Ute Bruland betreibt „Baden im Wein“ mit Herz und Haltung – und schafft damit einen wundervollen Ort, der zu besonderen Genussmomenten einlädt. Sozusagen eine Oase der Ruhe und Entspannung.
Save water, drink wine – spare Wasser, trinke Wein: ein humorvoller Spruch voller Leichtigkeit, keine Aufforderung, sondern etwas, das ein Lächeln ins Gesicht zaubert, vielleicht sogar zum kurzen Innehalten einlädt. Das gilt auch für den Ort, an dem der Satz an der Wand prangt: „Baden im Wein“.
„Kleines Weinlokal mit apart designtem Holzdekor, das Vesperplatten zu vorwiegend deutschen Weinen anbietet“, lautet die viel zu kurze Beschreibung im Internet. Die Adresse liegt im Prenzlauer Berg, an der Schönhauser Allee, gegenüber der Kulturbrauerei – ein Kiez, in dem das Leben pulsiert, der angesagt und trubelig ist, an dem sich Berlin besonders lebendig anfühlt. Hier ist „Baden im Wein“ gleich einer Oase der Ruhe und Entspannung. Im Sommer gibt es draußen Plätze, um dem Treiben zuzusehen – und diese werden ausgiebig genutzt, gerne auch für einen Aperol Spritz, der in dieser Gegend auf keiner Karte fehlen darf. Das Lokal selbst strahlt mit Holz und kleinen Tischen pure Gemütlichkeit aus. Der Berliner Holzkünstler Philipp Wiedemann hat die Bar eindrucksvoll in Szene gesetzt: Lampen und Tische aus rustikalen Dielen, an der Decke alte Tulpenzwiebelkisten.
„Von Natur aus berauscht“
Ich mag das einladende, fast urige Ambiente, das mich mit warmem Licht und einer Atmosphäre der Geborgenheit empfängt. Sind aus diesem Grund am Abend meines Besuchs auf den ersten Blick nur weibliche Gäste anwesend? Nein, in einer Ecke sitzen eine Frau und ein Mann. Ein Pärchen? Vielleicht ein künftiges Paar, denn nach Angaben von Wirtin Ute Bruland ist „Baden im Wein“ ein beliebter Ort für ein erstes Date. Auch Prominente kämen gerne hierher – wegen der intimen, privaten Atmosphäre und natürlich wegen des Angebots.
„Verbindende Weinkultur als Konzept: Über 90 besondere und süffige Tropfen – nicht nur aus Baden, sondern auch Feines von Winzerinnen und Winzern anderer bekannter deutscher Weingebiete“, beschreibt der Falstaff Barguide 2026 den Ort. Erst vor einigen Wochen kam die Urkunde per Post: 90 Punkte und damit verdiente drei von vier Weingläser-Symbolen, mit denen die Weinkultur eines Lokals bewertet wird – eine schöne Überraschung für die Inhaberin.
Was sich bei Falstaff & Co. offensichtlich noch nicht herumgesprochen hat: Bei „Baden im Wein“ gibt es eine wundervolle Auswahl an Naturweinen – unter anderem aus Österreich, Frankreich, Spanien oder Italien, aus Ländern, in denen naturbelassene, unfiltrierte Weine schon lange Tradition haben. Vergoren ausschließlich mit den Hefen, die natürlich auf den Traubenschalen und in der Luft vorkommen, entstehen komplexe, terroirgeprägte Weine – ursprünglich, authentisch und manchmal herausfordernd. In der Regel werden sie jung getrunken, da sie schnell oxidieren, sind dabei angenehm frisch und auch als Schaumwein ein geschmackvolles Abenteuer.
„Drunk by nature“ – „Von Natur aus berauscht“ steht auf dem Schild vor der Weinbar, das neben „Natural Wine“ und „Orange Wine“, also Weißwein, der wie Rotwein mit Traubenschalen, -kernen und -stielen vergoren wird, auch „Pet Nat“ ankündigt. Das ist die Kurzform von „Pétillant Naturel“: natürlich hergestellter Schaumwein, bei dem sich die Kohlensäure direkt in der Flasche bildet. In der Weinkarte finden sich diese Weine unter „Funky Stuff“, was sich mit „Schräges Zeug“ übersetzen lässt.
Ich starte mit einer Spezialität vom katalonischen Weingut Oniric, das sich der Xarel·lo-Traube, einer der bevorzugten Cava-Rebsorten, verschrieben hat. Der Weißwein duftet bereits beim Eingießen nach Zitrusfrüchten, grünem Apfel, Mandelaromen sowie würzigen Noten von Fenchel und Rauch. Vollmundig am Gaumen, mit deutlicher Säure und eleganter Textur – ein vielschichtiger Genuss.
Ich denke an heiße Sommertage und an eine Paella. Die gibt es bei „Baden im Wein“ nicht, dafür aber liebevoll angerichtete Vesperplatten – auf Wunsch auch vegetarisch oder vegan –, die zum Foodpairing einladen. Die selbsteingelegten Oliven bringen die würzigen Noten der Weine zur Geltung, das schlichte Landbrot schmeichelt säuerlichen Aromen, der würzige Rohmilch-Bergkäse setzt spannende Kontrastpunkte. Als Allrounder der Weinbegleitung entpuppt sich der cremige Camembert, indem er mit mineralischen Noten spielt oder charakteristische Tannine unterstreicht.
