Um Rettungskräfte gut auszubilden, braucht es realistische Übungsszenarien. Beim DRK übernimmt das die Notfalldarstellungsgruppe, zum Beispiel im saarländischen Quierschied. Das Motto dort: gespielte Verletzungen und echtes Engagement.
Wenn das Blaulicht aufheult und Einsatzkräfte zu einem schweren Unfall ausrücken, ist die Lage für alle Beteiligten eine Ausnahmesituation. Für Feuerwehr, Rettungsdienst oder Polizei ist es dann Gold wert, wenn sie genau das hinreichend oft geübt haben – und zwar so realistisch wie möglich. Genau dafür gibt es die Notfalldarstellung des Deutschen Roten Kreuzes (DRK).
Im saarländischen Landesverband gibt es vier solcher Notfalldarstellungsgruppen, eine davon in der Gemeinde Quierschied. Über 40 engagierte Ehrenamtler sorgen dafür, dass aus einem trockenen Übungsplatz ein echtes Szenario wird – ohne, dass jemand wirklich verletzt wird, versteht sich.
Anfragen aus dem ganzen Bundesland
Zweimal im Monat trifft sich die Gruppe im DRK-Heim, um zu üben. Angeleitet werden sie hierbei von Frank Schneider und seiner Frau Mareike. Dabei lernen die Freiwilligen nicht nur, wie sie eine Unfallsituation richtig darstellen, sondern auch, wie man Wunden und Verletzungen richtig schminken kann. „Es gibt richtige Schminkkurse auf verschiedenen Ebenen: Grundkurs, Aufbaukurs und weiterführende Kurse“, verrät Frank Schneider. Mit professionellem Filmblut, Wachs, Latex, Moulagen und einer ganzen Palette an Farben entstehen realistische Platzwunden, Verbrennungen, Frakturen oder Gurtmarken. „Im Prinzip machen wir das wie im Fernsehen“, sagt er. „Wir machen uns dann natürlich auch Gedanken darum, dass die geschminkten Verletzungen auch zur Geschichte passen“, sagt Mareike. So wären die blauen Flecken durch einen Gurt nach einem Autounfall beim Fahrer logischerweise auf der linken, beim Beifahrer aber auf der rechten Seite des Körpers.
Anfragen kommen aus dem ganzen Saarland: Feuerwehren, Polizei, THW, Rettungsdienste, Krankenhäuser, sogar die Bundeswehr und Spezialeinheiten der Polizei greifen auf die Notfalldarstellung zurück. „Wir werden wirklich von allen möglichen angefragt“, verrät Frank. „Viele wissen schon ziemlich genau, was sie von uns dargestellt haben wollen. Andere haben so eine Übung noch nie gemacht – da helfen wir dann auch beim Planen und Aufbauen.“ Denn realistische Übungen sind eine Gratwanderung: „Man kann Helferinnen und Helfer auch schnell überfordern“, erklärt er. „Wenn eine Feuerwehr noch nie mit echten Menschen geübt hat, kann man nicht direkt superschwere Ereignisse mit 30 Schwerverletzten machen. Das erarbeiten wir gemeinsam.“
Die Sicherheit der Helfer ist wichtig
Bevor es losgeht, steht immer eine gründliche Vorbereitung an. „An dem Tag treffen wir uns ein, zwei Stunden vor der Übung“, erklärt Frank. „Wir besprechen noch mal Eckdaten, klären die genauen Abfläufe, schminken – und erst dann werden die Verletzten ausgelegt.“ Was dann folgt, wirkt für Außenstehende oft wie ein echter Einsatz: zerbeulte Autos, Glassplitter, Hilferufe, Blaulicht, hektische Funkdurchsagen.
