Demnächst hält Professor Dr. Henry Keazor einen Vortrag beim Neunkircher Krimifestival „Kriminal Tango“ zum Thema Kunstfälschung. Die Veranstaltung ist zwar bereits ausverkauft, aber das Interview gibt einen Eindruck davon, was in seinem Buch zu erkunden ist.
Herr Professor Dr. Keazor, Sie befassen sich seit den 1990er Jahren mit dem Thema Kunstfälschung und Sie sind Kunsthistoriker. Was haben Ihre Recherchen für die Antike ergeben? Bekannt ist, dass Münzen, Papyrus und Schmuck gefälscht wurden. Auch Statuen?
Ja, wobei man unterscheiden muss zwischen für den römischen Markt lediglich imitierten griechischen Statuen, wo die Kundschaft wusste, dass das keine Originale waren, und wirklichen Täuschungen. Zu diesen haben wir eine ganze Reihe von Hinweisen – in seinen „Fabulae“ schreibt zum Beispiel Phaedrus, ein römischer Dichter des 1. Jahrhunderts nach Christus, von ihm bekannten Künstlern, die Werke des berühmten griechischen Bildhauers Praxiteles aus dem 4. Jahrhundert vor Christus fälschten, indem sie von ihnen selbst geschaffene Marmorbilder mit dessen Namen versahen, weil sie wussten, dass sie so einen höheren Preis erzielen können. Und von dem griechischen Bildhauer Phidias aus dem 5. Jahrhundert vor Christus wird berichtet, dass er seine Signatur an Bildwerken seines Schülers Agorakritos angebracht haben soll, um diese besser verkäuflich zu machen.
Dürer war sehr erfolgreich, er sei auch einer der ersten oder sogar der erste Künstler gewesen, der seine Werke signiert hat. Hat man ihn zu Lebzeiten bereits gefälscht?
Dürer war nicht der erste, der seine Werke signiert hat – wie eben gesehen gab es das schon in der Antike –, aber er war wohl der erste, dessen berühmte Signatur rechtlich geschützt wurde: Am 3. Januar 1512 erließ der Nürnberger Rat eine Verfügung zum Schutz dieses AD-Monogramms, das heißt, damit versehene Drucke, die Dürer nicht selbst hergestellt hatte, sollten rechtlich verfolgbar werden. Tatsächlich stellte beispielsweise der italienische Stecher Marcantonio Raimondi zu Dürers Lebzeiten Raubdrucke nach seinen Werken her, indem er dessen Holzschnitte im ‚moderneren‘ Medium des Kupferstichs, also einer anderen, gerade in Italien angeseheneren Technik, nachdruckte, und zwar mitsamt Dürers AD-Monogramm.
Manche Museen zeigen Kopien einzigartiger Objekte, so auch das Museum für Vor- und Frühgeschichte in Saarbrücken von dem Goldschmuck aus dem Fürstinnengrab zu Reinheim (480–280 v. Chr.). Kann die Kopie ein Original ersetzen?
Nein, denn eine Kopie ist immer schon eine Interpretation des Originals, das heißt, beim Kopiervorgang wird bevorzugt das übertragen, was der jeweiligen Zeit wichtig ist. Das ändert sich aber im Laufe der Zeit, sodass eine für die eine Epoche perfekt anmutende Kopie für eine andere fehlerhaft erscheint, da dort nicht das ihr Wichtige angemessen wiedergegeben scheint. Zudem trägt das Original oftmals eventuell sogar verborgene Spuren seiner Geschichte in sich, die eine Kopie nicht bieten kann.
Kunst ist von Menschen für Menschen gemacht. Bedeutet es, wenn man einem Kunstwerk gegenübertritt, nicht in Wahrheit, dass man sich darin sucht oder etwas von sich hineinprojiziert?
