Im nordamerikanischen Profisport gelten bei Wechseln andere Regeln als in Europa. Dennis Schröder hat sich mittlerweile daran gewöhnt, immer wieder umziehen und sich auf ein neues Team einstellen zu müssen. Wird er nun in Cleveland heimisch?
Dennis Schröder gibt es jetzt auch zum Naschen. Der Fruchtgummi-Hersteller Katjes hat mit dem deutschen Basketball-Star eine Sonderedition herausgebracht, das Produkt gibt es bereits zu kaufen. „Die neue Dennis-Schröder-Fruchtgummi-Edition enthält Fruchtgummis und Schaumzuckerwaren in Form von Schröders Konterfei, seinen Sportschuhen und weiteren Symbolen des Basketballs“, teilte das Unternehmen mit. Einen großen Gewinn erwartet sich die Firma, die nach eigenen Angaben etwa eine Million Fruchtgummi-Beutel täglich verkauft, mit der Aktion nicht. „Wenn wir einmal 50.000 Beutel täglich verkaufen könnten, hätte sich das Projekt gelohnt“, sagte Katjes-Gesellschafter Tobias Bachmüller. Schröder selbst soll sehr viel Wert darauf gelegt haben, dass das Produkt nicht nur komplett vegan, sondern auch halal-zertifiziert ist, also den islamischen Speisevorschriften entspricht. Das Produkt soll also möglichst für alle zugänglich sein. Spöttisch könnte man sagen: Das trifft auch auf Schröder als NBA-Profi zu. Der Kapitän des deutschen Welt- und Europameisterteams ist seit Februar bei den Cleveland Cavaliers unter Vertrag, es ist bereits sein elftes Team in 13 Jahren in der nordamerikanischen Profiliga. Noch zwei Mannschaften fehlen ihm, dann zieht er mit Rekordhalter Ish Smith als Basketballer mit den meisten NBA-Clubs im Portfolio gleich.
„Ich nehme das professionell. Ich bin jetzt 13 Jahre hier, kenne das natürlich und werde, egal wo es ist, immer das Gleiche versuchen zu leisten“, sagte Schröder. Zuvor war der 32-Jährige schon für die Atlanta Hawks, Oklahoma City Thunder, Los Angeles Lakers, Boston Celtics, Houston Rockets, Toronto Raptors, Brooklyn Nets, Golden State Warriors, Detroit Pistons und zuletzt für die Sacramento Kings aufgelaufen. Der neueste Tapetenwechsel war aber ein ganz spezieller: Bei den Kings war er unumstrittener Startspieler, kassierte mit dem Team aber eine Niederlage nach der anderen. In Cleveland muss er sich mit der Bankrolle und wenigen Einsatzminuten zufriedengeben, hat dafür aber die Chance auf den Meistertitel. Die Cavaliers waren eines der Topteams im Osten und zählten bei Play-off-Start zu den Titelanwärtern. „Wenn ich sagen würde, dass das nicht meine beste Chance auf die Finals ist, wäre das verrückt“, sagte Schröder, der in der NBA bislang zweimal das Conference Final (2015 und 2023) erreichen konnte. Ein NBA-Finale oder gar ein Meistertitel hat Schröder noch nicht vorzuweisen. Sollte ihm das gelingen, würde er endgültig aus dem Schatten von Dirk Nowitzki treten, dem der Sieg in der Basketball-Topliga 2011 gelang. „Wir müssen aber Schritt für Schritt gehen“, warnte Schröder.
