Die Moral geht den Bach runter. Weltweit, um uns herum und auf Social Media sowieso. Gleichzeitig wird ständig und überall moralisiert. Der Philosoph Christian Seidel hat eine „Kritik des Moralismus“ formuliert und ruft zu „moralischer Besonnenheit“ auf.
Herr Prof. Seidel, stimmt unser Eindruck, dass es auf der einen Seite kaum noch eine Diskussion gibt, in der nicht moralisiert wird – und auf der anderen Seite geht die Moral den Bach runter?
Das ist sicher eine verbreitete Zeitdiagnose. Es ist ein Zwiespalt, der das Nachdenken über den Begriff des Moralismus antreibt. Auf der einen Seite ist es so, wenn man moralische Kritik formuliert an Zuständen, Verhaltensweisen, Missständen, dann soll das oft dem moralischen Fortschritt dienen. Man möchte die Welt besser machen, weil man eben glaubt, dass moralisch etwas im Argen ist. Auf der anderen Seite haben wir das Gefühl, wenn das zu häufig oder zu intensiv, zu stark und vehement oder vielleicht auch im falschen Ton passiert, dann moralisiert man, übertreibt also in gewisser Hinsicht mit der Moral. Ich glaube, dass wir das zutreffend mit dem Begriff des Moralismus einfangen, weil der diese beiden Seiten aufgreift.
Sie haben die „Kritik des Moralismus“ formuliert. Was ist „Moralismus“, vielleicht auch im Gegensatz zu Moral?
Es ist erst einmal ein Oberbegriff, unter den auch Phänomene wie Prinzipienreiterei oder Oberlehrertum, Rigorismus, auch Heuchelei und moralisches Aufladen, Hypermoral oder Gutmenschentum fallen. Das sind alles Ausdrücke, die sich im Umfeld des Moralismus bewegen und meist als Vorwurf zu verstehen sind, und zwar interessanterweise selbst als ein moralischer Vorwurf. Also wenn man jemandem Moralismus vorhält, dann wirft man dieser Person vor, selbst etwas moralisch falsch zu machen, typischerweise moralisch überzureagieren. Das ist ein interessantes Phänomen, weil es zeigt, dass der Moralismus- Vorwurf selber Teil der Moral ist.
Das heißt konkret?
Es gibt moralische Normen dafür, wie wir miteinander umgehen sollen, was wir tun, was wir lassen müssen. Viele Leute halten sich oft leider nicht daran, wir verletzen einander, tun einander Unrecht. Aber es gibt eben auch moralische Normen dafür, wie man mit den moralischen Fehlern von anderen Menschen umgehen sollte. Man sollte sie nicht zu scharf kritisieren oder ungebührlich empört sein oder auf geringfügige Fehler mit scharfer Missbilligung und öffentlichem Bloßstellen reagieren. Das zeigt, dass der Moralismus-Begriff sich selber im Umfeld der Moral bewegt. Und das ist erst mal ein ganz interessantes und nachdenkenswertes Phänomen.
Spielt beim Moralismus-Vorwurf auch eine Rolle, dass es nicht nur um Verhaltensweisen geht, die kritisiert werden, sondern um die Person?
Das hat, glaube ich, mit der Funktionsweise von moralischen Vorwürfen zu tun. Wenn mir jemand einen moralischen Vorwurf macht, dann trifft mich das. Und das trifft mich deswegen, weil ich ein bestimmtes Selbstbild von mir als einer moralisch integren Person habe. Die meisten von uns verstehen sich als Menschen, die zumindest darum bemüht sind, das Richtige zu tun und richtig zu leben. Und wenn mir jemand einen Vorwurf macht, dann gibt er mir zu verstehen: Du machst etwas falsch, du lebst nicht auf die richtige Art und Weise, du begehst einen Fehler. Das kratzt an meinem Selbstbild. Und manchmal sind auch tatsächlich die Vorwürfe nicht nur auf das einzelne Handeln bezogen, sondern auf die ganze Lebensweise oder die zugrunde liegenden Ansichten und Überzeugungen. Und damit stellt man natürlich auch den Charakter der Person selber in Frage. Auf Vorwürfe, die uns besonders verletzten, reagieren wir dann auch besonders und mit sehr starken Gegenreaktionen, um unser Selbstbild ein Stück weit zu schützen.
Was macht das eigentlich mit einer Gesellschaft, wenn wir uns ständig unter moralischer Beobachtung in allen Lebensbereichen bewegen?