Ja, das ist das Spannende an Kunstfälschungen: dass sie uns anschaulich vor Augen führen, was eigentlich passiert, wenn wir vor einem Kunstwerk stehen: Würde es, wie man oft annimmt, direkt zu uns „sprechen“, dann müsste man es in der immer gleichen Weise wahrnehmen und beurteilen. Wir wissen aber gerade von entlarvten Kunstfälschungen, dass sie – als man sie noch für Originale hielt – als Meisterwerke gefeiert wurden. In dem Moment aber, in dem das Publikum wusste, dass es sich tatsächlich um Fälschungen handelt, wurden die Werke verachtet. Man meinte plötzlich, verräterische Schwächen an ihnen entdecken zu können. Das zeigt, dass die Wahrnehmung durch das geprägt wird, was wir wissen und erwarten.
Könnten Sie jedes gefälschte Werk als solches erkennen?
Das würde ich mir wünschen, aber so hochmütig bin ich nicht. Ich denke, und das ist auch das, was die Geschichte der Fälschungen zeigt: Grundsätzlich kann jeder Mensch von einer entsprechend gut gemachten Fälschung getäuscht werden.
Welche Kriterien spielen bei einer Echtheitsprüfung eine Rolle?
Da sind einmal die drei klassischen Säulen der Provenienz, also der nachweisbaren Herkunft, des Materialbefundes, also der naturwissenschaftlichen Analyse, und der Stilkritik, also der Frage, ob ein entsprechendes Werk sich stimmig und überzeugend in das Œuvre eines Künstlers oder einer Künstlerin einfügen lässt. Aktuell tritt dazu noch zunehmend Künstliche Intelligenz hinzu, die in dem Chor dieser auf Echtheitsprüfung abzielenden Stimmen auch einen interessanten Part bekommen kann.
Mischt die Künstliche Intelligenz die Herstellung von Kunstwerken und den Kunstbetrieb und damit die Frage nach der Täuschung neu auf?
Ja, damit eröffnen sich sowohl für Fälscher wie auch für die Expertinnen und Experten ganz neue Wege, sowohl was die Herstellung als auch die Entlarvung von Fälschungen angeht – darauf werden wir uns einstellen müssen. Wie auch in anderen Bereichen der Kunstfälschung sieht man hier wieder einmal sehr schön, dass das verfügbare Wissen jeweils zur Täuschung wie zur Aufklärung genutzt werden kann.
Der Fall von Wolfgang und Helene Beltracchi ist wohl der spektakulärste des Jahrhunderts. Er zeigt sowohl, wie der Kunstmarkt tickt, als auch, dass Experten sich täuschen können oder täuschen lassen wollen. Wie sehen Sie das?
Ich bin nicht sicher, dass das wirklich der spektakulärste Fall ist – das ist unsere Perspektive hier im Westen. In Japan zum Beispiel hat man seinerzeit von dem Fall gar nicht so viel mitbekommen. Hinzu kommt, dass ein Fälscher wie der Brite Shaun Greenhalgh eigentlich noch eine viel größere Bandbreite an Fälschungen geliefert hat – vom assyrischen Keilrelief bis zur modernen Malerei – und damit in renommierten Institutionen wie dem British Museum landen konnte. Beide Fälle zeigen aber in der Tat, was den Kunstmarkt antreibt und dass auch die besten Expertinnen und Experten für Täuschungen anfällig sind.
Man munkelt, dass von Beltracchi gefälschte Werke noch in Museen hängen. Halten Sie das für möglich?
Hier muss man unterscheiden: Reden wir von bereits bekannten Werken, deren Aufenthaltsort wir nur nicht mehr kannten, oder reden wir von bislang noch vollkommen unbekannten Fälschungen Beltracchis? Vor zwei Jahren wurden ja in zwei japanischen Museen, wo man eben von dem ganzen Fall zunächst nichts mitbekommen hatte, drei bereits identifizierte Fälschungen Beltracchis entdeckt, deren Spur man nur verloren hatte. Dass noch weitere, bislang unidentifizierte Fälschungen Beltracchis in der einen oder anderen Sammlung oder in einem Museum hängen, würde ich aber nicht ausschließen.