Das Auto fährt bis zum Schultor, das iPad tilgt die Langeweile. Kinder erleben heute immer weniger Frust, Risiko und Anstrengung. Jetzt drängt KI in den Alltag der Jugend. Aber wie viel Komfort ist gut – und wie lassen sich die Chancen der neuen Technik nutzen?
Es ist eine schöne, tieftraurige Szene. Im Film „Die fabelhafte Welt der Amélie“ beschwert sich die Mutter mal wieder über die fehlende Selbstständigkeit von Amélie. Der Vater entgegnet trocken, dass das vielleicht auch an der überbordenden Fürsorge liegen könnte – schließlich habe die Mutter der Tochter noch im Erwachsenenalter die Zahnpasta auf die Zahnbürste gedrückt. Das Gegenteil von „gut“ ist eben oft „gut gemeint“. Komfort kann schaden – und mit der Künstlichen Intelligenz nimmt eine neue Form von Komfort gerade erst Fahrt auf. Aber wird Schule mit KI einfach für alle? So leicht ist es nicht. Der Alltag vieler Kinder in reichen Ländern ist heute „gepolstert“. Kinder erleben weniger Frust, Risiko, Warten oder Wildnis als ihre Eltern. Die wollen eigentlich nur das Beste für ihre Kinder – und erreichen mit der Polsterung des Alltags oft das Gegenteil. Denn die Forschung zeigt: Wenn Menschen kaum noch frieren, sich anstrengen, warten oder mit Ungewissheit oder Risiko leben müssen, sinken Belastbarkeit, Resilienz und Zufriedenheit. Die Komfortzone schadet offenbar dem Aufbau von Selbstvertrauen, Eigeninitiative und mentaler Stärke.
Und jetzt kommt auch noch die KI. Künstliche Intelligenz in Programmen wie ChatGPT ist die ultimative Denk-Abkürzung, die uns in Sekunden Einstein-große Aufgaben lösen lässt. Und Kinder stehen vor ihren Eltern und Lehrpersonen mit der Frage: Warum soll ich nochmal Mathe, das Prinzip der Photosynthese oder alles über die Revolution von 1848 lernen, wenn KI viele Aufgaben schneller und besser lösen kann als der Mensch?
Der Mensch liebt Abkürzungen. In der Geschichte der Menschheit war es bisher überwiegend absolut sinnvoll, Gelegenheiten zu nutzen, um schneller an Essen, Schutz oder Wärme zu kommen. Aber was verlernen wir, wenn wir etwa mit KI Abkürzung an Abkürzung hängen? Doris Weßels ist Professorin für Wirtschaftsinformatik, hat lange an der FH Kiel geforscht und gilt als eine der profiliertesten Stimmen in der Bildungsforschung zu Künstlicher Intelligenz. „Beim Lernen geht es immer um den Erwerb von Fähigkeiten, Fertigkeiten und Kompetenzen“, sagt sie. Das aber sei ein ausgesprochen komplexer und intransparenter Prozess. Klarer ist, was man beim Lernen lernt: Selbstwirksamkeit, Frustrationstoleranz, Risikoabschätzung, Ausdauer.
Weßels ist es wichtig, zu betonen: An der didaktischen Herausforderung ändere sich durch KI nicht viel. Lehrkräfte bräuchten sinnstiftende Kompetenzziele, die sie den Lernenden vermitteln können. „Und dann nehme ich sie mit auf die Reise und muss den Weg bis zum Ziel so gestalten, dass er mit Motivation und Freude erfolgreich gegangen werden kann. Gelingt mir das nicht, wird es zu einer Quälerei – und dann kommen auch Sinnfragen, etwa die, warum man überhaupt noch lernen sollte“, sagt Weßels.
