Im „Nordsee-Aquarium Borkum“ zeigt die Biologin und Nationalparkführerin Claudia Thorenmeier, welche Tiere unter der Wasseroberfläche leben und warum Naturschutz oft mit Staunen beginnt.
Wer mit Claudia Thorenmeier an der Walskulptur auf der oberen Strandpromenade von Borkum steht, sieht zunächst Meer, Himmel und Strand. Doch sie sensibilisiert für das, was oft übersehen wird: Lebensräume, Nahrungsketten, Spuren im Sand, Muscheln, Algen, Vögel und Robben. Die Skulptur – ein Atlantischer Nordkaper mit Kalb – ist Teil des etwa vier Kilometer langen Borkumer Wal-Pfads und erinnert an die Walfanggeschichte der Insel. Thorenmeier nutzt den Ort als Einstieg in die heutige Meereswelt vor Borkum. „Weiß jemand, welche Wale vor Borkum leben?“ Mit dieser Frage beginnt sie hier gern ihre Führungen „Vom Wal zum Hai“. Der Blick geht hinaus auf die raue Nordsee, wo Wind und leichter Wellengang vieles verbergen. Die Antwort liegt dennoch nahe: Vor Borkum leben Schweinswale. Mit etwas Glück lässt sich ihre Rückenflosse sogar vom Strand aus erkennen.
Seit dem Sommer 2023 leitet die Biologin das Nordsee-Aquarium Borkum. Im Jahr 2024 hat sie zudem die Ausbildung zur zertifizierten Nationalpark- und Landschaftsführerin abgeschlossen. Doch ihre Verbindung zur Küste reicht weiter zurück. Thorenmeier stammt aus dem Norden. Später studierte sie Biologie und arbeitete als Vogelwartin auf Wangerooge sowie im Nationalparkhaus auf Juist. Seit 2001 lebt sie auf Borkum, der größten der sieben bewohnten Ostfriesischen Inseln. Küste, Vögel, Watt, Inseln, Naturvermittlung: All das hat sie an den Ort geführt, an dem sie heute arbeitet.
Zu ihren Spezialgebieten gehören Katzenhaie
Das Nordsee-Aquarium liegt direkt an der Schutzdüne. Es ist klein und überschaubar und konzentriert sich auf die Arten, die direkt vor der Insel unter der Wasseroberfläche leben. Thorenmeier bleibt vor einem Becken stehen. Ein Steinbutt hat sich im Sand eingegraben. Fast nichts ist von ihm zu sehen, nur seine Augen verraten ihn. Daneben zieht eine Scholle mit roten Punkten vorbei. „Bei Plattfischen wandert während der Entwicklung ein Auge auf die andere Körperseite“, erklärt sie.
Dann geht sie zu den Katzenhaien, die zu ihren Spezialgebieten gehören. Im Wasser hängen ihre Eikapseln, einige davon sind noch hell, andere bereits von Algen überzogen. Acht bis zwölf Monate dauert es, bis daraus kleine Katzenhaie schlüpfen. Unten im Becken schwimmen Jungtiere. Später werden die Kleingefleckten Katzenhaie ausgewildert – teilweise gemeinsam mit Paten, die die Aufzucht symbolisch unterstützen. Solche Momente sind typisch für Thorenmeiers Arbeit. Sie spricht über Lebewesen, nicht über abstrakte „Bestände“. Beim Projekt „Kleine Strandforscher“ sind auch die kleinen Gäste gefragt: Sie keschern Garnelen und Krebse. Die Natur soll nicht nur angeschaut, sondern auch mit größtmöglicher Achtsamkeit erlebt werden.