Kritik am System
Wie recht er damit hatte, war in den ersten Play-off-Partien gegen seinen Ex-Club Toronto Raptors zu sehen. Cleveland tat sich vor allem auswärts schwer, und Schröder bekam nur wenig Spielzeit. „Natürlich will man immer gegen sein Ex-Team gewinnen, aber es geht um das große Bild“, sagte Schröder, der in Cleveland nur als Back-up-Point-Guard eingeplant ist. James Harden und Donovan Mitchell stehen in der Hierarchie vor ihm, außerdem wechselt Trainer Kenny Atkinson situationsbedingt oft auch Schützen wie Max Strus für die Point Guards ein. In Atkinsons bevorzugter Zehn-Mann-Rotation für die Play-offs gibt es nur wenig Spielzeit für den deutschen Basketballstar. In Spiel drei gegen Toronto war das Geschehen komplett an Schröder vorbeigegangen, bei nur rund fünf Minuten Einsatzzeit im letzten Viertel leistete sich der Spielmacher drei Ballverluste. „Es lag nicht an seiner Leistung“, nahm Trainer Atkinson den Deutschen in Schutz: „Manchmal muss man einfach bestimmte Kombinationen ausprobieren. Ich wollte auf den Flügeln größer spielen lassen.“ Dass Schröder in den K.-o.-Spielen zunächst kein großer Faktor war, soll kein Fingerzeig sein, betonte der Coach: „Dennis kann in den Play-offs eine große Rolle einnehmen.“ Er habe „ein gutes Verhältnis zu Dennis“, versicherte Atkinson: „Wir reden so ziemlich über alles miteinander.“
Dass Schröder bislang nirgendwo langfristig ein sportliches Zuhause finden konnte, lag oft nicht an ihm. Im nordamerikanischen Profisport schließen die Spieler Verträge faktisch mit der Liga. Deshalb können die Franchises die Spieler untereinander tauschen, solange die Gehaltsstrukturen (Salary Cap) passen. Während in Europa Tauschgeschäfte ohne die Zustimmung der Profisportler auch gesetzlich untersagt sind, ist dies im nordamerikanischen Profisport gängige Praxis. Nur in Ausnahmefällen lassen sich die Bosse auf eine Klausel in Verträgen mit Spielern ein, die diesen ein Vetorecht einräumen.
„Am Ende des Tages ist es moderne Sklaverei. Jeder kann entscheiden, wohin du gehst, auch wenn du einen Vertrag hast“, hatte Schröder einmal öffentlich geschimpft. „Natürlich verdienen wir viel Geld und können unsere Familien ernähren, aber wenn sie sagen: ‚Du kommst morgen nicht zur Arbeit, du gehst dorthin‘, dann können sie das entscheiden. Daran müssen sie ein bisschen was ändern.“ Denn es sei „immer sehr schwierig, so ein Band aufzubauen als Team, als Organisation, wenn du weißt, dass sie dich jederzeit wegschicken könnten“. Gerade am Trade-Deadline-Day, also am letzten Tag, an dem die Franchises Spieler unter Vertrag nehmen können, „kann halt alles passieren, und da muss man sich darauf einstellen“. Schon oft mussten Schröder und seine Familie an jenem Tag die Koffer packen und umziehen. Achtmal wurde Schröder innerhalb der NBA schon getradet, nur der US-Amerikaner Trevor Ariza, der seine Karriere 2022 bei den Los Angeles Lakers beendete, liegt in dieser Statistik mit elf Trades vor ihm.
Warum aber wird er, der als Kapitän die deutsche Nationalmannschaft zum WM- und EM-Titel geführt hat und dort unumstrittener Leistungsträger ist, in der besten Basketballliga der Welt immer wieder weitergereicht? In der NBA wird Schröder oft als idealer Bankspieler betrachtet, also als einer, der mit viel Energie ein Spiel drehen kann. Dafür besitzt er die notwendige Qualität und Explosivität. Für Gegenspieler ist so etwas immer schwer zu verteidigen. Den Status, dass sich eine ambitionierte Franchise Schröder als ausgemachten Schlüsselspieler aussucht und um ihn herum ein ganzes Team aufbaut, hat sich der Profi trotz aller Wertschätzung in den letzten Jahren nicht erarbeiten können. Mit nun 32 Jahren dürfte er auch zu alt sein, als dass sich das noch einmal ändert. Auch sein Gehalt spielt bei den Trades eine Rolle: Schröder verdient in der NBA gut, aber verglichen mit den Topstars nicht sonderlich viel. Deshalb ist er vor allem für Franchise-Inhaber interessant, die mit aller Macht eine Luxussteuer verhindern wollen. Diese Strafsteuer muss gezahlt werden, wenn die Spielergehälter über 187,9 Millionen US-Dollar liegen. Jene betroffenen Teams schicken dann oft teure Stars weg – und holen Spieler wie Schröder: wertvoll auf dem Parkett, aber nicht so kostspielig für das Budget. Auch deswegen steht der deutsche Profi immer wieder auf dem Trade-Zettel der Teammanager.
