Die Berliner Bestsellerautorin Julia Franck beschreibt in ihrem neuen „literarischen Sachbuch“ die vielseitige Beziehung zwischen der Malerin Baladine Klossowska und dem Dichter Rainer Maria Rilke.
Julia Franck sitzt im warmen Licht der 50er-Jahre und spricht über Liebe. Das zartrote Licht, das auf die Bestseller-Autorin fällt, wird durch eine Markise vor dem Fenster des „Café Tiergarten“ erzeugt. Eine Gruppe von Menschen mit viel Liebe zum Detail hat das Café im Hansaviertel nach einigen Jahren Leerstand respektvoll renoviert. Die Farben, auch die der Markise, sind kein Zufall. Auch die Menschen, die das inzwischen denkmalgeschützte Schwedenhaus 1957 während der Internationalen Bauausstellung „Die Stadt von morgen“ errichtet haben, waren verliebt in Details. Den neuen Betreiberinnen und Betreibern des Cafés war es wichtig, viel davon zu bewahren.
Die Liebe, von der Julia Franck an diesem Morgen spricht, ist die der Malerin Baladine Klossowska zum Dichter Rainer Maria Rilke. Von einer „leidenschaftlichen, widersprüchlichen Liebe“, die bis zu Rilkes Tod währte, spricht Julia Francks Verlag. Dass er dieses Buch unter dem Titel „Ich ertrinke in den Wassern meiner eigenen Liebe – Rilkes letzte Geliebte“ gerade jetzt veröffentlicht hat, liegt daran, dass Rilkes Tod nun 100 Jahre zurückliegt.
Die Liebe, die ihm Baladine Klossowska schenkte, überdauerte den 29. Dezember 1926, an dem Rilke in einem Schweizer Sanatorium starb. Auch im hohen Alter noch, sagt Julia Franck, hat sich Mouky mit Rilke in den Schlaf gelesen. Mouky – mit diesem Namen hat die Malerin ihre Briefe an Rilke unterschrieben, nachdem sie dem Dichter, den sie zuvor schon in Paris kennengelernt hatte, 1920 wiederbegegnet war. Sie hat ihn in diesen Briefen bei dem Namen genannt, den er im Dezember 1875 mit seiner Geburt in Prag bekommen hatte: René.
Liebe überdauerte Rilkes Tod
Sie sei „in diese Geschichte reingekommen über die langen Briefe“, sagt Julia Franck. Dass sie die Gegend kennt, in der sich die Schreibenden damals aufhielten und manchmal auch begegneten, hat beim Schreiben geholfen: das Wallis und Genf. Dass sie selbst Französisch spricht, also die Briefe, die zwischen Réne und Mouky hin und her gingen, im Original lesen konnte, war hilfreich.
Dass beim Lesen über ein trennendes Jahrhundert hinweg eine überraschende Vertrautheit mit den Schreibenden und ihrer Welt entsteht, liegt auch daran, dass die Autorin ihre Nähe zu dem, was sie beobachtet, auf wundervolle Weise in Worte fassen kann. „Mir ist diese Welt der Künstler vertraut“, sagt Julia Franck und erklärt das so: „Mit Baladine habe ich etwas gemeinsam: Ich komme aus einer teilweise jüdischen Künstlerfamilie, die Atmosphäre, die Worte, die Sprache der Großmutter, der Urgroßmutter aus dieser Zeit sind mir sehr vertraut. Das Milieu, aus dem sie kommen, in dem auch Französisch gesprochen wurde, obwohl sie beide deutsche Muttersprachler waren, auch.“
Die Geschichte, die die Briefe zwischen Rilke und Baladine Klossowska erzählen, wirkt dagegen verstörend – zumindest auf den ersten Blick. Da ist die Frau, die ertrinkt in den Wassern ihrer eigenen Liebe, wie es der Titel des Buchs, der ein Zitat aus einem von Moukys Briefen ist, beschreibt. Und da ist der bekannte Dichter, der seiner Mouky zwar auch ergreifende Briefe schreibt, aber auf Distanz bedacht ist. Ein Mann, der zum einen auch andere Frauen hat, zum anderen die Einsamkeit braucht, um leben und schreiben zu können.
