Mobbing unter Kollegen oder durch Vorgesetzte ist weiter verbreitet, als viele denken, wie eine Studie der Universität Leipzig zeigt. Betroffene suchen sich jedoch oft erst Hilfe, wenn sich bereits psychische oder körperliche Krankheitssymptome zeigen.
Schon Peter Maffay schrieb 1983 für sein Projekt „Tabaluga“ den vielsagenden Titel „Arbeit ist das halbe Leben“, und tatsächlich verbringen wir einen Großteil unseres täglichen Lebens bei der Arbeit. Entsprechend wichtig ist es, dass wir uns als Arbeitnehmer in unserem Job wohlfühlen. Dabei spielt nicht nur die Arbeit selbst eine wichtige Rolle, sondern auch der Umgang mit den Kollegen. Der Arbeitsplatz ist für viele Menschen nicht selten weit mehr als schierer Broterwerb, er ist auch ein Ort für soziale Beziehungen. Insbesondere für Alleinstehende.
Überall dort, wo Menschen zusammenkommen, gibt es auch Konflikte. Das ist natürlich auch am Arbeitsplatz so, aber nicht jede Meinungsverschiedenheit oder jeder kleine Konflikt ist gleich Mobbing. Vergreift sich jemand mal im Ton, ist das zwar unangebracht, aber lässt sich mit einem klärenden Gespräch meist aus der Welt schaffen. Mobbing hingegen hat Methode. Erst wenn jemand über einen längeren Zeitraum systematisch schikaniert, diskriminiert oder gar angefeindet wird, wenn er oder sie bewusst ausgegrenzt oder gar isoliert, ständig beleidigt oder gedemütigt wird, wird aus dem singulären Ereignis stetiges Mobbing. Beim Zeitraum lässt sich Experten zufolge keine klare zeitliche Grenze ziehen, aber zeigt sich ein entsprechendes Verhalten über mehrere Wochen oder gar Monate, handelt es sich fraglos um Mobbing. Wobei sich am Arbeitsplatz ganz unterschiedliche Arten von Mobbing charakterisieren lassen. Am häufigsten findet Mobbing unter Beschäftigten selbst statt, sowohl auf der Arbeitsebene als auch auf der sozialen. Ist die Arbeitsebene betroffen, werden meist die Fähigkeiten des Betroffenen angezweifelt oder unsachliche Kritik an der Arbeitsweise geübt. Hat der Mobbende Zugriff auf die Arbeitsergebnisse des Betroffenen, kann es beispielsweise passieren, dass er diese manipuliert. Geht es um die soziale Ebene, so können dies permanente Anspielungen auf Aussehen, Gewicht oder Kleidung des Betroffenen sein, dass dieser wie Luft behandelt und angeschwiegen wird oder alle demonstrativ den Raum verlassen, wenn die Person ihn betritt. Die Ausprägungen sind vielfältig.
Geht das Mobbing vom Chef oder direkten Vorgesetzten aus, spricht man von „Bossing“. Dabei werden Mitarbeiter durch systematische Schikanen und Psychoterror gezielt eingeschüchtert und manipuliert. Beispielsweise, indem Untergebenen Aufgaben zugewiesen werden, die sie unmöglich in der vorgegebenen Zeit abarbeiten können, oder solche, die weit unter ihren eigentlichen Fähigkeiten liegen. Eine anderer Punkt ist ständige und ungerechtfertigte Kritik, also für Fehler verantwortlich gemacht zu werden, die man gar nicht gemacht hat. Manchmal werden Betroffene teilweise oder auch ganz von Projekten und Meetings ausgeschlossen, oder positive Leistungen werden vom Vorgesetzten schlicht ignoriert. Auch permanente Kontrolle und übertriebene Überwachung bis hin zu Kündigungsdrohungen sind in solchen Fällen keine Seltenheit.