Neue Rolle in Cleveland
Cleveland wollte im Winter auch etwas von der zu erwartenden Luxussteuer sparen – und kann dank Schröder 50 Millionen US-Dollar gutschreiben. Aber der Trade war kompliziert: Neben Schröder wechselte auch Sacramento-Teamkollege Keon Ellis nach Cleveland. Im Gegenzug bekamen die Kings De’Andre Hunter. Und auch die Chicago Bulls waren beteiligt: Sie erhielten Kings-Profi Dario Šarić sowie zwei Zweitrundenpicks. So oder so ähnlich läuft das Wechselgeschäft in der NBA oft ab. Es wird gefeilscht, bis kaum noch jemand den Überblick behalten kann. Anders als bei so manchen Wechseln in der Vergangenheit war Schröder über den Trade nach Cleveland froh. In Sacramento kam der Point Guard in 40 Spielen zwar auf eine gute individuelle Bilanz (im Schnitt 12,8 Punkte und 5,3 Assists), aber er vermisste dort eine Entwicklung.
„Das, was mir versprochen wurde und wie es dann lief, war nicht das, worüber wir vorher geredet hatten“, verriet Schröder. Er war erst im Sommer von den Detroit Pistons zu den Kings gewechselt. Er sei „dennoch dankbar, dass die mich bezahlt und zunächst auch an die Vision geglaubt haben“. Er sei nun aber „in einer besseren Situation“ und erwarte, „wenn man etwas sagt, dass das dann auch gehalten wird“. In Cleveland wird man ihm seine Rolle klar mitgeteilt haben: Back-up für Harden und Mitchell – mit der Chance, ein möglicher Gamechanger zu werden, wenn die Gegner mit zunehmender Spieldauer müder sind. Dann darf Schröder seine Stärken – die Schnelligkeit, das Pick-and-Roll-Spiel und das Eins-gegen-eins – ausspielen. Doch nicht nur deswegen ist Schröder trotz der Bankrolle glücklich in Cleveland.
„Es ist eine gute Situation, wenn du in ein Spiel gehst und du immer gewinnen willst“, sagte er im „Sport1“-Interview. „Ich glaube, dass wir als Organisation auch einen guten Job machen – von den ganzen jungen Spielern bis zu den erfahrenen Spielern. Die Organisation ist einfach anders, auch wie wir trainieren. Ich kenne das schon aus Atlanta-Zeiten, deswegen ist es sehr cool, hier zu sein.“ Dass er und seine Familie dafür wieder umziehen mussten, sei „der einzige Negativpunkt, durch den meine Frau immer gestresst ist“, verriet der Profi. Dass seine Kinder zu Hause unterrichtet werden und nicht an eine Schule gebunden sind, ist eine Konsequenz der Erfahrungen aus der Vergangenheit und macht das Umziehen etwas leichter. Auf die Frage, ob er nun hofft, in Cleveland endlich langfristig heimisch zu werden, antwortete Schröder ausweichend: „In der NBA kann alles passieren, es ist ein Business. Solange ich bei einem Team bin, bin ich immer voll engagiert. Wenn das dann nicht mehr so ist, dann bin ich in einer anderen Organisation.“