Fabian Reese feiert in seiner Heimat Kiel Geburtstag und schenkt Hertha BSC den nächsten Sieg. Beim sechsten Pflichtspielerfolg in Serie zeigt die Hertha sich von einer ganz neuen Seite: kaum zu stoppen.
Fabian Reese steht auf dem Fußballplatz stets im Mittelpunkt des Interesses – am vergangenen Sonnabend aber war es noch mal ganz besonders. Denn der Kapitän von Hertha BSC gastierte mit seinem Club bei Holstein Kiel, wo er nicht nur das Fußballspielen erlernte, sondern tatsächlich als einziger in der Hafenstadt geborener Profi auf dem Rasen des Holstein-Stadions im Einsatz war. „Kiel ist natürlich für mich immer besonders: Meine ganze Familie lebt da, ich habe dort wunderschöne Jahre gehabt und bin immer noch verwurzelt.“ Diesmal hatte der Trip aber noch ein i-Tüpfelchen parat: „Dass ich jetzt auch noch Geburtstag dort habe, ist grandios – aber es ist ein Spiel, das wir in den 90 Minuten gewinnen wollen“, wandte sich der Führungsspieler der Berliner vor der Partie sofort wieder dem Wesentlichen zu. Und tatsächlich sollte der nun 28-jährige Reese dem Spiel entscheidend seinen Stempel aufdrücken.
Zunächst aber schenkten sich beide Teams nichts und suchten das Führungstor – das wäre um ein Haar den Kielern gelungen, nachdem Paul Seguin ein Fehlpass in der eigenen Hälfte unterlaufen war und Bernhardsson aus rund 35 Metern knapp vorbeigeschossen hatte. Denn Hertha-Torwart Tjark Ernst war angesichts des eigenen Spielaufbaus außerhalb des eigenen Strafraums und hatte Glück, dass der Schwede sein Gehäuse knapp verfehlte. Im Gegenzug trat Reese erstmals in Erscheinung, als er im Strafraum Michael Cuisance fand, dessen Schuss aus dem Stand aber knapp am linken Dreiangel vorbeistrich. Hertha BSC war nun im Spiel und bestimmte das Geschehen, hatte aber nach einem Eckball Pech, als Abschlüsse von Luca Schuler sowie Seguin gleich zweimal von der vielbeinigen KSV-Abwehr kurz vor der Torlinie abgeblockt wurden. Danach aber hatten sich beide Teams offenbar genug Respekt verschafft, denn es geschah bis Mitte der zweiten Hälfte nichts Nennenswertes mehr.
Ein Schuss von Cuisance, der das Ziel verfehlte, sollte dann die letztlich entscheidende Phase der Partie einläuten. Besondere Beachtung fand hier zunächst eine Einwechslung aufseiten der Hauptstädter, denn Dawid Kownacki kehrte nach zweimonatiger Verletzungspause zurück auf das Spielfeld – für den polnischen Angreifer machte Schuler Platz. Und dann kam es, wie es beinahe kommen musste – zumindest, wenn man wie Hertha BSC einen Lauf hat. Jedenfalls ließen die Kieler eine Viertelstunde vor Spielende ausgerechnet Reese auf dem rechten Flügel Raum und Zeit, die dieser zum Schauen und Ausführen einer wohlgetimten Flanke nutzte. Die segelte über das Abwehrzentrum zum freistehenden Kownacki, der per Kopfballaufsetzer in die kurze Ecke traf. Ein Tor also, wie es Hertha BSC schon zuvor in Kaiserslautern und gegen Braunschweig zum Sieg reichte und um seine lange so nicht erlebten Serien auszubauen. Nämlich: sechster Pflichtspielsieg in Folge (zuletzt 2001 gelungen), jeweils ohne Gegentor (zuletzt 1989/90), sowie fünf Ligapartien hintereinander gewonnen (zuletzt Herbst 2000).
