Hertha BSC gewinnt trotz schwacher erster Halbzeit gegen Braunschweig und baut seine Serien aus. Ein nüchterner Arbeitssieg reichte, um den fünften Sieg in Folge einzufahren – und erneut ohne Gegentor zu bleiben.
Oft tun sich Heimteams schwerer mit einem Stimmungsboykott der Fans – so verhielt es sich auch am Freitag vergangener Woche bei Hertha BSC im Olympiastadion. Selbst wenn der Anhang von Gegner Eintracht Braunschweig sich wie verabredet ebenfalls an die vereinbarte „Schweigepflicht“ hielt, nutzten die Gäste auf dem Platz das Unterstützungsvakuum, um erste Achtungszeichen zu setzen.
Die Berliner mochten sich vielleicht dazu nach vier gewonnenen Pflichtspielen ohne Gegentor besonders irritiert gefühlt haben, keinen Rückenwind aus der Ostkurve zu erfahren – doch auch nach der Aufnahme der Gesänge ab der zwölften Spielminute (symbolisch für den unverzichtbaren „zwölften Mann“ auf den Rängen) hatten sich die Verhältnisse auf dem grünen Rasen bereits verfestigt. Zwar hatte Stefan Leitl bereits vor dem Spiel darauf hingewiesen: „Uns muss bewusst sein, dass wir nicht aufs Feld gehen und alles niederspielen müssen.“ Doch seine Schützlinge hielten sich im ersten Durchgang ein wenig zu sehr an diesen Matchplan – denn gegen den Tabellensechzehnten blieb Hertha BSC zunächst blass und gestattete dem Gegner obendrein mehrere sehr gute Torchancen.
Herthas Trainer hatte dabei an der Seitenlinie seine Unzufriedenheit über den Auftritt zum Teil gestenreich ausgedrückt, konnte die erste Halbzeit anschließend aber angesichts des 1:0-Arbeitssieges wieder sachlicher einordnen: „Wir waren um Struktur bemüht, haben uns aber den einen oder anderen Fehler im eigenen Ballbesitz erlaubt.“ Immerhin war das Team zur Pause auch selbst mit sich ins Gericht gegangen, wie Paul Seguin verriet: „Nach der ersten Halbzeit waren wir nicht zufrieden, wir haben aber weiter dran geglaubt und unseren Plan verfolgt.“ Außer einer Einzelaktion von Fabian Reese passierte jedoch auch im zweiten Durchgang nach vorne zunächst wenig von Berliner Seite. Dann aber gleich Entscheidendes: Reese fand nach einer knappen Stunde mit einer Flanke punktgenau zwischen zwei Braunschweiger Verteidigern den Kopf von Marten Winkler, der zur Führung traf. Erst dieses Tor schien eine Initialzündung für Hertha BSC zu sein: So stand man trotz der Bemühungen des Gegners, den Ausgleich herzustellen, nun defensiv sehr stabil und sicher.
Die Umschaltsituationen wurden dagegen oft nicht gut ausgespielt, sodass man bis in die Nachspielzeit auch bangen musste. Zuvor hatte man dazu noch das nötige Spielglück, als Schiedsrichter Bacher einen von ihm verhängten Handelfmeter nach Ansicht der Videobilder korrekterweise wieder zurücknahm. So trat das Phänomen der „halben Hertha“ – die in den letzten Jahren oft nur 45 Minuten zufriedenstellend agierte und dadurch viele Male leer ausging – nach längerer Zeit mal wieder auf, blieb aber unbestraft. Wie das eben so ist, wenn man einen Lauf hat.