Doch über allem steht die Sicherheit der Mimen. „Es sind bei jeder Übung auch immer Aufpasser von uns dabei“, betont Mareike. Für diese Funktion gibt es einen eigenen Lehrgang: Worauf muss man achten? Welche rechtlichen Rahmenbedingungen gelten? Wo liegen Gefahren? „Es ist ja nicht so, dass die Mimen gemütlich in einer weichen Wiese liegen“, sagt sie. „Die liegen im Auto, da wird vielleicht die Scheibe eingeschlagen. Da muss ich wissen: Was heißt das für die Person im Fahrzeug? Was ist für die sicher?“ Gefahren lauern an vielen Stellen. „Das fängt damit an, wo die Personen überhaupt liegen“, sagt Frank. „Ist es zu kalt oder zu heiß? Ist das Gelände sicher? Manchmal üben wir in Abbruchhäusern oder an Gerüsten, die im Szenario zusammenfallen sollen. Da muss vorher genau geschaut werden.“ Während der Übung beobachtet das Aufpasserteam sowohl die Einsatzkräfte als auch die Mimen. „Viele Helfer wissen, wie es theoretisch geht, aber aus irgendeiner dummen Situation heraus kann immer was passieren“, sagt Frank. „Die Helfer sind im Tunnel, die Mimen sollen spielen und sind abgelenkt – da ist es wichtig, dass jemand von außen draufschaut.“
Bei speziellen Übungen holen sich die Quierschieder auch Fachleute dazu. „Wir können auch nicht alles wissen“, sagt Frank offen. „Bei Höhenrettung oder Übungen in Höhlen oder Bunkern holen wir Aufpasser, die von diesen Spezialbereichen wirklich Ahnung haben.“
Dass die Mimen überhaupt so realistisch spielen können, ist Ergebnis einer Mischung aus Ausbildung und guter Vorbereitung. „Klar bringen wir den Leuten Grundsachen bei – wie reagiert man bei bestimmten Verletzungen, was passiert im Körper, wie wirkt sich Blutverlust aus?“, sagt Frank. „Aber im Großen und Ganzen reagiert jeder Mensch anders. Es gibt Leute, die schneiden sich und es ist ihnen fast egal. Andere schreien, als wäre die Welt untergegangen.“ Absolut hilfreich dabei ist auch Mareikes berufliche Expertise aus dem Gesundheitswesen.
Doch das „Was“ alleine reicht vielen der ambitionierten Mimen gar nicht aus: „Wenn die gesagt kriegen: ‚Du hast die und die Verletzung‘, überlegen sich viele unserer Mimen noch eine kleine Geschichte‘“, erzählt Mareike. „Wie ist das passiert? Wer war mit mir im Auto? Wohin waren wir unterwegs? Wie stehen wir zueinander? Das hilft, in die Szene reinzukommen.“ Manche geben sich sogar andere Namen, um noch leichter in die Rolle zu schlüpfen.
Denn realistische Notfalldarstellung ist mehr als nur „blutig aussehen“. Sie ist ein wichtiges Lernfeld. „Es ist ein großer Unterschied, ob da eine Puppe oder ein Mensch liegt“, sagt Frank. „Ein Mensch reagiert auf Fehler, auf Berührungen, auf deine Behandlung. Das verändert die ganze Situation.“ Viele Einsatzkräfte, die selbst bei den Mimen mitmachen, hätten danach ein anderes Verständnis für ihren Job. „Wenn man selbst mal im Auto sitzt, während die Feuerwehr das Dach abtrennt, wenn um einen herum Leute mit riesigen Scheren stehen und keiner erklärt einem was, dann merkt man, wie sich das anfühlt“, erzählt Mareike. „Das vergessen viele im Einsatz. Da setzen unsere Übungen an.“
Wie lange eine Übung ist ganz unterschiedlich. In der Regel wird eine halbe bis Dreiviertelstunde geschminkt, dann wird für ein bis zwei Stunden dargestellt. Es gibt aber auch immer mal wieder Großübungen, die dann auch mal mit allem Drum und Dran bis zu zwölf Stunden gehen können. Organisatorisch eine echte Herausforderung. „Wir hatten eine Großübung mit mehreren Krankenhäusern, Spezialeinheiten der Polizei und dem Rettungsdienst“, erinnert sich Frank. „Wir wurden an einem Übungsort erstversorgt und dann im Saarland auf verschiedene Kliniken verteilt und dort bis vor den OP-Saal gebracht.“ Für die Notfalldarstellung bedeutete das Planung bis ins Detail – denn über 50 Mimen (die erst einmal über Stunden im Akkord geschminkt wurden) mussten hier mitarbeiten. „Und die mussten auch wieder aus den entsprechenden Krankenhäusern hierher zurückgebracht werden, ihre Ersatzkleider bekommen – das war ein riesiger Aufwand“, erzählt Mareike. „Aber es war unglaublich spannend, weil wir wirklich von Anfang bis Ende alles durchlaufen haben.“
Besonders viel Spaß machen dabei die Übungen, bei denen nicht nur Mimen, sondern auch die Helfer vergessen, dass es „nur“ eine Übung ist. „Gerade beim SEK oder der Bundeswehr ist das oft der Fall“, sagt Mareike. „Da kann es dann auch mal zu dem ein oder anderen echten blauen Fleck kommen, wenn man dort aus einer Gefahrensituation befreit wird.“
Die Gruppe ist gut ausgelastet. Gerade im Herbst häufen sich die Anfragen. „Da haben wir locker zwischen vier und acht Übungen im Monat“, sagt Frank. „Mindestens zwei, drei sind es eigentlich immer – manchmal auch parallel, das ist dann ein bisschen anstrengend.“ Ohne eine stabile Basis an Ehrenamtlichen wäre das nicht zu stemmen. „Im engeren Kern sind wir so um die 40 Leute, insgesamt haben wir aber deutlich mehr, auf die wir zurückgreifen können“, erklärt er. „Sonst hätten wir Übungen mit 50 Verletzten und 200 Betroffenen gar nicht abdecken können.“ Nicht jeder kommt zu jeder Sitzung, spielt jede Situation oder hat immer Zeit. Die Teilnahme basiert auf absoluter Freiwilligkeit.
