Die britische Schauspielerin Claire Foy spricht über ihren neuen Film, den Zauber der Kindheit, ihren langen Weg zur Schauspielerei und darüber, wie sie als alleinerziehende Mutter zurechtkommt.
Mrs. Foy, haben Sie sich den Film „Der Wunderweltbaum“ schon mit Ihrer elfjährigen Tochter angesehen?
Nein, aber das werde ich bald machen. Ich habe Ivy Rose aber zuvor schon das Audio-Buch besorgt und wir haben uns die Geschichte zusammen angehört. Als Kind habe ich viele Bücher von Enid Blyton gelesen, aber dieses Buch habe ich erst entdeckt, als ich für den Film gecastet wurde. Das war schon etwas seltsam, so, als würde man „Harry Potter“ erst als 40-Jährige entdecken. Aber „Der Wunderweltbaum“ ist viel mehr als nur ein Kinderfilm: Es ist ein Film für die ganze Familie.
Die Kinderbuchreihe erschien ja vor gut 80 Jahren zum ersten Mal …
… wurde aber für den Film sehr einfühlsam modernisiert. Das Drehbuch dazu stammt aus der Feder von Simon Farnaby, der auch schon die Drehbücher zu „Paddington 2“ und „Wonka“ geschrieben hat. Es ist wirklich ein sehr schöner, ja magischer Film geworden, der diese fantastische Welt mit den gigantischen fliegenden Untertassen und den Elfen, die auf Rollschuhen zur Disco-Musik tanzen, eingefangen hat. Bei allem magischen Zauber erzählt er aber auch von Menschen, die erkennen, dass die einfachen Dinge im Leben die wirklich wichtigen sind. Der Film verströmt so viel Freude und Optimismus, dass ich mir sicher bin, dass diese positive Energie auch auf die Zuschauer überspringt. Und es ist auch ein Weckruf für all jene, die im Zeitalter des Internets und der sozialen Medien den Kontakt zur Natur verloren haben.
Sie sind in Buckinghamshire, in einer ländlichen Gegend Südenglands, aufgewachsen, leben aber schon lange in London. Da ist es sicher schwer, so einen Wunderweltbaum zu finden, oder?
Nein, ich habe tatsächlich so einen Baum, und zwar die uralte hohle Buche im Park von Hampstead Heath. Sie ist zwar innen hohl, wächst aber immer noch, hat noch jede Menge Blätter und ist wirklich wunderschön. Als Mutter ist mir sehr bewusst, wie schnell einem die Kindheit entgleiten wird. Irgendwann hört die Welt auf, magisch zu sein, und man glaubt nicht mehr an Wunder. Das ist so eine Art Reality-Check, und man erkennt, wie die Dinge wirklich sind. Ich will meiner Tochter die magische Welt so lange wie möglich erhalten. Ich habe auch gar nichts dagegen, wenn die Bücher von Enid Blyton – oder jetzt unser Film – ein bisschen diese nostalgischen Gefühle heraufbeschwören und eine Welt, in der man meint, dass alles noch in Ordnung ist.
Wie kommen Sie als alleinerziehende Mutter mit den Anforderungen Ihrer Karriere als Schauspielerin zurecht?
Ich bin sehr stolz darauf, dass es mir gelungen ist, ein starkes und gutes Fundament für meine Karriere und für mein Privatleben hinbekommen zu haben, auf das ich bauen kann. Ich habe das Privileg, das nicht viele alleinerziehende Mütter haben, in meinen Entscheidungen frei zu sein. Natürlich ist es nicht immer einfach, aber wenn man die richtigen Prioritäten setzt, geht das durchaus. Als ich zum Beispiel in der TV-Serie „The Crown“ die junge britische Königin Elisabeth II. spielen konnte, war ich natürlich überglücklich. Das war eine absolute Traumrolle! Und trotzdem wusste ich, dass das Wichtigste in meinem Leben meine neugeborene Tochter war.
„The Crown“ war ein Meilenstein in Ihrer Karriere. Da gibt es sicher noch ein paar mehr …
… oh ja. Nachdem ich meine Ausbildung als Schauspielerin abgeschlossen hatte, bekam ich relativ bald kleinere Rollen in britischen TV-Serien. Dann kam plötzlich das Angebot, dass ich in dem Fantasy-Film „Der letzte Tempelritter“ mitspielen sollte. In einem Film mit Nicolas Cage! So war ich also mit einem der coolsten Hollywoodstars aller Zeiten am Set in Budapest und konnte mein Glück kaum fassen. Das war sicher ein Quantensprung in meiner Karriere. Auch meine Rolle als Anne Boleyn – eine der Frauen von Heinrich VIII. – in der Mini-Serie „Wölfe“ war ein absolutes Highlight für mich. Vor allem die Begegnung mit der Autorin des Buches, Hilary Mantel, die mich wahnsinnig beeindruckt hat. Sie hatte eine fast übersinnliche Aura … Ach, es gibt noch so einige Filme, die mir besonders am Herzen liegen. „The Lady in the Van“, wo ich die großartige Schauspielerin Maggie Smith kennenlernen durfte, oder „Unsane – Ausgeliefert“, bei dem der geniale Steven Soderbergh Regie führte, oder „H wie Habicht“, die wunderbare Verfilmung von Helen Macdonalds Roman mit Brendan Gleeson. Da habe ich tatsächlich mit einem lebendigen Habicht gearbeitet, was wirklich sehr abenteuerlich war. Aber eigentlich sind alle Filme, die ich je gedreht habe, Meilensteine, die den Weg säumen, auf dem ich immer noch gehen darf.
