In einer neuen Führung durchs Theater am Schiffbauerdamm würdigt das Berliner Ensemble seine Gründer-Persönlichkeiten: Bertolt Brecht und Helene Weigel. 1954 übernahmen sie das traditionsreiche Theater.
Oben bereiten sie die Bühne für Kafka vor. Unter der Bühne steht Mona Wahba und erzählt die Sache mit den russischen Panzerrädern: Als das Berliner Ensemble, für das Wahba als leitende Theaterpädagogin Führungen hinter die Kulissen macht, 1954 ins Theater am Schiffbauerdamm einzog, ließ Bertolt Brecht die Scheibe der Drehbühne vergrößern. Die Holzräder, die bisher die Bühne in Bewegung brachten, mussten ersetzt werden. „Holz auf Holz – das war zu laut“, erklärt sie. Bertolt Brecht und Helene Weigel hatten die Idee, so lautet die Legende, die Holz- durch Panzerräder zu ersetzen. Brecht sei deswegen zum sowjetischen Stützpunkt Karlshorst gefahren. Die Russen konnten seinem Plan nichts abgewinnen. Er kam ohne die Metallräder zurück.
Erste Begegnung in Berlin 1923
Also fuhr Helene Weigel, seine Frau und Intendantin des Berliner Ensembles, nach Karlshorst. „Willensstark und geschickt wie sie war, machte sie einen Tauschhandel mit den dortigen Panzer-Beauftragten der sowjetischen Besatzungsmächte: Das Berliner Ensemble bekommt T-34-Panzerräder für den Betrieb der Drehbühne, Karlshorst bekommt dafür gelegentlich Aufführungen des Berliner Ensembles“, heißt es in der Chronik des Theaters. Seither fährt die Drehbühne im Berliner Ensemble auf 32 Rädern eines sowjetischen T-34-Panzers. Bis heute musste keines der Räder ausgetauscht werden, heißt es. An der Wand unter der Bühne liegt aber noch ein Haufen Räder – für alle Fälle.
Die Sache mit den russischen Panzern ist mehr als eine Anekdote. Sie wirft ein Licht auf diese beiden Menschen: Helene Weigel und Bertolt Brecht. Er, der bekannte Dramatiker, der sich mit der „Dreigroschenoper“ früh international einen Namen gemacht hat, erfolgreiche, wegweisende Stücke schreibt und Regie führt, aber weiß, dass er nicht der Richtige ist, um ein Theater zu führen. Sie, die sich den Weg als Schauspielerin mit eisernem Willen geebnet hat und genau das kann: ein Theater leiten – und deshalb ab 1949 Intendantin des neu gegründeten Berliner Ensembles wird, erst am Deutschen Theater, dann im Theater am Schiffbauerdamm. Um diese beiden Menschen – Helene Weigel und Bertolt Brecht – geht es bei einer neu konzipierten Führung, die die Abteilung Vermittlung und Theaterpädagogik des Berliner Ensembles seit Beginn der neuen Spielzeit anbietet.
Es ist Sonntagnachmittag, Mona Wahba steht auf der Bühne, auf der am Abend zuvor „K.“, ein Stück „nach Franz Kafka mit Musik von Bach über Schumann bis Jiddischem“ Premiere hatte. Auf dieser Bühne hat Helene Weigel die „Mutter Courage“ in Brechts gleichnamigem Stück gespielt – und viele andere Rollen auch, erzählt die Theaterpädagogin zur Einstimmung. Die Mutter Courage, Helene Weigel und der Planwagen – „ein Bild, das in Erinnerung geblieben ist“. Während Helene Weigel auch als Leiterin des Theaters noch auf der Bühne stand, hat Brecht vom Publikumsraum aus gearbeitet. Dort hat er gesessen während der Proben.
Aber erst mal ein paar biografische Daten mit Blick in den Raum: Brecht wurde 1898 in Augsburg geboren. „Er schrieb schon für die Schülerzeitung Theaterkritiken“, sagt Mona Wahba. Helene Weigel wurde 1900 in Wien geboren. Dass sie unbedingt Schauspielerin werden wollte, sei bei Ihren Eltern nicht gut angekommen. Sie habe keine Schauspielschule besuchen können, sich aber dennoch immer wieder fürs Vorsprechen beworben, bis sie schließlich auf der Bühne stand.