Betroffene im Vergleich doppelt so lange krank
Umgekehrt kann aber auch ein Vorgesetzter Opfer von Mobbing werden. In diesem Fall spricht man von Mobbing von unten nach oben oder von „Staffing“, vom Englischen „staff“ für Mitarbeiter. Gemeint ist eine Situation, in der beispielsweise ein Mitarbeiter oder möglicherweise ganze Teams systematisch versuchen, ihre Führungskraft schlecht aussehen zulassen, um diese loszuwerden. Anzeichen dafür können etwa bewusste Arbeitsverweigerung oder die ständige Untergrabung der Autorität der Führungskraft sein. Beispielsweise, indem Gerüchte über die Person verbreitet werden, diese öffentlich bloßgestellt wird oder systematische und meist unbegründete Kritik an deren Entscheidungen geübt wird. Einer repräsentativen Studie der Universität Leipzig mit mehr als 5.000 Befragten vom Februar vergangenen Jahres zufolge, die auch Grundlage des „Mobbing-Reports“ des Bundesministeriums für Arbeit und Soziales ist, wurden bereits 6,5 Prozent der Beschäftigten schon einmal am Arbeitsplatz gemobbt – entweder von Kollegen oder Vorgesetzten. 6,5 von 100 – das klingt auf den ersten Blick überschaubar und nicht sonderlich viel. Rechnet man diese Zahl allerdings auf alle Erwerbstätigen in Deutschland um, bekommt diese vermeintlich kleine Zahl eine ganz andere Dimension. Denn bei aktuell knapp 46 Millionen Erwerbstätigen in Deutschland bedeutet dies im Umkehrschluss, dass fast drei Millionen Menschen bereits Mobbingerfahrung am Arbeitsplatz gemacht haben.
Und das hat nicht nur Folgen für die direkt Betroffenen, sondern für die gesamte Allgemeinheit. Bereits vor fünf Jahren verwies der Ausschuss für Arbeit und Soziales des deutschen Bundestages auf Schätzungen des Deutschen Gewerkschaftsbundes (DGB), nach denen sich der volkswirtschaftliche Schaden durch Mobbing auf bis zu 25 Milliarden Euro beläuft – pro Jahr. Allein die mit Vorfällen verbundenen Krankheitsfolgekosten für Unternehmen betragen laut einer Studie des Bündnisses gegen Cybermobbing jährlich rund 4,3 Milliarden Euro. Denn Mobbing macht auf Dauer krank, sowohl psychisch als auch physisch.
Die Leipziger Studie zeigt, dass die Anzahl der Krankheitstage innerhalb eines Kalenderjahres bei Mobbing-Betroffenen im Durchschnitt fast doppelt so hoch (22,6 Tage im Mittel) im Vergleich zu Nicht-Betroffenen (11,4 Tage) ist. Mobbing-Betroffene geben zudem signifikant häufiger an, an einer chronischen Erkrankung zu leiden. Häufig entwickeln Betroffene Angstzustände und Depressionen, leiden unter einem stark verminderten Selbstwertgefühl. Physisch äußert sich der permanente Druck und Stress oftmals durch Magenprobleme, Schlafstörungen oder auch erhöhten Blutdruck. All das gipfelt auf Dauer in einer deutlich verminderten Arbeitsleistung, einem höheren Krankenstand – und kann in extremen Fällen zur dauerhaften Arbeitsunfähigkeit oder zum Verlust des Arbeitsplatzes führen.
Nicht selten suchen die Betroffenen die Schuld bei sich selbst, denn für Betroffene ist es nicht einfach, den Teufelskreis Mobbing aus eigener Kraft zu durchbrechen. Kein Wunder, schließlich gehört es zum Wesen des Mobbings, dem Opfer kaum eine Chance der Gegenwehr zu lassen. Häufig werden Schikanen kleingeredet oder der blühenden Fantasie des Betroffenen zugeschrieben. Oft werden die Attacken auch schlicht geleugnet. Wer allein nicht weiterkommt, sollte sich zunächst im eigenen Betrieb nach möglichen Helfern umschauen, sich Kollegen anvertrauen und diese sensibilisieren. Ist der Chef selbst der Mobber, bleibt nur der Weg zur Geschäftsleitung – so diese nicht identisch sind. Wer diesen Weg nicht allein gehen will oder kann, findet Hilfe bei Beratungsstellen oder auch Selbsthilfegruppen. Sich in sein Schicksal zu ergeben, ist definitiv der falsche Weg.