Sprachmoden können auch für Verwirrung sorgen
Sie haben sicher lange darauf gewartet, dass wir uns an dieser Stelle endlich mal mit dem „Warten“ beschäftigen. Wobei wir mit „warten“ hier nicht die Instandhaltung eines Gegenstandes meinen, sondern – wie das Digitale Wörterbuch der deutschen Sprache in seiner geschätzten Prägnanz erklärt – wir verstehen unter „warten“ hier: „an einem Ort, in einem Zustand, in einer Situation kürzere oder längere Zeit bleiben, in der Annahme beziehungsweise im Hinblick darauf, dass etwas eintreten wird, was diese Situation ändert oder beendet“. Wir hätten das nicht besser ausdrücken können!
Die Zeit des lästigen „Wartens“ scheint allerdings jetzt für viele immer mehr der Vergangenheit anzugehören. Zumindest wenn man den öffentlichen Vielrednern glauben darf, denn viele von ihnen haben das schlichte Wörtchen „warten“ einfach aus ihrem Vokabular gestrichen, sodass wir lange darauf warten müssen, dass sie das in Ungnade gefallene Wörtchen doch noch mal verwenden!
„Warten“ ist ja mit seinen läppischen zwei Silben auch wirklich viel zu kurz, um zur Selbstdarstellung des Nutzers zu taugen. Wer heute etwas auf sich hält, „wartet“ nicht mehr, wie es gewöhnliche Leute tun würden, sondern er „wartet zu“. „Um die derzeitige Lage besser beurteilen zu können, müssen wir noch etwas zuwarten“ oder so ähnlich sind derzeit die Benutzer des öffentlichen Wortes oft zu vernehmen. Achten Sie mal drauf!
Wir allerdings fragen uns, warum diese Menschen seit Neuestem immer zuwarten müssen? Halten sie die Wartezeit etwa für ein tiefes Loch, das sie schnell zuwarten müssen, es sozusagen mit ihrer Geduld zuschütten müssen? Oder tun sich durch das öffentliche Handeln für die wartenden Bürger Abgründe auf, die von den Verantwortlichen dringend zugewartet werden müssen, damit kein Vorhaben darin verschwindet? Ist „zuwarten“ vielleicht das Gegenteil von auf-warten, wie etwa zusperren das Gegenteil von aufsperren ist?
Und wodurch unterscheidet sich zuwarten von abwarten? Etwa durch den kleinen Unterschied, den man zwischen zunehmen und abnehmen meist mit bloßem Auge erkennen kann?
Vielleicht hören sich die „Zuwarter“ aber auch nur gern selbst reden und nutzen die beiden zusätzlichen Buchstaben, um ihre und des „Zu“-Hörers lästige Wartezeit mit etwas Geräusch zu überbrücken? Oder haben sie schlichtweg nur Angst, der Zuhörer könnte ihnen etwas frühzeitiger ins Wort fallen, weil er das Ende des Redebeitrags nicht mehr abzuwarten vermag?
Ehrlich gesagt: Wir wissen es nicht! Und auch der Duden hilft kaum weiter. Er erklärt „zuwarten“ mit „untätiges Warten“ oder mit „Geduld haben, mit einer Handlung abwarten und den Dingen ihren Lauf lassen“. Aha, jetzt wissen wir echt mehr! Offenbar ist normales „Warten“ mit einer Tätigkeit verbunden: andere Leute beobachten, in der Nase bohren oder auf dem Handy daddeln.
Da der Duden „zuwarten“ mit „Geduld üben“ verbindet, lässt sich die Verwendung des dreisilbigen Wortes gerade in der Politik leicht verstehen: Zuwarten müssen vor allem wir Bürger, die auf rasche Entscheidungen hoffen. Denn Geduld ist das, was alle Entscheidungsträger von uns erwarten. Statt auf Bahn, Post oder die Verbesserung der maroden Infrastruktur aktiv zu warten, sollen die Bürger lieber „zuwarten“, sich also gedulden und untätig bleiben, bis an „höherer Stelle“ irgendwann mal entschieden wird. Ungeduldig einfach nur zu warten, wäre da schon so was wie „Majestätsbeleidigung“.
Uns jedenfalls wird schlagartig klar, warum wir uns als tatkräftiger Mensch weiterhin das „Zuwarten“ verkneifen werden: Uns fehlt dafür manchmal ein bisschen die Geduld, weil wir fast immer was Sinnvolles zu tun haben. Denn um uns einmal untätig und duldsam zu sehen, da kann man lange zuwarten!
Wie sich „warten“ künftig weiterentwickelt, das muss man halt abwarten! Oder sollte es auch hier besser „zuwarten“ heißen? Wir warten jedenfalls darauf, dass wir beim Arztbesuch irgendwann einmal höflichst in ein „Zuwartezimmer“ komplimentiert werden. Denn wo sonst könnte man besser Geduld üben?