Er lebte in unseren Höfen, unter unseren Dächern und von dem, was wir übrig ließen. Nun gehen die Zahlen der Haussperlinge in Berlin stark zurück. Was über den vertrauten Stadtvogel bekannt ist – und warum ausgerechnet sein Verschwinden die Fachleute vor ein Rätsel stellt.
Ein Spatz kommt selten allein. Wo einer „tschilp“ ruft, antwortet gewöhnlich ein zweiter aus der Hecke. Bald hüpft ein ganzer Trupp über den Boden und flüchtet bei der kleinsten Störung ins Gebüsch. Der Haussperling gehört zu den Geräuschen in einer Straße, zu den Dingen, die erst auffallen, wenn sie fehlen. In Berlin wird dieses Fehlen nun zu einem Befund.
38 Prozent weniger Spatzen
Die Berliner Ornithologische Arbeitsgemeinschaft schätzte den Bestand 2021 auf rund 190.000 Brutpaare. Nach ihrer jüngsten Erhebung sind es laut dem Ornithologen Jörg Böhner nur noch knapp 60.000. Das entspräche einem Rückgang um ungefähr 70 Prozent innerhalb von fünf Jahren. Auch bei der „Stunde der Gartenvögel“ des Naturschutzbundes (Nabu) wurden in der Hauptstadt im Mai 2026 deutlich weniger Haussperlinge gemeldet: 38 Prozent weniger als im Vorjahr, nachdem schon 2025 ein Minus von 28 Prozent verzeichnet worden war. Nur noch etwa in jedem zweiten teilnehmenden Berliner Garten tauchte die Art auf. 2024 war sie noch in drei von vier Gärten gesehen worden.
Beide Erhebungen weisen in dieselbe Richtung, ihre Zahlen sind aber nicht austauschbar. Die Ornithologen schätzen Brutpaare; bei der Nabu-Aktion zählen Freiwillige eine Stunde lang Vögel. Wetter und Ort beeinflussen solche Sichtungen. Aus dem Berliner Rückgang folgt auch kein bundesweiter Bestands-einbruch. Der Haussperling gehört weiterhin zu den häufigsten Brutvögeln Deutschlands und führte die Nabu-Zählung 2026 erneut an, obwohl neun Prozent weniger Tiere als im Vorjahr gemeldet wurden. Das systematische Brutvogelmonitoring des Dachverbands Deutscher Avifaunisten zeigte bis 2024 keinen vergleichbaren Einbruch.
Der Haussperling lebt seit Jahrtausenden an unserer Seite. Sein wissenschaftlicher Name, Passer domesticus, beschreibt ihn als Bewohner menschlicher Siedlungen. Er findet sich auf Höfen ebenso wie zwischen Mietshäusern. Wo Menschen Getreide anbauten, Tiere hielten und Häuser errichteten, boten sich ihm Futter und geschützte Winkel. Später brachten Menschen ihn auch nach Amerika und Australien. Heute ist die Art auf fast allen Kontinenten verbreitet. Weltweiter Erfolg schützt aber nicht vor Verlusten in einzelnen Städten.
Das Haussperlingsmännchen trägt einen grauen Scheitel und einen schwarzen Kehlfleck. Das Weibchen ist unauffälliger braun und beige gefärbt. Beide haben den kräftigen Schnabel eines Körnerfressers. Der verwandte Feldsperling trägt dagegen eine braune Kopfkappe und einen schwarzen Fleck auf der hellen Wange. „Spatz“ kann beide Arten meinen. Auch der Feldsperling wurde bei der Berliner Gartenvogelzählung 2026 deutlich seltener gesehen.
Der Haussperling bleibt meist das ganze Jahr in der Nähe seines Brutplatzes. Erwachsene Tiere bewegen sich oft nur einige Hundert Meter um ihren vertrauten Ort. Dort brauchen sie Nischen zum Brüten, Sträucher als Schutz, Samen und Insekten. Auch eine Stelle mit Sand oder trockener Erde hilft: Beim Staubbad pflegen Spatzen ihr Gefieder und werden Parasiten los. Der „Dreckspatz“ macht sich dabei sauber.
Haussperlinge brüten häufig in Gruppen, suchen zusammen nach Nahrung und schlafen in Gemeinschaft. Ihr Tschilpen hält den Kontakt; bei Gefahr flüchtet der Trupp in die nächste Deckung. Zwischen einem Nest unter dem Dach und einem schützenden Busch liegt mitunter nur ein Hof. Werden dort die Sträucher entfernt, bleibt die Fassade stehen, aber ein Teil des Lebensraums verschwindet.
Diese Treue zum Wohnort macht die Tiere gut beobachtbar, kann sie aber auch verwundbar machen. Ein Trupp wechselt nicht einfach in einen Stadtteil am anderen Ende Berlins, wenn es vor der Haustür ungemütlich wird. Eine Spatzenkolonie ist vielmehr auf ein kleines Netz von Orten angewiesen: Hier wird gebrütet, dort wird gefressen, wenige Meter weiter ist ein sicherer Schlafplatz. Wer nur das Nest betrachtet, übersieht dieses Zusammenspiel. Und wer Spatzen an einem Ort vermisst, sollte auch prüfen, ob die Nachbarkolonie noch vorhanden ist.