Mitmachen darf grundsätzlich jede und jeder – medizinische Vorkenntnisse sind keine Pflicht. Dass dennoch so viele in der Truppe einen solchen Background haben, liegt vorrangig an der engen Vernetzung und dem zuvor schon bestehenden Kontakt zum DRK. „Aber mittlerweile haben wir auch Leute, die aus dem Theater kommen und überhaupt keinen medizinischen Hintergrund haben“, sagt Frank. Das Fachwissen wird in der Gruppe ergänzt – durch interne Schulungen und Fachkräfte, die erklären, wie typische Symptome aussehen oder gar bestimmte Medikamente wirken. Denn auch das Thema Spritzen und Zugänge kann ein Thema sein. „Da fragen wir aber im Vorhinein immer genau ab, was für wen in Ordnung wäre“, sagt Mareike.
Ein paar Voraussetzungen zur Teilnahme an den Übungen gibt es trotzdem: „Das Mindestalter ist 16 Jahre“, so Frank. „Es gibt Übungen, zum Beispiel mit SEK oder Bundeswehr, da darf man erst ab 18 dabei sein – einfach weil da mit Pistolen, auch wenn nur mit Knallpatronen, gearbeitet wird.“ Jüngere Kinder werden höchstens bei kleinen Aktionen wie Schulfesten mit harmlosen Wunden geschminkt. „Wir können keinem Zehnjährigen zumuten, plötzlich eine blutüberströmte Person vor sich liegen zu sehen“, sagt Frank. „Da müssen wir auch an die Jugendlichen denken.“
Bis jemand selbst schminkt oder komplexe Rollen übernimmt, vergeht etwas Zeit. „Schminken dauert schon, das lernt man nicht in zwei Stunden“, sagt Frank. „Die Kurse gehen über zwei Wochenenden.“ Beim Mimen wird individuell geschaut, wer wie weit ist. „Neue nehmen wir bei kleinen Übungen mit, da können sie sich alles in Ruhe anschauen und einfache Rollen übernehmen. Schwerverletzte spielen lassen wir niemanden, der gestern zum ersten Mal da war“, sagt Frank. Pi mal Daumen zwei Monate dauere es im Durchschnitt, bis man auch einen guten Schwerstverletzten darstellen kann.
Trotz Kälte, Dreck, langen Tagen und dem ein oder anderen echten blauen Fleck – die Begeisterung ist spürbar. „Ich bin auf jeden Fall froh und dankbar für unser ganzes Mimen-Team“, sagt Frank. „Es ist sehr zeitaufwendig – wenn eine Übung zwei Stunden dauert, sind wir trotzdem eine Stunde vorher und eine Stunde nachher da, zum Schminken und Abschminken. Die Leute liegen bei Eiseskälte draußen, bei Sommerhitze in der Sonne, und trotzdem macht es jedem Spaß. Es ist eine lustige Truppe – und es macht mit dem Team einfach Freude.“
Wer neugierig ist, muss übrigens nicht selbst bei Feuerwehr oder DRK Mitglied sein. „Wer sich das mal angucken will, darf gerne einfach vorbeikommen“, sagt Mareike. „Man muss nur Spaß dran haben – und vielleicht ein kleines bisschen verrückt sein.“