Das kann man auf zwei Weisen sehen. Auf der einen Seite hat es etwas Gutes, wenn sich alle ständig unter moralischer Beobachtung fühlen, denn die Welt wird dann moralisch besser, wenn die Leute stärker darauf achten, das zu tun, was sie tun sollten. Sie tun dann häufiger das moralisch Richtige. Das ist aber nur die eine Seite, vielleicht auch eher eine Hoffnung. Die andere Seite ist, dass nämlich gar nicht so ganz klar ist, ob die ständige Beobachtung auch wirklich dazu führt, dass die Leute dann tatsächlich automatisch das Richtige tun. Dass Leute ganz häufig nicht das tun, wovon man sagt, dass es richtig wäre, kann mit Reaktanz oder Defensivreaktionen zu tun haben. Leute fühlen sich moralisch gegängelt, machen zu, sind argumentativ schwerer zu erreichen und reagieren dann vielleicht eher trotzig mit einer Art „Jetzt erst recht“-Reaktion. Es ist nicht ohne Weiteres klar, ob das Thematisieren von Moral auch wirklich immer dazu führt, dass sich das Verhalten der Gesellschaft zum Besseren wendet.
Was Sie jetzt beschrieben haben an möglichen Gegenreaktionsmustern und Abwehrhaltungen: Ist das auch eine Erklärung dafür, dass einmal erstrittene Normen auch wieder zurückgedreht werden? Ich denke beispielsweise an das, was in den USA passiert etwa im Zusammenhang mit Gender- oder Diversity-Fragen.
Das kann Teil der Erklärung sein. Dazu können Sozialwissenschaftlerinnen und vor allem die Sozialpsychologinnen mehr sagen. Aus philosophischer Perspektive würde man bei der Frage, wie man ein moralisches Anliegen in die Gesellschaft tragen sollte, jedenfalls raten, auch diesen Effekt zu berücksichtigen, damit man nicht überreizt und überdreht, weil dann die Gefahr besteht, dass man weniger Gehör findet, als wenn man moderatere Töne angeschlagen hätte. Ich glaube, dass man gegenwärtig in einigen Bereichen – nicht nur in den USA, sondern auch in Europa – einen moralischen Backlash wahrnehmen kann. Aber man muss auch betonen, dass es eine lange Geschichte von moralischem Fortschritt oder moralisch motivierten sozialreformerischen Bewegungen gibt. Denken Sie an die Abschaffung der Sklaverei, die Frauenbewegung, die Bürgerrechtsbewegung. Dass solche Bewegungen trotz erheblicher Widerstände zu moralischen Erfolgen geführt hat, kann Anlass zu Hoffnung und Optimismus geben.
Gibt es so etwas wie eine Flucht in Moralismus als Reaktion auf eine Entwicklung ständiger Grenzüberschreitungen, die fast schon Normalität werden?
Ich würde es nicht als Flucht in den Moralismus beschreiben. Tatsächlich sehen wir eine Reihe von, wie Sie sagen, Grenzüberschreitungen oder Normverletzungen, wir könnten auch sagen, moralischen Missständen. Und diese Missstände sind medial im Prinzip ständig zugänglich. Es ist gar nicht ganz klar zu sagen, ob die Welt wirklich schlimmer geworden ist oder ob wir immer mehr und besser sehen, wie schlimm sie eigentlich immer schon war. Auf jeden Fall ist es so, dass die Wahrnehmung moralischer Missstände größer und umfangreicher geworden ist. Es ist zunächst einmal eine sehr verständliche Reaktion, dass es mit zunehmender Wahrnehmung von Unrecht auch eine Zunahme moralischer Empörung gibt. Deswegen glaube ich, die Zunahme moralischer Kritik ist nicht irgendeine Flucht, sondern liegt eher in der Logik der Moral.
Sie haben das Stichwort Empörung schon genannt. Wie ist es mit regelrechten Empörungskaskaden, die wir vor allem in sozialen Netzwerken sehen?
Ja, „Empörungskaskade“, das ist im Zusammenhang mit Social Media ein treffender Begriff. Die Philosophin Eva Weber-Guskar hat sich auch speziell mit Moralismus in sozialen Medien und der Dynamik der Empörung befasst. Da ist vielleicht eine besondere Art von Moralismus im Spiel, die damit zu tun hat, dass man die vorhandenen Schattierungen und die Komplexität reduziert und es sich moralisch gesehen zu einfach macht. Man sieht nur schwarz-weiß, man ist nicht immer sensibel für die guten Gründe, die andere Leute für ihre Entscheidungen und Lebensweisen haben oder haben können. Man hört nicht richtig zu, man urteilt mit moralischen Vorurteilen. Es fehlt, was Monika Betzler als „Tugend der Aufgeschlossenheit“ bezeichnet. Die Funktionsweise der sozialen Medien kann das befeuern: Man muss schnell reagieren, es gibt eine sehr starke inhaltliche Verkürzung und damit natürlich auch eine gewisse inhaltliche Armut der Reaktionen auf die Beiträge anderer.
Aber geht das in Medien, die geradezu von Komplexitätsreduktion leben?
