bei Union Berlin. Ehe ihn Kessler tatsächlich von dort heraus verpflichtete, um wieder Co-Trainer beim FC zu werden.
„René und ich haben telefoniert, dabei habe ich ihm viel Glück gewünscht“, sagte Baumgart direkt nach der Beförderung seines langjährigen Assistenten der „Bild“-Zeitung: „Das ist doch selbstverständlich, schließlich haben wir lange zusammengearbeitet und hatten immer einen guten Kontakt. Er hat sich diese Chance verdient, dafür hat er sehr hart gearbeitet.“
Wagner sei „immer loyal, das war er auch mir gegenüber in unserer gemeinsamen Zeit. Vor allem aber ist er ein sehr offener Typ, kommt super mit den Spielern und den Mitarbeitern klar. Das ist seine größte Stärke neben seinem Gespür für die sportliche Situation.“
Gutes Verhältnis zur Mannschaft
Das Verhältnis zur Mannschaft soll auch einer der Hauptgründe gewesen sein, warum die Wahl auf Wagner fiel. Obwohl auch Baumgart zu bedenken gibt: „Als Co-Trainer ist es natürlich immer etwas leichter, einen engen Zugang zum Team zu haben. Als Chef musst du Entscheidungen treffen, die dann auch Konsequenzen haben. Da macht man sich dann nicht immer bei allen beliebt, das gehört dazu, dafür hat man eben den Hut auf. Damit muss er jetzt lernen umzugehen – und das wird er auch, da bin ich mir ganz sicher.“ Auch Wagner berichtete von dem Telefonat, dass Baumgart ihm gesagt habe, „dass meine neue Rolle ein paar andere Themengebiete aufmachen wird. Es gibt das eine oder andere Thema, das ich schon bearbeiten musste, worüber ich mich früher nicht kümmern brauchte.“
Beide hatten sich übrigens auch auf ein Wiedersehen am 32. Spieltag beim Spiel Union gegen Köln gefreut. Doch dann wird Baumgart aufgrund seiner Beurlaubung in Berlin nicht mehr dabei sein.
Wagners Amtszeit begann mit einem 2:2 in Frankfurt, als eine Kombination aus drei direkt zuvor eingewechselten Spielern den Punkt rettete, und einem 3:1 gegen Bremen vielversprechend. Dass aus der Interimslösung eine Dauerlösung bis mindestens zum Saisonende und möglicherweise darüber hinaus wird, ist also deutlich wahrscheinlicher geworden. Und weil Baumgart direkt danach eben plötzlich vereinslos war, wurde Wagner von Laura Wontorra am DAZN-Mikrofon sogar gefragt, ob er den alten Chef nun als Co-Trainer verpflichten würde. „Das wird es niemals geben, dafür ist Steffen zu sehr Alphatier“, antwortete Wagner lachend: „Ich denke, das ist normal, wenn man so viele Jahre als Cheftrainer gearbeitet hat.“
Nun hat er selbst die Chance, sich nachhaltig als Cheftrainer in der Bundesliga zu etablieren.