Alkoholfreier Wein zunehmend gefragt
Einen besonders starken Gegenspieler benötigt die Fettbemme, ein Landbrot mit Schmalz, serviert mit saurer Gurke. Ich stelle mir vor, wie sich zwei Menschen, die sich nach dem Kennenlernen im Internet zum ersten Mal hier treffen, eine Fettbemme teilen – davon werden Kinder und Enkel noch erzählen!
Woher Ute Bruland ihr Wissen hat? Sie besucht Lehrgänge und Masterclasses, tauscht sich mit Experten aus, probiert viel. Frühkindliche Prägung spielt ebenso eine Rolle: „Meine Eltern haben ausschließlich Wein getrunken“, erinnert sie sich. Ihr Erfolgsrezept? „Bei mir gibt es nur Weine, die mir selbst schmecken.“ Außerdem gilt: kein Rabatt, keine Happy Hour, dafür viele offene Weine und faire Preise. Und alkoholfreie Weine? Damit wolle sie sich in Zukunft stärker beschäftigen, sagt Ute Bruland. Es gebe eine wachsende Nachfrage, für die sie offen sei – auch wenn sie bisher noch keinen alkoholfreien Wein gefunden habe, der sie wirklich überzeugt.
Eine kleine Holztafel über der Theke fällt ins Auge: „Auf dich, Bernd!“ Sie erinnert an den 2022 verstorbenen Mann von Ute Bruland, mit dem sie das Lokal 2014 eröffnet hat und den viele langjährige Stammgäste schmerzlich vermissen. Vielleicht ist das Lokal für die Wirtin deshalb nicht nur ein Arbeitsort, sondern auch ein persönlicher Ankerpunkt – und erklärt, warum sie „Baden im Wein“ mit Herz und Seele betreibt und hier trotz Mitarbeitenden fast täglich anzutreffen ist. „Ich mach das gerne, ohne die Arbeit wäre mir viel zu langweilig“, sagt sie. Sie nimmt sich viel Zeit für die Beratung der Gäste oder um mit ihnen über Gott und die Welt zu plaudern.
Klarerweise lässt sich mit ihr auch herrlich über Wein fachsimpeln – etwa über Erzeugnisse aus Georgien, die im Trend liegen, über den vielversprechenden Weinjahrgang 2025 oder über den Grauschiefer-Riesling von Jakob Schneider, den wir gemeinsam probieren. Das gleichnamige Weingut, 1575 gegründet, hat sich auf den Ausbau hochwertiger Weine aus den Steillagen der Nahe spezialisiert. Der Wein überrascht mit holzigen Noten, die die lebhafte, mineralische Rieslingsfrische elegant begleiten. In der Nase Apfel und Weinbergpfirsich, die typische Schieferaromatik begleitet das Geschmackserlebnis von Anfang bis zum Ende. Auch dazu machen die deftigen Vesperplatten eine gute Figur.
Der erste Schluck eine Offenbarung
Experimentierfreudige finden bei „Baden im Wein“ immer etwas Spezielles, andere kommen gerne, um „ihren“ Wein zu trinken, erzählt Ute Bruland. Sonntags ist das Lokal geschlossen – eigentlich, denn an diesem Tag wird es manchmal zum Pop-up-Restaurant, mit leckeren Speisen und passenden Weinen. Auch Weinverkostungen und Champagnerpartys bieten Gelegenheit, in die Welt der Wein- und Genusskultur einzutauchen. Das ist ebenso für private Gruppen möglich – Geburtstage, Firmenfeiern und, ebenso beliebt wie erste Dates, Junggesellinnenabschiede.
Klar, Frauen haben den besseren Geschmack, also evolutionsbedingt mehr Geschmacksknospen – ging es in der Steinzeit doch darum, Giftstoffe in Pflanzen an deren Bitterkeit zu erkennen, um Kinder zu schützen. Alles Geschmackssache – das gilt nach wie vor und natürlich auch beim Wein. Deshalb belehrt Ute Bruland ihre Gäste nicht, sondern sorgt dafür, dass jede und jeder das bekommt, was ihm bzw. ihr schmeckt. Ganz nach dem Motto „Tun und lassen“ – passenderweise auch der Name ihres Lieblings-Naturweins.
Grund genug, ihn zu probieren: Der Riesling vom Mosel-Weingut Lubentiushof, das für seine kompromisslose Hingabe an Qualität, Ursprünglichkeit und Handarbeit bekannt ist, erzählt seine eigene Geschichte. Ich rieche gelbe Früchte, Sommerkräuter und etwas, das ich zunächst nicht zuordnen kann. Es dauert einen Moment, bis meine Aromenklaviatur den Tabak erkennt. Der erste Schluck ist eine Offenbarung: saftig, floral, Säure und Mineralik in schöner Balance, der Abgang angenehm lang. Das ist kein schräges Zeug, sondern großes Kino.