Vor 40 Jahren lernten Mittel- und Nordeuropa einen neuen Begriff kennen: GAU. Die Reaktorkatastrophe in der Ukraine führte gerade in Berlin zu einer absurden Situation, wie es sie nur im deutsch-deutschen Verhältnis geben konnte.
Am Samstagmorgen des 26. April 1986 um 6.30 Uhr, kurz nach dem Aufstehen, konnte Jürgen Starnick nicht ahnen, dass ihn die kommenden Wochen ins Rampenlicht der bundesweiten Politik katapultieren würden. Der damals 48-jährige Professor für Technische Chemie ist gerade erst neun Tage vorher vom Regierenden Bürgermeister Eberhard Diepgen (CDU) zum Berliner Umweltsenator ernannt worden und von der Technischen Universität in Dahlem in die Senatsverwaltung für Stadtentwicklung und Umwelt gewechselt, als parteiloser neuer Chef des Hauses. Was Starnick zu diesem Zeitpunkt nicht wissen kann: Vier Stunden vor seinem Aufstehen, um 1.23 Uhr Ortszeit, hat sich der größte anzunehmende Unfall, ein GAU, in einem der vier Kernreaktoren im ukrainischen Tschernobyl ereignet. Eine bis dahin für unmöglich gehaltene Kernschmelze. Eine Sicherheitsübung beim Herunterfahren geht schief, der Brennstab gerät völlig außer Kontrolle, zwei Explosionen zerstören den Block 4. Unmengen von Radioaktivität werden damit seit halb zwei an diesem Samstagmorgen freigesetzt. Die Wolke zieht Richtung Osten. In Polen hat man am Sonntagmorgen bereits erste Hinweise auf eine massiv erhöhte Strahlung, doch erst Montagfrüh, am 28. April, schlagen die Messtechniker im Kernkraftwerk Forsmark in Schweden öffentlich Alarm. Bei einem Mitarbeiter wird erhöhte radioaktive Strahlung an seiner Kleidung festgestellt. Verdacht: Im Kernkraftwerk Forsmark stimmt was nicht. Wie sich rausstellt, weit gefehlt. Die Werte gehen runter, weil der Wind sich Richtung West-Nord-West gedreht hat, die radioaktive Wolke aus Tschernobyl zieht Richtung Deutschland.
West-Berlin ruft Krisenstab zusammen
Als erstes bestätigt in Deutschland das Hahn-Meitner-Institut (HMI) in West-Berlin eine erheblich erhöhte Strahlenbelastung. Das HMI betreibt seit 20 Jahren in Wannsee einen Versuchsreaktor und hat die entsprechenden Messvorrichtungen. Sofort ist der Technische Chemiker, der erst seit seit neun Tagen Umweltsenator ist, zur Stelle. Im Herzen ist Jürgen Starnick eben Professor und nicht Politiker, ein Glücksfall.
Bereits zwei Stunden nach der ersten Mess-Bestätigung über die erhöhte Strahlenbelastung wird ein Krisenstab einberufen. Alles, was West-Berlin an Strahlen-Wissenschaftlern aufzubieten hat, wird zusammengerufen. Auch in der damaligen Bundeshauptstadt Bonn am Rhein ist man aufmerksam geworden. Erste, mehr als dürftige Meldungen tauchen in den Nachrichtenagenturen zu einem Reaktorzwischenfall, einem Brand, auf. Der Berliner Umweltsenator Jürgen Starnick hat am Dienstagmorgen bereits ein Maßnahmen-Sofortpaket zusammengestellt, wie mit der radioaktiven Bedrohung umgegangen werden muss. Im Mittelpunkt steht der Bevölkerungsschutz, was eilig in einen Gesetztext gefasst und vom Abgeordnetenhaus verabschiedet wird. Es soll die spätere Vorlage für eine Bundesgesetzgebung werden. Das erste und einzige Mal in der Geschichte, dass ein Senator aus West-Berlin maßgeblich ein Bundesgesetz aufgelegt hat.