Die nächste Verwarnung nach nur drei Minuten
Die neue, defensive Stabilität von Hertha BSC – aktuell wohl der größte Erfolgsfaktor – wurde in den letzten Wochen vor allem auch mit Toni Leistner in Verbindung gebracht. Der inzwischen 35-Jährige war trotz bekannter Schnelligkeitsdefizite im Abwehrzentrum oft der Turm in der Schlacht. Daher war die Überraschung, aber auch der Zweifel groß, als der Routinier in Kiel auf dem Spielberichtsbogen nur unter den Ersatzleuten zu finden war. „Belastungssteuerung“ war in diesem Zusammenhang das Schlüsselwort, denn angesichts der englischen Woche mit dem DFB-Pokal-Achtelfinale gegen den 1. FC Kaiserslautern am Dienstag (bei Redaktionsschluss nicht beendet) und dem Ligaspiel gegen den 1. FC Magdeburg am Sonntag sollte Leistner offenbar zunächst geschont werden. Ein interessanter Randaspekt dabei, dass Trainer Stefan Leitl sich seine eingespielte Bestbesetzung in der Abwehr für den K.-o.-Wettbewerb aufheben wollte.
Doch das Defensivpersonal in Kiel war dann auch nicht von schlechten Eltern – allerdings nahm der Coach dabei Positionsverschiebungen in Kauf. Denn Deyovaisio Zeefuik kehrte als Linksverteidiger in die Mannschaft zurück, Michal Karbownik wechselte dafür auf die andere Seite – dafür „durfte“ der zuletzt regelmäßig rechts eingesetzte Linus Gechter auf seinen angestammten Platz in die Abwehrzentrale zurückkehren – eben an Stelle von Leistner. Der Ausfall des angeschlagenen Diego Demme wiederum war dagegen zunächst unmittelbar kein Problem –
denn mit Kennet Eichhorn stand ein Ersatz parat, der in den letzten Wochen schon des Öfteren mit Paul Seguin die „Doppel-Sechs“ gebildet hatte. Der 16-jährige Youngster machte dabei mit starken, weil auch für sein Alter erstaunlich abgeklärten Leistungen für sich Werbung.
Der Platz vor der Abwehr hat aber auch seine Tücken: So musste Eichhorn auf der zweikampfintensiven Position bereits eine Woche zuvor gegen Braunschweig wegen seiner fünften Gelben Karte im neunten Einsatz aussetzen. Die Sperre war damit abgegolten, doch in Kiel handelte sich das „Supertalent“ dann bereits nach drei Minuten die nächste Verwarnung ein – und die Frage dürfte sich unmittelbar im Trainerteam gestellt haben, ob Eichhorn schon clever genug ist, um die restliche Spielzeit ohne eine Gelb-Rote Karte zu überstehen. Alternativen für die Doppelbesetzung im defensiven Mittelfeld standen Leitl & Co. jedenfalls nicht mehr zur Verfügung – doch Eichhorn bestand auch diese Prüfung, ehe er kurz vor Spielende durch Leistner ersetzt wurde.
Auch bei Kownacki hatten die Verantwortlichen ein gutes Gespür bewiesen: Nach seiner Sprunggelenksverletzung Ende September entschied man sich nach Absprache für eine „konservative“ Behandlung ohne Operation. Nun also war der Pole schon wieder dabei, obwohl ihm ein Ausfall bis Ende des Jahres vorhergesagt worden war – und das auch noch mit (Tor-)Erfolg. Bleibt der Pole nun von Verletzungen verschont, könnte er wegen seiner Treffsicherheit noch zum entscheidenden Faktor im weiteren Verlauf der Saison werden. Sollte Kownacki aber Hertha BSC sogar zum Aufstieg schießen – die Möglichkeit ist inzwischen nun nicht mehr so abwegig, um sie nicht einmal durchzuspielen –, würde das die Berliner „teuer zu stehen“ kommen. In diesem Fall tritt nämlich für den auf Leihbasis von Werder Bremen gekommenen Angreifer eine Kaufpflicht über drei Millionen Euro in Kraft.