Diesem Gedanken folgen auch die von ihr kuratierten Ausstellungen. In der Ausstellung „Ruhe für die Schweinswale“ dreht sich alles um den Unterwasserlärm, der das Gehör der Meeressäuger beeinträchtigen kann. Ein Klangsessel ermöglicht es den Besuchern, in die akustische Unterwasserwelt einzutauchen. So wird die Nordsee nicht nur als Wasserfläche, sondern auch als Klangraum erfahrbar. Daneben informieren Tafeln über weniger poetische Themen: Plastik im Meer, Riffe und Nutzungskonflikte. Steinriffe bieten kleinen Tieren Schutz, ziehen Fische an und sind auch für Schweinswale wichtige Nahrungsräume. Der Naturschutz kollidiert jedoch immer wieder mit wirtschaftlichen Interessen. Ein aktuelles Beispiel hierfür ist die umstrittene Erdgasförderung nahe sensibler Meeresschutzgebiete vor Borkum. Zum Aquariumsteam gehört auch Maria Oetjen. Gemeinsam mit ihrem verrenteten Mann prägte sie schon das alte Aquarium und war später an der Gestaltung der neuen Becken beteiligt.
Viele Areale sind Teil eines Schutzraums
Die Insel soll für kleine und große Besucher vielschichtiger erlebbar werden. Sie ist ein Mosaik aus Dünen, Watt, Salzwiesen, Strand, Sandbänken und Riffen. Viele Areale in Borkum sind Teil eines großen Schutzraums: Das Niedersächsische Wattenmeer ist seit 1986 Nationalpark und seit 2009 Unesco-Weltnaturerbe – eine Landschaft in Bewegung. Sandbänke wandern, Wattflächen verlagern sich und werden von Wind und Wasser immer wieder neu modelliert. Deshalb lassen sich die bei Borkum-Besuchern besonders beliebten Seehunde und Kegelrobben nicht garantiert und auch nicht in nächster Nähe beobachten. Ihre Liegeplätze verändern sich, und die Ruhe der Tiere hat Vorrang. Deshalb müssen Besucher Abstand halten und gekennzeichnete Schutzbereiche respektieren. Es gibt aber so viele andere Tiere an Land und im Wasser zu entdecken.
Die Insel lässt sich gut auf ausgewiesenen Wegen zu Fuß umrunden oder diagonal durch ihre Wald- und Dünengebiete erkunden. Sie hat viele von wilder Natur geprägte Kraftorte. Thorenmeier geht nach Feierabend oder in der Mittagspause natürlich am liebsten an den Strand und wird nicht müde, den Blick über den sandigen Boden wandern zu lassen. Welche Muschel, welche Schnecke, welches Stück Strandgut liegt da? Wer sucht, sieht genauer hin. Viele ihrer gesammelten Fundstücke liegen fein sortiert in den Schauvitrinen des Aquariums.
Auch mit dem Fahrrad ist Naturfrau Thorenmeier gerne unterwegs. Rund 130 Kilometer Rad- und Wanderwege erschließen die Insel. Sie führen durch Dünen und Salzwiesen, entlang des Watts bis ins ruhigere Ostland. „Das Absteigen gehört dazu. Gerade zu Fuß sieht man rechts und links die kleinen Insekten, Blüten und Muscheln.“ Über die Flora und Fauna – Borkums Schätze der Natur – hat die Biologin sogar ein Buch geschrieben. Besonders schätzt sie Hooge Hörn („erhöht liegende Ecke“) im Osten der Insel. Wer dorthin möchte, muss das Rad irgendwann stehen lassen. Der letzte Abschnitt des Weges durch die Ostlagune führt zu Fuß durch Salzwiesen, Dünen und offene Strandlandschaft. Die Salzwiesen gehören für sie zu den wertvollsten Lebensräumen der Insel. Hier wachsen Strandflieder sowie Queller, und Vögel finden Nahrung und Rückzugsräume. Gerade während des Vogelzugs wird das Wattenmeer zur internationalen Drehscheibe. Rotschenkel, Knutts und Ringelgänse ziehen zwischen ihren arktischen Brutgebieten und den südlichen Winterquartieren. Der Rotschenkel ist ein typischer Salzwiesenvogel und gut an seinen langen roten Beinen zu erkennen. Auch ohne große ornithologische Ausrüstung lässt sich viel entdecken. Beispielsweise Austernfischer am Deich, Möwen im Wind sowie Kormorane und Brandgänse. Besonders reizvoll sind Frühjahr und Herbst. Ein kleines Fernglas sollte im Fahrradkorb nicht fehlen. Im Oktober finden die Zugvogeltage im Nationalpark Niedersächsisches Wattenmeer statt. Im Herbst bietet Thorenmeier auch Führungen zu einer Pflanze an, die Wind, Salz und Trockenheit trotzt. Dabei erfährt man, warum die orangefarbenen Beeren des Sanddorns nur an weiblichen Pflanzen wachsen.