„Er brauchte diese Frauen alle, er war gar nicht in der Lage, sich zu entscheiden“, beschreibt Julia Franck Rilke. Und natürlich ergebe sich aus all dem die Frage: „Was fand sie an diesem Mann, der sie nicht wollte?“ An der Stelle hält die Autorin inne und ergänzt: „Doch, er wollte ihre Liebe, er wollte aber keinen Alltag.“ Rilke war diese Liebe wichtig, auch wenn er sie nicht so leidenschaftlich und bedingungslos erwiderte. Man dürfe sich Baladine Klossowska aber nicht als ein Dummerchen vorstellen, weil sie dennoch – „von einer romantischen Kraft getragen“ – diesem älteren Mann ihr Herz immer neu zu Füßen legte. Es gehe in der Liebe eben nicht darum, zu „fragen: Was bekomme ich zurück?“ Für Baladine Klossowska sei es nicht entscheidend gewesen, „ob sie geliebt wird, es ging darum, zu lieben, sie war nicht seine Geliebte, sie war seine Liebende“, erklärt Julia Franck. So gesehen sei der Untertitel „Rilkes letzte Geliebte“ etwas irreführend.
Der KI fehlt das Seelen-Ich
„Niemand sucht sich aus, wen und warum man liebt“, sagt Julia Franck. Mouky und René seien „Wandernde zwischen den Welten“ gewesen. Für die Autorin waren die Briefe so etwas wie Spuren dieser Wanderung, denen sie gefolgt ist, um etwas zu schaffen, das sie selbst „ein literarisches Sachbuch, das sich wie ein Roman liest“ nennt. Eine Geschichte, die aktuell ist, nicht nur, weil „obsessive Liebe ein universelles, ein zeitloses Thema ist“, wie Julia Franck sagt. Auch 100 Jahre nach diesem Briefwechsel zweier sehr unterschiedlich liebender Menschen ist es ja nicht so, dass das Schreiben aus dem Leben der Menschen verschwunden ist. „Junge Menschen schreiben sich. Keine Briefe mehr, aber auf anderen Kanälen“, erklärt Julia Franck die Aktualität ihres Buches. Liebende von heute greifen womöglich nicht zu Stift und Papier, sie tippen das, was sie sich zu sagen haben, in Smartphones, schicken sich Sprachnachrichten. „Entfernte Beziehungen“ wie die von Mouky und René, die sich viel schrieben, aber selten getroffen haben, gibt es auch heute.
Julia Franck, 1970 in Berlin geboren, ist schon lange eine Schreibende. Ihr Werk wurde unter anderem mit dem Schiller-Gedächtnispreis, dem Marie-Luise-Kaschnitz-Preis und dem Deutschen Buchpreis ausgezeichnet. Ihre Bücher wurden in 40 Sprachen übersetzt, zwei ihrer Romane – „Die Mittagsfrau“ und „Lagerfeuer“ – wurden verfilmt. Dass ihr das Schreiben nicht zur Gewohnheit wird, liege an der Art, wie sie es angeht, sagt sie. „Von Buch zu Buch interessiert mich etwas, das ich zuvor nicht gehabt habe“, beschreibt sie ihr Schreiben. Wobei dieses Sachbuch über Klossowska und Rilke gar nicht dem entspreche, was sie am meisten möge, denn, sagt sie, „ich halte Erfindung und das Subjektive für das Reizvolle“.
Zu Mouky und René sei sie gekommen, weil sie für einen Essay-Band zu Frauen des 20. Jahrhunderts auf Baladine Klossowska gestoßen ist und gemerkt habe: Da steckt eine größere Geschichte drin. In ihrem nächsten Buch gehe es aber dann wieder um „etwas Gegenwärtiges“. Der Wechsel zwischen den Zeiten, den Gattungen, den Variationen der Sprache macht es aber nicht nur immer neu und interessant zu schreiben. Es verhindert auch, dass Julia Franck in eine Autorinnen-Schublade gesteckt wird.
Für ein Universitäts-Seminar gab sie einer KI den Auftrag: „Schreib mir eine Kurzgeschichte im Stil von Julia Franck.“ Was die Künstliche Intelligenz produziert hat, „war soooo schlecht“, sagt die Autorin. Der KI fehle das „Seelen-Ich“. Texte von einer KI schreiben zu lassen, „würde ich als Verrat an meiner Seele empfinden“, erklärt Julia Franck. Außerdem macht die KI Fehler, weil sie einfach auf Informationen aus dem Internet zurückgreift. Das hat Julia Franck auch in Sachen Klossowska und Rilke festgestellt. Da sei zu lesen, Rilke habe ihr den Kosenamen Merlin gegeben. Das stimme aber nicht, denn diesen Namen hat sie sich selbst gegeben, 1954, als sie den Briefwechsel veröffentlicht hat. „Als Autorin interessiere ich mich, die KI interessiert sich nicht, sie ist eine Maschine“, sagt Julia Franck – und verlässt das warme Licht der 50er-Jahre, weil sie los muss wegen einer „Recherche für ein ganz anderes, zukünftiges Projekt“.