Während in der Mauerstadt Vorbereitungen für einen drohenden radioaktiven Fallout anlaufen, bleibt es auf der anderen Seite der Mauer, in der Hauptstadt der DDR, auffällig ruhig. In den ersten sommerlichen Maitagen sind die Freibäder und die beiden Strandbäder in West-Berlin menschenleer, aus Angst vor einer schweren Kontaminierung der Wiesen und des Sandes. In Ostberlin und der übrigen DDR tobt dagegen das Badeleben völlig unbeschwert. Obwohl auch die Messtechniker des einzigen DDR-Atomkraftwerks, in Greifswald an der Ostsee, massiv erhöhte radioaktive Strahlenwerte an die SED-Staatsführung ins 230 Kilometer entfernte Berlin gemeldet hatten. Wie sich zehn Jahre später herausstellt, lagen diese noch über denen, die in West-Berlin gemessen wurden. Das Problem für die DDR-Oberen: Das AKW Greifswald ist eins zu eins baugleich mit dem havarierten in Tschernobyl. In der SED gilt aber weiterhin die alte Parole: „Von der Sowjetunion lernen heißt siegen lernen.“ Es kann nicht sein, was nicht sein darf. Auch technisch ist der Sozialismus dem Kapitalismus nun mal weit überlegen.
Moskau äußert sich auch zwei Wochen nach dem mittlerweile als „schwerer Unfall“ zugebenen Zwischenfall nicht zum Umfang. Während in West-Berlin Umweltsenator Jürgen Starnick die zahlreichen, nach dem Krieg im Zuge des U-Bahnbaus neu gebauten Atombunker auf Betriebsbereitschaft prüfen lässt, geht man in der DDR in die Propaganda-Offensive. Der Chefkommentator des DDR-Fernsehens, Karl-Eduard von Schnitzler, erklärt, die „angebliche Bedrohung durch radioaktive Strahlung“ würde „von den kapitalistischen Imperialisten (gemeint ist die Bundesregierung in Bonn, Anm. d. Red.) zur Hetze gegen die sozialistischen Errungenschaften in DDR und Sowjetunion benutzt“. Wäre die Situation nicht so ernst gewesen, wäre es eine heitere Anekdote.
DDR-Propaganda und West-Berliner Sorge
In West-Berlin werden unterdessen frisches Gemüse, Obst und Milchprodukte, aber auch frischer Fisch knapp. Kein Wunder, West-Berlin wird in diesen Versorgungssegmenten zu einem guten Teil aus der DDR versorgt, weil die Anfahrtswege aus Westdeutschland einfach zu kostspielig sind. Tomaten, Kartoffeln, Kirschen oder Äpfel wachsen um West-Berlin herum genügend. Doch die Einfuhren aus der DDR werden wegen Verstrahlungsgefahr gestoppt. Westdeutsche Konservenhersteller müssen einspringen, fast wie zu Zeiten der Berlin-Blockade 1948/49. Nur dass diesmal über die Transit-Autobahnen und nicht per Luftbrücke geliefert wird. Für die DDR-Führung von Vorteil und gleichzeitig ein zunehmendes Glaubwürdigkeitsproblem. Die DDR-Versorgung West-Berlins mit Nahrungsmitteln wird über Handelspauschalen abgerechnet. Die Kundschaft in der Mauerstadt nimmt die Waren nicht, die DDR bekommt trotzdem ihr Geld. Die Menschen in Ost-Berlin und der gesamten DDR staunen plötzlich, was da an rotbackigen Äpfeln, dicken Kartoffeln oder prallen, frischen Erdbeeren in ihrer Kaufhalle in den Regalen liegt. Problem: Jetzt wird vielen DDR-Bürgern wieder mal bewusst, was da an heimischer Produktion alles nach West-Berlin und auch nach Westdeutschland geht. Dazu der Eindruck, die radioaktive Gefahr muss doch weitaus höher sein, als von der SED-Führung bislang eingestanden.
Als Generalsekretär Michail Gorbatschow dann vier Wochen nach dem GAU die Nuklear-Katastrophe eingesteht, ist die DDR-Führung endgültig um ihre ohnehin geringe Glaubwürdigkeit gebracht. Vor allem, weil das DDR-AKW in Greifswald, Bautyp Tschernobyl, die ganze Zeit auf vollen Touren weitergelaufen ist.
Eine Lehre aus dem GAU wird in West-Berlin wieder ganz schnell vergessen, schon aus Kostengründen: Die Anlagen zum Bevölkerungsschutz funktionierten nicht mal im Ansatz. Eine volle Inbetriebnahme der Bunker hätte mindestens sechs Wochen gedauert, und das in der Frontstadt des Kalten Krieges. 36 Jahre später, nach dem russischen Angriff auf die Ukraine, steht diesmal nicht nur Berlin, sondern ganz Deutschland wieder vor der gleichen Frage wie 1986: Wie kann die Bevölkerung im Katastrophenfall schnell geschützt werden?