Aljoscha Kemlein hat bei Union Berlin den Sprung von der Jugend zu den Profis geschafft. Nun ist er dabei, sich hier sogar zum Leistungsträger zu entwickeln.
Der Profifußball allein erfüllt Aljoscha Kemlein nicht. Das große Mittelfeld-Talent des 1. FC Union Berlin studiert parallel zum Bundesliga-Alltag an einer Fernhochschule BWL mit dem Schwerpunkt Sportmanagement. „Ich hatte einfach Lust, mit meiner Zeit etwas anzufangen und etwas für meinen Kopf zu machen“, sagte der 21-Jährige dazu: „Es soll eher ein Ausgleich sein als ein weiterer Stressfaktor. Aber es läuft gut.“ Dass der junge Mann nicht nur starke Beine, sondern auch etwas im Kopf hat, ist in Gesprächen mit ihm schnell zu merken. Und deshalb nahmen die Unioner die Worte, die Kemlein zur Ergebniskrise der Eisernen in der Fußball-Bundesliga gefunden hatte, auch ernst. „Ich glaube, es fehlt der absolute Wille, das Tor zu verteidigen – und auch der absolute Wille, ein Tor zu schießen“, hatte Kemlein gesagt. Der Youngster ging sogar noch einen Schritt weiter und deutete an, dass der Hauptfehler womöglich schon im Training gemacht worden sei. „Wenn man in einer Trainingswoche ein, zwei Prozent weniger macht, reicht das in der Bundesliga nicht aus. Das wird sofort bestraft“, warnte Kemlein: „Dann steht man da und fragt sich: Unsere Leistungen waren ganz akzeptabel – aber akzeptabel reicht nicht.“
Das Talent übernimmt Verantwortung
Diesen verbalen Warnschuss hatte der gebürtige Berliner, der in der Unioner Nachwuchsschmiede ausgebildet wurde, vor dem Heimspiel gegen Bayer Leverkusen abgegeben. Nach sieben Spielen ohne Sieg gelang den Eisernen durch das 1:0 dann endlich ein „Dreier“, der die Abstiegsgefahr wieder deutlich verkleinerte. Der ganz große Druck ist vor dem Auswärtsspiel an diesem Samstag (28. Februar) bei Borussia Mönchengladbach weg – auch dank Kemlein. Der Youngster ging nicht nur verbal in Interviews voran, sondern auch tatkräftig auf dem Platz. Die Vorlage zu Rani Khediras Siegtreffer gegen Leverkusen kam von ihm, auch sonst zeigte er eine starke Leistung im defensiven Mittelfeld. An der Seite von Khedira übernimmt Kemlein immer mehr Verantwortung. Das stärkt sein Selbstvertrauen.
Auch in der Ergebniskrise war er nicht besorgt. Er verspüre „keine Angst“, auch wenn er sich bewusst sei, dass es in der Bundesliga schnell brenzlig werden könne. Auf die Stimmung innerhalb der Mannschaft hatte die inzwischen beendete Sieglos-Serie ohnehin nicht gedrückt. „Dadurch, dass wir noch in einer komfortablen Situation sind, kann ich nicht sagen, dass bei uns schlechte Stimmung herrscht“, hatte das Eigengewächs gesagt. Dass einige Spieler die Lage angesichts des sehr komfortablen Vorsprungs bis zur Winterpause womöglich unterschätzt hatten, glaubte Kemlein nicht. „Wir haben viele Jungs dabei, die in der Vergangenheit miterlebt haben, dass man schnell wieder unten hineinrutschen kann“, begründete er: „Das Bewusstsein ist da. Uns ist allen klar, dass jetzt jeder einen Schritt mehr machen muss.“
Für ihn persönlich verläuft die Saison gut. Auch in den nicht so erfolgreichen Spielen war er im Team gesetzt und ist auf viel Einsatzzeit gekommen. Trainer Steffen Baumgart schätzt an dem Mittelfeldspieler vor allem dessen Lauf- und Einsatzfreude, die so perfekt zum Union-Spielstil passt. „Er ist einer der fleißigsten Profis, die ich kennengelernt habe“, sagte Baumgart. Körperlich hat der Youngster im Vergleich zu den Vorjahren noch mal zugelegt, was auch an Zusatzschichten mit den Athletiktrainern liegt, wie er verriet. Er beschäftige sich viel mit seinem Körper und versuche, „das Maximale herauszuholen und möglichst vieles abzudecken“. Keine Hilfe ist ihm dabei sein zwei Jahre älterer Bruder Nikolai, der in der Landesliga bei den SC Berliner Amateuren spielt. „Mit meinem Bruder trainiere ich nicht mehr nebenbei – der ist zu faul“, sagte Kemlein mit einem Grinsen im Gesicht.