Da nutzen, wo es Sinn ergibt
Die KI ist in den Schulen – und sie wird bleiben. „KI katalysiert Entwicklungen, die schon vorher da waren, und vereinfacht die Abkürzung“, sagt Bob Blume. Er ist ein bekannter deutscher Lehrer, Blogger und Experte für digitale Bildung. Unter dem Namen „Herr Blume“ teilt er auf Social Media Einblicke in den modernen Schulalltag und diskutiert innovative Lehrmethoden. Wenn man sich sowieso die Frage stelle: „Was hat das, was ich in der Schule mache, überhaupt mit meinem Leben zu tun?“, dann könne man sich die Mühe heute leichter sparen und lasse es die KI machen. „Das macht mir auch grundsätzlich Sorgen, dass Schule die Antwort auf diese Frage nicht findet und der Bildungserfolg dann noch stärker vom Elternhaus abhängig ist als heute schon“, sagt Blume. Die Verantwortung der Lehrkräfte liege darin, die neuen Möglichkeiten einer sich verändernden Welt zu nutzen und zu integrieren – da, wo es Sinn macht. Die Antwort auf die Frage „Warum noch lernen?“ – das ist der Titel seines Buches – müsse er als Lehrer auch vorleben. Es nütze wenig, zu sagen: „Ihr müsst das lernen, das könnte irgendwann mal wichtig werden.“ „Man muss die Kinder und Jugendlichen dazu kriegen, dass sie das auch wirklich spüren“, sagt Blume.
Die Large Language Models, wie Programme wie ChatGPT genannt werden, werden in einem unwahrscheinlichen Tempo besser. Die Ergebnisse werden präziser, und die Bedienung wird einfacher. Die Folge: Wir lassen mehr denken – und denken weniger selbst. Neurowissenschaftliche Studien zeigen, dass kognitive Fähigkeiten, die nicht regelmäßig trainiert werden, messbar abbauen – ähnlich wie Muskeln bei körperlicher Inaktivität. Häufige GPS-Nutzung sorgt etwa für eine reduzierte Aktivität im Hippocampus – dem für räumliches Gedächtnis zuständigen Hirnareal. Es gibt erste Untersuchungen über die Auswirkungen von KI auf den Lernerfolg. Forschende der Wharton School of Business analysierten das Mathe-Lernen von 1.000 Jugendlichen an US-Highschools. Sie fanden heraus, dass der Zugang zu künstlicher Intelligenz „den Bildungsergebnissen schaden kann“. In der Gruppe, die ChatGPT ohne Einschränkungen nutzen durfte, war der langfristige Lernerfolg nicht nur geringer. Diese Kinder und Jugendlichen merkten auch nicht, dass sie durch den KI-Einsatz weniger lernten – das Ergebnis stimme ja. Das Fazit der Forschenden: Zumindest im Moment werden traditionell Lernende langfristig mehr Kompetenzen aufbauen.
Wie verhindert man, dass zu viel analoger und digitaler Komfort Kindern und Jugendlichen schadet? Der US-amerikanische Autor und Coach Michael Easter hat in „Die Komfortkrise“ beschrieben, was die Bequemlichkeit der modernen Welt mit Menschen machen kann. Easter stolperte bei der Recherche zu seinem Bestseller über eine Statistik, die sein Leben veränderte. Er las, dass nur zwei Prozent der Menschen die Treppe nehmen, wenn sie auch die Möglichkeit haben, eine Rolltreppe zu nutzen.
„Discomfort by Design“
Easter wurde zum Experten für ein Leben ohne schädlichen Komfort und verschickt dreimal in der Woche seine bezahlpflichtigen Newsletter der „2 Percent Challenge“. Sein Credo: mehr Bewegung, Langeweile, Risiko und Frust auch mal aushalten – und zur Not Herausforderungen bewusst schaffen. Wer sich vom Tag körperlich nicht gefordert sieht, solle doch für die Spazierrunde zwei volle Wasserflaschen in den Rucksack packen. Nicht als Proviant, sondern als Beschwerung. Discomfort by Design nennt Easter das – und das würde auch den Jüngsten helfen. „Die Aufgabe von Eltern muss es sein, Kindern Chancen und Schwierigkeiten zu bieten“, schreibt er in seinem Newsletter. Ein Leitsatz: Durchbrüche geschehen oft am Rande von Zusammenbrüchen. Psychologen nennen das „Mastery Experiences“ – Erlebnisse, bei denen Kinder durch eigenes Handeln ein Ziel erreichen und dadurch ihr Selbstwirksamkeitsempfinden stärken.
Nun könnte man sagen: Schule ist Discomfort by Design, bedeutet sie doch für viele dauerhafte Überforderung. Zwar zeigen Studien, dass Schüler, die regelmäßig moderate Herausforderungen im Unterricht bewältigen mussten, ein höheres Maß an Frustrationstoleranz und Ausdauer entwickeln. Aber dauerhafte Überforderung schafft diese Ergebnisse nicht.
