Ulrich Tukur ist in der Lage, die Grenzen zwischen realer, irrealer und surrealer Welt aufzuheben. Das zeigt er im „Tatort“, in seinen Büchern und im Februar gleich zweimal im Berliner Renaissance Theater.
Vor wenigen Wochen war Ulrich Tukur noch im Unterbewusstsein einer Mutter unterwegs, die ihr Kind entführt hat – nun ist ein bekannter Schriftsteller zu Gast in Ulrich Tukur. Klingt verrückt? Ja, aber für Ulrich Tukur ganz normal. Seit er im November 2010 erstmals als Hauptkommissar des Landeskriminalamts Wiesbaden im „Tatort“ des Hessischen Rundfunks ermittelte, war klar: Dieser Mann ist in der Lage, die Grenzen zwischen realer, irrealer und surrealer Welt aufzuheben. Die einen feiern ihn dafür, andere sind hoffnungslos überfordert.
Mark Twains Geist spricht durch Tukur
In seinem 14. Fall, „Murot und der Elefant im Raum“, wagte der LKA-Ermittler Ende vergangenen Jahres ein aus Sicht seiner Vorgesetzten riskantes und sicher auch nicht ganz legales Experiment: Er verbindet sich mit Hilfe eines Apparats, den sein eigener Psychiater entwickelt hat, mit dem Unterbewusstsein einer Frau, die ihr Kind entführt und versteckt hat, aber nach einem Unfall im Koma liegt. Felix Murot taucht in die Gedankenwelt der Frau ein und macht da einige Spaziergänge. Wer den „Tatort“ am 28. Dezember verpasst hat, kann ihn sich in der ARD-Mediathek noch bis Ende dieses Jahres anschauen.
Eine nicht jederzeit verfügbare Begegnung mit Ulrich Tukur findet auf der Bühne des Berliner Renaissance Theaters statt – und zwar am 9. Februar. Die Geschichte hat es ebenfalls in sich: 1910 ist Mark Twain gestorben. Seitdem war seine Seele in rastloser Neugierde auf Reisen durch die Galaxien des Universums und auf der Suche nach dem Paradies. Er stand wohl vor den Pforten des Himmels, vor denen sich Heerscharen von irdischen Seelen ansammeln, um einen Platz auf einer paradiesischen Wolke zu ergattern und im Himmel in seliger Gleichmut zu schwelgen. Doch die Aussicht auf immerwährende Langeweile ließ Mark Twain weiterziehen.
Seine Rastlosigkeit trieb den amerikanischen Schriftsteller, der uns unter anderem die Abenteuer von Tom Sawyer und Huckleberry Finn geschenkt hat, bis jenseits unseres Sonnensystems, wo er in einer uns unbekannten Galaxie als Käpt’n Stormfield registriert wurde. Doch selbst dort, in der fernsten Ferne, fand er nicht den Ort, an dem es sich zu bleiben lohnte. So beschloss sein Geist, sich mit Ulrich Tukur zu vereinen und wie in alten Zeiten auf dem Landweg durch die Städte zu reisen und den Menschen von seinen Abenteuern im Universum, auf dem Mississippi oder dem Neckar zu berichten, von Erlebnissen Satans auf der Erde und von kuriosen Begebenheiten mit Schauspielerganoven.
Und er redet über das Amerika seiner Kindheit und schmerzhafte Verluste in der eigenen Familie. Unterwegs konnte er ein wohlklingendes englisches Reise-Harmonium ersteigern, auf dem Ulrich Tukur Mark Twains bissigen Humor und tiefgründige Beobachtungen mit Ragtime und amerikanischer Salonmusik begleitet. „Einen erlebnisreichen Abend ganz nach dem Motto: Wir wollen dankbar sein, dass es Narren gibt, ohne sie hätte der Rest keinen Erfolg – und alte Narren sind die schlimmsten“, verspricht das Renaissance Theater.