Man macht sich ein bisschen zu einfach zu sagen, die sozialen Medien sind an Empörungskaskaden schuld. Man sollte nicht vergessen zu fragen, wer nutzt die eigentlich und wer nutzt sie genau so, wie sie genutzt werden. Das sind doch die meisten von uns. Wir sind nicht einfach Opfer irgendeines Mechanismus, dem wir schutzlos ausgeliefert sind, wir beteiligen uns. Deshalb kann man nicht einfach den sozialen Medien anlasten, dass das moralische Diskursklima verarmt und sich verschlechtert. Man kann umgekehrt gerade die Art und Weise, wie wir diese Medien nutzen, unter moralischen Gesichtspunkten selber reflektieren und fragen, ob nicht jede Einzelne von uns in der moralischen Pflicht ist, auch dort zu einem vernünftigen moralischen Diskurs beizutragen?
Sie haben darauf hingewiesen, dass der Moralismus-Vorwurf auch Macht-Aspekte hat. Inwiefern?
Es kann auf jeden Fall so sein, dass man diesen Vorwurf des Moralismus auch strategisch einsetzt, um seine Privilegien zu schützen, oder auch um den Status quo, also einen moralischen Missstand, zu bewahren. Der Moralismusvorwurf wird dann strategisch missbraucht und eingesetzt, um sich zu immunisieren gegenüber der eigentlich berechtigten moralischen Kritik.
Wie kann man das denn im Alltag sozusagen enttarnen?
Man kann natürlich in einem Gespräch durch Fragen nach der Begründung herausfinden, ob jemand einen moralischen Vorwurf wirklich artikuliert, weil er davon überzeugt ist, dass die Dinge so sind, oder ob er oder sie strategische Interessen verfolgt und zum Beispiel seine eigenen Privilegien schützen will. Nehmen Sie #MeToo oder Black Lives Matter: Wenn jemand die Forderungen dieser Bewegungen als moralistisch abtut, diesen Vorwurf dann aber auf Rückfrage nicht begründen kann und auch nicht erklären kann, warum der kritisierte Status quo denn so schützenswert ist, dann entlarvt sich die Motivation relativ schnell selbst.
Die Veröffentlichung Ihrer „Kritik des Moralismus“ ist jetzt schon ein paar Jahre her (2020). Wie schätzen Sie die Entwicklung seither ein?
Wir haben jetzt keine empirischen Studien gemacht zur Situation vorher oder nachher. Das wäre eine schöne Aufgabe für die empirischen Arbeiten in den Sozialwissenschaften. Was ich schon wahrnehme, ist, dass wir mehr darüber reden, wie wir eigentlich über Moral reden, und das ist erst einmal ein Fortschritt. Hat sich der Diskurs verändert, ist es moralistischer geworden oder nicht? Um die Frage zu beantworten, muss man erst einmal noch besser wissen, was ist eigentlich Moralismus.
… und dann vielleicht auch, wie wir richtig damit umgehen. Dazu fordern Sie eine „Haltung fortschrittsdienlicher moralischer Besonnenheit“. Was ist das?
Das ist ein Leitgedanke, den Christian Neuhäuser und ich in unserem kleinen Büchlein „Was ist Moralismus?“ ein wenig ausbuchstabiert haben. Der Leitfrage ist: Wie kann man so über Moral reden, dass die Welt, die Dinge, die zwischenmenschlichen Verhältnisse in moralischer Hinsicht besser werden? Das betrifft uns in zwei Rollen: einmal, wenn wir andere moralisch kritisieren, aber auch, wenn wir von anderen moralisch kritisiert werden. Bevor wir zum Beispiel anfangen, andere moralisch zu kritisieren, sollten wir uns auch immer selbstkritisch fragen, ob wir das eigene Urteil, das wir gerade fällen wollen, und die Art und Weise, wie wir das kommunizieren möchten, überzogen sein könnte, also ob wir nicht ein zu kleines Vergehen letztlich viel zu stark kritisieren und ob der Ton angemessen ist im Verhältnis zum „Vergehen“. Umgekehrt, wenn wir Empfänger von moralischer Kritik sind, sollten wir auch die moralische Position der anderen, also ihre Kritik, zunächst ernst nehmen und den anderen nicht dämonisieren. Ich kann Kritik als Ausgangspunkt nehmen, um meine eigene Position, meine Argumente und Gründe zu prüfen: Das kann gegebenenfalls meine eigene Position schärfen –
oder dazu führen, sie zu revidieren oder vielleicht auch komplett zurückzunehmen. Dem sollte man sich erst mal nicht verschließen. Und drittens: Wenn wir uns in etwas mit moralischer Kritik einmischen, sollten wir immer sensibel sein dafür, ob die Art und Weise, wie wir uns einlassen, und das, was wir dann sagen, die gewünschten Ziele überhaupt erreicht oder ob wir damit nicht vielleicht auch manchmal moralischen Schaden anrichten, also zum Beispiel andere verletzen oder bloßstellen. Und das kann dann manchmal auch bedeuten, dass auch im Bereich der Moral weniger manchmal mehr ist.
Damit formulieren Sie aber sehr hohe Ansprüche.
Ja, das ist richtig. Es ist ein Ideal. Es ist schwer, das zu realisieren, aber das heißt nicht, dass wir nicht versuchen sollten, dem so nahe wie möglich zu kommen.