Kann KI also die Überforderung abmildern? Macht der richtige KI-Einsatz das Schulleben leichter? So einfach ist es nicht. Bildungsforscherin Weßels: „Es hört sich paradox an, aber wenn wir die neuen Bildungsziele erreichen wollen, wird es für uns Menschen deutlich schwerer, deutlich anspruchsvoller.“ Die Jugend von heute brauche mehr Fachkompetenzen und Wissen, weil sie beim Einsatz der Werkzeuge auch die Qualität der Ergebnisse bewerten müsse. Zudem kämen wir gerade in das agentische Zeitalter. In dieser Ära der KI-Entwicklung wird man zum Manager seiner KI-Agenten, die als persönliche Assistenten in Sekundenschnelle eine Fülle von Aufgaben erledigen können, so beschreibt es Weßels. Dafür brauche es sogar Führungsfähigkeiten, um mit diesen Systemen kompetent interagieren und sie auch wirklich sinnvoll nutzen zu können.
Mathe lernen mit Taylor Swift
Bei allen Herausforderungen: Doris Weßels sieht aber auch viele Chancen, die die KI bringen kann. Wenn ein Kind im Mathematik-Unterricht den Satz des Pythagoras nicht versteht, keinen Zugang findet und resigniert, dann hätten die Lehrpersonen häufig nicht ausreichend Zeit für eine individuelle Betreuung. „Hier kann nun eine KI-Lösung wie ein Assistenzlehrer die Lehrkraft unterstützen“, sagt Weßels. Und das könne auch Lionel Messi sein oder Taylor Swift sein, digitale Abbilder, Avatare, die mit den Lernenden ins Gespräch gehen. Mark Zuckerbergs Meta-Konzern will noch in diesem Jahr eine Brille mit Hologramm-Funktion herausbringen – damit könnten Avatare bald fotorealistisch im Klassenraum sichtbar sein.
Der Lehrberuf wird sich komplett wandeln, glaubt Bildungsforscherin Doris Weßels. Weg von der reinen Vermittlung von Inhalten, hin zu einer Art Coach, der vermittelt, Diagnose betreibt, motiviert und den Weg zu den richtigen Zugängen herstellt. Die Lehrkraft bleibe enorm wichtig für den Bildungserfolg. Und habe dank KI eine völlig neuartige Form der Unterstützung im Hintergrund.
Auch Bob Blume glaubt an die Chancen, mit KI näher dran zu sein am Einzelnen. Er beschreibt eine typische Szene: Das Thema Einleitung stehe an. Methode seit Jahrzehnten: Alle schreiben eine Einleitung, und dann liest einer der 30 aus der Klasse vor. „Das Ergebnis: 29 langweilen sich, und ich bespreche mit dem einen seine Arbeit. Wenn jetzt 30 Leute auf einmal eine Rückmeldung bekommen und auf der Grundlage dieser Rückmeldung kann ich ihnen dann helfen – das ist großartig“, beschreibt Blume die Möglichkeiten von digitalen Lernassistenten. Denn die geben keine Antworten vor, die begleiten auf dem Lernweg.
Der Einsatz von KI in Klassenräumen ist, vorsichtig formuliert, etwas kompliziert. Das föderale System, rechtliche Fragen, Kosten, dazu die wahnwitzige Geschwindigkeit der technischen Entwicklung – noch gibt es nichts, was man nationale KI-Agenda nennen könnte. Bildungsforscherin Weßels nennt den Umgang mit KI die größte Herausforderung für das Bildungssystem seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs. „Aber es hilft nichts. Wir müssen mitrennen, so gut es geht, und mitgestalten, was auch eine große Chance für unser Bildungssystem sein kann.“ Schule müsse sich trauen, diese Technik zu nutzen, zu experimentieren und Erfahrungen zu sammeln. „Auch die Schule selbst muss sich als lernende Organisation verstehen“, sagt Doris Weßels.
Auch Lehrer Bob Blume plädiert für Offenheit. Er sei ein großer Freund des Datenschutzes. Aber dass während Corona manche Schulen gar keinen Remote-Unterricht gemacht haben, weil sie keine Microsoft-Produkte nutzen wollten, da stimme doch etwas nicht. Blume: „Das Bildungssystem tut sich wahnsinnig schwer damit, Dinge falsch machen zu können. Aber diesen Mut bräuchten wir gerade.“