Es bietet Ulrich Tukur im Februar darüber hinaus ein zweites Mal eine Bühne: Am 22. Februar gastiert er mit seinem „Eine Nacht in Venedig“-Programm. „Es gibt keine zweite, die so ist wie sie, schöner als alle anderen, geheimnisvoller, leuchtender, melancholischer. Voll von Geschichte und Geschichten“, beschreibt Tukur das Programm. Und das Theater verspricht: „Sie erleben eine zauberhafte Hommage an die Stadt in der Lagune, wo Tukur zwanzig Jahre seines Lebens verbrachte, und hören romantische, komische Geschichten voller liebenswerter Figuren, die er zusammenfügt zu einem Vexierspiel zwischen Vergangenheit und Gegenwart, Fiktion und Realität. Und wenn zufällig in der Ecke ein Klavier steht oder eine Ziehharmonika liegt, dann spielt er darauf. Natürlich italienische Musik.“
Bereits Anfang Januar wollte Ulrich Tukur mit seinen „Rhythmus Boys“ das 30-jährige Bühnenjubiläum der Band auch im Berliner Friedrichstadtpalast feiern, nachdem das Quartett, das er mit Hardy Kayser, Günter Märtens und Kalle Mews bildet, bereits einige Stationen seiner Konzertreise hinter sich gebracht hatte. Das Konzert musste wegen eines Krankheitsfalls im vierköpfigen Ensemble abgesagt werden. Ein neuer Termin für Berlin steht noch nicht fest. Aber die „Rhythmus Boys“ werden am 11. April im Potsdamer Nikolaisaal spielen.
Als Tanzkapelle hat der Schauspieler und Musiker 1995 „Ulrich Tukur & Die Rhythmus Boys“ gegründet. Die Band interpretiert neben Eigenkompositionen vor allem Evergreens. Fünf Studioalben und ein Livealbum hat das Quartett aufgenommen. Und wieder gibt es – wie könnte es bei Ulrich Tukur anders sein – eine wilde Geschichte: Gerüchteweise wird kolportiert, Tukur habe seine Tanzkapelle allein nach optischen Gesichtspunkten zusammengestellt. „In der Tat besticht die Combo durch gut aussehende Interpreten in vornehm-stilvoller Kleidung, aber ihre große Fangemeinde hat sich die Band über die Jahre hinweg live mit viel Herzblut und charmant-herzerweichenden Programmen auf der Bühne erarbeitet: durch erstklassigen Refrain-Gesang und rassige Rhythmen, unvergleichliche Interpretationen und begnadete Unterhaltung“, sagt das Management dazu. Vor Publikum spielen die Musiker jedenfalls ihr ganzes Talent aus und baden mit vollendeter Ironie und einem Faible für nostalgische Unterhaltungsmusik der angeblich Goldenen Zwanziger und der Vorkriegsjahre in gut gelaunten Melodien.
Auch als Autor fantastisch
„Ich liebe die Eleganz, die Leichtigkeit, die Gekonntheit der Musik und den Witz der Texte von Liedern aus dieser Zeit. Die gesamte Unterhaltungsbranche hatte in den 20er- und 30er-Jahren ein enorm hohes Niveau“, sagt Ulrich Tukur selbst zu diesem Teil seiner Arbeit. Vom Mambo bis zum Foxtrott, ob eigene Stücke, unbekannte ältere Titel oder schmissige Gassenhauer wie „Am Steinhuder Meer“, „Musik hat mich verliebt gemacht“ oder „La Paloma” – die Lieder sind mal leise, mal laut, „aber immer betörend, denn die vier galanten Gentlemen servieren ihre bezaubernden Titel voller Gefühl und Seele“, verspricht das Management.
Der Körper, der Mark Twain beherbergt, ein Bandleader und ein „Tatort“-Kommissar – das sind nur einige Facetten des Ulrich Tukur. Mit Anke Engelke ist er als pensionierter Schulleiter gerade im Kinofilm „Und dann passiert das Leben“ zu sehen. Und auch als Schriftsteller hat er sich einen Namen gemacht. In „Die Spieluhr“ macht der Schauspieler, der einen Wehrmachtsoffizier verkörpert, eine seltsame Entdeckung, die ihn in den phantastischen Kosmos einer längst toten Französin versetzt: in ein Leben hinter den Bildern und Gobelins eines Schlosses der Picardie. Es geht um die Macht der Malerei und die Magie der Musik in einer Welt zwischen Traum und Wirklichkeit. In „Der Ursprung der Welt“ geht es nicht minder geheimnisvoll zu. Bei seinen Spaziergängen durch Paris stößt ein Mann auf etwas Unerhörtes: ein altes Fotoalbum, dessen Bilder offenbar ihn selbst zeigen, inmitten eleganter Damen und Herren aus den 20er-Jahren des vorigen Jahrhunderts. Fasziniert setzt er sich auf die Fährte seines Doppelgängers und folgt ihr nach Südfrankreich. Dort dann verstörende Visionen und Traumbilder. Immer wieder scheint der Mann aus dem 21. Jahrhundert die Zeit zu wechseln und sich in den Mann aus dem Fotoalbum zu verwandeln. Auch hier beweist Ulrich Tukur, dass er scheinbar mühelos in der Lage ist, die Grenzen zwischen realer, irrealer und surrealer Welt aufzuheben.