Wie sind Sie denn eigentlich zur Schauspielerei gekommen?
(Lacht) Das war ein langer Weg. Ich gehöre nicht zu denen, die Ihnen mit einem Schlüsselerlebnis dienen können. Ich bin als jüngstes von drei Geschwistern in einer sehr großen Familie aufgewachsen. Da wurde ich bei all dem Trubel oft „übersehen“, was mir ganz und gar nicht passte. Also war ich immer sehr laut und habe um Aufmerksamkeit gebuhlt. Ich hatte als Kind sehr viel ungebremste Energie und war wohl auch hyperaktiv. Mein Verhalten änderte sich völlig, als ich älter wurde. Als Teenager war ich scheu und in mich gekehrt. Ich wollte – um alles in der Welt – bloß nicht auffallen. Aber schon damals liebte ich es, ins Theater und vor allem ins Kino zu gehen. Den Film „Titanic“ habe ich mir gut zehnmal angeschaut – und nicht nur wegen Leonardo DiCaprio. Hören Sie mir noch zu?
Wie gebannt.
Gut. Die Filmwelt war für mich damals wie von einem anderen Stern – da waren Audrey Hepburn, Grace Kelly … Alle waren so glamourös und so weit entfernt vom wirklichen Leben. Trotzdem verspürte ich schon damals den Drang, irgendwie dazugehören zu wollen. Also studierte ich zunächst Schauspiel und Film. Irgendwie schwebte mir ein Job hinter der Kamera vor, vielleicht als Regieassistentin. Ich schickte also ein paar Bewerbungen an Filmstudios, habe aber auf keine einzige eine Antwort bekommen. Also ging ich schließlich noch für ein Jahr auf die Oxford School of Drama. Das lief irgendwie ganz gut. Und so fasste ich endlich den Mut, mich auch mal als Schauspielerin auszuprobieren. Plötzlich wusste ich: Das will ich in Zukunft machen.
Was genau?
In die Haut von anderen Menschen schlüpfen und so tun, als ob ich sie wäre. Und in den Welten leben, in denen sie lebten. Nur weit weg von meinem ganz persönlichen Alltag. Ich hatte großes Glück, dass ich auf diesem langen Weg immer wieder auch Menschen begegnet bin, die mich darin bestärkt haben, weiterzugehen. Denn ich hatte natürlich auch immer große Selbstzweifel.
Aber gehören Selbstzweifel – und sich trotz Rückschlägen immer wieder neu auszuprobieren – nicht zum Wesen der Schauspielerei?
Absolut. Es ist sogar die Grundvoraussetzung dafür, dass man sein Handwerk wirklich erlernt. Fehler zu machen, zu straucheln und zu lernen, wie man seine Versagensängste unter Kontrolle bringt, gehört zum Job unbedingt dazu. Ich erinnere mich noch gut daran, wie ich – als frisch ausgebildete Schauspielerin – wie gelähmt an einem Set stand und dachte: „Oh Gott, was mache ich hier?“
Man muss erst wer sein, um jemand sein zu können.
Ja, ganz gewiss.
Andererseits: Als Schauspieler maskiert man sich doch in jeder Rolle, oder?
Vielleicht machen das andere. Auf mich trifft das aber nicht zu. Wenn ich spiele, will ich mich offenbaren, mein Innerstes zeigen. Es ist also das Gegenteil von Maskieren. Und ich hasse es, wenn Schauspieler nur vorgeben, etwas zu sein oder zu fühlen. Das durchschaut doch jeder sofort. Das ist peinlich. Bei meiner Schauspielausbildung wurde immer sehr viel Wert darauf gelegt, sich erst einmal selbst zu begreifen und zu verstehen. Denn nur dann kann man eine Rolle wirklich richtig ausfüllen. Man kann nicht vorgeben, jemand anderer zu sein, wenn man nicht weiß, wer man selbst ist. Ich jedenfalls will meine Emotionen kennen – und sie dann auch zeigen. Vor allem will ich aber gesehen und verstanden werden. So, wie ich bin.