Es ist eine Reise in eine andere Welt, mit Fotomotiven eines vermeintlichen Lost Place. In Siebenbürgen hat ein Österreicher ein ehemaliges Kupferbergbauwerk gekauft und arbeitet mit 65 Beschäftigten Loks und Waggons aus aller Welt auf. Dann verkauft er sie weiter.
Im hohen Gras stehen verbeulte Güterwagen, aus der Schiebewand von einem quellen Hopfenblätter, als wäre drinnen kein Platz mehr für sie. Rostgebräunte Stahlrohre ziehen auf rachitisch gewordenen Betonstehern ihre nutzlos gewordenen Mäander durch die einstige Fabrik. Nichts ist asphaltiert, staubige Wege, Ölflecken neben einfach verlegten Gleisen. Fotomotive eines Lost Place.
Doch es ist kein Lost Place, hier arbeiten Menschen. Das Werk ist ein Teil des ehemaligen Bergbaukombinats von Criscior in Siebenbürgen. Mehr als 1.000 Menschen waren hier einmal im Gold- und Kupferabbau beschäftigt. Nach der Wende wurden das kalorische Kraftwerk und drei weitere der fünf Betriebe des Kombinats schrittweise geschlossen. 2004 kaufte ein Österreicher aus dem Salzburger Lungau das verbliebene Werk. Heute hat er 65 Beschäftigte. Der 52-jährige gelernte Speditionskaufmann Georg Hocevar ist Eisenbahnfan und war um die Jahrtausendwende nach Rumänien gekommen, um die dortigen Waldbahnen zu bereisen. Alsbald kaufte er eine und richtete sie für den Museumsbahnbetrieb her. Heute sind es vier, doch es ist nur Liebhaberei, wie Hocevar zugibt. Die gegenwärtige Wirtschaftslage in Rumänien hat die Passagierzahlen nahezu verschwinden lassen.
Abenteuerspielplatz für Eisenbahner
Geld macht er mit Calea Ferata Ingusta Criscior, wie der offizielle Name des Unternehmens lautet. Hier arbeitet er mit seinen Mitarbeitern alte Loks und Waggons auf und verkauft sie weiter. Gerade ist die teils schon betagte Mannschaft mit einem Auftrag für die Elfenbeinküste beschäftigt. „Wir haben innerhalb der letzten anderthalb Jahre 250 Güterwagen aus Spanien verladen und hierhergebracht“, sagt Hocevar. Für diesen Auftrag musste eine meterspurige Werksbahn errichtet werden, um die Wagen auf dem Gelände abstellen und manipulieren zu können. Wie eine stählerne Stadtmauer zieht sich ein meterspuriger Schienenring um das Areal mit den sieben Hallen. Die Gleise stammen übrigens von der Achenseebahn in Österreich. „Wir haben diesen Radius empirisch gebaut. Leider mussten wir ihn dreimal verlegen, weil unsere Erfahrung von der 760er-Spur sich auf die Meterspur nicht anwenden ließ“, sagt Hocevar.
Ein Container-Tragwagen hängt am anderen. Sie alle erhalten neue Bremsen und Kupplungen und werden frisch lackiert, bevor es in ihr neues Einsatzgebiet in Cote d’Ivoire geht. Vier Tage dauert der Lkw-Transport eines Waggons aus Nordspanien nach Siebenbürgen, sechs Stück werden hier pro Monat umgebaut. „Wir haben für diesen Auftrag Flächen unseres Werks wieder von Bewuchs befreit, die wir seit Jahren nicht mehr verwendet haben, weil wir so unheimlich viel Platz dafür benötigen.“
Ein Abenteuerspielplatz für Eisenbahner. Eine Modellbahnanlage in 1:1, wo sich verschieben, basteln und probefahren lässt. Ein Sehnsuchtsort für Schienennostalgiker. Und eine Fundstelle von Kuriosem und Exotischem. Etwa eine Lokomotive der griechischen Peloponnes-Bahn. Eine israelische Kultusgemeinde hatte sie geschenkt bekommen und wollte sie in Criscior herrichten lassen. Das ist schon acht Jahre her, und seitdem steht die Lok im Freien zwischen den Hallen. Man sieht ihr die Wartezeit an. So wie vieles andere hat die Natur die Technik erobert, überwölbt und teilweise zugewachsen. Von sechs österreichischen Dieselloks, aus denen vier funktionstüchtige für den Sky Train in Bangkok gezimmert wurden, ragen zwei ausgeweidete Exemplare aus dichtem Gebüsch.
Begonnen hat Georg Hocevar mit der Aufarbeitung, Reparatur und Modernisierung von Schmalspurbahnfahrzeugen. Hilfreich war dabei, dass die in Österreich übliche Spurweite von 760 Millimetern jener der rumänischen Waldbahnen entspricht. Mit ihnen war früher das Holz aus den dichten Wäldern des Karpatenstaates befördert worden. „Die guten Connections zu der österreichischen Eisenbahn-Szene halten uns hier praktisch am Leben“, sagt der Firmenchef. Loks und Waggons aus vielen Ländern Europas wird in Criscior ein zweites Leben eingehaucht. Nach ihrer Verjüngungskur werden sie in alle Welt verschickt. Ein Umschlagplatz der Eisenbahnbranche, wie sich beim Rundgang über das mehrere Hektar große Werksgelände zeigt.
