16 Premieren mit Stücken von Brecht bis Handke präsentiert das Berliner Ensemble in der zehnten Spielzeit seines Intendanten Oliver Reese. Höhepunkt der Spielzeit sind acht Auftritte von Tilda Swinton.
Im Gehen trägt er zusammen, was ihm begegnet, Tag für Tag, Schritt für Schritt: zwei Raben zu seinen Füßen, ein angebissener Apfel am Rand eines Weges, der Fliegenschwarm, „der auf der Stelle fliegt“. Dazwischen Gedanken an den durch Weltgeschehen und -geschichte irrenden Odysseus, Erinnerungen an die Schlange am Kindswaldrand, der Klang der Regentropfen im Laub, das Bild der Wolkenschatten. Dann das „Lachen von Kindern am Horizont“, ihr ausgelassenes Spiel, das den Krach am Straßenrand übertönt. Dort findet er den Frieden, den es nicht gibt, „im Mundschwung des Kindes, dort herrscht er“. Bis der eine, der da unentwegt spricht, aufbricht und ein anderer kommentiert: „Angeblich soll er vor einiger Zeit noch gesehen worden sein, als letzter Fahrgast hinten zusammengekauert im allerletzten Nachtbus.“
So fasst der Suhrkamp Theaterverlag „Schnee von gestern, Schnee von morgen“ zusammen – ein Werk des Autors Peter Handke. Es sei „ein Stück für die Bühne, ein Drama ohne Rednerwechsel, ein Lied ohne Kehrvers“. Es sei so, „als ob Peter Handkes Figur sprechend und singend versucht, sich in die Stille einzuhören, also zugleich wegzuhören, Welt und Welterfahrung gerecht zu werden. Der Sprecher fällt sich selbst ins Wort, setzt neu an, und er sammelt nicht nur auf, was ihm im Gehen begegnet, sondern folgt auch den ,Nachbildern bei geschlossenen Augen‘.“
„Schnee von gestern, Schnee von morgen“ wird im Juli bei den Salzburger Festspielen unter der Regie von Jossi Wieler uraufgeführt. Oliver Reese hat das Stück ausgewählt, um damit nach der Sommerpause seine Jubiläums-Spielzeit am Berliner Ensemble zu eröffnen – es ist seine zehnte als Intendant des Theaters am Schiffbauerdamm. Am 29. August wird sie im Großen Haus mit der Berlin-Premiere von Peter Handkes neuem Stück gestartet. Und auch das Berliner Ensemble hat eine Interpretation des Literaturnobelpreisträger-Stücks: Handke zeichne „das Bild eines suchenden Menschen in einer unübersichtlichen Welt“. „Auf ebenso kunstvolle wie auch selbstironische Weise“ verbinde der Text „poetische Welterfahrung mit unnachgiebiger Selbstbefragung und findet die großen Fragen in unverhofften Begegnungen und Konstellationen“. Das Ganze setzen Marina Galic und Jens Harzer auf der Bühne des Berliner Ensembles um.
Zum Abschluss der Saison 2026/2027 lädt Regisseurin und Autorin Fritzi Wartenberg weitere Autorinnen und Autoren sowie das Ensemble ein, sich mit einem der größten Popkultur-Phänomene Deutschlands auseinanderzusetzen: dem Märchen vom internationalen Model-Durchbruch durch einen öffentlich ausgetragenen Casting-Wettbewerb. „Sie fragt unter anderem nach dem patriarchalen Stockholmsyndrom, das uns Zuschauende dabei zu befallen scheint, denn trotz Sexismus, Diskriminierung und Bodyshaming – die Anzahl der Fans hält sich.“ Das Stück, das so entsteht, heißt „Leider kein Foto für dich“. Uraufführung ist am 7. Mai. Zwischen „Schnee von gestern, Schnee von morgen“ und „Leider kein Foto für dich“ plant das Berliner Ensemble in seinen drei Spielstätten weitere 14 Premieren, darunter die Hälfte Uraufführungen sowie drei internationale Koproduktionen.
In seiner fünften Arbeit am Berliner Ensemble inszeniert Frank Castorf Klaus Manns im Exil geschriebenen Roman „Mephisto“ über Gustaf Gründgens alias Hendrik Höfgen, der im Nationalsozialismus zu einem „Affen der Macht“ mutierte. Als ein vor den Nazis geflüchteter, sich zu seiner Homosexualität und zum antifaschistischen Widerstand bekennender Autor schrieb Klaus Mann mit „Mephisto“ eine Satire über den Opportunismus von Künstlerinnen und Künstlern. Die Premiere ist am 17. September.