Körner, Samen und Beeren
Erwachsene Haussperlinge fressen vor allem Körner und Samen, daneben Knospen, Beeren und Abfälle. Für ihre Jungen sammeln die Eltern Insekten und Larven. Die Nestlinge brauchen diese eiweißreiche Kost zum Wachsen. Darum kann ein Ort für erwachsene Spatzen genügend Futter bieten und für eine erfolgreiche Brut dennoch ungeeignet sein. Essensreste ersetzen keine insektenreiche Wiese.
Die Nester liegen geschützt unter Dächern oder in Mauernischen; auch Nistkästen werden angenommen. Im Frühjahr beginnt die Brutzeit. Nach etwa zwei Wochen schlüpfen die Jungen, ungefähr zwei weitere Wochen später verlassen sie das Nest. Oft ziehen die Eltern zwei oder drei Bruten im Jahr auf. Das ist nötig, weil viele Jungvögel ihr erstes Jahr nicht überleben. Ein verschlossener Brutplatz oder fehlende Insekten gefährden den Nachwuchs. Ein Nistkasten hilft deshalb vor allem dort, wo zugleich Futter und Deckung erreichbar sind. Werden mehrere Brutplätze angeboten, entspricht das der geselligen Lebensweise der Art. Für die Jungen fliegen beide Eltern immer wieder zwischen Nest und Nahrung hin und her. Je weiter sie dafür durch die Stadt müssen, desto weniger Zeit und Energie bleibt für die Versorgung. Aus der Vogelperspektive ist eine begrünte Straße mit alten Gebäuden etwas anderes als eine einzelne grüne Insel zwischen versiegelten Höfen.
Für den langfristigen Rückgang in vielen europäischen Städten gibt es mehrere Gründe. An sanierten Häusern verschwinden Spalten und Nischen. Versiegelte Flächen lassen wenig Platz für Wildkräuter und Insekten. Häufig gemähter Rasen liefert weniger Samen und Deckung. Entscheidend ist, ob der Spatz alles zum Brüten und zur Aufzucht in kurzer Entfernung findet.
Wie eng seine Lebensweise mit unserer verknüpft ist, zeigte bereits der Abschied vom Pferd: Mit ihm verschwanden Getreidereste aus Ställen und von Straßen. Der Evolutionsbiologe Glenn-Peter Sætre beschreibt in seinem Buch „Der Spatz“, wie das Automobil den Vögeln so eine Futterquelle nahm. Was Menschen verändern, verändert auch ihren Lebensraum.
Kaum Nistmöglichkeiten
Gerade deshalb ist der abrupte Einbruch in Berlin schwer zu erklären. Die Stadt galt lange als besonders spatzenreich. Jörg Böhner verweist auf weiterhin vorhandene Nischen und wenig aufgeräumte Bereiche. Der Nabu Berlin berichtet von geeigneten Brutplätzen, die leer bleiben. Zwar können Nahrung und Nistmöglichkeiten mal fehlen, beides kann langfristig zu Verlusten beitragen. Das erklärt jedoch nicht das Tempo, in dem die Zahl der Spatzen in Berlin zurückgeht.
Böhner hält eine Krankheit für möglich. Im Gespräch ist Vogelmalaria: Einzellige Parasiten der Gattung Plasmodium werden durch Stechmücken übertragen. Wärme kann die Entwicklung von Mücken und Parasiten begünstigen. In London untersuchten Forschende mehrere Haussperlingskolonien und fanden Plasmodium relictum bei 74 Prozent der getesteten Vögel. Je stärker die Infektion, desto geringer war ihre Chance, den Winter zu überleben. Dieser Zusammenhang beweist nichts für Berlin. Dort müssten Vögel untersucht und die Befunde mit der Entwicklung ihrer Kolonien verglichen werden. Für Menschen ist Vogelmalaria ungefährlich.
Auch Rattengift wird verdächtigt. Körnerhaltige Köder könnten von Spatzen gefressen werden; die Wirkstoffe sind auch für andere Wirbeltiere giftig. Belege für einen Zusammenhang mit Berlin fehlen. Seit Juli 2026 werden Mittel für die vorbeugende Dauerbeköderung ohne festgestellten Befall nicht mehr zugelassen. Abverkaufs- und Aufbrauchfristen laufen noch, bei tatsächlichem Befall bleibt Gift erlaubt.
Freilaufende Katzen erbeuten Vögel. Wie viele Berliner Haussperlinge sie fangen und ob das den plötzlichen Einbruch erklären kann, ist unbekannt. Krankheit, Gift und Beutegreifer sind bislang Fragen für die Untersuchung. Warum binnen weniger Jahre so viele Brutpaare fehlen, bleibt offen. An Gebäuden können Brutnischen erhalten oder neue geschaffen werden. Dichte heimische Sträucher geben Deckung, samentragende Pflanzen und seltener gemähte Flächen fördern Nahrung. Offene Erde ermöglicht ein Staubbad. Solche Maßnahmen helfen einem Vogel, der in unmittelbarer Nachbarschaft lebt. Warum seine Zahlen in Berlin so schnell gefallen sind, muss die Forschung noch klären.