Zwischen den Hallen scheint die Zeit stillzustehen. Vögel zwitschern, irgendwo kräht ein Hahn. Etwas schief dämmern zwei blau-weiße Straßenbahnwagen im hohen Gras vor sich hin. Sie stammen ganz offensichtlich aus München. „Die waren dreiachsig, sind der Stadt Bukarest geschenkt und dort auf Drehgestelle gesetzt worden, weil sie damit besser für die schlechten Gleise geeignet waren“, sagt Georg Hocevar. „Wir haben sie bei einer Versteigerung gekauft und einen davon schon als offenen Sommerwagen umgebaut. Aber aufgrund der beschränkten Produktionskapazitäten wegen der Pensionierung vieler Mitarbeiter haben wir bisher keine Zeit gehabt, solche Aufträge zu machen. Wir müssen Aufträge erledigen, die leicht und schnell umzusetzen sind, und wo dann auch relativ rasch das Geld hereinkommt.“
Und so müssen kleine Juwelen europäischer Eisenbahngeschichte noch auf ihre Auferstehung warten. Wie bei Auto-Oldtimern stets der Firmenname dazu genannt wird, ist es auch hier oft. Da sind es dann eben nicht Daimler oder Borgward, sondern Deutz und Gmeinder. Doch die Raritäten sind nicht Wind und Wetter ausgesetzt, sie harren hinter Türen, unter denen sich Gleise unscheinbar hindurchzwängen. „Das ist eine Lok, die ist früher im Zementwerk Budenheim gefahren, eine Gmeinder. Und die war in den 1990er-Jahren auf der Bregenzerwald-Bahn im Einsatz“, sagt der Bahn-Umbauer. Von dort ist sie nach Deutschland gekommen und von dort zu uns. Eine sehr beliebte Lok, 200 PS, mit der kann man schön was wegziehen.“
Zeitzeugen längst vergangener Tage
Verschlungen sind die Wege vieler Schienenfahrzeuge, die in Criscior auf die nächste Etappe ihrer Wanderschaft über das stählerne Adernsystem des Kontinents und mitunter darüber hinaus warten. Sie könnten einiges aus ihrer Vergangenheit erzählen, als Zeugen wechselhafter Wirtschaftsgeschichte. „Was man hier sieht, ist eine Deutz-Benzol-Lok, und die wurde in der Schweiz auf Elektroantrieb umgebaut. Und das hier ist eine der beiden Original-Loks, die hier gefahren sind. Mit der bin ich im Jahr 1999, als ich das erste Mal hergekommen bin, noch auf der Strecke gefahren. Die ist dann nach Österreich verkauft worden, und nach einer gewissen Zeit ist sie wieder zurückgekommen“, erzählt Georg Hocevar.
In den Hallen herrscht eifriges Treiben, hier ist Leben, es wird gehämmert, gefräst und geschweißt. Aber auch das mit geduldiger Hingabe und ohne Hast. Das Werk ist ein Widerstandsnest gegen die Philosophie von Ja-Nein, von 1-0. Hier ist nichts digitalisiert, es regiert die Theorie von Versuch und Irrtum. Am beschaulichsten ist es in der ehemaligen Gießerei, heute eine Abstellhalle für alte Fahrzeuge. Flügelschläge von Tauben knallen durch den Raum, Sonnenschein fällt schräg durch das offene Tor und beleuchtet eine ramponierte Schmalspurbahnlok, die noch die österreichischen Farben trägt. Dahinter döst ein Triebwagen der Wengernalp-Bahn aus der Schweiz. In einer anderen Halle steht eine Ostblocklimousine, ein Wolga, statt auf Reifen auf Eisenbahnachsen: „Diese Draisinen haben sich die Waldbahnbetriebe gebaut. Irgendwann mal war es das Auto vom Direktor, und wenn es zu schäbig war, hat man eine Draisine daraus gemacht. Aber es ist dann auch der Direktor damit gefahren, mit der Wolgadraisine.“
In der Lokwerkstätte wird soeben einem Kranwagen aus dem Ostblock der Aufbau abgenommen. Das verbliebene Fahrgestell soll zu einem Mulcher-Wagen werden, um damit die Strecken von Hocevars Museumsbahnen automatisch von wucherndem Buschwerk und Ästen zu befreien.
Und dann geht es Richtung Fabriktor wieder zurück ins digitalisierte Leben des 21. Jahrhunderts. Vorbei an einem Drehgestell, das auf seinem Podest wie das Denkmal des unbekannten Reisezugwaggons aussieht, vorbei an Verschub-Loks, von denen der Lack blättert, und Haufen von Puffern, Bremsschläuchen und Schwellen sowie einer Weiche, auf deren Hebel zu lesen steht: Zeltweg 1927. Nächstes Jahr wird sie fern der Heimat 100 Jahre alt.