1923 sind sich Weigel und Brecht in Berlin das erste Mal begegnet. Ein Jahr zuvor hat er die am Augsburger Stadttheater engagierte Opernsängerin Marianne Josephine Zoff geheiratet. Trotz der recht jungen Ehe begann Brecht eine Affäre mit Helene Weigel. Ende 1924 wurde ihr gemeinsamer Sohn Stefan geboren. Im April 1929, nachdem Brecht sich von seiner ersten Ehefrau hatte scheiden lassen, heirateten sie. Im Oktober 1930 kam ihre Tochter Barbara zur Welt.
Dazwischen brachte Bertolt Brecht zusammen mit Kurt Weill und Elisabeth Hauptmann sein wohl bekanntestes Stück auf die Bühne: die „Dreigroschenoper“. Und zwar genau auf die Bühne des Theaters am Schiffbauerdamm – das damals aber noch nicht die Spielstätte des Berliner Ensembles war. Das ist es erst seit 1954, also fünf Jahre nachdem Weigel und Brecht das Berliner Ensemble gegründet hatten. Aber bereits 1932 habe Helene Weigel hier erstmals auf der Bühne gestanden. Sie spielte die Titelrolle in „Die Mutter“, einem Stück, das Brecht nach dem gleichnamigen Roman von Maxim Gorki geschrieben hat, sagt Mona Wahba.
Und noch einen Hinweis hat sie, bevor es einen Stock weiter nach unten geht: Bertolt Brecht ließ bei einer ersten Begehung des Bühnenraumes den Adler des preußischen Wappens über der sogenannten Kaiserloge mit einem roten Kreuz durchstreichen – „eine ebenso offensive wie konservierende Geste, die zeigt, dass man um eine Gefahr wissen muss, um ihr entgegenwirken zu können“, wie es heißt.
Die Waschmaschine und die Dusche unter der Bühne ignoriert die Theaterpädagogin. In dieser Führung geht es nicht um das Haus, es geht um Weigel und Brecht. Und die sind schon Geschichte gewesen, als irgendjemand diese beiden Dinge unter die Bühne gestellt hat. Bertolt Brecht starb bereits zwei Jahre nach der Übernahme des Theaters 1956, Helene Weigel 1971. Brecht habe auch nach der Hochzeit mit Helene Weigel immer wieder Affären gehabt, erzählt Mona Wahba. Weigel habe das mal so kommentiert: „Es sei nicht so wichtig gewesen, aber doch so wichtig, dass man es nicht ignorieren kann.“
Ringen um Brechts Erbe in der DDR
Helene Weigel sei eine „strenge, herzliche und unterstützende Intendantin“ gewesen, erzählt Mona Wahba kurz darauf im Intendanten-Zimmer zwei Stockwerke höher. Und sie war die Nachlassverwalterin für Brechts Werk. In dieser Rolle habe es auch geknirscht zwischen ihr und der Staatspartei SED. Sie habe unter Beobachtung gestanden, wie alle freien Geister. Aber es sei ihr gelungen auszuhandeln, dass Brechts Stücke „auch in der DDR unzensiert gespielt werden oder gar nicht“. Das Fenster ihres Intendantenzimmers geht auf den Hof, der seit einigen Jahren nach ihr benannt ist. Es werde erzählt, dass die Theaterleute immer sehr geschäftig wirkten, wenn sie über den Hof gingen. Auch wenn man auf dem Weg in die Kantine war, wollte man bei der Intendantin den Eindruck erwecken, dass man gerade etwas Wichtiges fürs Theater tat.
„Bertolt Brecht war nicht lange hier im Haus, aber er wirkt bis heute“, erklärt Mona Wahba im ehemaligen Arbeitszimmer des Dramatikers, der offiziell den Titel „Künstlerischer Leiter“ trug. Brecht sei im Gegensatz zu Weigel nicht in der kommunistischen Partei gewesen, aber er sei Kommunist und in der DDR der Meinung gewesen, „dass eine antikapitalistische deutsche Republik auch eine neue Kunst braucht“. In seiner Theorie des „epischen Theaters“ habe er zwar „Kritik am bürgerlichen Theater“ klar formuliert, dafür geworben, dass das Publikum „nicht emotional, sondern bewusst bewerten soll, was auf der Bühne passiert“. Es sollten auch die „Schauspielerinnen und Schauspieler nicht zu sehr in ihren Rollen aufgehen“ – aber: „Das Publikum blieb auch in der DDR weitestgehend ein bürgerliches.“
Und dann muss Mona Wahba die Besucherinnen und Besucher hinauskomplimentieren. Die nächste Gruppe wartet auf die Geschichten von Brecht und Weigel und den russischen Panzerrädern.