Neben seiner Physis hat sich Kemlein auch taktisch sichtlich verbessert. Das liegt auch daran, dass er inzwischen auf seiner bevorzugten Position auf der Doppel-Sechs zum Einsatz kommt. Mit Routinier Khedira ergänzt er sich sehr gut, das Zusammenspiel der beiden funktioniert immer besser. „Als tiefer stehende Sechs zu agieren, damit Rani etwas höher spielen kann als ich, gefällt mir gut. Da kann ich das Spiel ein bisschen besser lenken“, sagte er. Und Khedira kann – wie gegen Leverkusen – mehr Torgefahr ausstrahlen. Aber auch als Achter, der von Strafraum zu Strafraum lange Wege machen muss, spielt Kemlein gerne. Keine Frage: In dieser Saison hat das große Talent den Sprung zum Stammspieler bei Union gemacht. Er habe sich mit und gegen den Ball sehr verbessert, sagte Kemlein selbst: „Aber ich möchte schon noch Schritte machen, zum Beispiel in Richtung Torgefährlichkeit.“ Denn nach 22 Pflichtspielen in dieser Saison steht bei ihm noch die Null bei den Toren. Trotzdem hat er seinen Marktwert laut transfermark.de auf neun Millionen Euro gesteigert, nur fünf andere Union-Profis sind hier besser gelistet.
Bisher ist er unverkäuflich
Aber Union hat noch nicht vor, sein Aushängeschild zu versilbern. Denn Kemlein soll noch länger Vorbild für die Talente aus dem eigenen Nachwuchs-Leistungs-Zentrum (NLZ) sein. Als einer, der es von der D-Jugend ins Profiteam geschafft hat. Das für viel Geld modernisierte NLZ hatte er bei der Eröffnung 2024 besucht – und Kemlein war schwer beeindruckt. „Ich wäre gern fünf Jahre jünger, um dort trainieren zu können. Es wäre schön, wenn es zu meiner Jugendzeit so ausgesehen hätte.“ Im Nachwuchsbereich hatten die Köpenicker jahrelang nicht die Infrastruktur, um es im Kampf um die besten Talente der Hauptstadt zum Beispiel mit Hertha BSC aufzunehmen. Doch Union erhöht seit Jahren seine Anstrengungen und Investitionen in diesem Bereich, damit mehr Jugendspieler den Sprung in die Bundesliga schaffen. Aljoscha Kemlein soll erst der Anfang sein. Auch deshalb hatte Club-Präsident Dirk Zingler darauf gedrängt, dass dieser in den Profikader integriert wird. Sein Ziel sei es, „so viele Bundesligaspiele wie möglich zu machen“, sagte Kemlein: „Aber am Ende stellt der Trainer auf – und nicht der Präsident.“
Sein Debüt feierte er am ersten Spieltag der Saison 2023/24 im Alter von 19 Jahren gegen den 1. FSV Mainz 05. „Wir haben Aljoscha seit seiner Jugend begleitet und sehen in ihm großes Potenzial“, sagte Sport-Geschäftsführer Horst Heldt: „Er bringt jetzt schon viel Qualität mit, hat sein Spielverständnis und seine Art bereits auf höchstem Niveau bewiesen.“ Intern sei jeder davon überzeugt, „dass er für unser Team in den kommenden Jahren eine noch wichtigere Rolle spielen wird“. Dass der Club den Vertrag mit dem U21-Nationalspieler im vergangenen Mai verlängern konnte, entpuppt sich im Nachhinein als goldrichtige Entscheidung. Eine Vertragsverlängerung wäre aktuell sicher deutlich schwieriger – und erheblich teurer. Auch wenn sich Kemlein bei seinem Jugendverein sehr wohl fühlt.
„Union ist mein Verein, hier bin ich groß geworden und habe meine ersten Schritte im Profifußball gemacht“, sagte er: „Diesem Verein zu helfen, die Ziele zu erreichen, gemeinsam mit der Mannschaft zu wachsen und diesen Weg mit Union weiterzugehen, bedeutet mir unglaublich viel.“ Sein halbes Jahr beim FC St. Pauli in der Rückrunde der Saison 2023/24 war für seine Ausbildung sehr wertvoll. „Es war gut, physisch mehr Spiele im Körper zu haben. Man wird mit den Spielen auch abgezockter.“ Der Bundesliga-Aufstieg mit dem Kiez-Club stärkte sein Selbstvertrauen ebenfalls.