Die Fernsehserie „Warten auf’n Bus“ kommt auf die Bühne
Am 5. November folgt die Premiere von „Hamlet“. Regisseur Ersan Mondtag und Autor Wilke Weermann legen den Fokus ihrer Bearbeitung von Shakespeares wohl berühmtestem Stück „auf die Selbstzerstörungskräfte seiner Hauptfigur, die in sich die Widersprüche einer auf Gewalt basierenden Weltordnung austrägt“, wie das Theater ankündigt. Ulrich Rasche, der für seine chorischen, von minutiöser Rhythmik und körperlicher Strenge geprägten Arbeiten bekannt ist, inszeniert danach mit „Mutter Courage und ihre Kinder“ zum ersten Mal einen Text von Bertolt Brecht. Die Hauptrolle von Brechts Antikriegsstück spielt Constanze Becker, Premiere ist am 24. Januar.
Ab dem 9. Februar spielt Tilda Swinton acht Vorstellungen von „Man to Man (Jacke wie Hose)“ von Manfred Karge, der seine Karriere am Berliner Ensemble begann. Die Neuinszenierung dieser internationalen Koproduktion vereint das mehrfach preisgekrönte Kreativteam um Regisseur Stephen Unwin und Bühnenbildnerin Bunny Christie, die das Stück bereits 1988 mit Swinton auf die Bühne brachten.
Yasmina Reza gehört zu den meistgespielten Dramatikerinnen und beschäftigt sich seit über 30 Jahren in ihren Romanen und Stücken mit den Abgründen der bürgerlichen Gesellschaft. Oliver Reese inszeniert ab dem 11. September im Neuen Haus die deutschsprachige Erstaufführung ihres Episoden-Romans „Glücklich die Glücklichen“, in dem sie anhand von Alltagsszenen die Beziehungen des Pariser Bürgertums seziert.
Zwei Inszenierungen werfen auf derselben Bühne aus völlig unterschiedlichen Perspektiven einen Blick auf ostdeutsche Themen: Oliver Bukowski, Erfinder und Autor der Fernsehserie „Warten auf’n Bus“, und Hannah Zufall haben für das Berliner Ensemble je eine neue Episode der Erfolgsserie geschrieben. Der Ost-Berliner Schauspieler und Regisseur Max Hopp inszeniert den Doppelabend über zwei Freunde, die irgendwo in Brandenburg an einer Bushaltestelle warten und dabei über das Leben philosophieren. Die Uraufführung mit Peter Moltzen und Gabriel Schneider ist am 25. Oktober.
Mit der Uraufführung von „Es steht ein Haus in Ost-Berlin“ wird Luise Voigt am 19. Februar ihre erste Arbeit am Berliner Ensemble zeigen. Zusammen mit Dramaturgin Eva Bormann stellt sie 38 Jahre nach dem Mauerfall die Frage: Was bedeutet Ost-Berlin heute? „Aus den realen Geschichten von 20 Menschen, die zwischen 1929 und 2008 geboren wurden, entsteht ein fiktives Haus in Ost-Berlin: ein Abend über Spaltung und Sehnsucht, Wut und Verständnis – erzählt von Menschen, die mit Berlin verbunden sind“, kündigen sie an.
Nach dem Welterfolg von „Prima Facie“ beleuchtet die australische Dramatikerin Suzie Miller mit „Inter Alia“ – wie es das Theater beschreibt – „eine weitere Facette des gesellschaftlichen Umgangs mit sexualisierter Gewalt gegen Frauen“. Das Stück, in dessen Zentrum eine Richterin und Mutter steht, gewährt „einen fundierten Einblick in die juristische Praxis und stellt gleichzeitig so pointierte wie unbequeme Fragen zu moderner Elternschaft und der Weitergabe von tief verwurzelten patriarchalen Strukturen in Beziehungen“. Premiere in der Regie von Susanne Wolff ist am 4. Dezember.
Nach „It’s Britney, Bitch!“ und „Spielerfrauen“ nehmen sich Lena Brasch und Sina Martens für ihr drittes gemeinsames Projekt des Themas Geschwister an. Für die Uraufführung am 15. Januar arbeiten sie mit Texten von Laura Dabelstein, Anne und Lucien Haug sowie Marion Brasch und erkunden, was Geschwister zusammenhält und auseinandertreibt: von Kain und Abel bis Kim und Kourtney. Édouard Louis’ autofiktionaler Roman „Anleitung, ein anderer zu werden“, der schonungslos einen Kampf um Selbstbestimmung beschreibt, kommt ebenfalls auf die Bühne. Der finnisch-norwegische Regisseur Heiki Riipinen, wie Louis einst ein queerer Junge in der Provinz, begibt sich mit seinem Team auf die performative Suche danach, was es kostet, ein anderer zu sein. Nach der Premiere an den Théâtres de la Ville in Luxemburg ist die Inszenierung ab dem 13. März am Berliner Ensemble zu sehen.