„Nicht jede Art verdrängt eine andere“
Gerade weil Borkum sowohl touristischer Sehnsuchtsort als auch Nationalpark ist, ist die Vermittlung so wichtig. Die Menschen kommen zum Baden, Radfahren und Durchatmen, bewegen sich dabei aber in einem hochgeschützten Raum. „Für Strandbrüter kann ein unachtsamer Schritt reichen. Ihre Eier sind im Sand kaum zu erkennen. Auch unangeleinte Hunde oder Menschen, die den Seehundbänken zu nahe kommen, können die Tiere stören“, erklärt die Nationalparkführerin. Thorenmeier setzt dabei nicht auf den erhobenen Zeigefinger. Sie erklärt, warum Regeln sinnvoll sind. Wer weiß, dass ein Sandregenpfeifer sein Nest nur als flache Mulde in den Sand legt, geht anders vor. Auch der Klimawandel zeigt sich für sie ganz konkret: Zugvögel, Insekten, Küken und kleine Fische sind auf genaues Timing angewiesen. Wird es früher warm, verschieben sich die Entwicklungsphasen.
Dabei erklärt Thorenmeier: „Nicht jede neue Art verdrängt automatisch eine alte.“ Die Pazifische Auster und die Amerikanische Schwertmuschel haben im dynamischen Wattenmeer beispielsweise Nischen gefunden. Dass Schutzmaßnahmen wirken können, zeigt für Thorenmeier die Wellhornschnecke: TBT aus früheren Schiffsanstrichen störte ihre Fortpflanzung. Nach dem Verbot konnten sich die Bestände erholen.
„Was man nicht kennt, schützt man nicht.“ Dieser Leitsatz zieht sich durch Thorenmeiers gesamte Arbeit. Kinder dürfen einen Seestern anfassen, Schulklassen lösen Rallyes und jüngere Kinder spielen Suchspiele. Dabei merken auch Erwachsene oft, wie wenig sie über die Nordsee wissen. Eine Besucherin sagte nach einer Führung einmal, Thorenmeier erzähle so liebevoll von den Tieren, „als wären es ihre eigenen Kinder“. Dieser Satz stimmt. Am liebsten spricht die leidenschaftliche Biologin über eine belebte, verletzliche Welt und die empfindlichen Kreisläufe im Niedersächsischen Wattenmeer.
Am Ende landet Claudia Thorenmeier immer wieder bei den ganz kleinen, nahezu unsichtbaren Dingen: einer Eikapsel im Wasser, einer Muschel im Sand oder einem Vogel, der nur sichtbar wird, wenn man innehält. Sie möchte Menschen auf Borkum für Naturschutz, der überall stattfindet, sensibilisieren. Trotz der klimabedingt nicht immer rosigen Zukunftsszenarien ist sie zuversichtlich, denn Natur ist für den Menschen nicht nur als Ressource, sondern auch als Erholungsraum wichtig. Dafür müsse sie intakt bleiben. Darin liegt die Essenz ihrer Arbeit: sichtbar und damit bewusst und schützenswert zu machen, was sonst verborgen bliebe.