Hoher Schuldenstand
Stefan Leitl hatte das zuvor in Kaiserslautern erfolgreiche Team dabei auf zwei Positionen geändert: einmal notgedrungen, einmal freiwillig – aber jeweils nicht unerwartet. Denn einmal stand Kennet Eichhorn nicht zur Verfügung: Der 16-Jährige hatte sich auf dem Betzenberg seine fünfte Gelbe Karte eingehandelt und war somit für die folgende Partie gesperrt. An Stelle des „Supertalents“ rückte so der sehr erfahrene Diego Demme in die Startelf, auf der „Doppel-Sechs“ neben dem nicht minder routinierten Paul Seguin – diese Variante hatte Herthas Trainer aus Gründen der Belastungssteuerung bereits einmal während der jüngsten englischen Woche gewählt, sodass die Änderung keine größere Unbekannte darstellte.
Ebenso wie die zweite, denn Linus Gechter kehrte nach seiner Oberschenkelverletzung, die ihn in Kaiserslautern pausieren ließ, zurück auf die zuletzt bekleidete rechte Abwehrseite. Dafür musste Niklas Kolbe wieder auf die Reservebank weichen und Michal Karbownik wechselte von der Abwehrseite auf die linke Außenbahn. Mit dieser also geringfügig veränderten Startelf gelang letztlich der fünfte Pflichtspielsieg (viermal Liga, einmal DFB-Pokal) in Folge –
das gab es zuletzt im Herbst 2001 (damals sogar sechs: vier in der Bundesliga, zwei im Uefa-Pokal), der Rekord mit acht Siegen am Stück stammt dabei noch aus der Zweitligasaison 1980/81 und ist so nun wieder einen Erfolg näher gerückt.
Das gilt auch für die Vereinsbestmarke von sechs Zu-null-Erfolgen hintereinander aus der Aufstiegssaison 1989/90, die mit einem weiteren Dreier und weißer Weste am Samstag bei Holstein Kiel sogar eingestellt werden könnte. Gewichtiger ist aber vielleicht die für das große Ziel „Aufstieg“ bedeutsamere Serie von nun vier gewonnenen Punktspielen in Folge – mag der Wert für außenstehende Beobachter eigentlich nicht besonders erscheinen, zeigt der Blick zurück zumindest in der blau-weißen Historie anderes.
Denn zuletzt gelang dies in der Saison 2012/13 (da gleich zweimal) sowie 2010/11, beide Male ebenfalls in der 2. Liga – am Ende konnte dann jeweils die Rückkehr in die Bundesliga gefeiert werden. Allerdings stand man damals in beiden Fällen bereits auf einem Aufstiegsplatz – nach dem Sieg letzte Woche aber trotz toller Serie nur auf Platz sieben. Auch einer der Gründe, weshalb Kapitän Reese im Anschluss gestand: „Einer hat mich gerade gefragt, wo wir wären in der Tabelle – ich weiß es nicht“, so der Flügelspieler und fügte mit einem Grinsen an: „Da schaue ich nicht drauf, ist noch zu schlecht.“
Auch Geschäftsführer Dr. Peter Görlich will sich derzeit nicht mit dem bisherigen Hertha-Lauf aufhalten: „Ich schaue nur in die Zukunft: Fünf Siege in Serie sind schön, aber wir geben uns damit nicht zufrieden.“
Auf operativer Ebene hatten die Verantwortlichen im Übrigen bei der Jahresversammlung Mitte November weitere Sparmaßnahmen verkündet, die nun auch Vorteile für Mitglieder betreffen. Dabei geht es um Vergünstigungen beim Erwerb von Fan-Artikeln, Trikots oder Dauerkarten: „Wir können die Rabatte nicht länger gewähren“, erklärte Präsident Fabian Drescher dazu, „etwa ein Drittel der Mitgliedsbeiträge entfällt darauf.“
Das Echo auf diese Maßnahme fiel dabei überraschend moderat aus: Eher herrschte Einsicht vor, nachdem Finanzvorstand Ralf Huschen zuvor über die Anhäufung von fast einer halben Milliarde Euro Schulden in den letzten sechs Jahren berichtet hatte – die bis 2030 komplett abgebaut werden sollen.